Gaby Rupp aus Erlinsbach
Fernlehrgang: Kompaktkurs Kreatives Schreiben
Fernlehrgang: Kompaktkurs Kreatives Schreiben
Bei der Pilzsuche begegnet Manfred einer verdrängten Vergangenheit, die ihn jetzt, Jahrzehnte später, einholt: Manuela ruft nach ihm.
Sie hat Manfred damals zurückgewiesen und darum hat er sie hier im Wald erwürgt und verscharrt.
Nebel im Hochmoosforst von Gaby Rupp beschreibt eine paranormale Begegnung. Manuela erscheint als Geist, Gewissen und Erinnerung, die Manfred zwingt, seine Schuld einzugestehen.
Es ist dabei möglich, Manuela als Projektion aus Manfreds Unterbewusstsein zu lesen. Verdrängtes drängt an die Oberfläche des Bewusstseinsnebels, wenn ein Täter an den Tatort zurückkehrt.
Manuelas Stimme, ihre schattenhafte Gestalt, ihr Wissen um den blauen Stofffetzen an ihrem Schenkelknochen – all das erscheint Manfred allzu wirklich. Und wer weiß, vielleicht ist der Nebel das Medium, das tatsächlich ein Tor zur Zwischenwelt öffnet.
Viele paranormale Geschichten können auch psychologisch gedeutet werden, was häufig ihren Reiz ausmacht. Egal, welche Lesart man bevorzugen will, am Ende wird Manuelas Leiche gefunden. Gaby Rupp stellt damit sicher, dass im Nebel im Hochmoosforst Gerechtigkeit hergestellt wird.
„Freddie…!“
Die Stimme schien aus dem Nichts zu kommen. Sanft, fast freundlich. Und doch lag eine seltsame Kälte in ihr. Überrascht ließ Manfred sein Pilzmesser sinken und sah sich um. Niemand war zu sehen. Sein Freund Joachim hatte sich bereits ins... Kurzgeschichte lesen
„Freddie…!“
Die Stimme schien aus dem Nichts zu kommen. Sanft, fast freundlich. Und doch lag eine seltsame Kälte in ihr. Überrascht ließ Manfred sein Pilzmesser sinken und sah sich um. Niemand war zu sehen. Sein Freund Joachim hatte sich bereits ins Unterholz vorgewagt, um Pfifferlinge, Herbsttrompeten und Maronenröhrlinge aufzuspüren. Das Geräusch knackender Zweige mischte sich mit dem leisen Murmeln eines Baches. Sonst war es still.
Sie hatten sich im ersten Licht des Tages auf den Weg gemacht, um nach Pilzen zu suchen. Die kühle Herbstluft war durchdrungen vom Geruch feuchter Erde und modrigem Laub. Feine Nebelschwaden krochen über den moosigen Boden. Es war Joachims Idee gewesen, den Hochmoosforst zu erkunden, weil der Pilztourismus im vertrauten Stadtwald in den letzten Jahren immer größere Ausmaße angenommen hatte.
„Sollen sich diese Großstadtmykologen dort unten um die letzten Steinpilze prügeln“, hatte er augenzwinkernd bemerkt, „wir zwei alten Hasen sind offen für Neues.“
Nur zögernd hatte Manfred zugestimmt.
„Erkennst du mich nicht mehr? Ich bin’s… Manuela.“
Ein eisiger Schauer lief über seinen Rücken. Das war nicht möglich. Mit klopfendem Herzen kämpfte er gegen die Angst, die in ihm hochkroch.
„Du hast mich doch nicht etwa vergessen?“
Es klang leise und doch eindringlich. Manfred atmete tief durch. Richtete sich entschlossen auf und zog seinen Schal fester.
Das muss ein Vogel sein, irgendwo im Geäst. Oder Joachim, der mich veräppeln will. Doch das unheimliche Gefühl ließ sich nicht abschütteln.
„Es ist fast fünfzig Jahre her, seit wir uns hier getroffen haben.“
Ein leichter Windhauch folgte ihren Worten, trug den Duft nach Orangen mit sich. Manfred hielt inne und schnupperte. Orangen mit einem Hauch floraler Frische. Es war das Parfüm, das sie in jenem Sommer getragen hatte. Der Geruch wurde stärker. War schließlich so intensiv, als stünde sie direkt neben ihm.
