Kristina Holler aus Aurachtal
Fernlehrgang: Schreibwerkstatt mit Schwerpunkt Kinder- und Jugendbuch
Fernlehrgang: Schreibwerkstatt mit Schwerpunkt Kinder- und Jugendbuch
Luisa, 13 Jahre alt, badet im See. Sie versucht, die roten Erinnerungen wegzubaden. Das Blut ihrer Mutter, die sich die Pulsadern aufgeschnitten hat. Das Blut des Vaters, den Luisa getötet hat.
Kristina Hollers Text ist in zwei Teile geteilt. Der erste spielt mit bildhaften Szenen, die die Leser nicht mehr loslassen. Ein Mädchen, das versucht, sich im See reinzuwaschen. Im zweiten Teil nimmt die Hauptfigur Kontakt mit einer Frau auf, die ihr am Ende helfen wird. Hier sind es die Dialoge, die bestechen. Am Ende der Geschichte bleibt Trost. Trost, dass das Leben des jungen Mädchens irgendwann wieder lebenswert sein wird. Ein eindringlicher Text!
Sie trug ein Kleid aus blassblauem Leinen, das zu groß für sie wirkte. Der Stoff kratzte auf ihrer Haut, doch das störte sie nicht. Die Sonne färbte gerade den Horizont orange und rot und obwohl es noch so früh am Morgen war, fror sie nicht. Die Nacht... Kurzgeschichte lesen
Sie trug ein Kleid aus blassblauem Leinen, das zu groß für sie wirkte. Der Stoff kratzte auf ihrer Haut, doch das störte sie nicht. Die Sonne färbte gerade den Horizont orange und rot und obwohl es noch so früh am Morgen war, fror sie nicht. Die Nacht hatte es kaum geschafft, die Hitze des Tages zu vertreiben. Als sie auf die Veranda trat, quietschte die Tür der kleinen Blockhütte. Das Geräusch wirkte seltsam deplatziert und tat in den Ohren weh. Auf der letzten Stufe der kleinen Treppe verharrte sie einen Moment regungslos und lauschte. Außer dem Zwitschern der Vögel, einem fernen Rascheln im Unterholz und ihrem Atem konnte sie nichts hören. Wohin sollte sie gehen? Letztendlich gab es ohnehin nur einen Weg für sie. Der Boden fühlte sich angenehm kühl an unter ihren bloßen Füßen. Sie atmete tief den lebendigen Duft des Waldes ein. Das morgendliche Konzert der Vögel hatte währenddessen seinen Höhepunkt erreicht und ihre dunklen Gedanken schwebten mit den Tönen gen Himmel und davon. Immer tiefer drang sie in den Wald vor und mit jedem Schritt fühlte sie sich leichter. Ihre Lunge füllte sich gierig mit Luft, so als hätte sie das Atmen neu entdeckt. Sie spürte, wie ihr Körper kribbelte, berauscht vom frischen Sauerstoff und der Bewegung.
Nach einer Weile erreichte sie einen kleinen See. Nein, nicht irgendeinen See – IHREN See! Wie oft war sie hier in glücklichen Tagen mit ihrer Mutter gewesen. Die aufgehende Sonne tauchte den Wald in goldenes Licht. Sie setzte sich an ihren vertrauten Platz am Ufer, den schweren Rucksack stellte sie neben sich ins Gras.
Sie schloss die Augen und ließ die Sonne goldene Sterne auf das Innere ihrer Augenlider zaubern. Wenn sie in sich hinein lauschte, konnte sie das Lachen ihrer Mutter hören. Eine einzelne Träne lief ihre Wange hinunter und hinterließ eine helle Spur, bevor sie ins Gras tropfte.
