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2. Platz:

Silke Mahrt

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Verrat

Schreibdebüt-Wettbewerb 2019 Runde 2

Das Urteil der Jury:

Die Kurzgeschichte „Verrat“, die inhaltlich und sprachlich-stilistisch wie ein Spannungsroman aufgebaut ist, erzählt von den psychologischen Mechanismen einer Frau, die von ihrem Mann verlassenen wurde. „Ihr schaute eine alte Frau entgegen. Das Make-up war verlaufen, wässrig-blaue Tränenspuren liefen über ihre Wange. Die Falten um Mund und Augen wirkten wie verknittertes Papier“. Um ihr Selbstwertgefühl zurück zu erlangen, täuscht sie einen Überfall vor. Die personale Erzählerin fragt sich, ob sie an alles gedacht hat, bevor sie die Haustür öffnet und blutend auf die Straße stürzt. Gerne hätte sie „ihren Verletzungen noch Würgemale“ hinzugefügt, aber die „Schnitte mussten reichen“. Das Messer, mit dem sie sich die Schnitte zugefügt hat, hat sie „für ihn gekauft, für sie, für sich selbst, sie wusste es nicht."
Gekonnt steigert die Autorin Silke Mahrt das Erzähltempo an der Stelle, an der die Handlung eine entscheidende Wende nimmt. Plötzlich ist die langersehnte Aufmerksamkeit da: „ein fremder Mann, dem sie um den Hals fällt, die Polizei, ein Rettungswagen. Eine Polizistin hüllte sie in eine Decke. Sie merkte, wie sehr sie fror." Nachdem die Protagonistin es geschafft hat, wieder Kontakt zu ihrem Mann aufzunehmen, betrachtet sie ihr Gesicht in ihrem Schminkspiegel. Doch anders, als in der Anfangsszene, ist sie sich nun sicher, dass sie „schön ist“.


