Suche
X

Infos anfordern

Kostenlos und unverbindlich!
Frau Herr

Datenschutz

Bitte füllen Sie alle Pflichtfelder aus.

2. Platz:

Jasper Flynnt

-

Jetzt oder nie

Schreibdebüt-Wettbewerb 2020 Runde 2

Das Urteil der Jury:

Jetzt oder nie behandelt ein klassisches Sujet. Es geht um „das erste Mal“, um die Nervosität, das Zögern, die Zweifel und Ängste. In diesem Fall gibt es jedoch einen Twist. Die Geschichte erzählt von einem Coming Out, das zwar nicht definiert wird, dennoch aber deutlich macht, der Ich-Erzähler steht nicht auf Frauen. Er hat schon länger diesen Verdacht, und er hat Angst davor, ihn zur Gewissheit zu erhärten. Als sich ihm eine Gelegenheit bietet, beschließt er, sie zu nutzen. Die psychologische Situation ist komplex, und die Entdeckung der sexuellen Identität wird nicht heroisiert oder romantisiert oder als große Errungenschaft gezeigt. Wir haben es eher mit einem für alle Beteiligten demütigenden Ereignis zu tun. An einer Stelle wird es direkt gesagt: Ich war ein Arsch, ich benutzte sie, um herauszubekommen, was mit mir los war. Selbst in diesem emanzipatorischen Akt ist die junge Frau also lediglich ein Objekt und die Selbsterkenntnis hat einen Preis, den jemand anders zahlen muss. Man spürt, dass die Ich-Figur nicht stolz darauf ist. Jasper Flynnts Geschichte wird durch diesen ganz und gar unglamourösen Realismus zu etwas Besonderem.


Jetzt oder nie

Ich lernte Andrea auf einem Lehrgang kennen. Sie war es, die den Kontakt bei einem Mittagessen in der Kantine herstellte, als sie mich fragte: „Bei welcher Bank arbeitest du?“

Es stellte sich heraus, dass sie ihre Ausbildung bei einer Bank in der Nähe meines Wohnortes machte. Ein paar Tage später sagte sie: „Wir können uns ja mal treffen.“ Und fügte hinzu: „Ins Kino gehen, oder so?“

Ich fühlte mich geschmeichelt, denn sie sah nicht schlecht aus und hatte eine bodenständige Art an sich, die mir gefiel. Sicherlich bin ich errötet und habe irgendetwas gestammelt wie „warum nicht?“, obwohl ich mich eigentlich nicht mit ihr treffen wollte. Mir ging das alles zu schnell. Viel zu schnell. Dass sie sich in mich verknallt hatte, ahnte ich nicht.

Am Ende des Lehrgangs bat Andrea mich um meine Telefonnummer. Ich schrieb sie auf, und sie rief tatsächlich ein paar Tage später an. Sie war total nett am Telefon. Wir verabredeten uns für den nächsten Samstagabend, um ins Kino zu gehen.

Es war das erste Mal, dass ich mit einem Mädchen ausging. Bei dem Gedanken an die Verabredung mit Andrea zog sich mein Magen zusammen. Andere Jungs in meinem Alter hätten damit angegeben, dass sie mit solch einer Frau ausgingen, nur ich behielt das Date für mich. Meinen Eltern erzählte ich davon, klar, aber nur, um keinen Verdacht zu erregen. Es fühlte sich falsch an, mit einer Frau auszugehen, für die ich nichts empfand, mit der ich nur ausgehen würde, um mir und anderen zu beweisen, dass ich normal war. Am meisten hatte ich Angst vor dem Sex mit ihr. Darauf würde das Treffen hinauslaufen, da war ich mir sicher. Immerhin würde ich dann Antworten finden. Ich steigerte mich so in meine Ängste hinein, dass ich nachts nicht schlief, aber absagen wollte ich trotzdem nicht. Vielleicht bildete ich mir alles nur ein?

