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3. Platz:

Frauke Wiese

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Das Ei

Schreibdebüt-Wettbewerb 2017 Runde II

Das Urteil der Jury:

Frauke Wiese erzählt mit angenehmer Leichtigkeit von den Beziehungen in einer Familie. Durch die Perspektive des Kindes nimmt man das Geschehen unbefangen wahr, es wird nicht oder anders gewertet, als ein Erwachsener es werten würde. Für das Kind ist dieser Tag ein Glückstag – das wird im ersten Satz so festgeschrieben. Es muss nicht mit zum Friseur, es darf beim Eierfärben helfen. Die Oma und Tante Änne hingegen dürften diesen Tag anders erleben: Beim Friseur werden Omas Locken verbrannt und Tante Änne erstickt beinahe an einem Ei. Während die Oma in ihrer Empörung die Not anderer nicht wahrnimmt und die Tante ihre Gier zu verheimlichen versucht, konzentriert sich das Kind darauf, in aller Seelenruhe die Tante zu retten. Das hat eine feine Komik und etwas Entlarvendes, das aber an keiner Stelle ins Bösartige kippt. Alles in allem bleibt es ein Glückstag, und die Autorin zeichnet ihre Figuren mit Wohlwollen.


Das Ei

Heute ist mein Glückstag. Oma muss zum Friseur und ich kann hier bleiben. Nichts ist langweiliger, als zum Friseur mitgehen zu müssen. Das dauert Stunden und ist totsterbenslangweilig. Stattdessen färbe ich mit Tante Änne Eier. Für Ostern. Auf dem alten Gasherd stehen drei große Kochtöpfe. In jedem von ihnen kochen mindestens zehn Eier. Mein Blick wandert verstohlen zu den Eierfarben hinüber.
„Das reicht doch niemals, um alle Eier zu färben”, sage ich halblaut.
„Was denn Schätzeken?”, ruft Tante Änne mir zu.
„Na, die Farben. Für die Eier”, antworte ich.
„Brauchen sie auch nicht, aus der Hälfte mache ich Eiersalat.” Sie sieht mich aus den Augenwinkeln an und lächelt verschmitzt. Tante Änne liebt Eiersalat, so wie ich Chips. Sie könnte jeden Tag welchen essen.
„Soll ich die Farben schon mal anrühren?”
„Ach, warte damit, bis….” Tante Änne wird durch das Klingeln des Telefons unterbrochen.
„Ich geh`schon”, rufe ich und flitze in den dunklen Flur. Oma ist dran. Sie schluchzt in den Hörer. „Oma, was ist denn los?”, frage ich rasch.
„Hach, die Lockenwickler, die Haube war zu heiß, jetzt ist alles verheddert.”
„Kleinen Augenblick. Ich hole Tante Änne.” Ich lege den Hörer neben das Telefon und warte darauf, dass kleine, nach verbrannten Haaren riechende Rauchschwaden heraus kommen.
„Tante Änne? Oma ist am Telefon. Ihre Frisur ist hin. Die Trockenhaube war zu heiß und nun kleben die Lockenwickler fest”, rufe ich nebenbei.
„Oh Gott, oh Gott, oh Gott!” Tante Änne rennt, wie von der Tarantel gestochen, zum Telefon. In der einen Hand hält sie das frisch geschälte, noch leicht dampfende Ei, in der anderen die Eierschalen. Für den Bruchteil einer Sekunde blickt sie zwischen beiden Händen hin und her, als ob sie sich nicht entscheiden kann, welches von beiden sie weglegen soll.
Mir ist nicht klar, warum, aber sie wählt das Ei. Blitzschnell hat sie es sich komplett in den Mund gesteckt und nimmt mit einem vollen Lächeln den Telefonhörer in die Hand. Statt etwas zu sagen, kommt nur ein „Aloh?” heraus. Wieso kaut sie nicht einfach?, frage ich mich still.
„Was? Bist du das Änne? Ich kann kein Wort verstehen. Bei mir geht es um Leben und Tod und du treibst wieder irgendwelche Scherze!” Oma ist stinksauer. Das kann sogar ich hören.
Tante Änne wird nervös. Sie versucht zu antworten, aber das Ei versperrt ihrer Stimme den Weg. Wieder kommt nur ein unverständliches „Hmauja” aus ihrem Mund.
„Hast du etwa was gegessen?”, dröhnt es von der anderen Seite. Das ist das Stichwort des Verderbens. Anstatt das Ei auszuspucken, verschlingt sie es vor lauter Aufregung in einem Haps. Ich staune. Dass auch normale Leute so etwas können. Bislang dachte ich, dass bedürfte jahrelanger Übung und sei nur Teilnehmern von Wettbewerben wie “Das große Fressen” möglich. Und jetzt hat Tante Änne das Ei einfach so geschluckt. Oma berichtet derweil unbeirrt von ihrem Missgeschick beim Friseur, während Tante Änne den Hörer schon leblos herunterhängen lässt und vor lauter Panik langsam rot anläuft.
„Hjnmm”, röchelt sie. Erst leise, fast still, dann wird es deutlicher und verzweifelter. „Hjnmm”, japst Tante Änne und versucht zu husten.
„Was treibst du denn, um Himmels willen. Kannst du mir nicht einmal zuhören? Das ist einfach unglaublich”, schimpft Oma. Tante Änne versucht stark zu bleiben und atmet tief ein. In diesem Moment weiß ich genau, was zu tun ist. Ich nehme ihr den Telefonhörer aus der Hand und teile Oma mit: „Tante Änne kann jetzt nicht. Sie hat ein Ei verschluckt. Es steckt fest. Muss ihr jetzt helfen!” Dann lege ich den Hörer beiseite. Tante Änne sackt in sich zusammen, wie ein schlaffer Luftballon. Die linke Hand auf den Brustkorb gepresst, ringt sie nach Luft. Zum Glück steht neben dem Telefon ein Stuhl, so kann sie sich wenigstens anlehnen. Tante Änne sitzt reglos da, die Hände auf ihrem Schoß gefaltet, die Augen geschlossen. Ihre Lungen schnappen deutlich nach Sauerstoff. Ich beuge mich über sie und streichle ihre Hände.
„Alles wird gut! Vertraue mir Tante Änne, ich habe das neulich erst mit Opa im Fernsehen gesehen”.
Ich knie mich neben sie, befreie ihren Hals von dem bunten Seidenschal, den sie trägt und beginne mit ihrer Rettung. Das Ei sitzt unterhalb des Kehlkopfes fest. Um mir selbst Mut zuzusprechen, erzähle ich über den Wettbewerb im Eieressen, den ich mit Opa heimlich im Fernsehen geguckt habe. Da mussten sie auch einem Teilnehmer ein Ei vom Hals in den Magen massieren. Kalter Schweiß steht mir vor Anspannung auf der Stirn. Sachte und mit Bedacht streiche ich mit meiner kleinen Hand von oben nach unten. Immer wieder, bis nach einigen bangen Minuten endlich Bewegung in das Ei kommt. Stück für Stück rutscht es nach unten, bis es ganz weg ist. Sofort saugt Tante Änne die Luft so tief und schnell ein, wie ein Staubsauger die Krümel. Dabei hält sie meine Hand ganz fest.

Jetzt ist alles gut, bis auf die Frisur meiner Oma.

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