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3. Platz:

Matthias Hiltmann

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Der Blick

Schreibdebüt-Wettbewerb 2018 Runde 2

Das Urteil der Jury:

Der Autor entfaltet auf nur gut zwei Seiten eine vollständige Tragödie. In einem Hauseingang versucht ein Obdachloser der Kälte standzuhalten, als ihn der Blick eines Mädchens trifft und für einen Moment eine Brücke über den gesellschaftlichen Abgrund hinweg zwischen ihnen entsteht. Wir erfahren, warum der Mann obdachlos geworden ist, welche Schuld er mit sich trägt, und wir erleben mit ihm einen Moment der Hoffnung, wenn das Mädchen einfach einen Menschen in ihm sieht. Doch der Moment währt nur kurz.

Beeindruckend an diesem Text ist das Eintauchen in die Gedanken und Gefühle eines Menschen, der aus der Welt gefallen ist und für den all die andern nur noch Geister sind, unerreichbar wie seine ums Leben gekommene Familie. Man versteht ein Stück weit, warum es vielleicht unmöglich ist, von einem solchen Ort in die Normalität zurückzukehren.


Der Blick

Mit eisigen Fingern tastet der Wind nach der letzten Wärme, die mir noch geblieben ist, und zittrig ziehe ich den ausgefransten Kragen meines Mantels noch etwas höher. Hier, in diesem Hauseingang, sitze ich nun, inmitten meines gesammelten Lebens, das ich sorgfältig in jede Ritze gestopft habe, damit es mich vor der Kälte schützt. Still und unbemerkt beobachte ich euch, wie ihr rastlos umherirrt, unsichtbar in der Menge aus Menschen, die an mir vorüber treibt. Ihr seid Geister, unwirklich, ruhelos, schimmernde Schatten, in einer zu grellen Welt. Wir sind uns so nah, nur einen Handschlag entfernt und trotzdem erreichen wir uns nicht. Nur manchmal treffen sich unsere Blicke über dem Abgrund, der uns trennt. Dort erkenne ich das Verlangen und die Sehnsucht, genauso, wie die Versprechungen, die auch mich verraten haben, und ich wende mich ab. Es ist die Kälte eines Blickes ohne Zuversicht, die mich trifft.

Ja, ich war einmal einer von euch, doch das ist lange her, in einer anderen Zeit, einem anderen Leben. Alles, was uns jetzt noch verbindet, ist dieser kleine, verbeulte Joghurtbecher, den ich am Straßenrand gefunden habe. Wackelig steht er zwischen uns und ist dennoch die einzige Brücke zueinander. Hier erahnt ihr mich, und deshalb füttert ihr ihn mit den glänzenden Symbolen eures Glücks, damit er euch den Preis nicht zeigt, den das Leben fordert. Ein Ablass für euer Seelenheil.

„Aber das ist gut so“, versichere ich mir, „wer nicht existiert, kann nicht verantwortlich sein. Hier bin ich frei.“ Dampfend hauche ich den gefrierenden Atem in meine steifen Hände, begleitet von einem kratzenden Husten. „Verdammte Erkältung.“ Mein Blick fällt auf die Thermoskanne, die ruhig neben meinem Schlafsack wartet. Ich muss unbedingt noch heißes Wasser auftreiben.

Und auf einmal sind sie da, die Augen eines müden Mädchens, die mich von der anderen Seite her anschauen. Voll unbelasteter Neugier sickert ihr forschender Blick in mein Innerstes.

„Was machst du?“, scheint er zu fragen und zum ersten Mal, seit einer Ewigkeit, weiß ich nicht, was ich sagen soll.

„Ich sitze hier“, erwidere ich stumm, „beobachte, was so passiert.“ Doch das scheint den Augen nicht zu genügen. Ein zartes Wissen funkelt in ihnen, und keine Vorurteile, keine Belehrungen sind dort zu finden.

„Warum?“, wollen sie wissen, „hast du kein zu Hause?“

„Das hier ist mein zu Hause!“, trotzig schaue ich zurück. Ohne Scheu kommt das Mädchen näher, und ich merke, wie ich den Halt verliere.

Man sagt, die Augen seien die Fenster zur Seele. Doch in ihren erkenne ich bloß das verzerrte Spiegelbild eines Mannes, der mir fremd ist. All die Falten und Furchen, die das Leben in ihn schnitt, jede Narbe eine Geschichte. Ich versinke in einem Meer aus Spiegeln, das mich umgibt.

Das glatt rasierte, jüngere Ich, in seinem schnittigen Anzug, die Reisen und Aufträge, der helle Sportwagen vor dem modernen Haus mit der großen Terrasse. Ich sehe alles, was mich dorthin gebracht hat, die Träume, die Gier, die Hoffnung, und alles, was ich dabei verloren habe. Annas kleine, weiße Hand zwischen Ellas zarten Fingern. Sie sind alles, was ich jemals liebte. Und jetzt erkenne ich ihren gebrochenen Blick, der meine Vision in Stücke sprengt. Die vergifteten Vorwürfe, das erstickende Rechthaben in einer bröckelnden Realität. Meine letzten, harten Worte, das Knallen der Tür, die hinter ihnen zuschlägt, schmerzhafter, als Ellas Schlag in mein Gesicht.

Und dann die Schreie, die nutzlos zuckenden Lichter, die das umgestürzte Auto treffen. Blut klebt anklagend an der Scheibe und überforderte Männer löschen das Feuer zu spät. Dort liegen sie, mein Herz, meine Seele, fremdartig verrenkt, unerreichbar, leblos. Arme, die mich halten, Feuer, das das Inferno in mir nicht verbrennen kann. Alles, was mir bleibt, ist ein geschmolzenes Rad, das sich langsam weiterdreht, unaufhaltsam in seinem Totentanz.

Und dann Leere, bodenlos, formlos, schuldgeschwängert.

Schweigend warten die Augen auf der anderen Seite des Abgrunds, nur einen Handschlag von mir entfernt. Ich möchte all das hinter mir lassen. Ein kleiner Schritt, und ich bin frei.

Aber so sollte es nicht sein! Heiße Tränen brennen sich in meine erfrorene Haut. Ein Mann beugt sich zu dem Mädchen herab, sein kurzer, uninteressierter Blick streift mich abschätzig. Dann richtet er sich auf und reicht ihr die Hand zum Gehen. Ich bin unsichtbar, ein Geist.

Unbemerkt greift sie in ihre Jackentasche. Zwischen herunterfallendem Bonbonpapier und gebrauchten Taschentüchern kramt sie einen Euro hervor. Behutsam lässt sie ihn in den Joghurtbecher fallen. Dann verschwindet sie, und der Moment ist vorbei.

Unsicher nehme ich ihn heraus. Er ist das Versprechen eines neuen Anfangs.

Ich ziehe den ausgefransten Kragen meines Mantels noch etwas höher. Alles ist, wie es sein soll, und das ist gut so. Langsam stecke ich den Euro in die linke Brusttasche. Ein Ablass für mein Seelenheil.

Und so wende ich mich ab. Es ist die Kälte die bleibt, ohne einen Blick.

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