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Schreiben ist eine Geisteskrankheit. Unheilbar!

James N. Frey

Anlässlich der Deutschen Schreibtage war der berühmten Creative-Writing-Coach James N. Frey, Autor des Standardwerks „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“, in Berlin. Hier spricht er im Exklusiv-Interview mit der Schule des Schreibens über deutsche und amerikanische angehende Autoren, über seine Buchprojekte und über den Geisteszustand des typischen Schriftstellers.

Schule des Schreibens (SdS): James, wo sehen Sie die größten Unterschiede zwischen deutschen und amerikanischen Autoren?

James N. Frey (JNF): Alle Autoren haben, besonders zu Beginn, Probleme damit, Gefühle zu zeigen - deutsche mehr als amerikanische. Ich glaube, Deutsche werden dazu erzogen, ihre Gefühle zu verbergen, und wenn sie anfangen zu schreiben, ist es für sie schwierig, sie herauszulassen.

Mit den Frauen in Amerika ist es ähnlich. Die werden dazu erzogen, Konflikte zu vermeiden. So haben sie auch beim Schreiben die Tendenz, Konflikte auszuklammern. Wahrscheinlich gilt das für Frauen in Deutschland genauso. Für einen Lehrer im Kreativen Schreiben ist es hierzulande wohl eine größere Aufgabe als in Amerika, über diese Hürde hinwegzuhelfen.

SdS: Sind amerikanische Autoren mehr als deutsche darauf bedacht, für den Markt zu schreiben?

JNF: Jeder Autor will für den Markt schreiben - das tut sich nichts. Überhaupt sind sie sich in vielerlei Hinsicht ähnlich. Wenn man nach Ideen fragt, kommt von beiden ungefähr das Gleiche - da ist viel kreatives Potenzial. Die Gemeinsamkeiten sind größer als die Unterschiede.

In den USA sind die Leute an der Ostküste viel verschlossener als die in Kalifornien, wo wir leben. In Kalifornien ist es eine Art Auszeichnung, jedem zu erzählen, was man über alles denkt. Man versteckt keine Gefühle, man lässt sie einfach raus. So ist es für Kalifornier wohl besonders einfach, etwas emotional darzustellen. Zu lernen, wie man Geschichten strukturiert, das hingegen ist etwas, das allen schwerfällt.

SdS: Welchen Ratschlag würden Sie einem neuen Autor geben?

JNF: Man hat das untersucht und herausgefunden, dass die erfolgreichsten Autoren diejenigen sind, die am meisten schreiben. Das ist am allerwichtigsten beim Schreiben - nicht Talent, Ausbildung, Genialität oder so etwas. Das Wichtigste ist, dass Sie Ausdauer haben und viel schreiben. Die erfolgreichsten Schriftsteller sind die, die hunderte und noch mal hunderte von Seiten rausgehauen haben. Das ist meine Erkenntnis: Diejenigen, die am meisten schreiben, sind die erfolgreichsten.

Je mehr man schreibt, desto besser wird man. Das ist genauso, wenn man Geige oder Klavier spielt oder auf bei jeder anderen Kunst. Einige lernen es schnell und veröffentlichen nach ein paar Jahren. Aber für die meisten dauert es acht, neun Jahre bevor sie den Dreh raus haben, wie man eine gute Geschichte erzählt, bis sie ihren eigenen Stil finden und das Genre, das zu ihnen passt - da muss man sich herantasten. Das ist ein erstaunlicher Prozess, aber je mehr Sie machen, desto eher kommen Sie ans Ziel.

SdS: Welche Schriftsteller haben Sie am meisten inspiriert?

