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5. Platz:

Susanne Hencken

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Hakuna Matata

Schreibdebüt-Wettbewerb 2018 Runde I

Das Urteil der Jury:

„Hakuna Matata“ ist eine Wendung, die in ganz Afrika benutzt wird. Sie bedeutet übersetzt in etwa „alles in bester Ordnung“. Fofona hat sich voller Hoffnung auf ein Leben ohne Perspektivlosigkeit und Armut auf den Marsch durch die Wüste begeben und es bis nach Deutschland geschafft. Dort sitzt er jetzt chancen- und heimatlos in einer Asylunterkunft fest. Er ist einsam, desillusioniert und verzweifelt, doch seine Familie daheim soll das nicht wissen. Für sie tut er so, als gäbe es keine Probleme.

Die Stärke dieses Textes: Er erzeugt Empathie. Susanne Hencken gelingt es, dass man Fofonas Verzweiflung spüren kann. Durch das gemeinsame Kochen in der Asylunterkunft holt er ein winziges Stück Heimat zu sich; am Ende des Textes haben wir also einen kleinen, hellen Moment, durch den man zugleich besonders deutlich spürt: Wirklich gar nichts ist "in bester Ordnung".


Hakuna Matata

Die Chance seines Lebens, hatte er gedacht. Zu deutlich die Erinnerungen an die Brandmale, die Folterknechte an seinem Körper und in seiner Seele zurückgelassen hatten. Man musste nur die richtige Gelegenheit finden. Und die hatte er gefunden – Fofana Ibrahima Berenger Kamera – ein junger schwarzer Mann mit tiefbraunen Augen voller Sehnsucht. Es war nicht schwer gewesen, er hatte sich einfach umgedreht, war gegangen. Und er dachte, später werde ich zurückkehren: reich, satt und stolz.

Aber nun war später. Drei Jahre sind vergangen. Jetzt hockt Fofana Ibrahima auf seinem Bett, in eine alte geflickte Wolldecke gehüllt. Die grelle Neonbeleuchtung lässt sein Zimmer fremd und künstlich erscheinen: Eine spärlich möblierte Asylunterkunft, bestehend aus einem Bett, einem Kleiderschrank und einer Handvoll persönlicher Dinge, welche in zwei Plastiktüten passen. Das Glück ist das nicht, in modrigen Schlieren von den Wänden blätternder Putz, muffige ockergelbe Vorhänge, die ihre besten Zeiten schon lange hinter sich haben.

Der junge Mann ist knapp 30. Sein Ziel Europa. Mit dem geliehenen Geld ab durch die Wüste, ein paar Monate unterwegs, dann mit dem Boot über den großen Teich nach Italien. Endstation Deutschland: gelobtes Land! Nur weg, weg aus Armut und Perspektivlosigkeit. Weg aus dem Land seiner Kindheit, weg aus Afrika. Jetzt einmal allen Mut zusammennehmen, durchstarten und vielleicht nie mehr in das alte Leben zurückkehren müssen. Hast du keine Angst, haben die, welche zurückblieben, Fofana Ibrahima gefragt, so ganz alleine in der Fremde? Nein hatte er geantwortet, er ginge mit Gott. Und das Leben – ein Meer aus Chancen!

So wie morgen. Da wird er erneut vorsprechen. Zum zigsten Mal wird er sein Innerstes nach außen stülpen und seine Geschichte erzählen. Die Geschichte eines Mannes, der sich auf den Weg gemacht hat, der seine Kinder zurückließ, um für eine bessere Zukunft für sie zu kämpfen. Er wird hoffen und beten. Beten zu Gott und hoffen, dass letztendlich alles gut wird.
Aber er muss aufpassen, dass er die Hoffnung, dass er sich nicht verliert. Er hält seine Tränen zurück. Mit leiser Stimme spricht er sich Mut zu. Er kann wirklich stolz sein auf sich. Dann aber frisst sich wieder diese Klarheit an die Oberfläche, dass letztendlich doch alles erbärmlich ist: die Enge, der Dreck, der Schimmel, das Warten und die Einsamkeit. Das Schlimmste aber ist das Warten. Das Warten auf nichts und die Einsamkeit. Jeder Tag verstreicht mit Warten. Und die Einsamkeit als Fremder unter Fremden. Er spürt es jeden Tag, mit jedem Atemzug, mit jedem Blick, mit jedem Vergleich. „Die Menschen hier sind Fremde für mich“, klagt er jetzt laut. „Sie sprechen eine fremde Sprache und über Dinge, die mir so wenig vertraut, so weit weg von meinem alten Leben sind, dass ich aufhöre zu existieren. Das ist wie tot sein.“ Jetzt muss Fofana Ibrahima doch weinen. All die bisher nicht geflossenen Tränen brechen sich Bahn. Und er denkt an all die Zeit, die noch vor ihm liegt, die er noch irgendwie durchstehen muss: Eine Zeit ohne Gewissheit, weiterhin beengt zwischen ockergelben Vorhängen, mit ein paar Euro als Almosen in der Tasche. Wollte er sich doch ein neues Leben aufbauen – muss er heute anderen beim Leben zuschauen. Und das stimmt so gar nicht überein – mit den Bildern, die er zu Hause in seinen Träumen vor sich hatte: Er sei reich, frei und cool. Denn nun ist er nur einer mit Angst und Heimweh: Angst, es doch nicht zu schaffen. Und Heimweh, die Sehnsucht nach Zuhause, den Geschichten und Gerüchen der Kindheit.
Jetzt weint er so heftig, dass sein ganzer Körper bebt. All die zurückgehaltenen Tränen brechen vulkanartig – mit einer solchen Wucht – aus ihm heraus, dass er kaum noch Luft bekommt. Er weint so herzzerreißend, dass er das Klingeln seines Handys kaum wahrnimmt – das Klingeln seiner Mutter. Urplötzlich beginnt sein Gesicht zu strahlen. Ganz tief taucht er ein in sein Handy, in eine andere Welt. Er ist nicht mehr alleine. Ihre Stimme, ihre Worte sind Balsam für seine Seele. Die Traurigkeit, wie weggeblasen. Es geht ihm gut, alles ist großartig und es gibt keine Probleme, hört er sich sagen. Als er aufgelegt hat, wischt er sich die restlichen Tränen aus dem Gesicht, atmet tief durch. Er wird Huhn in Erdnusssauce kochen, so wie seine Mama und deren Mama in Afrika. Die ganze Küche wird durchtränkt sein von diesem Geruch aus Huhn, Röstaromen, Chili und Erdnussbutter. Und er wird die anderen, die mit ihm kamen, einladen. Denn auch wenn sie nicht mehr verband – als das gemeinsame Gefühl von Flucht und Heimat – so war das für ihn momentan das Leben. Sie werden gemeinsam in einem großen Kreis sitzen und mit den Fingern essen, zusammen aus einer großen Schüssel. Sie werden lachen, singen, tanzen. Nur für heute wird Fofana Ibrahima dann entscheiden, dass er diesen einen Tag leben kann.
Nur für heute wird er mit den anderen auf eine Art verbunden sein, wie es kein Fremder verstehen kann, als ein Überlebender.
Hakuna Matata!

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