Schreibtipp: Anfänge – Versprechen und Verführung
Bereits auf der ersten Seite einer Geschichte wissen Sie, ob Sie etwas Unterhaltsames, Experimentelles, eine Biografie oder einen Thriller in den Händen halten. Sie wissen, ob es ein historischer, fantastischer oder realistischer Text ist, ob er ernst oder humorvoll daherkommt und ob Sie es mehr mit persönlichen oder mehr mit weltumspannenden Konflikten zu tun bekommen werden.
Als Autor/-in zeigen Sie, um was für eine Art von Geschichte es sich handelt, wann und wo sie sich zuträgt, wer die Hauptfigur ist und ob es sich lohnt, sie durch diese Geschichte zu begleiten. Damit sich jemand auf Ihr Angebot einlässt, ist es wichtig, von der ersten Zeile an spüren zu lassen, dass Ihre Geschichte interessant, bewegend oder spannend ist. Das gelingt, wenn Sie sich zunächst klarmachen, welche Fragen Sie gleich am Anfang beantworten und welche Sie zunächst offenlassen wollen. Die meisten Textanfänge geben nach und nach Antwort auf die sogenannten W-Fragen:
Wer – ist die Hauptfigur? Meist ist es eine ziemlich gute Idee, direkt mit der Hauptfigur zu beginnen!
Wann – spielt die Geschichte? Früher, heute, in der Zukunft? Früh am Morgen, mitten in der Nacht?
Wo – beginnt es? Planet Erde, Nigeria, in einem Hamburger Friseursalon?
Was – geschieht? Hier geht es um Bewegung. Schon auf den ersten ein, zwei Seiten sollte etwas passieren, das die Situation Ihrer Hauptfigur zumindest graduell verändert.
Wie – geht das vor sich? Hier sind Details gefragt, die etwas über die Situation und die Figuren erzählen.
Warum – geschieht es? Welche Absichten haben die Figuren, welche Ursachen stecken dahinter?
Ein Textanfang kann natürlich nicht alle Informationen zugleich präsentieren. Irgendein Detail muss man zuerst zeigen, dann ein zweites, ein drittes, …
Während der ersten Seiten weitet sich also Schritt für Schritt der Kontext. Zuerst sieht man ein einziges, möglichst interessantes Detail. Dann kommen neue Informationen hinzu und das Detail bekommt eine Bedeutung. Je mehr hinzukommt, desto mehr W-Fragen werden beantwortet, während zugleich neue Fragen entstehen. Man kann sich das wie ein Bild vorstellen, von dem man entweder weg zoomt oder an das man heran zoomt, um so nach und nach immer mehr Details sehen zu können.
Ein Zoom out geht von einem für die Hauptfigur wichtigen Detail aus und weitet den Kontext, bis das Bild der Szene vollständig ist. Zum Beispiel so:
Bild 1: Der gebogene Schnabel eines Raubvogels.
Zoom out: Der Vogel steckt auf einem Pfeil, er ist tot.
Zoom out: Eine behandschuhte Jägerhand hält den Pfeil in Siegerpose in die Luft, der Vogel ist eine Trophäe.
Zoom out: Die Hand gehört zu einem jungen Mädchen mit einem frechen Lachen im Gesicht.
Zoom out: Dem Mädchen gegenüber steht eine Gruppe zorniger, kampfbereiter Jägersmänner. Nur einer von ihnen lächelt anerkennend.
Zoom out wird oft dann genutzt, wenn der Schwerpunkt einer Geschichte auf Beziehungen und Konflikten zwischen Figuren liegt.
Bei unserem Beispiel handelt es sich um einen Moment aus dem Film Drei Haselnüsse für Aschenbrödel. Und natürlich geht es darum, wie Aschenbrödel den Prinzen bekommt.
Ein Zoom in – beginnt mit einem Überblick und geht dann näher an die Details heran, bis ein vollständiges Bild der Situation entsteht.
Bild 1: Die Erdkugel schwebt wie ein leuchtender Edelstein im All.
Zoom in: Der Umriss des nordamerikanischen Kontinents.
Zoom in: Eine nächtliche Stadt, glitzernde Lichter.
Zoom in: Eine Straße in einer typisch amerikanischen Vorstadtsiedlung mit Einfamilienhäusern und gepflegten Vorgärten.
Zoom in: Wohnzimmerfenster, zwei Erwachsene dahinter, dann Schwenk nach oben zum Kinderzimmerfenster.
Zoom in: Ein Junge hört krachend laute Rockmusik und spielt Luftgitarre dazu.
Schnitt: Der Vater stampft die Treppe hinauf, befiehlt dem Sohn Bettruhe und knallt die Tür so fest zu, dass dessen gerahmtes Lieblingsposter auf den Boden kracht und das Glas zerbricht.
Zoom in wird öfter dann verwendet, wenn eine Geschichte von weltumspannenden Problemen handelt. Bei unserem Beispiel handelt es sich um den Anfang eines Musikvideos, das sich mit dem weltumspannenden Thema Rassismus befasst.
Mit welcher Situation anfangen?
Sie können also gleich am Anfang den Blick Ihrer Leser/innen so lenken, dass ein Gefühl dafür entsteht, um was für eine Art von Geschichte es sich handelt. Zugleich können nach und nach Fragen aufwerfen und beantworten.
Aber mit welcher Situation im Leben der Hauptfiguren wollen Sie anfangen?
Eine der wirkungsvollsten Möglichkeiten ist es, Ihre Figuren in einem möglichst konkreten Konfliktmoment zu zeigen. Das muss noch nicht der ganz große Konflikt sein, der die gesamte Geschichte überspannt. Es genügt ein kleiner Konflikt, der darauf hinleitet.
Um beim Aschenbrödel-Beispiel zu bleiben: Sie hat sich den Jägern als überlegene Schützin gezeigt und so ihren Zorn auf sich gezogen. Doch ein Mann ist in unter ihnen, der lächelt. Bekommt Aschenbrödel jetzt Ärger? Ist der lächelnde Mann ein potentieller Verbündeter? Oder eher jemand, der ihr gefährlich werden könnte? '
Der Konflikt ist konkret, der Ausgang ist jedoch offen. Das bedeutet, es ist spannend und wir wollen mehr wissen!
Ein anderes Beispiel wäre der Anfang von Peter Hoegs Roman Fräulein Smillas Gespür für Schnee:
Es friert, außerordentliche 18 Grad Celsius, und es schneit. In der Sprache, die nicht mehr meine ist, heißt Schnee qanik, er schichtet sich zu Stapeln, fällt in großen, fast schwerelosen Kristallen und bedeckt die Erde mit einer Schicht aus pulverisiertem weißem Frost.
Schnee und seine unterschiedlichen Eigenschaften sind das zentrale Motiv in Hoegs Roman. Er bestimmt Vergangenheit und Gegenwart der Figuren und den Gang der Handlung. Man spürt das bereits, wenn man den Anfang liest, weil Schnee offensichtlich für die erzählende Stimme eine persönliche Bedeutung hat.
Wir erfahren, dass diese Figur früher einmal eine andere Sprache gesprochen hat. Und sofort ergeben sich auch hier Fragen: Wer ist dieses „Ich“? Um welche Sprache geht es? Warum spricht die Figur sie jetzt nicht mehr, was ist geschehen? Und was hat es mit dem vielen Schnee auf sich? Warum ist er wichtig genug, um ihn so genau zu beschreiben?