Suche
X

Infos anfordern

Kostenlos und unverbindlich!
Frau Herr
Bitte füllen Sie alle Pflichtfelder aus.

5. Platz:

Maria Tekin

-

Der Holzlöffel

Schreibdebüt-Wettbewerb 2017 Runde II

Das Urteil der Jury:

Perspektivfigur dieser Geschichte ist ein Mädchen, das von der Mutter nicht selten so geschlagen wird, dass der Holzlöffel zerbricht. Das Kind stellt die Taten der Mutter nicht bewusst in Frage, es leidet nur darunter. Wie nur Kinder es können, konzentriert das Mädchen sich jedoch nicht auf den Schmerz, sondern auf das Schöne: die seidige Oberfläche und die Maserung des zerbrochenen Löffels. Es bastelt ein Bettchen für ein Puppenstubenkind daraus und schenkt es der Mutter zu Weihnachten. Maria Tekin bringt hier ganz beiläufig etwas Subversives in den Text. Die Geste der Tochter ist ebenso Liebesbeweis wie der sehnliche Wunsch nach der Liebe der Mutter, ebenso Rache wie Lehre. So erschafft die Autorin auf engstem Raum eine symbolisch aufgeladene Geschichte. Das Kind gibt der Mutter den Löffel zurück, und jetzt ist er das, was er eigentlich sein sollte – ein Zeichen für Liebe und Fürsorge.


Der Holzlöffel

Das Mädchen kauerte auf dem Boden neben ihrem Bett. Sie hatte ihre Beine angezogen, den Kopf tief auf die Knie gesenkt, und weinte leise.

Was genau hatte die Mutter wieder so wütend gemacht?
Eben hatte sie es noch gewusst. Doch nun konnte sie sich nicht mehr erinnern.
Es hatte wehgetan. Bestimmt hatte es ihr wehgetan, als der Holzlöffel immer wieder auf ihren Körper einschlug, bis er in zwei Teile zerbrach. Doch auch an den Schmerz, erinnerte sie sich nicht mehr.

Als das Mädchen traurig aufsah und ihren Blick durch das Zimmer gleiten ließ, sah sie den abgebrochenen Löffel in der Mitte ihres Zimmers liegen. Sie stand auf und nahm ihn in ihre kleinen Hände.
So ein schöner Löffel, dachte sie.
Dunkelbraun, aus Holz geschnitzt mit einer feinen Maserung, hatte er fast die Größe ihrer Hand.
Und wie glatt er war. Sanft strich sie immer wieder über das Holz.
Es war nicht der erste Löffel, den sie zu spüren bekommen hatte, und auch nicht der erste, der dabei zerbrochen war. Aber es war mit Abstand der Schönste.
Vom Stiel waren ungefähr zwei Zentimeter übriggeblieben.
Das Mädchen schaute sich suchend um, ob auch der Stiel im Zimmer lag, doch den musste die Mutter wohl in der Hand behalten haben. So ein schöner Löffel. Vorsichtig legte das Mädchen ihn in ihre geheime Schachtel, in die nur ihre wertvollen Dinge hinein kamen.

Wie lange genau der Löffel in ihrem Schatzkästchen gelegen hat, ist nicht zu sagen, denn es gab so viele Tage, an denen die Mutter so wütend war, dass sie sich kaum voneinander unterscheiden ließen.
Doch es konnte nicht länger als ein Jahr gewesen sein, ehe das kleine Mädchen den Löffel wieder hervorholte.
Weihnachten nahte und da brauchte es schöne Dinge.
So ein schöner Löffel.
Wieder und wieder streichelte sie über das glatte Holz, und rieb ihre kleine Wange daran.
Sie nahm eine Perle und ließ sie im Löffel kleine Bahnen ziehen.
Da hatte sie eine Idee.
Aufgeregt kramte sie aus ihren Schubladen ein Stückchen Stoff, Nadel und Faden, und nähte aus dem Fetzen ein kleines Kissen das sie mit etwas Watte befüllte. Nähte eifrig aus einem weiteren Stückchen Stoff noch eine passende Decke dazu.
So wurde aus dem Löffel ein kleines Bettchen.
Ein Baby aus der Puppenstube hatte genau die richtige Größe und wurde sanft aufs Kissen gebettet.
Stolz betrachtete sie ihr Werk.
Fast konnte man nicht mehr erkennen, dass es sich um einen abgebrochenen Holzlöffel handelte.
Eingepackt in wunderschönem Geschenkpapier mit roter Schleife, lag es unterm Weihnachtsbaum.
Darauf in kindlich großer Schrift!
Für Mama

-

Diese Website verwendet Cookies, um Inhalte und Anzeigen für Sie zu personalisieren.

Sie können sich hier infomieren und der Verwendung widersprechen. Mit der Nutzung der Website, Klick auf einen Link oder auf "OK" stimmen Sie der Verwendung zu.

OK