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4. Platz:

Birgit Schöder

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Der Duft von Orangen

Schreibdebüt-Wettbewerb 2018 Runde I

Das Urteil der Jury:

Birgit Schöder erzählt mit angenehmer Leichtigkeit von der Begegnung mit einer faszinierenden Frau. Die Geschichte ist aus der Ich-Perspektive geschrieben. Wir erfahren: Letzte Nacht hat die Hauptfigur – vielleicht – eine tolle Frau aufgegabelt, sie kann sich aber nicht mehr erinnern, was im Detail passiert ist. Ist es zum Sex gekommen? Hat sie irgendwo die Telefonnummer dieser Traumfrau? Oder war das alles nur Fantasie? Während des Lesens ist man sich zunächst nicht bewusst, dass man an keiner Stelle erfährt, wer die Hauptfigur eigentlich ist. Die meisten Leserinnen werden vermutlich von einem Mann ausgehen, der selten bei Frauen landet, weil er „anders“ ist. Erst ganz am Ende begreift man: Es geht hier um eine Ich-Erzählerin, eine Frau. So wird man auf die eigenen, unreflektierten Erwartungen gestoßen und erlebt zugleich mit: Liebe ist Liebe, mit all den Zweifeln, Hoffnungen und Konflikten, die nun einmal dazu gehören. 


Der Duft von Orangen

Als ich gegen Mittag aufwachte, wusste ich sofort, dass etwas anders war als sonst. Es war nur ein diffuses Gefühl, klar denken konnte ich in meinem Zustand nicht. Mein Kopf dröhnte und als ich versuchte, mich an den vorangegangenen Abend zu erinnern, bohrten sich die Gedankensplitter unnachgiebig in meinen Schädel. Ach ja, Olivers Party …
Mein Blick fiel auf meine Lederjacke, achtlos auf den Boden geworfen, daneben die neue Jeans, dunkelblau, stone-washed … „Coole Jeans, ich liebe stone-washed!“, hallte es in meiner Erinnerung. Das Bild einer jungen Frau tauchte auf, hübsch, 1,75m groß, frecher Kurzhaarschnitt.
„Kommst du mit auf den Balkon, eine rauchen?“ Ihr Duft nach Sonne und Orangen drang durch die Erinnerungsfetzen in meine Nase. „La fraîcheur du sud“ kam mir der Name eines Eau de Toilette in den Sinn. Ich erinnerte mich, dass sie nett gewesen war, sehr nett. Wie hieß sie noch? Wir hatten viel geredet, getrunken, gelacht. Ich sah die leere Wodkaflasche vor mir. Wie war ich nach Hause gekommen? Hatten wir rumgeknutscht?
Wieder stieg der frische Duft von Orangen in meine Nase. Ich drehte mich um. Hatte ich sie mit nach Hause genommen? Rasch durchsuchte ich die drei Zimmer meiner kleinen Wohnung. Vergeblich, nur der Duft reifer Orangen hing in der Luft.
War sie hier gewesen und schon gegangen? Ich eilte zurück in mein Schlafzimmer, schnupperte an der Bettdecke und versuchte, meiner Erinnerung auf die Sprünge zu helfen. Ich suchte nach einem fremden Haar, einem Zeichen, dass sie hier gewesen war, dass wir uns geliebt hatten.
Dann war der Duft verschwunden und so sehr ich auch schnupperte und sie mir dabei vorstellte, er kam nicht wieder. Zurückblieb ein schaler Geschmack in meinem ausgetrockneten Mund, der Geruch von kaltem Zigarettenrauch auf meinem Kopfkissen und die Gedankensplitter, die sich immer noch unablässig in meine Schädeldecke bohrten.
Missmutig ging ich unter die Dusche. Ich seifte Haar und Körper ein und beobachtete die Schaumreste, die in kreisenden Bewegungen mit dem warmen Wasser im Abfluss verschwanden. Vermutlich hatte ich das alles nur geträumt. Seit Jahren wünschte ich mir eine feste Beziehung und hatte aufgehört, meine Niederlagen zu zählen. So war das eben, wenn man anders war und keine Frau sich für einen interessierte.
Ich hatte Lust auf eine Zigarette. Wo war mein Tabak? In der Lederjacke, vermutete ich. Sie lag noch auf dem Boden im Schlafzimmer. „Lilly“, fiel mir auf dem Weg dorthin ein, „sie heißt Lilly.“ Vielleicht hatte sie mir ihre Nummer auf der Tabakpackung notiert?
Hastig durchstöberte ich meine Jacke nach dem Tabak. Ich drehte die Tabakpackung um. Nein, da stand keine Nummer. Hatte sie mir nicht einen Zettel in meine Jeans gesteckt? Ich durchsuchte die vorderen Taschen, fand nur mein Feuerzeug und auch die hinteren Taschen waren leer. Aber ich erinnerte mich an ihren Namen, Lilly. Das war kein Traum!
Ich setzte mich wieder an den Tisch in der Küche, schwor dem Alkohol ab und drehte mit steifen Fingern eine Zigarette. Der Tabak bröselte auf den Fußboden. „Zu trocken“, dachte ich, „ich sollte mehr rauchen und dafür weniger trinken.“
Während ich noch darüber nachdachte, wie ich den Rest dieses verkaterten Tages hinter mich bringen sollte, klingelte das Telefon. Desinteressiert blickte ich auf das Display. Ich hatte keine Lust auf unbekannte Anrufer. Es klingelte weiter. Genervt nahm ich ab. „Ja?“
„Lilly!“ Ich setzte mich ruckartig auf. „Sicher, ja …“

Wir trafen uns in einem Café in der Innenstadt. Lilly saß bereits an einem der kleinen runden Tische am Fenster und winkte mir zu. „Wie eine frische Frühlingsbrise“, dachte ich und lächelte versonnen. „Verdirb es nicht, sie interessiert sich für dich.“ Das war mehr, als ich in meiner Situation erwarten konnte.
„Hast du Lust auf Sahnetorte?“, fragte ich und setzte mich ihr gegenüber. Lilly lachte. „Ein Thunfischsandwich wäre mir lieber, und Kaffee, schwarz, ohne alles.“
Wir kauten an unseren Thunfischbrötchen und tranken schwarzen Kaffee. Es dauerte nicht lange, bis wir in unserer eigenen Welt versunken waren und unsere Hände sich berührten. Für mich stand fest: Ich hatte die Frau meines Lebens gefunden.
„Lebst du allein?“, fragte ich sie, mutig geworden angesichts der Vertrautheit und Nähe zwischen uns. Lilly schwieg. Das Lachen war aus ihren Augen verschwunden und hatte einer zaghaften Befangenheit Platz gemacht. Dann schüttelte sie den Kopf. „Ich habe einen Mann.“
Eine Woge blanker Wut stieg in mir auf. Warum traf sie sich mit mir? Ein schöner Zeitvertreib, weil es zu Hause zu langweilig wurde?
Ich stand auf und wollte gehen. Behutsam legte Lilly ihre Hand auf meinen Arm.
„Was willst du von mir?“, zischte ich.
„Ich weiß schon seit langem, dass … ich anders bin“, entgegnete sie leise. Ihre Augen suchten meinen Blick. „Frieda – ich will dich.“

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