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4. Platz:

Dustin Patten

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Ein bisschen wie Julia

Schreibdebüt-Wettbewerb 2018 Runde 2

Das Urteil der Jury:

Wir erleben ein erstes Treffen zwischen dem Ich-Erzähler und Emma, arrangiert über eine Dating-Plattform. Oft gehen solche Sachen ja nicht gut aus, und der Erzähler macht sich auch wenig Hoffnung. Der einzigen großen Liebe in seinem Leben hat er nie gesagt, was er empfindet und alle anderen Frauen haben ihm zu wenig bedeutet, um mit ihnen zusammenzubleiben. Weil keine von ihnen Julia war.

Obwohl sein trockener, fast zynischer Humor Emma irritiert, obwohl er über frühere Beziehungen lügt, um sich selbst in besserem Licht zu zeigen, und obwohl Emma es nicht verdient hat, nur eine Ersatz-Julia zu sein, hofft man doch, dass der Erzähler sich diesmal auf eine Beziehung wird einlassen können. Und am Ende sieht es auch beinahe so aus. Dem Autor gelingt es, eine eigentlich sperrige Hauptfigur so zu zeichnen, dass man ihr alles Glück wünscht.


Ein bisschen wie Julia

Dieses Date ist nicht wie die üblichen. Ich bevorzuge es, wenn sie schiefe Zähne haben, Segelohren, oder zumindest eine Hakennase, dann fühle ich mich sicher. Doch Emma hat nichts von alledem. Die blonden Locken umspielen ihre großen Augen und den vollen Kussmund. Sie sieht ein bisschen aus, wie Julia, meine erste Liebe.

Warum ich ausgerechnet dieses Lokal ausgesucht habe, will sie wissen.

"Keine Ahnung...", sage ich. "Neben dem Kellner, sehe ich halbwegs gut aus."

Sie lacht.

Ich frage: "Wieso das Profil? Deine Verehrer müssen doch Schlange stehen!"

"Oh", sagt sie. Das war nicht ihre Idee. Ihre Schwester fand, sie solle es wieder mit einem Mann versuchen. "Und, du?", fragt sie.

"Bei mir dasselbe...", sage ich. "Meine Schwester findet auch, ich soll es mit Männern versuchen!" Mein Humor scheint sie zu verwirren. „Nein, mal im Ernst: Wenn man ehrliche Absichten hat, ist es doch gut, vorher zu sehen, ob es passen könnte… Dein Profil fand ich wirklich interessant."

"Ehrlich, was denn?"

"Du bist vierundzwanzig, so wie ich... du studierst Pädagogik..." Ich wechsle das Thema. "Warum denkt deine Schwester, du solltest wieder einen Mann kennenlernen?"

Ihr ausgelassenes Lächeln verschwindet, sie stützt die Ellenbogen auf den Tisch. "Meine Beziehung ging leider in die Brüche und danach habe ich mich eine Weile echt hängen lassen."

"Wie lange ging die Beziehung?", frage ich.

"Sechs Jahre", sagt sie.

"Sechs Jahre! Das ist... sehr schade."

"Ja, finde ich auch.“ Sie fragt: "Wie lange, war deine letzte Beziehung?"

An dieser Stelle erzähle ich meist, von einer gewissen Jennifer, einer missglückten Fernbeziehung. Ich fing aus einem Reflex heraus damit an, seitdem baue ich die Geschichte immer weiter aus. Ich sehe, in ihr interessiertes, Julia-artiges Gesicht und überrasche mich selbst mit der Wahrheit: "Ich hatte nie eine wirklich lange Beziehung."

Unangenehme Stille. Ich halte so lange durch wie möglich. "Wirkt das seltsam auf dich?

„Sollte es das? “, fragt sie und klimpert mit den Augen... das setzt mich unter Druck.

Ich kratze meinen Hals und gerate in Erklärungsnot. "Es ist nicht so, dass ich mich vor Frauen verstecke. Es dauert bloß nie länger als ein paar Wochen."

"Warum?"

Weil ich sie dann satthabe. "Weil sie mich dann satthaben."

Sie grinst. "Bist du denn so schrecklich?"

Diesmal schweige ich beharrlich.

"Du bist also wählerisch?!", sagt sie und spielt mit dem Strohhalm.

Ich kneife die Augen zusammen. "…Ja"

"Bin ich auch.", sagt sie.

Meine Hände beginnen zu schwitzen. Der Gedanke, mehr Zeit mit Emma zu verbringen fühlt sich falsch an, unwirklich. Mein Verstand sucht bereits nach einer passenden Exit-Strategie. Es ist genau wie damals, als Julia belustigt auf mein liebstes Hemd zeigte und ich eine halbe Stunde erklärte, Rosa sei eine überaus männliche Farbe!

Um etwas Druck herauszunehmen, frage ich, ob Emma gerne reist und ihre Augen beginnen zu leuchten. Sie erzählt von ihrem Trip nach Südafrika, von den Townships. Sie findet es unglaublich, wie erdrückend das Gefühl wirklicher Armut sein kann. Ich finde sie unglaublich. Dann redet sie von Elefanten in Thailand. Und davon, dass kaum jemand wüsste, dass die jungen Bullen in Käfige gesperrt, und mit spitzen Stöcken geschlagen werden, bis ihr Wille gebrochen ist. Wie sie so redet, bemerke ich ihre Empathie und ihr Feuer. Sie ist unkompliziert, nimmt alles, wie es kommt und verschenkt ihr Herz. Als ihr nach einer Ewigkeit die Worte ausgehen, hebe ich die Hand, verlange nach der Rechnung und gebe dem Kellner ein Trinkgeld. Dann, auf dem Weg zur Tür, sagt sie, sie will demnächst nach Thailand reisen. Da gibt es eine Einrichtung, die sich um geschundene Elefantenbullen kümmert.

"So, so...", sage ich. "Thailand.", und rücke meinen Mantel zurecht. Es ist bereits dunkel und wir zeichnen Dampfwolken in die kalte Abendluft. Sie zerrt ein Paar Handschuhe aus ihrer linken Jackentasche und reibt sich die Hände. "Thailand..."

Ich schaue sie an, sie schaut mich an. Dann fragt sie ungewöhnlich leise, ob wir uns wiedersehen.

Im schwachen Licht der Straßenlaternen sieht sie Julia zum Verwechseln ähnlich. Julia, mit der ich nach jeder Klavierstunde überschwänglich sprach, über Musik und Erfahrungen im Allgemeinen. Darüber, wie angenehm der Geruch von Benzin doch sein kann. Über alles... außer über meine Gefühle für sie.

Es hätte ohnehin nicht funktioniert. Nach spätestens drei Wochen hätten wir uns gehasst, und ich wäre trauriger und einsamer gewesen als zuvor. Die Melodie meines Lebens…

„Hast du morgen Zeit?“, höre ich mich fragen.

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