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5. Platz:

Petra Hasler

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Fünf vor zwölf

Schreibdebüt-Wettbewerb 2018 Runde 2

Das Urteil der Jury:

Ein äußerlich hartgesottener, innerlich nervöser Dealer wartet auf den Anruf eines Kunden. Die Bank, auf der er sitzt, erinnert ihn an Tiffany. Sie hat den Ausstieg aus der Drogenszene geschafft, hat sich weiterentwickelt, und ihm wird klar, wie sehr er sie vermisst. Dieses Gefühl ist die Voraussetzung dafür, dass auch er vielleicht den Ausstieg schafft. Die Autorin mutet dem Leser zu, zwei alternative Möglichkeiten zu akzeptieren, wie diese Geschichte ausgehen könnte:
Entweder Mark zieht den geplanten Koks-Deal durch und wird festgenommen. Oder er lässt es bleiben und schreibt Tiffany, dass auch er sich weiterentwickelt hat.

Nur durch die Reihenfolge, in der die Autorin die Varianten anordnet, wird nahegelegt, dass Mark sich für Variante zwei entscheidet. Doch es gibt keinen formalen Hinweis darauf, dass Variante eins nur in seinem Kopf stattfindet. Das ist ungewöhnlich, funktioniert aber dennoch ausgesprochen gut.


Fünf vor zwölf

Mark strich mit der Zunge über die Zigarette. Nass war sie stärker. Er zündete sie an und nahm einen tiefen Zug. Sein langer, dürrer Fuß wippte ungeduldig, während er starr nach vorne blickte. Die Menschen, die geschäftig um ihn herum wuselten, nahm er nicht wahr. Der Lärm und die Hektik der Innenstadt erreichten ihn nicht. Das Einzige, das er spürte war die wärmende Frühlingssonne auf seiner Haut. Er musste an Tiff denken. Daran, wie sie beide auf genau dieser Parkbank gesessen hatten, sie hatte sich ihre Jacke ausgezogen, tief eingeatmet und gesagt: „Heute riecht es nach Frühling und nach Freiheit.“ Und dann hatte sie gelacht. So offen und ehrlich wie ein Kind. Ohne dass er es bemerkte, hörte sein Fuß auf zu wippen. Tiff hatte es immer geschafft ihn zu beruhigen. Aber sie hatte sich abgewandt. Zuerst von den Drogen und dann von ihm. Sie hätte sich weiterentwickelt, hatte sie gesagt. Die Zeit mit ihr lag so lange zurück, dass sie sich nicht mehr real anfühlte, eher wie ein Traum. Und Träume enden immer.

Die Glocke der alten Kirche läutete und zerrte ihn weg von seinen Gedanken. Durchdringend und tief ertönte der Gong. Einmal. Zweimal. Mark sah auf seine Armbanduhr. Es wurde zwölf. Und Pavel, dieser Mistkerl, hatte sich immer noch nicht gemeldet. Erneut begann er mit dem Fuß zu wippen. Er zog ein letztes Mal kurz an seiner Zigarette, bevor er sie auf den Boden warf und mit einer fahrigen Fußbewegung ausdämpfte. Dann, endlich, läutete das Telefon.

„Alles klar?“ Es war Pavels Stimme.

„Ja.“ „In dreißig Minuten am Treffpunkt?“

„Geht klar.“

Er beendete das Gespräch und eilte zu seinem Wagen. Bevor er einstieg, setzte er die dunkle Sonnenbrille auf. Seine Miene war hart, fast ausdruckslos. Innerlich jedoch war er aufgekratzt. Der Verkehr floss zäh und mühevoll, so dass er nach wenigen Minuten ungeduldig wurde und laut zu fluchen begann. Als der Stau sich endlich auflöste, drückte er aufs Gas, doch der Wagen vor ihm blieb abrupt stehen. Marks Bremsen quietschen auf. Wütend drosch er auf die Hupe. „Du Penner!“, fluchte er laut.

Als er endlich an dem abgelegenen Parkplatz ankam, wartete Pavel schon auf ihn. Mark sah sich beim Aussteigen misstrauisch um. Es war ruhig hier. Nichts Außergewöhnliches war zu sehen. Er ging mit Pavel zum Kofferraum, blickte sich ein weiteres Mal verstohlen um und zeigte ihm anschließend die Ware.

„Feinstes Koks“, sagte er.

Pavel tippte mit der Fingerspitze in das weiße Pulver und schmierte es sich an das Zahnfleisch. Er nickte, schlicht und zustimmend. Nichtsdestotrotz versuchte er den Preis zu drücken. Aber Mark ging nicht darauf ein. Als er endlich sein Geld in Händen hielt, fühlte er sich nicht halb so zufrieden wie erwartet. Er wollte Pavel die Hand reichen, zum Abschied, da hörte er plötzlich Motoren hinter sich aufheulen. Ein unheilvolles Geräusch. Und zum falschen Zeitpunkt! Pavels Gesicht veränderte sich auf verräterische Weise. Er musste sich nicht umzudrehen um zu wissen, was gespielt wurde: die Bullen! Der Fisch war ins Netz gegangen. Und er war der Fisch. Ein Stromschlag jagte durch seine Zellen. Das Blut schoss ihm in die Beine. Es blieb keine Zeit mehr um nachzudenken. Mit einem heftigen Ruck stieß er Pavel zur Seite und rannte los.

„Bleiben Sie stehen! Es ist zwecklos!“ hörte er es hinter sich rufen.

Die Glocke läutete ein letztes Mal. Mark spürte immer noch die Sonne auf seiner Haut. Er lehnte sich zurück und schloss die Augen. Sein Bein war nun entspannt. Entspannt, weil er eine Entscheidung getroffen hatte: Es war genug. Als das Handy läutete, wies er den Anruf ab und warf das Telefon in den Papierkübel neben sich. Dann zog er ein zweites aus der Jackentasche. Sein Privates, das er nie für Deals benutzt hatte. Er suchte die Kontakte durch, bis er sie gefunden hatte: Tiffany.

Hoffentlich hat sie noch dieselbe Nummer, dachte er sich, während er sich auf die Lippe biss und zu tippen begann:

„Ich hab mich weiter entwickelt.“ schrieb er.

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