Hiltrud Baier ist seit über 20 Jahren als Studienleiterin tätig und als Autorin vielseitig unterwegs. Im Interview gibt sie Tipps, wie man den Schauplatz bzw. das Setting einer Geschichte für Lesende fühlbar macht.
Schnee, Rentiere, Polarlichter – die Welt im hohen Norden ist ihre Wahlheimat. Hiltrud Baier lebt seit vielen Jahren in Schweden. In ihren Romanen, Kinderbüchern und Krimis nimmt sie ihre Leserinnen und Leser gern in die schneebedeckte Landschaft Lapplands mit. Ihr neuer Roman „Mai Juni Juli“ erscheint im März im Verlag OKTOPUS bei Kampa.
An der Schule des Schreibens ist Hiltrud Baier seit über 20 Jahren als Studienleiterin tätig und betreut angehende Autor/innen in der Schreibwerkstatt pur. In diesem Interview gibt sie Tipps, wie man den Schauplatz bzw. das Setting einer Geschichte für Lesende fühlbar macht.
Liebe Frau Baier, Sie schreiben in verschiedenen Genres und haben Kinderbücher, Krimis und Romane veröffentlicht. Haben Sie dabei ein Lieblingsgenre?
HB: Ich liebe die Abwechslung. Deshalb kann ich nicht sagen, dass ich ein Genre bevorzuge. Begonnen habe ich mit Lappland-Krimis (unter meinem Pseudonym Klara Nordin). Später kamen Familiengeschichten dazu, die allesamt in Lappland spielen und zwei Kinderbücher. Gerade schreibe ich an meinem dritten Lappland-Krimi. Was danach kommt, weiß ich noch nicht. Und gerade das ist es, was mich reizt. Ich habe viele Ideen, die langsam reifen. Irgendwann entscheide ich mich und dann geht es los.
Das Setting Ihrer Geschichten ist oft in Schweden angesiedelt. Wie lassen Sie Ihre Leserinnen und Leser in diese kalte, oft unwirtliche Landschaft und Welt eintauchen?
HB: Die Umgebung, in der meine Romane spielen, ist mir sehr wichtig. Meine Hauptfiguren bewegen sich immer nur an Orten, die mir vertraut sind. Einmal habe ich versucht, eine Figur in eine kleine Stadt zu versetzen, die ich nicht kannte, weil meine Lektorin meinte: „Sie können doch mehr als Lappland!“ Aber es hat nicht funktioniert. Es fehlte die emotionale Bindung zur Umgebung und das hat man im Text gespürt. Also schicke ich meine Figuren dorthin, wo ich mich auskenne. Und genau das kann ich beschreiben. Ich sehe die winzigen Blumen, die in der Tundra wachsen, rieche das Fleisch, das in einer Rauchkote geräuchert wurde, höre das Trampeln der Rentierhufe... und schildere es.
Im März erscheint Ihr neuer Roman „Mai Juni Juli“. Wie ist es zu der Geschichte um Linnea gekommen?
HB: Ich wollte gerne über eine Frau schreiben, die erfolgreich und berühmt ist, die im Leben viel erreicht hat. Aber sie ist nicht glücklich und beschließt deshalb, eine Auszeit im Norden Schwedens zu nehmen. Sie mietet sich unter falschem Namen ein kleines Häuschen, zieht sich zurück. Aber ihr geht es nicht besser. Dann trifft sie andere und merkt, sie alle haben ihre eigenen Sorgen, jeder empfindet Leid, Freude, ist wütend ... und sie lernt es allmählich, sich zu öffnen, ihre Emotionen auszusprechen und erkennt, was ihr wirklich wichtig ist im Leben.
Ein weiteres Thema im Roman ist das Essen. Es geht um Haute Cuisine und um Hausmannskost, um die Liebe am Experimentieren. Ich koche sehr gerne und konnte mich hier ein wenig austoben :-).
Sie sind seit über 20 Jahren Studienleiterin an der Schule des Schreibens. Was macht Ihnen am meisten Freude an der Zusammenarbeit mit angehenden Autorinnen und Autoren?
HB: Jeder Text ist einmalig und wie ich bereits sagte, liebe ich die Abwechslung. Auch nach so vielen Jahren habe ich immer noch ungeheuer viel Spaß am Korrigieren und gebe gerne Tipps, damit ein Text noch besser wird. Ich freue mich sehr, wenn ich sehe, dass meine Hinweise fruchten, und natürlich freue ich mich darüber, wenn jemand sein Ziel erreicht und Autor oder Autorin wird.
Welche 3 Tipps geben Sie angehenden Autorinnen und Autoren für das Beschreiben von Schauplatz bzw. Setting in einem Roman? Wie können Sie diesen für ihre Lesenden fühlbar machen?
- Schildert eure Schauplätze durch sprechende Details. Schreibt keine ausufernden Schilderungen. Überlegt: Welche Details zeigen diesen Ort am besten?
- Fragt euch: Welcher Ort/welche Orte sind die besten für eure jeweilige Geschichte? Welches Umfeld unterstützt die Romanhandlung und die Entwicklung eurer Figuren optimal?
- Prüft bei der Überarbeitung eurer Texte: Berührt euch, was ihr geschrieben habt? Falls nein, überlegt: Warum ist das so? Was müsste ich ändern, damit ich den Eindruck habe: Wow, jetzt bin ich Teil der Geschichte, ich sehe, höre, rieche, schmecke … mit den Sinnen meiner Figur.