Nach einer Weile erhob sie sich und ging langsam die wenigen Schritte bis zum See. Ein Entenpärchen brachte sich empört schnatternd in Sicherheit. Das Wasser umspielte ihre Knöchel und streichelte ihre Seele. Von der Wasseroberfläche blickte ihr ein fremdes Gesicht entgegen. Tiefe Schatten unter den Augen zeugten vom Schlafmangel der letzten Tage. Wie Sommersprossen leuchteten die kleinen roten Sprenkel in ihrem Gesicht und bildeten einen Kontrast zu der blassen Haut. Die blonden Haare waren stellenweise verfilzt, die Lippen aufgeplatzt und die Flecken am Hals sahen beinahe schwarz aus.
Vorsichtig zog sie das Kleid aus und ließ sich ins Wasser gleiten. Die Kühle tat ihrem geschundenen Körper gut. Sie tauchte unter und genoss das Kribbeln, das sich schnell in allen Gliedern ausbreitete. Mit ein paar kräftigen Schwimmzügen schwamm sie in die Mitte des Sees. Dort drehte sie sich auf den Rücken und ließ sich treiben. Eine große Libelle sirrte über sie hinweg, leuchtend blau und schwerelos. Sie gab alles Gewicht an das Wasser ab, das sie ohne Widerstand trug. Dabei konnte sie förmlich spüren, wie das Wasser ihren Körper und ihre Seele reinigte. Die Bilder der letzten Stunden zogen durch sie hindurch und schwammen davon. Sie ließ es einfach geschehen.
Als Gänsehaut ihren ganzen Körper bedeckte, ließ sie sich vom Wasser ans Ufer treiben. Ihre nassen Haare klebten an ihrem Körper so wie kurz darauf das blaue Kleid an ihrer noch feuchten Haut.
Sie öffnete den Rucksack und zog ein Bündel Kleidung und ein Stück Seife heraus. Sorgsam verschloss sie den Rucksack wieder. Er enthielt alles, was sie noch hatte. Vorsichtig nahm sie das Bündel und wickelte das große Messer aus. Es glänzte in der Sonne und war zentnerschwer, so dass sie es auf das Gras legen musste, unfähig, es weiter in der Hand zu halten. Trotzdem würde sie es behalten. Vielleicht könnte es noch einmal nützlich sein. Sie atmete tief durch und nahm ihre ganze Kraft zusammen. Trotzdem zitterten ihre Hände, als sie das Messer hoch hob und die Klinge in den See tauchte. Das noch feuchte Blut löste sich sofort und bildete rosafarbene Schlieren. Andere Bilder tauchten vor ihrem inneren Auge auf.
Blut, das in ein Waschbecken tropfte und langsam eine rote Spur zeichnete, bis es im Abfluss verschwamm.
Blut auf weißen Laken, wenn ihr Vater nachts in ihr Bett kam.
Blut, das aus ihrer Mutter floss, nachdem sich diese ihre Pulsadern aufgeschnitten hatte, weil sie es nicht mehr ertragen konnte, damals, als sie noch in der Stadt lebten.
Der Geschmack von Blut in ihrem Mund.
Das Rauschen des Bluts in ihren Ohren, als er versuchte, sie zu erwürgen, weil sie weglaufen wollte.
Blut, das aus dem Hals ihres Vaters pulsierte, nachdem sie ihm das Messer dort hinein gerammt hatte.
Eine ganze Welt aus Blut.
Es dauerte eine Weile, bis der See das Blut soweit verdünnt hatte, dass es nicht mehr sichtbar war und noch länger, bis die roten Erinnerungen sie wieder freigaben. Sie trocknete das Messer an ihrem Kleid. Dann setzte sie sich auf einen Felsen und schrubbte ihre Kleidung mit Seife und einem Stein und danach noch einmal sich selbst bis ihre Haut genauso rot leuchtete wie das Blut, das sie abzuwaschen versuchte.
Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als sie den See endlich hinter sich ließ.
Nicht weit entfernt stieß sie auf die Landstraße. Kurz darauf hielt ein Auto an.
Die Fensterscheibe glitt nach unten. Eine Frau mit kurzen dunklen Haaren musterte sie. Die Augen hinter ihrer auffällig roten Brille weiteten sich und auf ihrer Stirn bildeten sich Falten.
„Was ist denn mit dir passiert?“ fragte sie.