JNF: James M. Cain, ob Sie es glauben oder nicht. Er schrieb „Wenn der Postmann zweimal klingelt“, was dann zweimal verfilmt wurde. Er und Raymond Chandler mit seiner wunderbaren Ausdruckskraft. James M. Cain ist unglaublich gut darin, Emotionen auszudrücken, so etwas wie „... küsst das Mädchen und saugt ihr das Blut aus den Lippen”! Alles bei ihm ist intensiv; er war ein bemerkenswerter Autor. Und seine merkwürdigen Themen: Ein Typ verliebt sich in eine Straßennutte in Mexiko. Ein Opernsänger, der seine Stimme verliert. Ein wunderbarer Schriftsteller! Seine Prosa ist auch richtig gut, beinahe poetisch. Aber eher so eine anspruchslose „Lowbrow”-Poesie. Ich kann James M. Cain nur jedem empfehlen.

SdS: Ihr neues Buch „Wie man einen verdammt guten Thriller schreibt“ erscheint jetzt auch in Deutschland. Wie lange haben Sie daran geschrieben?

JNF: Ich liebe Thriller, ich habe viele geschrieben und ich unterrichte viele Thriller-Autoren. Und ich liebe das Genre. Mystery mag ich auch, aber Thriller noch viel mehr. Sie sind aufregender und einfacher zu lesen. Sie sind auch leichter zu schreiben, weil man nicht über die ganzen verdammten Spuren nachdenken muss.

Als ich anfing, dachte ich, ich könnte das in sechs Monaten durchziehen. Es hat dann eher drei Jahre gedauert. Ich habe einen echt blöden Fehler gemacht. In den anderen Schreibratgebern habe ich immer mit einfachen Beispielen für die Entwicklung einer Geschichte gearbeitet. Bei dem Thriller-Buch dachte ich: „Hey, ich habe es immer einfach gemacht, jetzt mache ich es einmal kompliziert.“ Oh mein Gott, was für ein Fehler! Es kompliziert und trotzdem einfach lesbar und verständlich zu machen war ...

Als ich erst mal drinsteckte, war es wie im Sumpf: Je mehr du strampelst, desto tiefer versinkst du und kommt nicht mehr raus. Also musste ich es irgendwie fertigschreiben.

SdS: Wer liest Ihre Bücher zuerst - Ihre Frau? Oder Freunde?

JNF: Ich habe seit 1969 einen Mentor. Er ist der beste Kritiker, den ich habe, einfach fantastisch! Und eine Frau, mit der zusammen ich Workshops mache, die ist auch gut. Auch einige meiner Schüler sind gute Kritiker. Meine Frau auch, aber von ihr mag ich das nicht hören (lacht)! Sie gibt mir auch Ratschläge, aber sie sagt eher so etwas wie: „Oh, da bist du aber zu weit gegangen.“

SdS: Was haben Sie als Nächstes vor?

JNF: Ich schreibe gerade einen Roman über einen Soldaten im zweiten Weltkrieg - eine reale Person. Er fiel in der Schlacht von Saipan im Südpazifik. Während des Schreibens wurde das Thema immer weiter und jetzt geht es um mehr als nur den einen Mann. Die meisten wissen nichts über diese Schlacht und weshalb sie wichtig war. Die Leute wissen auch nicht viel über den zweiten Weltkrieg, deshalb füge ich non-fiktionale Passagen ein, die die Zusammenhänge erklären.

Ich arbeite schon etwa ein Jahr daran und es ist faszinierend. Es ist sehr schwierig, Berichte aus erster Hand zu finden, die einem das Gefühl dafür geben. Sie hatten dort Malaria, Durchfall, vier bis fünf unbekannte Dschungelfieber; zu jeder Zeit war die Hälfte der Leute krank. Die Japaner auch, die waren alle krank. Und sie waren am Verhungern. 250.000 Leute auf einer Insel, die keine 26 Kilometer lang ist - nicht zu glauben! Aber es war faszinierend, darüber zu lesen, und es ist interessant, darüber zu schreiben. Ich versuche die Gefühle der Leute von damals einzufangen - gar nicht so einfach. Aber ich glaube, es wird gut, wenn es erst einmal fertig ist. Manchmal werden die schwierigen Sachen die besten.

SdS: Das können wir dann hoffentlich auch hier in Deutschland lesen!