„Erzähl mal, Freddie. Hast du ein gutes Leben geführt?“
Die Frage kam wie ein Schlag. Er klammerte sich an seinem Weidekorb fest, presste fast trotzig die Lippen zusammen. Nein, er würde sich nicht mit einem Hirngespinst unterhalten. Auf keinen Fall. Und doch fing er an zu reden. „Ich… ich habe Karriere gemacht. Anwalt bin ich geworden.“
„Anwalt… wie passend. Du verteidigst also die Schuldigen. Diebe, Betrüger. Vielleicht auch…. Mörder?“
Er schluckte hart, seine Kehle war wie zugeschnürt.
„Mein Traumberuf war Biologin.“ Sie hatte einen fast sachlichen Ton angeschlagen. „Die Geheimnisse des Lebens wollte ich studieren. Stattdessen wurde ich selbst zum Geheimnis.“
Der Nebel war dichter geworden, spannte ein feines, silbriges Netz von Baum zu Baum. Manfred schloss die Augen. Versuchte, die Bilder zu verdrängen. Ihre Hilfeschreie, das Zappeln unter seinen Händen. Erlöschende Augen. Die Stille danach.
Dieser Mittwoch im Juli 1975 war drückend heiß gewesen. Im Schatten einer mächtigen Tanne hatte er gestanden, als sie den schmalen Weg entlangkam. Manuela, das hübscheste Mädchen der ganzen Schule. Ihre nackten Füße steckten in braunen Sandalen, die auf dem weichen Waldboden kaum ein Geräusch machten. Das blaue Sommerkleid bewegte sich bei jedem Schritt. Sie hatte ihn bemerkt, ihm ein flüchtiges Lächeln geschenkt und war weitergegangen. Seine Augen waren ihr gefolgt, daran erinnerte er sich. Auch an das Kribbeln, das sich beim Anblick ihrer schlanken Beine in seinem Körper ausgebreitet hatte.
„Es war ein Unfall“, murmelte er heiser, „ich… ich wollte das nicht.“
„Ein Unfall? Sieh auf deine Hände, Freddie. Diese Hände haben genau gewusst, was sie taten. Als du sie um meinen Hals gelegt und mir den Atem genommen hast. Nur weil du nicht bekommen hast, was du wolltest.“
„Du warst aber auch ein hochnäsiges Ding“, seine Finger zerrten nervös an einem losen Faden seiner Jacke, „hattest nur Augen für Adrian, diese aufgeblasene Sportskanone. Mich hast du die ganze Zeit ignoriert.“
„Willst du dich etwa verteidigen? So, wie du im Gerichtssaal deine Mandanten verteidigst? Mit irgendwelchen Geschichten, die du zu ihren Gunsten zurechtbiegst?“
Manfred starrte auf die Brombeerranken zu seinen Füßen. Er wagte nicht, zur Seite zu blicken. Dorthin, wo Manuelas kalte Anwesenheit förmlich greifbar war.
„Sag mal“, ihre Stimme klang neugierig, „wer hat dir damals geholfen? Du konntest mich unmöglich allein verscharren.“
„Mein… mein Papa hat das Loch gegraben. Er sagte, wir… wir müssen dafür sorgen, dass du verschwindest. Damit niemand je von meiner Dummheit erfährt.“
„War er böse auf dich, dein lieber Papa? Wegen dieser…. Dummheit?“
„Er sagte…“, Manfred biss sich auf die Lippen, „dass ich nie mehr darüber sprechen darf. Und dass ich mir selbst vergeben muss.»
„Und? Hast du dir vergeben, Freddie?“
„Nein!!!“
Die Wahrheit, die er über all die Jahre erfolgreich verdrängt hatte, in diesem Moment drang sie gnadenlos in sein Bewusstsein. Er taumelte, hielt sich am rauen Stamm einer Fichte fest.