„Ich bin vom Fahrrad gefallen.“
Die Frau im Auto zog die Augenbrauen hoch, sagte aber nichts.
„Können Sie mich mit in die Stadt nehmen?“ Ihre Hände krallten sich in die Schlaufen des Rucksacks.
Die Frau musterte sie erneut eindringlich. Dann jedoch glätteten sich ihre Gesichtszüge und sie nickte.
„Steig ein.“
„Vielen Dank!“ Das Leder des Beifahrersitzes knarzte, als sie einstieg.
Die Frau am Steuer warf ihr einen seltsamen Blick zu, während sie einen Gang einlegte und losfuhr. Der Motor schnurrte leise wie eine Katze.
Nach einer Weile fragte die Frau: „Wie heißt du?“
„Luisa.“
„Wie alt bist du denn, Luisa?“
„Dreizehn.“ Wieder dieser Blick.
„Warst du schwimmen in dem See? Deine Haare sind ja noch nass.“
„Ja“, Luisa bemühte sich zu lächeln, „ich war nach meinem Sturz voller Erde.“
Die Frau schwieg.
„Ist wirklich sehr nett, dass Sie mich mitnehmen.“
Schweigen breitete sich im Auto aus und Luisa spürte erst jetzt, wie müde sie war. Sie ließ sich tiefer in den Sitz sinken. Ihre Augenlider wurden immer schwerer.
Kurz bevor Luisa einschlief, sagte die Frau am Steuer: „Muss ja wirklich wertvoll sein dein Rucksack, so wie du ihn umklammerst.“
Plötzlich war Luisa wieder hellwach. Was war das für ein Unterton in der Stimme der Frau? War es ein Fehler gewesen in das Auto zu steigen?
„Nur ein paar Erinnerungsstücke an meine Mutter.“ Und leiser fügte sie hinzu: „Das ist alles, was ich noch von ihr habe.“
„Wo ist deine Mutter?“
„Sie ist tot.“
Das tut mir leid.“ Die Frau klang ehrlich mitfühlend. „Und was ist mit deinem Vater?“
„Der auch.“ Es lag mehr Schärfe in ihrer Stimme, als sie beabsichtigte.
„Wo wohnst du denn dann?“
Die Richtung des Gesprächs gefiel Luisa nicht. Ihre Hand tastete nach dem Messer in ihrem Rucksack. Gut, dass sie es behalten hatte.
„Lassen Sie mich aussteigen. Sofort!“ Ihre Stimme zitterte.
Die Frau musterte sie erneut, machte aber keine Anstalten langsamer zu fahren.
Stattdessen fragte sie: „Was ist wirklich passiert? Ich kenne kein Fahrrad, dass bei einem Sturz Würgemale am Hals hinterlässt.“
„Aber... Woher wissen Sie...?“ stotterte Luisa.
„Ich bin Anwältin und habe schon unzählige Frauen und Kinder mit diesen Verletzungen gesehen.“ Luisa sah die Frau mit großen Augen an. „Was auch immer passiert ist, ich kann dir helfen. Wenn du mich lässt.“
Die Frau hatte das Auto nun doch angehalten. Mit laufendem Motor standen sie am Straßenrand. Sie konnte fliehen, einfach nur die Autotür aufreißen und im Wald verschwinden. Was aber, wenn die Frau die Wahrheit sagte. Der innere Kampf kostete mehr Kraft, als Luisa aufbringen konnte. Ihr Körper gehorchte ihr nicht mehr. Es war genug, ihre Energie war aufgebraucht. Sie sah der Frau in die Augen und entdeckte dort nichts als Sorge und Mitgefühl. Und dann spürte sie, wie mit einem mal die Anspannung von ihr abfiel. Es war, als würde ein Damm brechen. Das Schluchzen kam tief aus ihrem Inneren. Tränen tropften auf das Kleid aus blassblauem Leinen, das einst ihrer Mutter gehört hatte. Sie spürte die Hand der Frau auf ihrer Schulter. Was auch immer kommen würde, es konnte nur besser werden.
