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5. Platz:

Silke Mahrt

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Waldflucht

Genre-Wettbewerb 2020 Runde 2

Das Urteil der Jury:

Eine junge Frau wird in einer Hütte festgehalten. Zuerst gefesselt macht er sie endlich los. Sie kann entkommen, aber er folgt ihr. Der Wald, der einst ihr Freund war, wird ihr jetzt zum Verhängnis.

Silke Mahrts Szene ist ein Albtraum. Die Autorin versteht es, ihre Leser die Verfolgungsszene hautnah miterleben und miterleiden zu lassen. Bestechende Bilder und treffende Worte, die das Leid und die schreckliche Angst der Hauptfigur zeigen. Wir sind dabei, wenn die Hand des Täters die Fesseln der Frau packt, wenn er sie zu sich her schleift, sie umdreht und – wenn die Autorin den Kopf hebt und sie Applaus bekommt. Ein gelungener und lesenswerter Text, der die Leser am Ende sehr geschickt wieder in die Realität zurückholt.


Waldflucht

Ihre nackten Füße wirbelten durch das taufeuchte Gras. Die kalte Luft brannte in ihren Lungen. Der Mond schien viel zu hell. Noch etwa hundert Meter bis zum Waldrand.
Ein Schrei durchschnitt die Stille der Nacht. Es klang schmerzvoll, wie das Heulen eines Wolfes. Sie drehte sich nicht um.
Der Wald, sie musste ihn erreichen. Sie schluchzte auf, Tränen rannen über ihre Wangen. Seit Tagen hatte sie auf diese Gelegenheit gewartet, hatte alles getan, was er von ihr verlangte. Sie hatte gelächelt, das Gesicht von Schmerzen verzerrt. Bis er sie endlich losmachte, ihr glaubte, dass sie freiwillig bei ihm blieb. Sie hatte gewartet, versucht zu Kräften zu kommen.
Ihre Haare fielen ihr vor die Augen, trübten ihren Blick. Unwirsch schob sie die Strähnen zur Seite. Sie strauchelte, fing sich wieder. Der Waldrand. Dunkel erhoben sich die Bäume in der sternklaren Nacht wie dämonische Gestalten. Erde unter ihren Füßen. Sie schrie auf. Ein spitzer Stein bohrte sich in ihre Fußsohle. Sie stürmte weiter. Es war noch immer viel zu hell. Er würde sie finden.
Ein Schauer lief über ihren Körper. Das weiße Kleidchen, das er ihr angezogen hatte, klebte an ihrer ausgemergelten Gestalt. Kalter Schweiß rann ihren Rücken hinab, bedeckte ihr Gesicht. Gänsehaut überzog ihre unbedeckten Arme und Beine. Ihr Kopf dröhnte. Ein stechender Schmerz durchzuckte sie. Sie blieb stehen und stützte die Hände auf ihre bebenden Oberschenkel. Ihre Brüste hoben und senkten sich im Rhythmus ihres keuchenden Atems. Frisches Blut rann ihre Schenkel hinab und färbte den Waldboden rot.
Ein Zweig knackte, es raschelte. Sie durfte nicht rasten. Sie irrte durch die Bäume, die keinen Schutz boten, hinein in die Dunkelheit.
Der Wald war ihr Freund. Sie liebte den Duft der modernden Blätter im Herbst, die Eiskristalle im Winter, die Buschwindröschen im Frühling und die schattendurchtränkte Kühle an einem Sommertag. Immer hatte sie Schutz unter den Bäumen gesucht und gefunden. Doch gerade das war ihr zum Verhängnis geworden. Nach dem Streit mit Tom war sie in den Wald geflohen, brauchte Ruhe, suchte Abgeschiedenheit für ihre Tränen. Er hatte wieder einmal die Verabredung zum Abendessen vergessen, dabei wollte sie ihn endlich ihren Eltern vorstellen. Er hatte ihre Wut nicht verstanden, ihre Enttäuschung. Sie hatten sich gestritten und sie hatte geschrien, sie wolle ihn nie wiedersehen. Wie sinnlos ihr das heute erschien. Dann war sie in den Wald geflohen, wie so oft, wenn sie Trost suchte.
