Tückisch
Das Wasser des Teiches liegt glatt vor mir. Wie in einem magischen Spiegel ragen die Bäume in die Tiefe. Ich sehe die Wolken ganz nah vor mir, aufgemalt im tiefen Grünblau des Wassers. Ob es tief ist?
Es ist einsam hier. Lange musste ich querfeldein laufen. Ich habe mich durch Büsche und über umgefallene Bäume gekämpft, um dieses Idyll zu erreichen. Jetzt sitze ich auf meiner Picknickdecke und lausche dem Quaken der Frösche. Ein Urlaubstag ganz nach meinem Geschmack. Keiner, der mich anspricht und ganz dringend Medikamente für eine Spontanheilung fordert. Hier bin ich unbehelligt von allen Klagen über fehlende Gesundheit und Gebrechen. Ich beuge mich vor und lasse meine Hände ins Wasser gleiten. Es ist angenehm kühl. Im Nu sind alle meine Bedenken verschwunden. Ich werde ganz eintauchen in diesen wunderbar erfrischenden Ort und zwar nackt.
Rasch ziehe ich mich aus und taste mich mit den Füßen vorwärts. Der Boden ist schleimig. Mir ist ein bisschen gruselig zumute, weil das Wasser undurchsichtig, fast schlammig wirkt. Bald berühren sanfte Wellen meine Knie. Ich gehe weiter, obwohl eine Gänsehaut meinen Körper überzieht. Als das Wasser meine Brust erreicht, lasse ich mich fallen. Ich schwimme ein paar Züge und bin glücklich. Ein Gefühl der Vollkommenheit und des Friedens erfüllt mich.
Nach einer Weile sehe ich sie vor mir. Ein Teppich von Blüten schaukelt im flirrenden Sonnenlicht, und ich schwimme darauf zu. Was für eine Pracht! Warum habe ich sie vom Ufer aus nicht gesehen? Weiße Wasserlilien, eingebettet in das satte Grün der Blätter. Monet fällt mir ein, sein Seerosenmotiv, und ich denke: Meine Wasserlilien sind schöner, wirklicher, näher. Sie sind nur für mich da. Ganz allein.
Als meine Hand eine Blüte streift, zucke ich zurück. Wie war das noch mit weißen Seerosen? Album aqua lilium, waren die nicht giftig?
Plötzlich spüre ich, wie meine Hand kribbelt. Ich werde ganz starr vor Schreck und versuche mich zu erinnern. Worum ging es da noch? Was für ein Gift? Alkaloid Nupharin und das Glykosid Nymphalin? Ich fange an zu keuchen. Mir fällt ein, dass die ersten Symptome Erregungszustände und Atemlähmung sind. Ich verfluche mein Apothekerinnen-Hirn und fange an, hektisch mit den Armen und Beinen zu rudern. Nichts wie weg.
Da spüre ich, wie sich etwas um meine wild strampelnden Füße legt: Die Fänge der Seerosen. Sie will mich holen. Kalte Furcht schwappt über mir zusammen, genauso wie das Wasser, dass ich in meiner Panik wie wild bewege. „Gefährlich wird es dann, wenn sich Schwimmer in den Pflanzen verheddern und so in Panik geraten.“ Auch das weiß ich aus meinen Lehrbüchern. Was hilft mir das? Ich schlucke diese widerliche Brühe und eine entsetzliche Todesangst breitet sich von meinem Kopf in mein Herz aus. Ich fange an zu schreien und weiß genau, dass mich in dieser Einöde niemand hören wird. Wieder muss ich husten, weil mir das Wasser in Mund und Nase läuft. Die Angst vor dem Ersticken überwältigt mich fast. Hektisch wende ich den Kopf hin und her auf der Suche nach Rettung.
Die Uferböschung ist nur zwanzig Meter entfernt. Zum Greifen nah. Das macht mir Mut. Ich schließe die Augen. Ich konzentriere mich. Ich will nicht sterben! Ich halte meine Beine still. Ich zwinge sie in die Bewegungslosigkeit, obwohl alles in mir danach schreit, die glitschigen Fesseln an meinen Beinen loszuwerden. Ich lege all meine Kraft in die Schwimmbewegung der Arme. Mit mehreren kräftigen Zügen kann ich mich von der glitschigen Unterwasserkrake befreien. Dadurch gelingt es mir meine Beine wieder einsetzen, und ich bin mit wenigen Zügen am Ufer.
Als ich das Land erreiche, bin ich sterbensmüde. Erschöpft lasse ich mich auf meine Decke sinken und fühle mich benommen. Wie im Tran greife nach meinen Sachen und ziehe mich wieder an. Nichts wie weg hier. Dieser Tümpel mit seinen heimtückischen Gewächsen hat mich zum letzten Mal gesehen. Ich schlage nach den Mücken, die mich umkreisen. Elende Blutsauger!
Während ich mich nach Hause schleppe, nehme ich mir fest vor: Meinen nächsten freien Tag verbringe ich im Museum oder in einer Galerie.