Joshua steht vor einer Vogelscheuche, die beklemmende Gefühle in ihm weckt. Als er kurz darauf ein Foto mit ihm und seinem Bruder Jamie findet, weiß er, hier war es gewesen – genau hier war sein Bruder an ein Holzkreuz gefesselt worden, hier hatte Jamie eine Nacht ausharren müssen, ausgeliefert und völlig alleingelassen. Und er war schuld daran gewesen.
Dieser Text ist beängstigend real. Ein Mann wird mit seiner Vergangenheit konfrontiert, die er seit seiner Kindheit verdrängt hatte. Er erinnert sich, er leidet, doch er hat die Möglichkeit, seine Schuld wiedergutzumachen und sich mit seinem Bruder zu versöhnen. Die Autorin hat einen Text geschrieben, der den Leser mit Haut und Haaren gefangen nimmt und ihn nachdenklich zurücklässt.
Es war totenstill, als Joshua aus seinem alten Opel Kadett stieg. Die Luft stand und die gefühlte Temperatur lag weit über der 30-Grad-Marke. Bei dieser Hitze hatten nicht einmal die Vögel Lust zu zwitschern. Es war als hielte die ganze Welt den Atem... Kurzgeschichte lesen
Es war totenstill, als Joshua aus seinem alten Opel Kadett stieg. Die Luft stand und die gefühlte Temperatur lag weit über der 30-Grad-Marke. Bei dieser Hitze hatten nicht einmal die Vögel Lust zu zwitschern. Es war als hielte die ganze Welt den Atem an. Selbst die Gedanken flossen träge wie durch zähen Sirup.
Das Geräusch der zuschlagenden Fahrertür durchschnitt die Stille und hallte unnatürlich laut auf dem Hof. Die Schweißperlen auf Joshuas Stirn glitzerten in der Sonne, als er seine Umgebung genauer betrachtete. War er hier überhaupt richtig? Der ganze Hof sah verlassen aus, die meisten Pflanzen waren vertrocknet.
Joshua seufzte. Die ganze Sache war ihm von Anfang an nicht geheuer gewesen. Es war schon ungewöhnlich genug, dass jemand von den Alteingesessenen explizit nach ihm als Seelsorger verlangte. Die meisten Leute wollten lieber mit Pfarrer Braun sprechen, der schon seit 43 Jahren in der Gemeinde tätig war.
Auch der Weg hier ins Nirgendwo über immer unwegsamer werdende Straßen war abenteuerlich gewesen.
Je weiter er in den Wald vorgedrungen war, umso stärker war sein flaues Gefühl in der Magengegend geworden.
Irgendetwas stimmte hier nicht, und trotz der Hitze bekam er eine Gänsehaut.
Vielleicht war das alles nur ein Scherz? Das würde er jedoch nur auf eine Art herausfinden.
„Komm schon“, sagte er zu sich selbst und ging auf die Haustür zu. Es gab keine Klingel, also klopfte Joshua zaghaft.
„Hallo?“
Keine Antwort. Joshua klopfte nochmal, diesmal ein wenig energischer. Er lauschte. Das Geräusch hallte aus dem Inneren des Hauses wieder, so als würden die Schallwellen nur auf leeren Raum treffen. Seltsam.
„Hallo?Hier ist Joshua Schiefer!“
Hatte er dort im Augenwinkel nicht eine Bewegung wahrgenommen? Nein, er musste sich getäuscht haben. Ratlos zuckte er mit den Schultern. Vielleicht war jemand im Garten? Vorsichtig ging er an der Hauswand entlang in die Richtung, in der er bei seiner Ankunft ein paar Beete gesehen hatte. An mehreren Stellen blätterte der graue Putz bereits von der Hauswand und Joshua stolperte beinahe über einen heruntergefallenen Fensterladen, der einmal grün gewesen sein musste. Hier sollte wirklich jemand wohnen?
Als Joshua den Garten erreichte, blieb er wie angewurzelt stehen. Seine Knie wurden weich. Mitten im Gemüsebeet stand sie. Die Vogelscheuche aus seinen Alpträumen. Wie konnte das sein? Er war doch noch nie hier gewesen, oder?
