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3. Platz:

Theresa Nickl

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Unterwegs

Schreibdebüt-Wettbewerb 2018 Runde I

Das Urteil der Jury:

Theresa Nickl beschreibt in dieser Geschichte den Beginn einer amour fou, einer wilden, verrückten Liebesgeschichte. Interessant ist dabei die Ambivalenz der Figuren. Mia vergewissert sich, dass Paul, der Ich-Erzähler, kein Psychopath ist oder übergriffig wird, bevor sie mit ihm zum Bahnhof und dann auch in seine Heimatstadt fährt. Paul hingegen gabelt mit Mia eine junge Frau auf, die vermutlich heimatlos durch die Welt treibt und bestimmt schon Einiges erlebt hat. Man kann nicht ganz sicher sein, ob sie einfach Anschluss sucht, ob dies der Beginn einer großen Liebe ist – oder ob sie vielleicht die femme fatale ist, die Paul ins Unglück stürzt. Gerade diese Offenheit sowie die temporeichen, auf den Punkt geschriebenen Dialoge geben dieser Geschichte ihren Reiz. Die Zeilen knistern vor Spannung – sowohl zwischen Mia und Paul als auch im Hinblick auf die Frage: Ist einer von beiden ein Psychopath und gefährlich?


Unterwegs

„Verfluchtes Mistding!“ Ich recke mein Smartphone in alle Richtungen, während ich durch den Schnee stapfe. Erst dieses grausige Wetter und jetzt lande ich mitten auf einem Feldweg. Keine Häuser, keine Schilder, nichts. „Verdammt!“ Ich hole zu einem kräftigen Tritt aus, den ich im nächsten Moment bereue. „Scheiße … Rosi.“ Meine Hand gleitet über die Motorhaube meines Golfs. „Ich hab’s nicht so gemeint.“

„Brauchen Sie Hilfe?“

Ich zucke zusammen und als ich aufblicke, beäugt mich die junge Frau mit hochgezogenen Augenbrauen.

„Ich schätze, mein Navi ist tot“, seufze ich.

Sie steckt die Hände in die Manteltaschen. „Wo wollen Sie denn hin?“

„Zum Bahnhof.“

Ihre Augen leuchten auf, als hätte ich „Disneyland“ gesagt.

Vielleicht liegt es an dem miesen Start in den Tag, aber ich glaube, noch nie so schöne Augen gesehen zu haben. Schneeflocken umrahmen den Anblick, und nur ganz am Rande höre ich etwas von „gerade aus und wieder rechts“ – oder war es links?

„Haben Sie das verstanden?“ Sie runzelt die Stirn.

Der Wind bläst ihr langes Haar nach hinten und ich entdecke die Reisetasche um ihre Schulter. In dieser Sekunde setzt sich in meinem Kopf die absurde Idee fest: „Wie wäre es, wenn ich Sie zum Bahnhof mitnehme? Dann können Sie mir das unterwegs nochmal erklären.“

Sie legt den Kopf schief und verengt die Augen. „Sind Sie ein Psychopath?“

Ich muss lachen. Ernsthaft?

Als sie zögert, ziehe ich mein Portemonnaie aus der Hosentasche und hole sämtliche Papiere heraus. „Hier, ich heiße Paul. Das ist mein Studentenausweis, mein Führerschein und ich sammle Treuepunkte.“

Sie wirkt noch nicht ganz überzeugt.

„Sie dürfen auch die Musik aussuchen.“ Ich verschränke die Arme über der geöffneten Fahrertür. „Und, was meinen Sie?“

Sie sieht mir fest in die Augen. „Also gut, aber glauben Sie nicht, dass ich‘s nicht mit Ihnen aufnehmen könnte.“

„So viel Vertrauen?“ Ich muss grinsen, reiße mich aber sofort wieder zusammen. „Wie heißen Sie eigentlich?“

„Mia“, antwortet sie und steigt ins Auto.

