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1. Platz:

Franka G. Emmerich

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Fallout

Schreibdebüt-Wettbewerb 2018 Runde I

Das Urteil der Jury:

Zu Beginn dieser Geschichte glaubt man, sich in einer etwas verrückten Postapokalypse zu befinden, in einer Zeit nach einem mysteriösen Fallout. Bald wird jedoch deutlich, dieser Untergang ist ganz und gar individuell; er gehört zu Eisenhart, einem alten Mann im Rollstuhl, der von seiner Familie ausgeführt wird.
Der Autorin gelingt es, dem Leser Eisenharts Sicht auf die Welt zu zeigen und im Subtext zugleich die Alltäglichkeit der Vorgänge aufscheinen zu lassen: Waldspaziergang, Kuchen essen, Tierfilme schauen. Eisenhart ist sich seines Verfalls bewusst, doch er glaubt, das alles ist Ergebnis einer Verschwörung. Begreift Eisenhart am Ende, dass er stirbt? Das bleibt offen. Immerhin ist er letztlich glücklich. Fallout ist erzähltechnisch anspruchsvoll, und Franka G. Emmerichs Geschichte besticht durch vergnüglichen Alterszynismus ebenso wie durch emotionale Intensität.


Fallout

Es geht darum Spaß zu haben, hatte Frizzi gesagt und das hatte sie ernst gemeint. Eisenhart hielt nichts davon. Spaß gehörte in die Zeit vor dem Fallout.
Es war 5 Uhr 52 und sie saßen unter einem Hochsitz am Waldrand. Die verschlafene Sonne kam blass unter ihrer ausgefranzten Nebeldecke hervor.
„Diese Welt ist tot, Frau Kieselfärber.“ Den Namen hatte sich Frizzi an dem Tag verdient, an dem sie vorschlug, Kieselsteine zu bemalen, die sie am Flussufer gesammelt hatte. „Sie hat schon lange aufgehört zu mir zu sprechen. Sie atmet nicht. Wir wickeln das hier nur noch ab.“ „Und wer sagt, dass das keinen Spaß machen darf, Herr Eisenhart?“
Eisenhart konnte die Atemsäulen der Rehe sehen. Peng! Es brauchte nur einen Schuss. Peng, Peng, Peng. Vielleicht könnte er sie alle erwischen. Er betrachtete seine Hände, die in dicken Fäustlingen steckten. Sie lagen ganz ruhig, aber er wusste ja, dass sie ihn schon vor langer Zeit im Stich gelassen hatten und zitterten, sobald er versuchte irgendetwas zu greifen.
Vielleicht sollte er die Kieselfärber aus Rache bitten, auf den Hochsitz zu klettern, um von dort die Aussicht zu genießen. Vielleicht würde es ihm eine gewisse Genugtuung verschaffen, wie sie mit ihren kurzen Beinchen und massigem Körper die Leiter hochächzte, nur um oben vor dem fast unlösbaren Problem zu stehen, wie sie durch die Öffnung steigen sollte. Aber es war ihr zuzutrauen, dass sie das lustig fand. Und es war ihr zuzutrauen, dass sie es gar gut gemeint hatte, als sie mit ihm hierher gefahren war – zu nachtschlafenden Zeiten raus zum Wald, mit dem Rollstuhl durch den matschigen Waldboden. Vielleicht glaubte sie, es sei eine schöne Idee, alte Menschen mit Dingen zu konfrontieren, die sie einmal gern getan hatten.
Gern würde er jetzt sterben, aber wann wollte er das nicht? Woran seine Frau gestorben war, wusste man nicht. Die Ärzte, die Halbgötter in Weiß, meinten natürlich es zu wissen, sie hatten es Eisenhart erklärt. Aber es stimmte nicht. Eisenhart fand es nach und nach heraus. Es war alles eine große Lüge, eine weltweite Vertuschung, die Bevölkerung sollte offensichtlich nichts davon erfahren. Es musste einen Fallout gegeben haben, das war Eisenhart mittlerweile klar. Seine Frau war daran gestorben, und das Leben an sich war verseucht. Das Essen war vergiftet, die Luft bleiern, Eisenharts Glieder schwer, die Tage verschwammen in einander. Seine Freunde, seine Familie verschwanden einer nach dem anderen – auch sie Opfer des Fallouts. Niemand sprach darüber, aber es war offenkundig, dass die Welt starb.
Eisenhart betrachtete Frau Kieselfärber, Frizzi ihren Vater. Es war schwer zu sagen, was in dem alten Mann vor sich ging. Ob er sich an die gemeinsamen Ausflüge zum Hochsitz erinnerte?
Eisenhart musste eingeschlafen sein. Als er aufwachte, begrüßte ihn ein Junge mit großer Brille: „Hallo Opa.“ Opa! Das war wohl so eine Mode, ältere Herren als Opa zu betiteln. So wie er damals zu den Freundinnen seiner Mutter Tante gesagt hatte. Der Junge lächelte ihn an. Er schien schüchtern zu sein und nachdenklich, ein bisschen zu dick vielleicht, aber wie sollte das anders sein bei der Mutter. Eisenhart entschloss sich, ihn nicht zu korrigieren.
Es gab Kaffee und reichlich Torte mit Marzipanröschen. Es schmeckte überraschend gut, wenn auch nach dem Fallout nichts mehr so richtig – aber er wollte heute einmal nicht daran denken. Die Kieselfärber hatte sich doch recht viel Mühe gemacht und ihn sogar zu sich nach Hause mitgenommen.
„Ich zeige Opa einen meiner Tierfilme“, sagte der Junge, als sie fertig gegessen hatten und schob ihn in das Wohnzimmer. Bevor Eisenhart sich richtig umsehen konnte, lief der Film bereits an. Es ging um bedrohte Tierarten des Regenwalds. Ein riesiger Greifvogel segelte durch die Lüfte und stürzte sich auf ein Opossum.
„Eine Harpyie.“ Der Kleine war ein Klugscheißer wie er selbst in dem Alter. „Das ist einer der größten Greifvögel überhaupt. Bis zu 115 Zentimetern groß, Flügelspanne von zwei Meter fünfzig, bis zu zehn Kilo schwer.“
Dem Jungen würde er es zeigen: „Kennst du dich mit griechischen Sagen aus?“, fragte er freundlich. „Nein? Da sind Harpyien Dämonen, bösartige Mischwesen mit dem Körper eines Vogels und dem Kopf einer Frau. Mit ihren scharfen Krallen quälen sie Menschen bis…“
Der Junge bekam große Augen. Frizzi setze sich mit dem Geschirrhandtuch über der Schulter zu ihnen, und Eisenhart sprach nicht weiter.
Irgendwann musste er eingeschlafen sein. Er wachte in seinem Bett auf. Vielleicht waren auch schon ein paar Tage vergangen. Er nahm den weißen Kieselstein vom Nachtisch in die Hand, als die Flügel der Harpyie die Wände seines Zimmers berührten. Zwei Meter fünfzig Spannweite. Der Vogel ließ sich auf Eisenharts Brust nieder. Bis zu zehn Kilo schwer. Dies war ein Prachtexemplar. Eisenhart erkannte seine Frau sofort. Das hatte der Fallout also aus ihr gemacht. Er lächelte sie an. Es würde sicherlich eine Umstellung bedeuten, so mit ihr zu leben, aber er war froh, dass sie zu ihm zurückgekehrt war.

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