Seit seiner Kindheit verfolgte ihn immer der gleiche Traum. Sein Bruder Jamie und er spielten auf einem Feld, bis sie schließlich bei einer - nein, bei dieser! - Vogelscheuche ankamen. Viele Raben saßen auf ihr und blickten die Kinder ausdruckslos an. Joshua und Jamie warfen Steine nach ihnen. Auf einmal erhoben sich die Raben, packten Jamie mit ihren Krallen und trugen ihn davon. Joshua blieb allein zurück.
An dieser Stelle wachte er jedes Mal schweißgebadet und mit einem Schrei auf den Lippen auf. Und nun stand diese Vogelscheuche hier, der Kopf aus einem alten Fußball, darauf ein Strohhut mit einem blauen Band und ein altes rotes Karohemd als Körper um die Holzstangen geschlungen. Was hatte das zu bedeuten? Joshua blickte sich um, konnte aber immer noch niemanden entdecken.
Wie hypnotisiert ging er Schritt für Schritt auf die Vogelscheuche zu. Es kümmerte ihn nicht, dass er dabei mitten durch das Gemüsebeet lief. Da steckte etwas in der Brusttasche des Hemds. Vorsichtig zog Joshua es heraus. Es war ein zerknittertes Foto. Seine Hände zitterten, als er es auffaltete. Ein Schrei entfloh seiner Kehle und er taumelte, als er die beiden Kinder erkannte, die dort beim Spielen zu sehen waren. Das Foto stammte aus einer längst vergessenen Zeit. Tränen traten ihm in die Augen, gleichzeitig spürte er eine Furcht in sich aufsteigen, wie er sie seit Jahren nicht mehr gespürt hatte.
Er war wirklich gekommen. Maria konnte es kaum glauben. Mit Tränen in den Augen betrachtete sie den jungen Mann, der in ihrem Gemüsebeet stand. Noch hatte er sie nicht entdeckt, zu sehr war er mit dem Foto beschäftigt. Die Haare waren ein wenig dunkler als früher, aber offensichtlich immer noch genauso schwer zu bändigen. Wie würde er reagieren, wenn er sie sah? Würde er sich erinnern? Und was würde das für sie bedeuten? Schluss damit, sie war es den beiden schuldig. Jetzt wo der Tumor in ihrer Bauchspeicheldrüse wuchs und wuchs und die Metastasen sich in ihrem Körper ausgebreitet hatten, blieb ihr nicht mehr viel Zeit. Entschlossen trat sie aus dem Schatten des Apfelbaums.
„Hallo Joshua, schön, dich wiederzusehen.“
Erschrocken drehte Joshua sich um und erstarrte.
„Maria“, flüsterte er.
Die Erinnerungen brachen wie ein Tsunami über ihn herein. Er war schon einmal hier gewesen. Jamie. Die Vogelscheuche. Plötzlich war alles wieder da. Er sah seinen Bruder in dem Beet stehen, in der Dämmerung. Scham flutete brennend durch seinen Körper. Es war seine Schuld gewesen. Oh mein Gott. Hans, Marias Mann, hatte seinen Bruder an ein Holzkreuz gebunden, dabei hätte er dort stehen müssen. Schließlich war es sein Fußball gewesen, der die Vogelscheuche umgeschmissen und auf die frischen Salatsetzlinge hatte fallen lassen. Sein Fußball, der jetzt durchbohrt von einem Holzpflock als Kopf der Vogelscheuche diente. Doch Jamie hatte die Schuld auf sich genommen. Sein großer Bruder. Eine ganze Nacht hatte er dort ausharren müssen. Joshua hörte immer noch die Schreie seinen Bruders, als er sich gegen die Krähen zur Wehr setzte. Am Morgen war er zerkratzt und voller blauer Flecken gewesen und hatte tagelang nicht mehr gesprochen. Wie hatte er das vergessen können?