Nachdem ich Mia überzeugt habe, dass ihre Tasche im Kofferraum besser aufgehoben ist, setze ich mich hinters Steuer. „Was ist?“

„Sie haben Handschuhe im Handschuhfach?“ Ihr Lachen stößt kleine Wölkchen in die Luft.

„Wieso ist das so lu…- Sie haben in meinen Sachen gewühlt?“

Mia zuckt mit den Schultern. „Denken Sie, ich traue einfach einem Fremden?“

Das Mädchen gefällt mir.

Als die ersten Fahrtminuten verstreichen, weiß ich bereits zwei Dinge: Mia behält gerne die Kontrolle und sie steht total auf die Beatles.

„Wohnen Sie in der Nähe?“ Ich spähe zur Beifahrerseite.

Mia senkt den Blick und noch bevor sich ihre Lippen bewegen, platzt es aus mir heraus: „Wollen wir uns nicht endlich duzen, jetzt, da wir quasi unsere erste Verabredung haben?“

Sie lacht auf. „Sie haben – pardon – du hast einen interessanten Realitätssinn.“

„Man hat mir schon Schlimmeres vorgeworfen. Manche halten mich sogar für einen Psychopathen.“ Ich mache eine empörte Geste.

Sie verdreht die Augen. „Wir waren allein, in der Pampa. Und kein normaler Mensch nennt sein Auto Rosi.“

Als ich darauf antworten will, verkündet der Radiosprecher die aktuelle Verkehrslage: „… kam es durch den erneuten Wintereinbruch bereits vermehrt zu Staus und Unfällen.

„Tja, dann werden wir wohl noch eine Weile brauchen“, stelle ich fest. Und ich meine, aus dem Augenwinkel ein Lächeln zu sehen. „Hast du eine lange Fahrt vor dir?“

„Mal sehen.“ Mia knetet die Hände im Schoß. „Bei dem Wetter wird sich wohl der ein oder andere Zug verspäten.“ Ihre Augen wandern zu mir. „Wo fährst du hin?“

„Ich besuche zu Hause ein paar Freunde.“ Ich werfe einen Blick zu Mia, die plötzlich ganz abwesend wirkt. „Fährst du auch na…-?

„Sag mal, warum wolltest du mich unbedingt mitnehmen?“ Sie richtet sich auf und sieht mich direkt an.

Ich runzle die Stirn, verwirrt über den Themenwechsel. „Glaub mir, das war Schicksal.“ Ich zwinkere ihr zu und als sich unsere Blicke treffen, wünsche ich mir, nochmal dieses Leuchten zu sehen.

„Augen auf die Straße!“, mahnt sie. Aber ich weiß, dass sie lächelt.

Nach einem Stau und zwei Beatles-Songs kommen wir am Bahnhof an. Gehetzte Leute schieben sich an uns vorbei und Gesprächsfetzen dringen aus allen Ecken zu mir. Allmählich wird mir die Stille bewusst, die sich zwischen uns ausgebreitet hat.

Mia sieht zu mir auf. „Also, ich bin dann … unterwegs.“

Ich schließe sie in eine kurze Umarmung. „Komm gut nach Hause!“ Doch als ich es ausspreche, wird mir klar, dass sie nie ein Ziel oder ein Zuhause erwähnt hat.

Diese Fragen hat sie nicht beantwortet. Konnte sie es nicht?

„Mach’s gut“, höre ich sie noch sagen, ehe sie losläuft.

Und dann verstehe ich es. „Mia!“

Sie dreht sich um, und zum ersten Mal sehe ich in dieser toughen Person ein verlorenes Mädchen - unterwegs, aber ohne je am Ziel anzukommen.

„Ich denke, ich kann das nicht mit unserem Schicksal vereinbaren.“ Ich sehe in ihr verwirrtes Gesicht. „Also, würdest du gern meine Freunde kennenlernen?“

„Ich wusste, du bist ein Psychopath.“

Aber ich schwöre, ihre Augen leuchten.

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