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5. Platz:

Mario Julier

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Graublau

Schreibdebüt-Wettbewerb 2021 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Manfred ahnt schon länger, dass in seiner Ehe, in der nur noch Streit herrscht, etwas nicht in Ordnung ist. Alles, was er fühlt, ist Wut. Wut, die Mario Julier für den Leser spürbar werden lässt in seiner Kurzgeschichte „Graublau“.
Die Handlung trägt im Aufbau Züge eines Thrillers. Es beginnt mit der Frage des Protagonisten, wer dieser Andreas Kölsch sei, der für Manfred zum Antagonisten seiner neun Jahre dauernden Ehe geworden ist. Nachdem sich „sein Adrenalinspiegel gelegt hat“, wird Manfred in der Freundesliste seiner Frau bei Facebook fündig und der Antagonist bekommt ein Gesicht. Manfred kannte diesen Blick, kannte diese Augen. Es sind schöne Augen.
Dem Autor ist eine packende Handlung mit einem Spannungsbogen gelungen, der von Anfang bis Ende nicht unterbrochen wird und die Leser in Hinblick auf die Frage, wer der Antagonist ist, in Atem hält. Die Auflösung am Schluss, der überraschende Wendepunkt, wird der Leser sicher noch lange in Erinnerung behalten.


Graublau

Dieses Miststück!
Manfreds Körper bebte. Das Gemisch aus Wut, Eifersucht und Hass mixten in ihm einen hochprozentigen Cocktail – einen Molotovcocktail, der beim kleinsten Funken explodieren würde.
Seine Hand zitterte und er brauchte mehrere Anläufe, um mit dem Mauscursor die Nachrichten zu öffnen.
Schon länger ahnte er, dass etwas nicht in Ordnung war. Das Verhältnis zu seiner Frau Linda bestand nur noch aus drei Worten: Streit, Streit, Streit. Dabei war das doch normal. Streiten gehörte dazu. Man sah es in fast jeder Fernsehserie, lachte darüber, weil man sich selbst in den Streitenden erkannte. Kamen Seitensprünge ins Spiel, so wandte man sich grinsend ab – sowas kann uns nicht passieren. Affären waren reine Fiktionen aus dem Abendprogramm. Doch das hier war keine Fiktion. Lindas Mailpostfach machte es real.
Andreas Kölsch.
Die Nachrichtenchronik zwischen Linda und Andreas war lang. Reichte fast neun Jahre zurück.
Wöchentliche Mails gespickt mit freizügigen Bildern seiner Frau, Verabredungen und Liebesbotschaften.
„…Wir sehen uns Sonntag. Ich liebe dich! Andy.“
Neun Jahre.
Fast genauso lange, wie Manfred sie kannte.
Neun Jahre. NEUN!
Der Cocktail explodierte. Manfred sprang vom Schreibtisch auf, griff nach der Kaffeetasse und schmetterte sie durch das Wohnzimmer. Sie landete direkt im Gesicht einer Castingshow-Kandidatin, die gerade einen Adele Song krächzte.
Die Tasse zersprang und hinterließ ein Loch, von dem aus sich unzählige Sprünge wie Tentakel über dem Fernseher ausbreiteten. Das Gesicht der Sängerin war unheimlich entstellt. Ihre Zähne waren nun dort, wo die Nase sein musste und öffneten sich zu „Set Fire to the Rain“ auf und ab. Ihre Augen vermehrten sich entlang der Risse über den ganzen Bildschirm und erinnerten an Froscheier.
Erschrocken von seiner eigenen Reaktion ließ sich Manfred auf den Bürostuhl zurücksinken.
Sein Adrenalinspiegel legte sich. Eine Weile saß er nur da und betrachtete das falsch zusammengesetzte Puzzle des Fernsehbildes. Als die Kamera über das Publikum schwenkte, sah es wie ein applaudierendes Meer gesichtsloser Köpfe aus.
Siebenhundert Euro dahin!
Sein Blick wanderte auf das Holzregal über dem Fernseher und er fragte sich, warum er nicht auf seine Schwiegereltern gezielt hatte, die ihn gehässig aus einem lächerlich teuren Kristallrahmen angrinsten.
Dann schaute er zum braunen Kunstledersofa. Wie viele Abende hatte er die letzten Jahre hier allein verbracht, wenn Linda nachts im Pflegeheim arbeitete? – Hatte sie wirklich Nachtdienst?
Ich liebe dich! Andy.
Manfred öffnete Facebook. Er brauchte ein Gesicht zu dem Unbekannten.
Andreas Kölsch.
In der Freundesliste seiner Frau wurde er sofort fündig. Das Bild zeigte einen blonden Mann mit Sonnenbrille am Strand. Ein Haus-Icon verdeutlichte, dass er ebenfalls in Wiesbaden wohnte. Sein komplettes Profil war nicht einsehbar, seine Profilfotos hingegen waren öffentlich.
Manfred begann die Bilder durchzuklicken und spürte, wie er wieder anfing zu zittern.
Ein Mann mit Sonnenbrille, zwei Schatten händehaltend im Sand – Linda?, ein Mazda MX-5, wieder der Mann mit Sonnenbrille, der Kölner Dom, Mann mit Sonnenbrille – das kann doch nicht sein!
Nervös hielt Manfred inne. Betrachtete den Mann mit der wohl größten Brillenkollektion der Welt und wollte ihm direkt in die Augen sehen.
Je länger Manfred die Sonnenbrille anstarrte, desto mehr meinte er, dahinter Umrisse zu erkennen. Er vergrößerte das Bild und beugte sich vor. Tatsächlich schienen sich zwei Punkte hinter den dunklen Gläser zu formen. Pupillen, die ihn fixierten.
Ein eiskalter Schauer durchfuhr Manfred und er zuckte vom Monitor zurück.
Etwas stimmte ganz und gar nicht.
Und dieses Etwas versuchte ihn davor zu warnen, sich die Bilder weiter anzusehen.
Doch seine Neugier, seine Ungeduld siegten. Manfred fuhr fort. Mann mit Sonnenbrille, ein Schäferhund mit Weihnachtsmütze, – DAAA!
Das unverschleierte Gesicht von Andreas Kölsch lächelte in die Kamera.
Glattrasiert, markant, er hatte etwas von Robert Redford – ein perfektes Versicherungsvertretergesicht. Selbst die Augen waren blau. Merkwürdig blau.
Nein eher grau – graublau. Manfred erstarrte. Er kannte diesen Blick – kannte diese Augen. Doch wer war der Mann? Ein seltsamer Strom aus Sympathie durchfuhr seinen Körper. Sympathie für dieses perfekt geschnittene Gesicht – diese schönen Augen.
Für wenige Sekunden schien Manfred den Mann zu mögen.
Mögen? Ihn?
Seine Rage kehrte zurück.
„Du Dreckskerl!“, schrie er, bereit, seine Faust mit der nächsten Munitionsladung zu füllen.
„Wer ist ein Dreckskerl?“
Manfred erschrak und drehte sich um.
Sein Sohn stand in der Wohnzimmertür. Barfuß in seinem Transformerschlafanzug, blickte er zu dem zerstörten Fernsehgerät.
„Was ist passiert Papa?“
Manfred wusste nicht, wie er seinen Wutausbruch einem Siebenjährigen erklären sollte.
„Er… er ist einfach umgefallen.“, log er und lächelte.
Sebastian rieb sich die verschlafenen Augen, schaute zu seinem Vater und lächelte zurück.
Und da erkannte es Manfred – das Graublau.

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