Er hatte sie überwältigt, als sie allein am Ufer des Baches saß. Das sprudelnde Wasser, das Rauschen des nahen Wasserfalls hatten seine Schritte überdeckt. Als sie seinen strengen Geruch wahrnahm, war es zu spät. Ein Tuch vor der Nase raubte ihr den Atem. Er schleppte sie wie einen nassen Sack immer tiefer in den Wald hinein. Das Zwitschern der Vögel verstummte ebenso wie das Säuseln des Baches. Sie hörte nur seinen keuchenden Atem. Sie konnte sich nicht bewegen. Die Angst schnürte ihr die Kehle zu. Wie ein Stück Vieh warf er sie in die Ecke einer dunklen Hütte, verband ihr die Augen und fesselte ihr Hände mit einer Kette an eine Wand. Sie konnte nur kriechen, sich nicht aufrichten. Es roch so streng, nach Fäulnis und Verwesung, nach altem Schweiß. Ein Würgereiz schüttelte sie, als er seinen Körper an ihren drängte, seine haarigen Arme um sie schloss. Er gab ihr ein weißes Kleid, zwang sie es anzuziehen. Es war kalt in der Hütte und sie fror erbärmlich. Er bürstete ihr Haar, er streichelte mit seiner schwieligen Hand ihr Gesicht. Dann schlug er sie, seine Zähne bohrten sich in das zarte Fleisch ihrer Brüste, bis das Blut herausquoll und sich das Kleid rot färbte. Er leckte, er schmatzte, zerrte an ihren Haaren. Er weinte und seine Tränen benetzten ihre eiskalte Haut.
Tage vergingen, die Zeit floss dahin wie der plätschernde Bach ohne Halt. Manchmal verschwand er und ließ sie gefesselt und allein in der Hütte liegen. Die Fenster waren vernagelt, kein Licht drang in den Raum. Die Einsamkeit raubte ihr die Luft zum Atmen. Sie hatte Angst, er käme niemals zurück. Sie fürchtete sich vor seiner Rückkehr. Sie sehnte sich nach seiner Nähe, die Laute einer menschlichen Stimme. Und die Zeit blieb stehen. Wenn er zurückkehrte, gab er ihr Essen und Trinken, wiegte sie in seinen Armen, bis der Dämon ihn wieder übermannte.
Einmal hatte sie Stimmen gehört, die ihren Namen riefen, ganz nah. Vielleicht hatte sie auch nur geträumt?
Ein Keuchen, ganz nah. Stammte dieser unmenschliche Laut von ihr oder hatte er sie bereits eingeholt? Immer tiefer drang sie in den Wald ein. Die Arme der Bäume griffen nach ihr, die Stämme stellten sich ihr in den Weg, wollten sie aufhalten. Der Wald war nicht ihr Freund, wie hatte sie das nur jemals denken können? Ihr Fuß verfing sich in einer Wurzel, sie stürzte, richtete sich wieder auf. Ein stechender Schmerz durchfuhr ihren Körper. Ihr Fuß tat so weh. Sie konnte nicht mehr auftreten. Sie hüpfte auf einem Bein, strauchelte. Sie humpelte tiefer in die Dunkelheit hinein. Die hohen Bäume verdeckten den Mond. Kaum sah sie, wohin sie taumelte. Undurchdringliche Stille hüllte sie ein, raubte ihr den Atem.
Ein Schrei, ein Stöhnen, ganz nah. Etwas stieß gegen ihren Rücken. Sie fiel auf den Waldboden. Modriger Geruch stieg in ihre Nase. Sie robbte vorwärts. Eine klauenartige Hand umschloss ihren Fußknöchel. Sie schrie auf, schob verzweifelt die Arme nach vorne und zappelte mit den Beinen. Sie versuchte, sich zu befreien, doch unerbittlich umklammerten die Klauen ihren Fuß, zogen ihren Körper zurück. Sie spürte seinen heißen Atem in ihrem Nacken, roch Fäulnis und Verwesung. Er stammelte Worte, halb wütend, halb liebevoll. Ihre Kräfte ließen nach. Ihr Kopf sank auf den Waldboden, sie zitterte unkontrolliert und schluchzte. Er dreht sie um.
Elisabeth hob den Blick.
Stille.
Danach der Applaus. Ihre erste Lesung war vorbei. Sie hatte es geschafft.

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