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Frau Herr
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4. Platz:

Frauke Kurzawski

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Feierabend

Schreibdebüt-Wettbewerb 2017 Runde II

Das Urteil der Jury:

In dieser Geschichte wird eine kleinbürgerliche Idealfamilie dem Beziehungs-Tohuwabohu ein Stockwerk weiter oben gegenübergestellt. Aus der Sicht eines streng patriarchalen Familienoberhaupts erleben wir die Leidenschaft eines Paars, das sich streitet, (vielleicht) fremdgeht, sich wieder versöhnt. Oben ist Chaos, unten ist Ordnung. Natürlich ist uns der Patriarch gleich nicht sympathisch. Frauke Kurzawski präsentiert ihn als ewig Gestrigen, der Frau und Kind unterdrückt. Der Twist ins Komische am Ende des Textes braucht einen Perspektivwechsel. Erst aus Sicht der Nachbarn erkennen wir: Das Verhalten des Familienvaters ist nicht einfach altmodisch, es ist pathologisch; seine Frau und sein Kind sind lediglich Schaufensterpuppen. Oben ist Leben, unten ist Leblosigkeit. So lässt die Autorin den Leser fühlen: Leblos wäre dieses Leben auch dann, wenn Frau und Kind Menschen wären.


Feierabend

„Du Miststück! Du hast dich schon wieder hinter meinem Rücken mit Holger getroffen!“, dröhnte es durchs Haus. Herbert seufzte und warf einen missbilligenden Blick an die Zimmerdecke. Schlimm, mit was für einem Pack man sich das Haus teilen musste. Er legte sein Besteck zur Seite, nahm sein Wasserglas und betrachtete Doris, die ihm gegenübersaß. Nach einem anstrengenden Tag in der Firma schätzte Herbert seine Feierabend-Ruhe, und das wurde von Doris und Wolfgang absolut respektiert. Sie schrien niemals – und sie stritten auch nicht. Es gab auch gar keinen Grund dafür: Er war der Herr im Haus und seine Meinung war Gesetz.
Jetzt keifte oben eine weibliche Stimme: „Kapier‘s endlich, Holger und ich sind einfach nur Freunde! Ich habe dir nichts von dem Treffen erzählt, weil ich genau wusste, wie eifersüchtig du werden würdest!“ Herbert hatte da seine Zweifel, das Paar, das in der Wohnung über ihm hauste, schien es mit der Treue nicht so genau zu nehmen. In letzter Zeit hatte er öfter Kartons auf dem Treppenabsatz gesehen. Konnte er auf einen Umzug hoffen? Selbst wenn die beiden wirklich auszögen, hinterließen sie wahrscheinlich eine vollkommen vermüllte und verdreckte Wohnung. Herbert schüttelte sich bei dem Gedanken und sah sich in seinem eigenen, makellos sauberen Esszimmer um. Sein Blick fiel wieder auf Doris, die perfekt geschminkt und mit adrett onduliertem Haar vor ihm saß. Ihre kleine, gekräuselte Schürze war auch nach dem Kochen noch blütenweiß. Sie war die ideale Hausfrau. Gut, als sie sich kennen gelernt hatten, hatte sie überhaupt nicht kochen können, das war ein echter Makel gewesen. Aber seit er ihr diese neumodische Küchenmaschine finanziert hatte, die auf Knopfdruck fast alles zubereiten konnte, war seine warme Mahlzeit am Abend gesichert.
Über ihm nahm die weibliche Stimme einen sanfteren Tonfall an und er konnte nicht mehr jedes Wort verstehen. „Jürgen, du weißt doch genau, … nur dich liebe. Wie könnte ich … betrügen? Du … mein kleines Schnuckiputzi ... Lass mich dir zeigen …“ Die Schritte über ihm hallten verräterisch in Richtung Schlafzimmer. Doris blickte ihn mit ihrem stillen Lächeln an. Sie würde ihm nie untreu werden, das wusste er genau. Sein kleines Weibchen lebte nur für ihn allein. Oben quietschten nun laut und vernehmlich die Bettfedern. Uschi schrie: „Ja, gib’s mir! So kannst nur du’s mir besorgen!“ Herbert zuckte zusammen. Vielleicht sollten sie auch mal wieder? Doris war etwas steif im Bett, ergriff nie die Initiative. Aber er wusste, dass ihr gefiel, was er tat, dass er es ihr auch besorgen konnte. Schließlich schenkte sie ihm stets ihr Mona-Lisa-Lächeln, das er so anziehend fand.
Jetzt musste er aber erst einmal den Jungen von den verstörenden Geräuschen ablenken. „Und, Wolfgang“, wandte er sich nach rechts, „wie war es heute in der Schule?“ Der Junge antwortete nicht, er blickte ihn nur schüchtern mit großen Augen an. Das verärgerte Herbert. Es stimmte, er hatte Geschwätz bei Tisch verboten, aber wenn er selbst das Wort an den Jungen richtete, hatte der gefälligst zu antworten! Herbert griff sich an die Gürtelschnalle. War eine körperliche Züchtigung angebracht? Doch dann stieß er nur scharf die angehaltene Luft heraus und lockerte den Gürtel. Seine Laune war trotz allem viel zu gut. Die Königsberger Klopse waren vorzüglich gewesen und er hatte ja auch noch eine gute Nachricht, die er besonders feierlich überbringen wollte. Herbert stand auf, um sich ein Glas Sherry und seine Zigarillos zu holen. Eigentlich war das Doris‘ Aufgabe, aber sie hatte es mit dem Fuß und war glücklich über jeden Weg, den er ihr abnahm. Dankbar lächelte sie ihn an. Bevor er sich setzte, strich Herbert Wolfgang liebevoll eine kleine Strähne aus der Stirn. Vorwitzig hatte sie sich aus der ansonsten akkurat gelegten Pomadenfrisur gelöst. Wolfgang war ein guter Junge. Vielleicht etwas still, aber ein feiner Kerl. Herbert lehnte sich in seinem Stuhl zurück, zog an seinem Zigarillo und schwenkte den Sherry. Sein Chef hatte ihm heute mitgeteilt, dass er hochzufrieden mit seiner Arbeit wäre. Einer Gehaltserhöhung stünde nun nichts mehr im Wege. Er konnte sein Glück kaum fassen. Der Traum vom Häuschen im Grünen, vielleicht sogar mit Selbstversorger-Garten, war in greifbare Nähe gerückt. Herbert sann nach den richtigen Worten. In diesem Moment ging leise die Haustür und zwei dunkle Gestalten verließen das Gebäude.

Jürgen drückte Uschi sanft an die Hauswand und wollte sie küssen, aber Uschi wand den Kopf zur Seite und blickte direkt ins hell erleuchtete Wohnzimmer von Herbert Linneweber. „Nicht hier, der Linneweber spielt wieder mit seinen Schaufensterpuppen!“ Sie packte Jürgens Hand und zog ihn weg vom Fenster. „Als er nur diese Frau hatte, fand ich ihn seltsam, aber jetzt ist da auch noch dieser Junge, das ist doch total pervers!“ Jürgen schloss zu Uschi auf. „Du hast ja Recht, der ist echt nicht normal. Ich bin nur froh, dass wir nächsten Monat umziehen. Wer weiß, zu was solche Typen fähig sind?“

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