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4. Platz:

Heike Pflüger

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Sommer

Schreibdebüt-Wettbewerb 2019 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Die Autorin beeindruckt die Leser vor allem durch die gekonnt verwobene Erzähltechnik, die das schizophrene Erleben, das Gespalten-Sein des Icherzählers von Anfang bis Ende für die Leser spürbar werden lässt.

Der mittlerweile erwachsene Icherzähler, der in einer Rahmenhandlung auftaucht, war acht oder neun Jahre alt, als er seine Großmutter erstach.

Das Geschehen von damals wirkt in der Erinnerung seltsam düster und bedrückend. Dennoch bezeichnet der Icherzähler das Leben bei der „lieben Omi“, die das Lieblingsessen für den Enkel kocht, als angenehm und freundlich – ein Eindruck, der so gar nicht zum Donnergrollen und düsteren Haus am Waldesrand passen will.

Beeindruckend wirkt das Schlüsselerlebnis des Jungen, das in Form einer Gute-Nacht-Geschichte erzählt wird. Am Ende kommt die Geschichte wieder in der psychiatrischen Klinik an. Es ist Sommer und die Sonne scheint.


Sommer

Die Sonne scheint durch mein Fenster. Vielleicht ist es jetzt endlich an der Zeit, meine wichtigste Erinnerung festzuhalten. Ich lecke an der Bleistiftspitze.

Wie war es doch gleich? Es war der Sommer in dem ich acht oder neun war...

Ich erinnere mich noch lebhaft daran, wie ich vor der riesigen, zweiflügeligen Eichenholztür des Hauses stand. Die Maserung des Holzes vor meiner Nase bildete ein verwirrendes Muster, das eiserne Schlüsselloch war mit kunstvollen Beschlägen verziert, der Türklopfer war ein Löwenkopf mit einem schweren Ring im Maul. Ich erinnere mich auch daran, dass sich im Hintergrund schwere Gewitterwolken zusammenballten, die Luft war heiß und drückend schwül. Ich blickte zu meiner Mutter auf, die mich an der Hand hielt. Unsere Handflächen klebten aneinander. Sie zögerte einen Moment, dann straffte sie sich und klopfte mit dem Ring dreimal laut an die Tür. Es blieb eine ganze Weile still. Mittlerweile hatten sogar die Vögel aufgehört zu zwitschern. Nur noch das Rauschen des aufkommenden Windes in den Birken hüllte uns ein. Dann plötzlich öffneten sich knarrend die zwei Flügel der Eingangstüre, meine Mutter packte meine Hand noch fester und zog mich in den dunklen Schlund der Eingangshalle. Im Hintergrund konnte ich das erste ferne Donnergrollen hören. Dann fiel die Tür hinter uns zu ...

Irgendwann verließ meine Mutter das Haus wieder. Ich kann mich noch daran erinnern, wie sie mir sanft über den Kopf streichelte. Nun hatte ich Großmutter ganz für mich allein. Den ganzen Sommer lang!

Unsere gemeinsamen Mahlzeiten verliefen ganz ohne Streit und ich bekam immer mein Lieblingsessen. Omi schimpfte noch nicht einmal, wenn ich einfach so durch ihr Haus rannte. Es war so ganz anders als zu Hause. Am schönsten waren jedoch die Abende. Omi brachte mich immer ins Bett und las mir dann noch eine Geschichte vor:

„Es war einmal vor langer, langer Zeit in einem Haus am Waldesrand. Dort lebten ein kleiner Junge und seine liebevolle Oma glücklich und zufrieden. Eines Tages jedoch, als die Oma für ein paar Besorgungen in die große Stadt musste, übermannte den Jungen seine Neugier. Trotz aller Liebe und Güte, hatte die Oma ihm stets verboten, den Dachboden zu betreten. Doch jetzt wo sie weg war, konnte er nicht anders. Er musste unbedingt herausfinden, was sich dort oben verbarg …“

‚Ich spüre wie meine Augen schwerer werden - o nein, ich schlafe wieder ein, dabei will ich ... doch endlich einmal ... das Ende ... der Geschichte erle ...‘, doch meine Augen fallen zu...

Keine drei Meter vor mir, befand sich ein riesiger mit Tüchern verhüllter Gegenstand. Ich ging darauf zu und zog an den Tüchern. Darunter befand sich ein mannshoher Spiegel. Neugierig trat ich soweit heran, dass ich mein Spiegelbild sehen konnte. Ich lächelte, es lächelte zurück. Ich hob die rechte Hand, es hob die andere. Ich machte einen Schritt zurück, es machte einen vor, und dann noch einen und noch einen … bis es die Grenze des Spiegels erreicht hatte. Ich war mir sicher, dass ich still stand …Mit hinter dem Rücken verschränkten Armen löste sich mein Spiegelbild aus dem Glas, trat auf mich zu und lächelte überglücklich:

„Danke! Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie lange ich hier oben allein gewesen bin. Mit niemandem zum Reden oder Spielen.“ sprudelte es fröhlich aus meinem Gegenüber heraus.

„ ...“ Ich war wie festgefroren, konnte mich nicht rühren. Mein Atem stockte.

Da! Plötzlich knarrte die Treppe.

„Warte eben! Ich habe da noch was zu erledigen. Dann können wir in aller Ruhe spielen!“

Der Junge blickte noch einmal über seine Schulter und lächelte, bevor er die Tür öffnete.

Ich starrte meinem lebendig gewordenen Spiegelbild nach und wie in Zeitlupe, sah ich, wie die im Abendrot glitzernde lange Klinge in seiner rechten Hand einen perfekten Bogen beschrieb, dann das versteinerte Gesicht meiner Großmutter ... Dann fiel die Tür lautlos ins Schloss.

Das ist jetzt alles dreißig Jahre her … oder länger...?

Es klopft an der Tür. Das Geräusch lässt mich hochfahren. Ich lege meinen Stift beiseite.

„Herein!“

„Hallo! Ich hoffe, ich störe sie nicht. Ich bin Schwester Ina und bringe ihnen ab heute ihre Medikamente!“

Die kleinen, bunten Kügelchen leuchten verheißungsvoll gegen das eintönige Weiß meines Zimmers. Die Sonne scheint und es ist wieder Sommer.

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