Vor dem Kino hakte sich eine Andrea ein, die nichts mehr mit der biederen Bankkauffrau vom Lehrgang zu tun hatte. Ihre Haare hatte sie gegelt, ihr Gesicht grell geschminkt. Ich vermied einen Blick auf den Minirock, unter dem scheinbar endlos lange Beine in den Boden wuchsen. Während des Films, an dessen Titel ich mich nicht mehr erinnere, rückte sie immer näher an mich heran. Im Dunkel des Saals spürte ich, wie sie mich unentwegt anstarrte und dabei strahlte. Ich drückte mich in die entgegengesetzte Sessellehne, sie rückte nach. Alles in mir verkrampfte sich. Was würde nach dem Kino passieren? Würde sie mich auf ihr Zimmer bitten? Einerseits wollte ich, dass sie mich fragte, andererseits flehte ich, es nicht zu tun. Als sie ein nahezu unverhülltes Bein über meines legte, traten Schweißperlen auf meine Stirn. Ich wollte es wissen, und so tat ich Dinge, die ich nur tat, weil ich glaubte, sie tun zu müssen. Ich fühlte mich elend. Mechanisch strichen meine Fingerkuppen über ihre Strumpfhose, was ein leises Stöhnen bei ihr auslöste und in mir den Widerwillen verstärkte.

Endlich war der Film aus. Vor dem Kino standen wir schweigend nebeneinander. Mein Gehirn war blockiert. Sie starrte mich fordernd an. Ich durchbrach die Stille, weil ich ihre Blicke nicht länger ertrug.

„Soll ich dich nach Hause bringen?“, fragte ich sie.

Etwas in mir hoffte, sie würde nein sagen, um uns beiden die Blamage zu ersparen, andererseits hätte ich dann nie gewusst, ob ich mit meiner Vermutung richtig oder falsch lag.

Ein paar Minuten später saß sie neben mir im VW-Käfer und strahlte mich wieder von der Seite an. Ich schaute stur auf die nasse Fahrbahn, wagte es nicht, ihren Blick zu erwidern. Mein Körper war erstarrt, ich bekam kaum Luft. Ich war ein Arsch, ich benutzte sie, um herauszubekommen, was mit mir los war.

Als wir angekommen waren, stellte ich den Motor ab und starrte nach vorne auf den nassen Asphalt. Und dann stellte sie die Frage: „Kommst du mit hoch?“

Sie schaute mich an. Ich atmete durch und entspannte mich. Immer drängender wollte ich es wissen. Da diese Gelegenheit vielleicht nie wieder kommen würde, nickte ich entschieden und irgendwie erleichtert. Bis zum Hals schlug mein Herz, als ich ihr folgte. Es gab kein Zurück mehr. Jetzt oder nie.

Wie ich befürchtet hatte, blieb die Blamage nicht aus. Bei mir regte sich nichts, obwohl sie es sehr geschickt anstellte, mich geil zu machen. Ich bemühte mich, Lust zu empfinden, aber es gelang mir nicht, und so brach sie ab und setzte sich auf.

„Was ist los mit dir?“

Ich konnte ihr nicht einmal in die Augen sehen.

„Ich weiß es nicht.“

„Bin ich nicht attraktiv genug?“

„Nein, das ist es nicht.“

Meine Ahnung, dass irgendetwas nicht mit mir stimmte, hatte sich bestätigt. Sie saß mit dem Rücken zu mir auf der Bettkante und sah mich nicht an. Weinte sie? Ich zog mich so schnell ich konnte an. Ohne ein weiteres Wort verließ ich das Zimmer.

Während der Heimfahrt hielt ich auf einer Autobahnbrücke an. Ich lehnte mich über das Geländer und schaute den sich in der Dunkelheit auflösenden Rücklichtern nach. Ich hatte eine Antwort auf meine Frage gefunden, die mich nicht glücklich machte, und um welchen Preis? Andrea sah ich nie wieder.

-