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1. Platz:

Franziska Viola Lindner

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Zwei Fremde

Schreibdebüt-Wettbewerb 2018 Runde 2

Das Urteil der Jury:

Eine Roadtrip-Geschichte zwischen einem Lastwagenfahrer und einer Prostituierten am Straßenrand, die jünger ist als seine beruflich erfolgreiche, aber ferne Tochter. Sophie ist hungrig und durchgefroren, und sie geht auf den Strich, seit ihr Vater tot ist.

Die Autorin arbeitet geschickt mit sinnlichen Details, Bildern, Erinnerungen und Dialogen. Zudem baut sie wirkungsvoll Spannung auf: Will der Fahrer so kurz vor dem Ruhestand zum ersten Mal im Leben eine Nutte kaufen? Er bezahlt sie schließlich dafür, dass er sie in seinem Fahrerhaus vor Wind, Wetter und schlechten Menschen beschützen darf. Am Ende bekommt das Mädchen weit mehr als etwas Geld – nämlich Wärme und einen Menschen, dem sie vertrauen kann. Und der Fahrer bekommt ebenfalls mehr als eine schnelle Nummer. Er gibt den letzten Tagen seines Berufslebens Sinn. Für seine Familie hat er wegen seines Berufs nie wirklich da sein können. Aber für Sophie kann er es. Wenigstens ein paar Tage lang.


Zwei Fremde

Dicke Schneeflocken klatschten gegen die Frontscheibe des Lasters und zerbarsten zu kleinen Tropfen. Noch war es nicht kalt genug, dass der Schnee liegen blieb. Am unteren Rand auf der Innenseite der Scheibe klebte ein Bild. Dieter Larsen sah mit einem Lächeln auf das Foto. Es zeigte ein lachendes Mädchen mit blonden Zöpfen am Klavier. Sie war damals so klein und zart, seine Lara. Nun war sie fort, hatte ihr Jurastudium beendet und würde bald heiraten. Vielleicht würde er sie spontan besuchen auf dieser letzten Tour. Fünf Tage noch, dann würde er zum letzten Mal die Stufen aus dem Fahrerhaus hinabsteigen und endgültig in den Ruhestand gehen, sich all die Zeit nehmen, die er so viele Jahre nicht für seine Frau gehabt hatte. Immer war er unterwegs gewesen, und auch wenn er jeden Abend mit seiner Hanne telefoniert hatte, so hatte er sie doch viel zu oft allein gelassen.

Mit einem Seufzer zündete er sich eine weitere Zigarette an und sah auf die endlose Straße. Es begann bereits zu dämmern, und niemand sonst war hier unterwegs, fast schon gespenstisch schienen sich die dürren Bäume nach ihm zu verzehren. Er drehte Radio und Heizung auf.

Schon von Weitem sah er die Brücke, unter der das Mädchen stand. Sie trug hohe Stiefel und einen kurzen Rock, dazu eine offene Kunstfelljacke. Er war vielen solcher Frauen begegnet und hatte sich nie für sie interessiert, doch irgendetwas ließ seinen Fuß auf die Bremse treten. Er konnte es sich selbst nicht erklären.

Das Mädchen kam auf ihn zu, blieb vor seinem Fahrerhaus stehen und sah ihn eindringlich an. Ihre Lippen waren blau vor Kälte und die hervorstehenden Schlüsselbeine ließen erahnen, wie dünn sie war. Wortlos öffnete er die Tür. Sie kam die Stufen bis zur Hälfte hinauf.

„30 Euro für 20 Minuten“, sagte sie mit laszivem Blick und drehte dabei eine blonde Strähne um den Zeigefinger.

Er nickte, reichte ihr die Hand half ihr in die Kabine. Sie roch nach kalter Luft und billigem Parfüm.

„Wie heißt Du?“, fragte er.

„Cindy“, antwortete sie, „aber du kannst mich nennen, wie immer du möchtest.“

„Nein, das meine ich nicht. Hast du einen richtigen Namen?“

Sie schien diese Art der Fragen zu kennen. Anstelle einer Antwort legte sie ihre Hand auf seinen Oberschenkel und zog sich mit der anderen die Jacke aus.

Sanft schob er sie zur Seite. „Schon gut, ich muss es auch nicht wissen. Lass ruhig die Jacke an, ich werde dich nicht anrühren.“

Sie schaute etwas verwundert. Er kramte eine Wolldecke zwischen den Sitzen hervor und legte sie über ihre Beine. „Hier, dir muss kalt sein. Magst du Tee?“

Sie antwortete nicht und starrte ihn nur an, eine Hand fluchtbereit auf den Türgriff gelegt.

„Hör zu, ich bin verheiratet. Meine Tochter ist etwas älter als du. Hier, das ist sie.“

Er reichte ihr das Foto. „Du bekommst natürlich dein Geld, aber ich möchte nichts von dir. Wärm dich auf, trink etwas Tee und iss etwas, okay?“

Sie lächelte schüchtern. „Danke. Warum tun Sie das?“

Er wusste es selbst nicht.

„Ich bin Sophie“, sagte sie nach einem kurzen Moment der Stille.

Er hatte noch nie einen Menschen so schnell so viel Tee trinken und so viele Frikadellen essen sehen wie Sophie. Wie lange sie schon nichts mehr gegessen hatte? Er fragte nicht. Schließlich, als sie fertig war, begann sie von sich aus ein Gespräch.

„Was macht Ihre Tochter beruflich?“, fragte sie.

„Sie ist Anwältin in einer Kanzlei.“

„Und Ihre Frau, arbeitet sie auch viel?“

„Bis zum letzten Herbst war sie Krankenschwester, doch wegen ihres Rheumas musste sie früher in Rente. Seit dem ist sie zu Hause, das nimmt sie sehr mit.“

„Das tut mir Leid.“ Sophie kaute auf ihrer Unterlippe. So viel Privates hatte sie eigentlich nicht fragen wollen, schließlich ging es sie nichts an. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass die Zeit fast um war.

„Bleib noch“, sagte er, „ich bezahle dich.“

Wieder entstand diese peinliche Stille.

„Wo schläfst Du eigentlich?“, fragte er.

„Ich habe ein Zelt. Wenn das Geld reicht, schlafe ich in besonders kalten Nächten in einer Pension.“

„Hast Du das letzten Winter schon so gemacht?“

Sophie wandte den Kopf ab. „Nein, da hat mein Vater noch gelebt. Er hätte das nie zugelassen.“

Dieter Larsen war selbst überrascht, als er sich sagen hörte: „Ich fahre in vier Tagen wieder hier vorbei. Wenn du möchtest, kannst du mir auf dem Weg Gesellschaft leisten. Hier ist es warm und ich werde dafür sorgen, dass es dir gut geht.“

Sophie nickte und goss sich eine weitere Tasse Tee ein. Allmählich schwand ihre Schüchternheit. „Ja,“ sagte sie, „das klingt gut“.

Beide schwiegen eine Weile, sahen hinaus in die Dunkelheit und lauschten der kratzigen Musik aus dem Radio. Der Laster brummte monoton, während er seine Reise fortsetzte. Dieter sah mit einem Lächeln, dass das Mädchen auf seinem Beifahrersitz eingeschlafen war. Er wusste nicht, wie es weitergehen würde. Er wusste nur, dass Sophie in den nächsten vier Tagen in Sicherheit sein würde.

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