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1. Platz:

Silke Mahrt

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Homeoffice

Genre-Wettbewerb 2020 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Die Corona-Krise hat unser Leben für immer verändert. Für manche ist die Krise auch ein Katalysator, der bereits bestehende Mängel offenlegt, so wie in der Geschichte von Silke Mahrt. Sie greift eine Stunde aus dem Leben einer fünfköpfigen Familie heraus, also eine ganz klassische Kurzgeschichte: Ein Ort, eine Zeit, die ideale Erzähleinheit. Hier kann man sich ohne Zeit- und Ortswechsel auf die inneren Vorgänge konzentrieren, die durch die äußeren Vorgänge angedeutet werden. Charlotte ist die Familienmutter, der, obwohl ihr Mann ebenso wie sie, von zu Hause arbeitet, alle zusätzlichen Pflichten aufgebürdet werden: die sich streitenden Kinder, der Kleinste, der in die Hose macht, der Ehemann, der nach seinem Essen brüllt. Das alles ist so intensiv dargestellt, dass man als Leser unwillkürlich nach Luft schnappt.
Und dann die Pointe, die so überaus gelungen ist, weil sie ohne großes Drama auskommt: Charlotte geht vor die Tür, setzt sich auf die Treppenstufen und genießt einen Moment von scheinbarer Freiheit, einen kurzen Moment des Friedens. Dieser Kontrapunkt zu dem seitenlangen Stress vorher ist gleichzeitig realistisch und anrührend. So sind Menschen: Kurz Luft holen und weiter. Das ist sehr gut gesehen und eingefangen.