JNF: Weltweit, hoffe ich doch! Jeder sollte das lesen - es ist das amerikanische „Krieg und Frieden“! Ich habe „Krieg und Frieden“ gerade gelesen, um ein Gefühl für das Schreiben eines Kriegsromans zu bekommen. Ich habe es jetzt zum dritten Mal gelesen und ich liebe das Buch.

SdS: Wenn Sie kein Schriftsteller geworden wären, was wäre dann Ihr Beruf?

JNF: Auftragskiller! Gute Bezahlung für wenige Stunden Arbeit. Da hat man nur ein paar Tage im Jahr zu tun. Ja, ich glaube, ich wäre ein Killer. Nein: Wenn ich kein Schriftsteller wäre, dann wäre ich tot! Ich hätte keinen Beruf. Ich hätte mich schon vor langer Zeit zu Tode gesoffen. Schreiben ist kein Job und auch kein Beruf - es ist eine Lebensart. Es saugt einen auf, man geht völlig in dieser Schriftsteller-Sache auf. Mein Vater wollte, dass ich Zahnarzt werde. Er sagte: „Du arbeitest viel, wenn du jung bist, verdienst einen Haufen Geld, und trittst kürzer, wenn du älter bist.“ „Ja“, sagte ich „aber du schaust den ganzen Tag in Münder!“

Wissen Sie, was Schreiben ist? Es ist eine Geisteskrankheit! Und die ist unheilbar. Es gibt nur eines, das Linderung bringt, und das ist Schreiben. Wenn man es nicht tut, fühlt man sich schlechter. Also machst du weiter, weil du dich sonst furchtbar schlecht fühlst. Also schreibst du und schreibst, schreibst, schreibst. Aber es ist wirklich eine Art psychische Störung. Wenn du als Kind nicht genug geliebt wirst, dann wirst du so. Wahrscheinlich wurdest du von fiesen Eltern geschlagen oder seelisch misshandelt.

Die andere Art von Leuten, die Schriftsteller werden, hatten Eltern wie mich. Da liegt eine Bananenschale auf dem Rasen und meine Tochter sagt: „Guck mal, jemand hat eine Bananenschale auf den Rasen geworfen.“ Ich sage dann: „Nein, die ist von den Affen, die auf dem Dachboden leben.“ Wenn Eltern die Fantasie ihrer Kinder fördern, dann werden die Schriftsteller - das ist der Lohn! Wenn du jemandem erzählst, dass du Schriftsteller werden willst - deinem Mann, deiner Familie - dann sagen sie normalerweise: „Oh mein Gott! Werde lieber Kommunist! Werde was auch immer … Zahnarzt! Aber bloß nicht Schriftsteller!” Die Schriftsteller, die ich kenne und mit denen ich gearbeitet habe, sind fast alle krank. Die sind zwanghaft, sie müssen einfach schreiben und können nicht aufhören. Allein schon die Vorstellung aufzuhören…

Immer wenn Leute sagen, Shakespeare habe sich zur Ruhe gesetzt, sei zurück nach Avon gegangen, habe noch sechs Jahre gelebt und nichts mehr geschrieben, sage ich „Nein, stimmt nicht!“ Das ist unmöglich! Schriftsteller machen immer weiter. Mein Mentor ist 94 und schreibt immer noch. Und er schreibt richtig gut. Unglaublich: in dem Alter, und immer noch voller Feuer. Ich glaube, dass das Schreiben den Geist am Leben hält. George Bernard Shaw ist mit 94 gestorben, und er schrieb noch großartige Stücke.

SdS: James, vielen Dank für das Interview!

JNF: Ich möchte allen danken, dass ich hier in Deutschland sein konnte. Ich hatte eine wundervolle Zeit mit tollen Menschen. Es ist sehr anregend, mit diesen Autoren zu arbeiten. Da fühle ich kaum meine 39 Jahre …

Das Interview führte Frauke Mekelburg für die Schule des Schreibens. Sehen Sie hier das vollständige Interview (englisch mit deutschen Untertiteln):