Verrat

Vorsichtig, beinahe zärtlich zog sie das Messer über die Innenseite ihrer linken Brust. Fasziniert sah sie dem ersten Blutstropfen nach, der fast in Zeitlupe von ihrem Busen hinab auf ihren noch immer schlanken Bauch lief. Sie erschauderte. Ein Zittern durchlief ihren Körper. Dann kam der Schmerz. Sie hieß ihn willkommen, zeigte er ihr doch, dass sie lebte, etwas empfand.
Wieder setzte sie das Messer an, mutiger jetzt. Sie drückte stärker zu. Hoffentlich blieben keine Narben. Nicht zu kräftig. Sie atmete tief ein. Wie oft musste sie sich schneiden? Drei Mal, vier Mal? Drei war eine magische Zahl. Alle guten Dinge waren drei. Drei Mal sollten reichen. Sie zuckte zusammen. Verdammt tat das weh.
Sie zerschnitt ihren Slip, genauso, wie vor wenigen Minuten ihre Bluse, das Unterhemd und den BH. Ein komisches Gefühl, es erinnerte sie an ihre schlimmsten und schönsten Träume. Sie ekelte sich und war doch seltsam erregt. Sie setzt das Messer an ihre Scham. Ein Schauder lief über ihren Körper. Das nicht, das ging zu weit. Wie von selbst glitt das Messer hinab an die Innenseite ihres Oberschenkels. Sie drückte zu. Der Schmerz trieb ihr die Tränen in die Augen. Gut, es war gut, wenn sie weinte. Dann sah alles realistischer aus.
Sie schnappte sich ihren Lieblingsschal aus der Kommodenschublade. Sie legte ihn um ihren schlanken Hals und zog zu. Ein leichtes Gefühl der Enge stellte sich ein, aber ob das reichte? Sie nahm den Schal wieder ab und sah in den großen Flurspiegel.
Erschrocken hielt sie inne. Ihr schaute eine alte Frau entgegen. Das Make-up war verlaufen, wässrig-blaue Tränenspuren liefen über ihre Wange. Die Falten um Mund und Augen wirkten wie zerknittertes Papier. Tropfen rannen ihren Körper hinab und hinterließen blutige Spuren. Von ihrem Schenkel tropfte Blut auf den Dielenboden. Hoffentlich ließ sich das wieder entfernen. Ihr Gesicht war tränenüberströmt, ihre Haare, die sie stets ordentlich frisierte, fielen ihr wild auf die schmalen Schultern. Ihr Blick war irr, sie erkannte sich selbst nicht mehr in ihrem Spiegelbild. Wenn er sie so sehen würde, dann wäre alles vorbei.
Sie betrachtete ihren Hals genauer. Würgemale waren nicht zu erkennen. Wütend warf sie den Schal zurück in die Kommodenschublade. Die Schnitte mussten reichen. Zu mehr fand sie keine Kraft.
Sie zog den Schal wieder aus der Schublade und wischte den Griff des Messers ab. Sie hatte es erst vor drei Wochen gekauft, an dem Tag, an dem er es ihr gesagt hatte. Sie hatte sich in die Bahn gesetzt, war nach Hamburg gefahren und hatte einen Laden für Jagdzubehör gesucht. Dort hatte sie das Messer gekauft, für ihn, für sie, für sich selbst, sie wusste es nicht.
Noch einmal atmete sie tief durch. Sie legte die Hand auf ihre blutende Brust, fuhr sie sich mit den Fingern durch das Gesicht. Sie öffnete die Haustür und stürzte auf die Straße. Hatte sie wirklich an alles gedacht?
„Hilfe, bitte helfen Sie mir“, stöhnte sie leise.
Niemand war zu sehen. Verzweiflung überkam sie. Sie trat auf die Straße, Bremsen kreischten. Ein Auto kam zum Stehen. Ein Mann stieg aus.
„Hilfe, bitte helfen Sie mir. Ich bin überfallen worden.“
Weinend fiel sie dem fremden Mann um den Hals, atmete seinen Duft ein. Der Fremde legte seine Arme um sie. Zum ersten Mal seit langem war sie wieder geborgen.
Dann ging alles ganz schnell. Die Polizei war da, ein Rettungswagen kam. Eine Polizistin hüllte sie in eine Decke. Sie merkte, wie sehr sie fror.
Die Polizisten stellten ihr viele Fragen, doch sie erinnerte sich kaum. Unwirklich erschienen ihr selbst die letzten Stunden.
„Ich bin wach geworden und da stand da ein Mann in meinem Schlafzimmer. Ich habe mich fürchterlich erschrocken. Ich dachte, es wäre ein Einbrecher. Ich konnte an ihm vorbei in den Flur fliehen und dann ….“ Hier brach ihre Stimme. Die Polizistin war verständnisvoll. „Können Sie den Mann beschreiben?“, fragte sie.
Sie gab eine Beschreibung. Mittelgroß, mittelbreit, mittelalt, schwarz gekleidet, schwarze Strumpfmaske. Sie sah den Mann fast vor sich. Und nein, sie kannte ihn nicht.
„Wie ist der Mann in Ihre Wohnung gekommen?“, fragte die Polizistin.
„Ich habe wohl vergessen gestern Abend die Terrassentür zu schließen“, stammelte sie. „Es ist alles meine Schuld, meine Schuld.“
Dann brach sie weinend zusammen. Der Rettungswagen fuhr sie ins Krankenhaus. Alle waren sehr nett zu ihr, kümmerten sich um sie, bedauerten sie.
„Sollen wir jemanden für Sie anrufen?“, fragte die Krankenschwester sie mitleidig.
„Ja, meinen Mann bitte“, hauchte sie und gab der Schwester den vorgefertigten Zettel mit seiner Handynummer. Nun musste er zu ihr zurückkommen.
Mit einem Lächeln holte sie ihren Schminkspiegel hervor und betrachtete ihr Gesicht. Sie war schön.

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