Homeoffice

„Mama!“
Emilie stand in der Wohnzimmertür. Sie hatte die Arme in die Hüften gestemmt und runzelte die Stirn. Ihre Stimme überschlug sich.
„Mia hat gaaanz laut Musik an und ich habe jetzt Home-schooling.“
„Mama, ich muss kaka!“, tönte es aus Jakobs Zimmer.
Charlotte seufzte und warf einen letzten Blick auf ihren Laptop mit der Präsentation für die neue Gesichtscreme. Abgabetermin war in zwei Stunden, und sie hatte sich noch immer nicht für eine Farbe entschieden.
„Mama, kaka kommt gleich!“
Jakob brüllte. Er musste die Rolf Zuckowski CD von Mia übertönen.
„Mann, könnt ihr nicht Mal leise sein. Charlotte, ich habe eine Telefonkonferenz. Kannst du nicht dafür sorgen, dass die Kinder ruhig sind. Das ist ja das reinste Irrenhaus hier. So kann ich nicht arbeiten.“
Leon knallte die Tür zum Arbeitszimmer zu.
Irrenhaus? Nein, das war doppeltes Homeoffice, Homeschooling, Home-Kita und Home-Krippe auf 120 Quadratmetern. Und das seit 6 Wochen. Sie war Marketingexpertin, Hausfrau, Putzfrau, Lehrerin, Erzieherin, Mutter, Ehefrau ... Die Aufzählung nahm einfach kein Ende. Leon war Unternehmensberater. Punkt.
„Mama, ich muss Schularbeiten machen. Sag Mia, sie soll die Musik ausstellen.“
Emilie. Den Kommandoton hatte sie eindeutig von ihrem Vater. Seit sechs Wochen terrorisierte sie gemeinsam mit ihm die ganze Familie.
Jakob kam breitbeinig ins Wohnzimmer.
„Kaka ist fertig“, verkündete er stolz. Die Duftwolke gab ihm Recht.
Charlotte atmete tief ein. Ein Fehler, den Geruch würde sie noch stundenlang in der Nase haben.
Sie hob ihren zappelnden Sohn hoch und trug ihn mit angewiderter Miene und ausgestreckten Armen ins Badezimmer. Auf halben Weg rief sie:
„Mia, mach die CD leiser. Emilie muss lernen.“
Sie stellte Jakob in die Badewanne und lauschte. Rolf Zuckowski schmetterte weiterhin in voller Lautstärke „Immer wieder kommt ein neuer Frühling, immer wieder kommt ein neuer März ...“ Mia sang mit. Es klang furchtbar schief. Emilie brüllte Mia an, die schrie zurück. Die Musik wurde nicht leiser.
Sie zog Jakob Hose und Unterhose aus und legte sie mit spitzen Fingern ins Waschbecken. Sie drehte die Brause auf. Jakob kreischte. Er hasste Duschen. Sie schnappte ihn und stellte ihn unter den Wasserstrahl. Er brüllte lauter. Mist, das Wasser war zu kalt. Sie hörte Leons Stimme.
„Ruhe, verdammt noch mal. Wie soll ich denn hier arbeiten?“
Er versuchte Mia und Emilie zu übertönen, was ihm erstaunlicherweise gelang. Wieder knallte die Tür.
Charlotte hob Jakob aus dem Duschbecken, wickelte ihn in ein Handtuch und nahm ihn tröstend in den Arm.
„Tut mir leid, dass mit dem Wasser. Ich habe nicht aufgepasst.“
Sie pustete ihm ins Gesicht.
„Mama, lieb“, nuschelte er.
Sie küsste ihn auf die Stirn und vergrub ihre Nase in seinen Locken. Er roch so gut nach Kleinkind.
„Ich hab dich auch lieb.“
Die Kinder konnten nichts dafür. Seit sechs Wochen saßen sie zu fünft in der Wohnung. Zwei Karrieremenschen mit wohlgeratenem Nachwuchs, die Vorzeigefamilie schlechthin. Ihr Leben war ihr oft vorgekommen, wie von einem perfekten Marketingspezialisten entworfen. Doch es brauchte nur einen kleinen, unscheinbaren Virus und von einem Augenblick auf den anderen zerbrach das Bild. Aus dem bunten Werbefilm wurde ein Psychothriller. Sie erlebte ihre persönliche Katastrophe.
Leon hielt sich aus allem heraus. Die Kinder folgten ihr, ganz egal, wohin sie ging. Nicht einmal auf der Toilette hatte sie ihre Ruhe. Sie fühlte sich alleingelassen und überfordert.
Es war außergewöhnlich still. Selbst die Musik war verstummt. Charlotte öffnete die Badezimmertür und schlich mit Jakob auf dem Arm zu den Mädchenzimmern. Emilie saß am Schreibtisch und spielte im Internet. Nach Schulaufgaben sah das nicht aus. Aber Hauptsache sie war ruhig.
Mias Kinderzimmer war leer. Wo steckte die Kleine nur?
Sie brachte Jakob in sein Zimmer und setzte ihn in seine Kuschelecke. Sie drückte ihm seinen Lieblingsteddy in den Arm und stellte die Tonybox an. Leise ertönte die Geschichte von Paw Patrol.
Verdammt, wo steckte Mia bloß? Verstecken war ihr Lieblingsspiel.
„Mäuschen, Mäuschen, sag mal piep!“, raunte sie, um die Stille nicht zu durchbrechen.
Mia antwortete nicht. Ob sie sich einfach wieder an ihren Laptop setzen sollte? Ruhige Zeiten waren knapp und die Präsentation musste unbedingt rechtzeitig raus.