„Du kannst nicht hier sein!“, schleuderte er dem unsichtbaren Schatten entgegen, „du bist tot, tot, tot!!!“
„Ja, ich bin tot.“ Der Orangenduft wurde intensiver, süß und bitter zugleich, „aber auch wenn mein Leben vor Jahrzehnten vergangen ist, das Bewusstsein ist mir geblieben. Dieses seltsame Gefühl, zu wissen, wer ich einst war. Ein sechzehnjähriges Mädchen. Mit einem Namen, einer Familie, einer Zukunft.“
Weg! Er musste weg von hier! Von dieser Stimme, der eigenen, erdrückenden Schuld. Zögerlich hob er seinen linken Fuß, setzte ihn langsam vor den rechten. Leise raschelte das Laub unter seinen Stiefeln, als er seine Schritte beschleunigte. Der Nebel war zu einer weißen Wand geworden und nahm ihm die Sicht, während ein eisiger Hauch seinen Nacken streifte.
„Ihr mögt mich hier vergraben haben, du und dein Papa…“, raunte sie in sein Ohr, „doch auch nach all der Zeit bin ich nicht ganz zu Staub zerfallen. Dem lehmigen Waldboden sei Dank. Sogar mein blaues Kleid habe ich noch an. Na ja, zumindest einen Fetzen davon. Er hängt an meinem Oberschenkelknochen. Du siehst also, ich bin immer noch hier…. immer noch hier…“
Nach und nach verflüchtigte sich der Orangenduft. Auch ihre Stimme wurde leiser, verlor sich schließlich in den Tiefen des Waldes.
Manfred konnte es nicht länger ertragen. Dieses Unfassbare, das alle Regeln der Vernunft verspottete. Er stieß einen unartikulierten Laut aus und rannte los. Fort von der Vergangenheit, bevor sie ihn endgültig einholte. Nasse Zweige peitschten ihm entgegen. Er stolperte über eine Wurzel und schlug der Länge nach hin. Durch seine Nase fuhr ein stechender Schmerz, der metallische Geschmack von Blut füllte seinen Mund. Mühsam rappelte er sich auf. Krallte beide Hände in seine grauen Haare und hoffte, das Dröhnen in seinem Kopf würde verschwinden. Sein Gesicht war zerkratzt und mit Erde verschmiert. Plötzlich überkam ihn eine unbeschreibliche Erschöpfung, ließ seinen Körper zusammensacken.
„Manfred! Manfred!“
Zunächst war es nur eine verschwommene Gestalt im Nebel, dann wurden die Konturen deutlicher. Joachim kam auf ihn zu, keuchend vor Anstrengung. Kurz stoppte er, schnappte nach Luft und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Die blutigen Schrammen auf Manfreds Wangen und seine verschmutzten Kleider schien er nicht zu bemerken.
„Ich habe soeben die Polizei gerufen“, mit zitternden Händen hielt er sein Handy in die Luft.
Manfreds Augen weiteten sich, unfähig zu begreifen, was er gerade gehört hatte. Zuerst Manuelas Stimme, jetzt die Polizei. Das alles war ein böser Traum. Ein fieser Albtraum, aus dem er jeden Moment erwachen würde. „Polizei? Warum?“, fragte er krächzend.
„Weil… da... da drüben“, mit einer fahrigen Bewegung zeigte Joachim hinter sich, „unter einer der großen Buchen… da ragt ein menschlicher Schädel aus dem Boden.“
Der Laird von Sandgarth wurde gewürgt, fiel gegen einen windschiefen Grabstein und starb. Hinweise gibt es viele, Mordmotive auch und Inspector Malcolm McKay ermittelt auf den Orkney Inseln im Norden Schottlands. Der Getötete war unbeliebt, niemand trauert um ihn. Er hatte Schulden beim Delikatesshändler, hat einem Farmer die Pacht von heute auf morgen gekündigt. Der Mörder jedoch ist der Pfarrer, er hat die Juwelen, die eigentlich Sandgarths Familie gehörten, verscherbelt. Aus Habgier. Auch der Pfarrer ist nicht davor gefeit.
Gaby Rupp hat einen Whodunit-Krimi nach bester Manier geschrieben. Der Kommissar ermittelt, er sucht und findet Motive, er befragt Verdächtige, kombiniert und findet schließlich heraus, dass die Tat mit dem Tod einer Frau zu tun hat, die seit über 100 Jahren tot ist. Spannend und zum Mitraten geeignet, ein gelungener Text, der zeigt, wie man einen perfekten klassischen Krimi schreibt.