Maria hatte die ganze Zeit neben ihm gestanden und ihn beobachtet. Joshua fühlte sich, als sei alle Kraft aus seinem Körper gewichen. „Warum?“, fragte er.
Erst jetzt betrachtete er Maria genauer. Die Zeit hatte ihr zugesetzt, ihr Gesicht sah aus wie eine Trockenpflaume und sie stand gebückt.
„Es tut mir so leid, Joshua.“ Maria sah ehrlich bekümmert aus. Tränen schimmerten in ihren Augenwinkeln.
Joshua wusste nicht, was er fühlen sollte, in ihm tobte ein Sturm und lähmte sein logisches Denken.
„Hans ist tot, Joshua. Ich wusste nicht, was mit Jamie passiert ist, bis ich vor ein paar Wochen ein Gespräch deiner Tante beim Arzt belauscht habe. Keiner weiß, wieso ausgerechnet Vögel bei ihm diese psychotischen Schübe auslösen. Da wurde mir klar, dass ihr beide das, was hier passiert ist, verdrängt haben müsst. Ich musste dich also hierher holen, damit du dich erinnerst. Nur so kannst du Jamie helfen und ich vielleicht ein bisschen meiner Schuld wieder gut machen.“ Joshua wich zurück, als sie einen Schritt auf ihn zumachte.
„Joshua, es tut mir so leid. Ich war schwach und hatte genau wie ihr Angst vor Hans. Wenn es dir irgendwie hilft, er ist einen elenden Tod gestorben.“
Langsam drehte sich Joshua um und betrachtete die Vogelscheuche erneut. Wie konnte er das alles nur vergessen haben? Er spürte, wie Maria ihre Hand auf seinen Arm legte. Sie fühlte sich heiß an und rau wie Schmirgelpapier.
Fast widerwillig blickte er zu der kleinen Frau hinunter, die sein Leben in wenigen Minuten zum Einsturz gebracht hatte. Zu ihren Füßen stand ein roter Benzinkanister. Maria nickte ihm zu, drehte sich um und ging ohne ein weiteres Wort zurück zu dem Haus, das nach dem Tod seiner Eltern für kurze Zeit auch sein zu Hause gewesen war.
Joshua trat durch die Tür des alten Hauses zurück ins Freie. Sein Auto stand noch genauso da, wie er es vor ein paar Stunden verlassen hatte. Und doch hatte sich alles geändert. Der Himmel hatte sich verdunkelt und der Wind wirbelte den Staub der letzten Tage auf. In der Ferne grollte der Donner.
Die ersten Regentropfen des lang ersehnten Gewitters platschten vor ihm auf den Hof und mischten sich mit seinen Tränen. Er blickte noch einmal zurück und sah die Überreste der verkokelten Vogelscheuche. Der Regen würde das übrige Feuer sicher löschen. Joshua mochte Gewitter. Es fühlte sich an, als ob der Sturm in seinem Inneren sich in diesem Gewitter entladen würde. Der Gedanke hatte etwas Tröstliches und Joshua musste unwillkürlich lächeln.
Würde er mit diesem Wissen leben können? Er würde es müssen. Jamie. Wieder blickte er auf das alte Foto in seinen Händen und noch während er zum Auto ging, öffnete er die Navigations-App seines Handys und gab „Psychiatrische Klinik Neustadt“ ein. Nach so vielen Jahren hatte er nun endlich den Mut, seinen Bruder zu besuchen. Er hoffte, dass sein Bruder ihm verzeihen konnte.
Vielleicht würden sie beide dann endlich Frieden finden.
Es gelingt der Autorin ausgezeichnet, vom Grauen im scheinbar normalen Alltag einer jungen Frau zu erzählen, deren Ex-Freund zum Stalker geworden ist.
Julia steht zwischen Jonas und Alex, der sie nicht loslassen kann. Die Unmöglichkeit, sich gegen die grenzverletzenden Übergriffe des Stalkers zu wehren, wird durch das offene Ende deutlich, das die Leser an die typischen Spannungselemente in Schauer- und Horrorgeschichten erinnert. „Jonas legte beruhigend seinen Arm um Julia und während er sie fast liebevoll ins Wohnzimmer führte, sprudelte die ganze Geschichte aus ihr heraus.“ Doch während Jonas und Julia versuchen, ihren Weg zu finden, ist der Stalker schon wieder erschreckend nahe.