Auf Zehenspitzen tapste sie ins Wohnzimmer. Plötzlich fiel etwas klirrend zu Boden, gleichzeitig schrie Mia auf. Charlotte stürzte in die Küche. Eierschalen lagen auf dem Fußboden und Eiweiß rann die Schrankfronten hinunter. Dazwischen Scherben ihrer besten Keramikschale. Sie hatte sie beim letzten Urlaub in der Toskana gekauft. Inmitten des Chaos stand Mia, von oben bis unten mit Mehl bedeckt, und streckte ihr die blutende Hand entgegen. Ein tiefer Schnitt zog sich über ihren Zeigefinger.
„Mensch, Mäuschen. Was hast du denn schon wieder gemacht? Kannst du nicht aufpassen! Wer soll den ganzen Dreck hier wieder wegmachen?“
„Ich…“, Mia schluchzte. „Ich wollte dir einen Kuchen backen, mit Apfel, damit du dich freust und nicht immer so traurig bist.“
Blut tropfte auf den Küchenfußboden, Mias Gesicht war schmerzverzerrt und die Tränen hinterließen Spuren in der Mehlschicht. Jakob kam in die Küche, sah seine Schwester und brüllte los. Charlotte erwachte aus ihrer Erstarrung, riss ein Geschirrhandtuch vom Haken und wickelte es um den blutenden Finger. Musste das genäht werden? Sie zog Mia am unverletzten Arm.
„Halt das Handtuch ganz fest und leg dich ins Bett. Ich komme gleich. Den Arm schön hochhalten, hörst du. Das wird wieder. Wie bist du nur auf diese blöde Idee gekommen? Du weißt doch, dass du mit dem scharfen Messer nicht schneiden darfst.“
Hastig warf sie einen Blick auf die Uhr. Noch eine Stunde, bis sie die Präsentation abgeben musste.
„Jakob, sei endlich still. Dir tut ja nichts weh. Das ist alles nicht so schlimm. Komm mit in dein Zimmer. Du darfst ein Paw Patroll-Video angucken.“
Wie viele Stunden hatte sie den Kleinen in den letzten Wochen eigentlich Videos gucken lassen? Pädagogisch sinnvoll war das nicht.
Sie holte drei Schokoriegel aus dem Schrank. Alle Kinder mit Schokolade bestechen, vielleicht konnte sie die Präsentation so noch schaffen. Sie suchte ein Video für Jakob heraus und drückte ihm ihr Smartphone und die Süßigkeit in die Hand. Gebannt starrte er auf den Bildschirm.
Mia lag in ihrem Bett und hielt den Arm krampfhaft nach oben. In ihren Augen standen Tränen. Charlotte deckte die Kleine zu und startete erneut Rolf Zuckowski, wenn auch deutlich leiser. Sie legte ihrer Tochter den Schokoriegel in die unverletzte Hand und strich ihr zärtlich über die Wange.
„Entschuldige, Mäuschen, ich wollte nicht schimpfen. Den nächsten Kuchen backen wir zusammen, versprochen. Und ich bin nicht traurig. Ich habe nur so furchtbar viel Arbeit“, flüsterte sie.
Mia schluckte und lächelte. Charlotte drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. Alles noch mal gutgegangen.
Zum Schluss brachte sie Emilie den Riegel, die fasziniert auf den Bildschirm starrte und irgendwelche Figuren abschoss. Was war das denn für ein Spiel? Sie hatte jetzt keine Zeit. Sie wuschelte ihrer ältesten Tochter durchs Haar. Emilie sah nicht einmal auf.
Charlotte schlich ins Wohnzimmer. Dabei kam sie sich lächerlich vor. Sie bewegte sich in ihrer eigenen Wohnung inzwischen wie in einem Minenfeld. Noch 45 Minuten. Falls sie die Präsentation heute nicht ablieferte, würde es richtig Ärger geben. Sie war mit dem gesamten Projekt im Verzug. Abends, wenn die Kinder schliefen und Leon mit einem Glas Wein die neuesten Corona-Nachrichten im Fernsehen sah, verschwand sie mit ihrem Laptop im Schlafzimmer, um im Bett¬office alles nachzuarbeiten. Trotzdem schaffte sie nicht einmal die Hälfte von dem, was ihr Chef von ihr erwartete.
Sie vertiefte sich in ihre Arbeit.
„Wie sieht es denn hier aus? Charlotte, hast du dir die Küche mal angeguckt? Die sieht ja aus wie nach einem Massaker. Und überhaupt. Es ist halb eins. Was gibt es denn heute zu essen?“
Leon stand in der Wohnzimmertür.
„Mama, ich habe Pipi gemacht.“
Jakob erschien hinter seinem Vater in der Tür.
„Mama, bei Mia ist alles ganz eklig voll Blut. Sie hat Momo vollgeblutet.“ Emilie schnaubte. Momo war ihr geliebtes Kuscheltierpony.
In dem Moment klingelte ihr Smartphone, auf dem immer noch Kindervideos für Jakob liefen. Die Mailbox sprang an.
„Frau von Mühlensiefen. Wir warten schon seit einer halben Stunde auf ihre Präsentation. So geht das nicht. Bitte rufen Sie mich umgehend zurück.“
Charlotte riss Jakob das Smartphone aus der Hand, knallte den Laptopdeckel zu, zog den Stecker aus der Steckdose und klemmte sich beides unter den Arm.
„Ihr könnt mich alle mal. Und du, Leon, kümmerst dich jetzt endlich mal um deine Kinder.“
Sie öffnete die Wohnungstür. Ohne sich umzudrehen, verließ sie die Wohnung und knallte die Tür zu. Sie atmete tief durch und setzte sich auf die Treppenstufen. Ein Moment der Ruhe und der Freiheit.
Hinter der Tür hörte sie die Schreie der Kinder. Nur Leon war still.

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