Orkney Inseln im Norden Schottlands, Ende Oktober
Der Laird von Sandgarth hatte sein Leben auf dem alten Friedhof von Kirkwall ausgehaucht. Den Kopf zur Seite geneigt, die Arme schlaff herabhängend, lehnte sein Oberkörper am windschiefen Grabstein von... Kurzgeschichte lesen
Orkney Inseln im Norden Schottlands, Ende Oktober
Der Laird von Sandgarth hatte sein Leben auf dem alten Friedhof von Kirkwall ausgehaucht. Den Kopf zur Seite geneigt, die Arme schlaff herabhängend, lehnte sein Oberkörper am windschiefen Grabstein von Ophelia Hall.
Vierundzwanzig war Ophelia gewesen, als sie im Jahr 1895 hier bestattet worden war.
«Gibt es schon erste Spuren, Steve?» Im Schein der Polizeischeinwerfer zog Inspector Malcolm McKay den Reissverschluss seiner Jacke hoch. Die feuchte Kälte an diesem nebligen Herbstabend kroch ihm die Glieder hoch.
«Delikatesshändler Jamie Stuart hat ihn gefunden», erwiderte Police Officer Steve Fraser, «das Opfer stürzte mit dem Kopf auf den Grabstein und brach sich dabei das Genick.»
«Unfall?» fragte McKay.
Sein Kollege schüttelte den Kopf.
«Da hat einer nachgeholfen. Die Leiche hat massive Würgemale am Hals. Auf dem Grab fand offensichtlich ein Kampf statt. Die Spurensicherung hat Schuhabdrücke von zwei Individuen festgestellt. Die kleineren gehören zu Sandgarth, die mit Größe dreizehn dürften vom Täter stammen.»
«Guten Abend meine Herren, was ist hier passiert?»
Das Gebetbuch unter den Arm geklemmt, gesellte sich Reverend John Graham, seines Zeichens Pfarrer in Kirkwall, zu den Ermittlern.
«Der Laird wurde tot aufgefunden, wahrscheinlich ermordet.» Der Inspector zeigte auf die zertrampelte Grabstelle.
«Ein Mord an diesem Ort des Friedens?» Fassungslos schüttelte Graham den Kopf.
«Hoffen wir, dass der Schuldige bald seiner gerechten Strafe zugeführt wird.» Mit diesen Worten drehte er sich um und ging weiter. Nach wenigen Schritten hatte ihn der Nebel verschluckt.
Es war fast acht Uhr, als McKay sich auf den Heimweg machte. An der Coplands Lane kam ihm der Fischer Bill Murray entgegen.
«N’Abend Inspector, hab’s schon gehört, das mit dem Laird. Na ja, wenigstens haben die Würmer an seinen aristokratischen Überresten was zu fressen.»
McKay blieb stehen und zog sein Notizbuch aus der Jackentasche.
«Sandgarth und Sie waren wohl nicht die besten Freunde.»
«Freunde? Wer den zum Freund hatte, brauchte keine Feinde mehr. Jamie Stuart zum Beispiel …», Murray steckte die Hände in die Hosentaschen, «… musste ihm allerhand lukullische Köstlichkeiten aufs Schloss liefern. Bloß mit dem Bezahlen hatte es der feine Herr nie eilig. Und kennen Sie die Geschichte von Andrew Morgan’s Weide?»
Der Inspector nickte. Morgan, der wortkarge Farmer aus Harray. Sandgarth hatte ihm die Pacht für eine seiner Weiden von einem Tag zum anderen gekündigt. Wahrlich, viele Freunde hatte der Adlige sich zu Lebzeiten nicht gemacht. Er verabschiedete sich von Murray und ging in Richtung Hafen. Sein Kollege Steve konnte den Farmer Morgan befragen. Er selber würde Jamie Stuart einen Besuch abstatten.
Um neun Uhr morgens betrat der Inspector das Delikatessgeschäft in der Castle Road.
Jamie kam hinter dem Tresen hervor und stellte ein kleines Holzkästchen neben die Kasse.
«Sie kommen wegen dem Laird, nicht wahr, Inspector?»