Anstelle einer neuen Sicht, die es in Anbetracht des starken Konfliktes nicht geben kann, setzt die Autorin geschickt einen Schockeffekt ans Ende. Der Leser wird mit der zutreffenden Erkenntnis, dass manche Probleme sich nun einmal nicht auf einfachem Wege lösen lassen, aus der Geschichte entlassen.
Es dämmerte bereits, als Julia die ramponierte schmutzgraue Tür zu dem Mehrparteienhaus öffnete, in dem sie seit drei Monaten wohnte. Vor ihrem Briefkasten im Foyer zögerte sie kurz. Unschlüssig starrte sie auf den kleinen silbernen Schlüssel in ihrer... Kurzgeschichte lesen
Es dämmerte bereits, als Julia die ramponierte schmutzgraue Tür zu dem Mehrparteienhaus öffnete, in dem sie seit drei Monaten wohnte. Vor ihrem Briefkasten im Foyer zögerte sie kurz. Unschlüssig starrte sie auf den kleinen silbernen Schlüssel in ihrer Hand.
Los jetzt, stell dich nicht so an!
Seit mehr als zwei Wochen war kein Drohbrief mehr gekommen. Julia hielt die Luft an, während sie den Schlüssel in das Schloss steckte und die Klappe langsam öffnete. Zu ihrer Erleichterung war der Briefkasten auch heute leer. Trotzdem wollte das mulmige Gefühl nicht völlig verschwinden.
Hast du endlich kapiert, dass ich nicht mehr zu dir zurückkomme, Alex?
„Hi Julia, wie geht’s?“
Julia zuckte zusammen, aber es war nicht ihr Ex-Freund Alex, wie sie kurz befürchtet hatte.
„Alles okay?“ fragte ihr Nachbar Jonas mit hochgezogener Augenbraue. „Du bist ja ganz blass, hast du ein Gespenst gesehen?“
„Hi Jonas, nein, alles okay, ich war nur gerade in Gedanken.“ Ein Lächeln huschte über Julias Gesicht.
„Ich wollte gerade etwas zu Essen vom Thai holen, soll ich dir was mitbringen?“„Das wäre echt lieb von dir. Wir können ja dann noch ein Weinchen zusammen trinken?“ Julia spürte, wie sich ihre verkrampften Schultern allmählich wieder lockerten. Mit Jonas fühlte sie sich fast wie früher, bevor Alex und seine krankhafte Eifersucht ihr jede Luft zum Atmen genommen hatten.
Noch in Gedanken schloss Julia die Tür zu ihrer Wohnung im dritten Stock auf, trat ein und warf ihre Tasche und ihren Mantel auf einen Stuhl neben der Tür, der ihr als Garderobenersatz diente.
Als sie sich umdrehte, blieb sie wie angewurzelt stehen. Etwas war anders als heute morgen. Sie konnte es nicht genau beziffern, aber es war, als hätte sich die Energie ihrer Wohnung verändert. In der Luft lag eine Spannung, die Julia beinahe körperlich zu spüren meinte und die ihr eine Gänsehaut am ganzen Körper bescherte.
Schnell schlug sie auf den Lichtschalter und das warme Licht vertrieb die Schatten, die die Dämmerung an ihre Wände geworfen hatte. Das beklemmende Gefühl blieb allerdings. Stand die Vase dort heute Morgen nicht noch ein Stück weiter rechts? Julia lugte um die Ecke in ihre Küche und als sie dort nichts Verdächtiges erblickte, schlich sie auf Zehenspitzen weiter zum Badezimmer. Dabei griff sie im Flur nach dem Besen, der ihr ein wenig Sicherheit gab. War der Duschvorhang heute Morgen auch schon zugezogen gewesen?