«Ja», antwortete McKay und packte sein Notizbuch aus, «sagen Sie, wie haben Sie eigentlich die Leiche gefunden?»
«Auf dem Weg zum Pub ging ich wie immer durch den alten Friedhof», antwortete Jamie, «da sah ich den Laird an diesen Grabstein gelehnt. Wie eine kaputte Puppe sah er aus.»
«Hatte er Schulden bei Ihnen?»
«Über zweitausend Pfund.»
McKay musterte den schmächtigen jungen Mann. Seine Füße waren zu klein für Schuhgröße dreizehn. Somit kam er als Täter nicht in Frage. Beim Hinausgehen fiel sein Blick auf das Holzkästchen. Glengoyne 30 Years Single Malt Whisky stand in goldenen Lettern darauf. An der Seite klebte ein Preisschild. Der Whisky kostete tausend Pfund.
Er war auf dem Weg zur Polizeistation, als sein Kollege Steve anrief.
«Ich war bei Andrew Morgan», begann er, «er und der Laird sind tatsächlich bös aneinadergeraten wegen der Weide. Und hast du gewusst, dass Ophelia Hall Morgan’s Ururgroßtante war?»
Es hatte angefangen zu regnen. Das Telefon an sein Ohr gepresst, stellte sich der Inspector unter einen Dachvorsprung.
«Sie war Hausmädchen auf Sandgarth Castle», fuhr Steve fort, «wurde vom damaligen Laird schwanger und verlor ihre Stellung. Aus Rache ließ sie den gesamten Familienschmuck der Sandgarth’s mitgehen. Ein paar Wochen später verblutete sie beim Versuch, das Kind loszuwerden.
«Und die Juwelen?»
«Verschollen», antwortete Steve, «sämtliche Suchaktionen waren bisher erfolglos.»
Nachdenklich rieb sich McKay das Kinn. Ophelia Hall, eine Vorfahrin von Andrew Morgan. Möglicherweise hatte sie die Juwelen auf der Farm versteckt. Im Stall oder in der Scheune. Er würde nach dem Lunch selber nach Harray fahren und sich umsehen.
Ein kräftiger Wind wehte vom Meer her, als der Inspector am Nachmittag zurück nach Kirkwall fuhr. Der Besuch auf Morgan’s Farm hatte nichts Neues ergeben. Sein Handy klingelte.
«Ich war bei Sandgarth’s Witwe drüben auf dem Schloss. Sie hat mir einen Brief für dich mitgegeben. Er ist sogar versiegelt», tönte Steve’s Stimme aus dem Lautsprecher.
«Brief? Von wem?»
«Vom Laird. Der war letzte Woche in London. Nach seiner Rückkehr erzählte er seiner Frau, er wisse jetzt, welcher Halunke sich die Juwelen unter den Nagel gerissen hätte. Den Brief hat die Witwe heute Morgen in seinem Sekretär gefunden.»
Es war schon dunkel, als McKay den Vorgarten des Pfarrhauses betrat. An den Büschen kämpften letzte Blätter gegen den Wind. Neben der Kellertreppe stand ein Paar schmutzige Schuhe.
«Inspector, was führt Sie zu mir?» Reverend Graham schien überrascht.
«Es geht um den Mord an Landgarth.»
Der Pfarrer führte ihn in sein Arbeitszimmer und bot ihm Platz in einem der dunkelbraunen Ledersessel an.
Er selber setzte sich hinter seinen Schreibtisch.
«Eine unselige alte Geschichte», er faltete die Hände, «Ophelia Hall, die sich in die Arme eines wollüstigen Adligen warf, gestohlene Juwelen, ein….»
«Reverend, bitte!» abwehrend hob McKay die Hände, «das Techtelmechtel der beiden ist über hundert Jahre her.»
«Aber deshalb ist es nicht minder verwerflich.» Mahnend erhob Graham den Zeigefinger.
Der Inspector erhob sich.
«Verwerflich ist, dass der Laird gestern auf dem Friedhof ermordet wurde.»
«Nun, er hatte Feinde, die ihn …», Graham überlegte kurz, «… sagen Sie, gibt es eigentlich schon einen Verdächtigen?»
«Ja», McKay stützte seine Hände auf den Schreibtisch, «und ich weiss auch, wo die Juwelen sind. Oder besser, bei wem.»
«Interessant, bei wem denn?»
«Letzte Woche fuhr der Laird nach London, wo er in einem Schaufenster ein Paar Smaragdohrringe sah. Stücke aus dem verschollenen Familienschmuck. Er fand heraus, wer sie dem Juwelier verkauft hatte. Und diesen Namen schrieb er in einem Brief nieder, den er danach versiegelte.»
Stille. Nur die große Standuhr in der Ecke tickte leise.
«Der Name im Brief lautet Reverend John Graham.»
Krachend fiel der Stuhl zu Boden, als Graham aufsprang. «Dieser Dreckskerl! Das ist eine Unterstellung! Eine miese Verleumdung!»
«Sie haben den Schmuck gefunden, wo auch immer», fuhr McKay unbeirrt fort, «und dann haben Sie angefangen, ihn zu Geld zu machen. Stück für Stück. Dumm bloss, dass Sie dem Juwelier die Hehlerware unter Ihrem richtigen Namen anboten. So fand der Laird heraus, dass Sie hinter der Sache steckten.»
Der Pfarrer ging zum Fenster. Sein Gesicht war blass geworden. McKay lehnte sich an eines der Bücherregale.
«Sandgarth wollte Sie gestern auf dem Friedhof zur Rede stellen, nicht wahr? Da haben Sie ihn umgebracht. Und mit Verlaub, Reverend», er atmete tief durch, «Sie sind ein lausiger Verbrecher. Nicht einmal die Schuhe, die Sie bei der Tat trugen, haben Sie geputzt.»
Mit hängenden Schultern sah der Pfarrer hinaus in den Regen.
«Hinter einem losen Stein in der Sakristei fand ich sie», begann er, «Colliers, Ohrringe, Armbänder, sogar ein Diadem. Ich wollte alles dem Laird zurückgeben.»
«Warum haben Sie es nicht getan?» fragte McKay, ohne eine Antwort abzuwarten. «Ich sage es Ihnen, es war Ihre Habgier. Habgier, die Wurzel allen Übels. So steht es doch in der Bibel, nicht wahr, Herr Pfarrer?»
Graham’s Hände zitterten leicht.
«Gestern, ich war auf dem Weg zur Kirche,» murmelte er, «begegnete ich dem Laird. Er stand neben Ophelia’s Grab und brüllte über den ganzen Friedhof wie ein Ochse. Ich sei ein diebischer Pfaffe. Ein betrügerischer Heuchler. Ich lief zu ihm hin, da schlug er auf mich ein. Plötzlich lagen meine Hände um seinen Hals. Dann rutschte er aus ….»
Graham sah dem Inspector in die Augen.
«Ich wollte ihn nicht umbringen.»
«Reverend Graham», McKay wies zur Tür, «ich muss Sie bitten, mitzukommen.»
Der Pfarrer nickte. Dann öffnete er ein kleines Holzkästchen mit goldener Aufschrift, das auf dem Schreibtisch stand. Karamellfarben leuchtete der Inhalt der Flasche, die er herausnahm.
«Gestatten Sie mir ein Glas von diesem großartigen Whisky, bevor wir gehen?»
Der Inspector nickte. «Genießen Sie ihn, Reverend, bis zum letzten Tropfen. Es wird für längere Zeit Ihr letzter Schluck Single Malt sein.»
Eva Sperber aus Ludwigshafen
Sarah Posner aus Göttingen
Fine Joseph aus Hannover
Melanie Treber aus Westendorf
Heike Pflüger aus Bochum
Renata Zimmermann
4. Platz, Schreibdebüt-Wettbewerb 2025 Runde 1.
Christina Fleischer
5. Platz, Schreibdebüt-Wettbewerb 2025 Runde 1.
Mareike Grytz
5. Platz, Genre-Wettbewerb 2024 Runde 1.
Sonja Schmitt
1. Platz, Genre-Wettbewerb 2022 Runde 1.
Anna Klee
5. Platz, Schreibdebüt-Wettbewerb 2020 Runde 2.
Annette Willsch
4. Platz, Genre-Wettbewerb 2021 Runde 2.