Ihr Herz schlug bis zum Hals. Mit dem Besenstiel stieß sie entschlossen gegen den mit Sonnenblumen verzierten Vorhang und war erleichtert, als sie nur Luft traf.
Sie atmete tief durch und ging, schon ein wenig beruhigter, weiter in ihr Wohnzimmer. Auf den ersten Blick schien alles wie immer zu sein. Als Julia sich jedoch zu ihrem Esstisch umdrehte, konnte sie einen Schrei nicht unterdrücken. Dort lag ein großer weißer Zettel, der heute Morgen definitiv nicht dort gewesen war. Widerwillig näherte sie sich dem Tisch, bis sie die mittlerweile vertrauten, aus einer Zeitung ausgeschnittenen Buchstaben erkennen konnte.
DU GEHÖRST MIR!
Ihre Knie wurden weich. Jemand war in ihrer Wohnung gewesen. Oder war er noch hier?
Langsam drehte sich Julia wieder um, ihr Herz schlug bis zum Hals und sie hörte das Blut in ihren Ohren rauschen. War hinter dem Sofa genug Platz, dass sich dort jemand verstecken konnte? Und hatte sich da nicht gerade etwas bewegt? Julia fröstelte.
Ich muss hier raus!
In diesem Moment klopfte es an ihre Tür. Julia zuckte zusammen und dachte, ihr Herz würde stehen bleiben.
Alex!
Was sollte sie jetzt tun?
Leise schlich sie in die Küche und holte eine große Pfanne aus dem Schrank.
Na warte, dir zeig ichs! Diesmal bist du zu weit gegangen!
Wochenlang war Alex immer wieder vor ihrem Büro aufgetaucht und hatte sie mit Nachrichten bombardiert, bis sie sogar ihre Handynummer gewechselt hatte. Dazu noch diese Briefe und jetzt das!
Mit zittrigen Knien stellte sie sich hinter die Tür und wartete darauf, dass Alex sich erneut Zutritt zu ihrer Wohnung verschaffen würde. Diesmal würde er sein blaues Wunder erleben und dann würde endlich Schluss mit dem Psychoterror sein. Entschlossen packte sie den Griff der Pfanne fester.
„Julia? Ich habe das Essen vom Thai geholt, bist du da?“
Jonas!
Schnell legte Julia die Bratpfanne auf ihrer Kommode ab und öffnete Jonas die Tür, nicht ohne sich vorher durch den Spion zu vergewissern, dass er es wirklich war. Er hatte eine Plastiktüte in der Hand, die er mit einem Augenzwinkern hoch hielt.
Julia versuchte, die Tränen wegzublinzeln, die ihr vor Erleichterung in die Augen schossen.
„Gut dass du da bist, Jonas! Alex war in meiner Wohnung, als ich nicht da war!“
Jonas legte beruhigend seinen Arm um Julia und während er sie fast liebevoll ins Wohnzimmer führte, sprudelte die ganze Geschichte aus ihr heraus.
Sie waren so ineinander vertieft, dass keiner von beiden bemerkte, dass sich die Schlafzimmertür ganz langsam einen kleinen Spalt öffnete.
Sonja Rauche aus Frankfurt
Christina H.W. aus Bayern
Aurelia Skall aus Österreich
Dorothea Barbosa Sicard aus Hausen im Wiesental
Martina Adler aus Düsseldorf
J.T. Winterbach
2. Platz, Genre-Wettbewerb 2025 Runde 1.
Lisa Wenzel
1. Platz, Genre-Wettbewerb 2025 Runde 1.
Claudia Sebastian
3. Platz, Schreibdebüt-Wettbewerb 2025 Runde 1.
Susan Matthes
4. Platz, Schreibdebüt-Wettbewerb 2024 Runde 2.
Bettina Wernicke
2. Platz, Schreibdebüt-Wettbewerb 2024 Runde 1.
Anna-Maria Friedrich
1. Platz, Genre-Wettbewerb 2023 Runde 2.
Mareike Bürger
5. Platz, Schreibdebüt-Wettbewerb 2023 Runde 2.