Patrick Kühnel aus München
Fernlehrgang: Schreibwerkstatt pur
Fernlehrgang: Schreibwerkstatt pur
Gregor, die Perspektivfigur dieser Erzählung, ist unaufhaltsam Auf dem Weg zum Gipfel, und erst vom Ende her begreifen wir, dass er das im doppelten Sinne ist: Berggipfel einerseits. Doch er ist mit seinem Verlobungsring in der Tasche auch auf direktem Weg zu Hochzeit – einem viel beschworenen Gipfelpunkt des Lebens.
Das Interessante an dieser Geschichte: Gregors Höhenangst ist so intensiv und benötigt eine derartig hohe Konzentration, um in Schach gehalten zu werden, dass er darüber vollkommen vergisst, warum er überhaupt mit seiner Freundin Rosi auf diesen Gipfel wollte und dass er einen Verlobungsring in der Tasche trägt.
Besonders überzeugend dabei ist Gregors Flucht in wissenschaftliche Betrachtungen. Er lenkt sich von seiner Angst mit Gleichungen, Algorithmen, Emergenz und der Frage nach der Messbarkeit von Qualia ab. Das ist amüsant zu lesen, und er stellt damit beiläufig die ganze Operation in Frage: Nach allem, was er wusste, hatte er zwar Grund zur Annahme, dass er sie liebte. Doch darauf folgt unvermeidlich ein: Aber … Gregors Angst vor Höhe erscheint in diesem Licht ebenso als Angst vor der Hochzeit mit Rosi, die ebenfalls im Abgrund enden könnte.
Bloß nicht aus der Gondel schauen, alles ringsum ignorieren, die schwankenden Bergspitzen, die steilaufragenden Felswände und den schwarzgrün lauernden Bergwald hunderte Meter tief unter ihm! Gregor konzentrierte sich intensiv auf den Kabinenboden... Kurzgeschichte lesen
Bloß nicht aus der Gondel schauen, alles ringsum ignorieren, die schwankenden Bergspitzen, die steilaufragenden Felswände und den schwarzgrün lauernden Bergwald hunderte Meter tief unter ihm! Gregor konzentrierte sich intensiv auf den Kabinenboden zwischen seinen Füßen, mit gedachten Linien verband er Spitzen und Fersen seiner Schuhe, bis sich das so gebildete Rechteck vom Boden abzuheben begann – eine Fläche von der Größe eines Schuhkartons, die über der schwarz-grau marmorierten Kunststofffläche zu schweben schien; etwas heller und schärfer als die Umgebung.
Es ruckelte und seine Brust antworte sofort mit einem Kribbeln, die Panik klopfte schon wieder an seine Bewusstseinstür. Das Bild des Zwölferkogels, der über ihnen die Zähne fletschte, meldete sich vorlaut aus seinem Gedächtnis, und unter ihnen…
Gregor unterdrückte die aufsteigenden Erinnerungen und presste seine Gedanken mit aller Macht zurück in das kleine, gemusterte Gedankengebilde, das er selbst zu seiner Ablenkung erschaffen hatte. Konzentration. Bestimmt ließen sich in dem Klecksgewirr Regularitäten erkennen, wenn man es nur richtig anstellte.
Gregor fielen die Emergenz-Effekte ein, die er kürzlich im Labor beobachtet hatte. Spontan entstehende Muster, die allen reduktionistischen Erklärungen zu trotzen schienen. Im Experiment konnten sie diese Muster zuweilen künstlich hervorrufen, indem sie die Skalierung über dem Objekt variierten. Funktioniert das aber auch hier draußen mit dem bloßen Auge, indem man die Brennweite der Linsen erhöht? Gregor fixierte den Blick auf die Bodenplatte und stellte sich dabei vor, in unbestimmte Ferne zu sehen. Die marmorierte Fläche zwischen den Rändern seiner Schuhe verschwamm vor seinen Augen, scheinbar willkürlich verstreute Flecken flossen ineinander und ordneten sich zu wenigen dunklen Clustern auf hellgrauem Grund. Interessant. Gregor erhöhte die Brennweite seiner Augenlinsen geringfügig weiter. Die Cluster wurden größer, ihre Anzahl nahm dabei annähernd linear ab. War er einem Gesetz auf der Spur? Unmerklich glitt er in den tranceartigen Zustand hinein, dem er die wertvollsten Eingebungen seiner bisherigen Karriere verdankte.
Dann ein Rumpeln. Irgendetwas ist nicht so, wie es sein sollte, schoss es ihm durch den Kopf. Gregors Puls raste in die Höhe. Doch bevor sich die zugehörige Beklemmung einstellen konnte, spürte er eine Hand auf der seinen, zärtlich streichelnd. Gregor brauchte einige Sekunden, um seine Gedanken zu ordnen. Ach ja, Rosi!
Richtig, er war auf einem Ausflug mit seiner Freundin, zu dem er sie selbst überredet hatte. Ringsum Lachen und Gemurmel. Wodurch zum Teufel hatte er sich zu dieser Einladung treiben lassen? Manchmal verstand er sich selbst nicht mehr.
Schon als Kind hatte er es gehasst, wenn ihn seine Eltern an jedem Hochzeitstag hierher mitgenommen hatten. Wie hatte er nur die panische Angst vergessen können, die ihn früher jedes Mal an den Rand der Ohnmacht gebracht hatte? Er verfluchte sich, dass er den Ausflug nicht abgesagt hatte.
Aber andererseits, Rosi schien so glücklich, so erwartungsvoll. Auch wenn er ihre Stimmungsschwankungen immer noch nicht verstand, so kannte er sie mittlerweile doch gut genug, um zu spüren, wann sie welche Reaktion von ihm erwartete.
Und in diesem Augenblick würde sie es aus irgendeinem Grund als persönliche Kränkung empfinden, wenn er sie auf die objektive Gefahr hinwies, in der sie sich befanden.
Trotzdem, letztlich war sie daran schuld, dass er hier saß, eingesperrt in einen vollgestopften, schwankenden Plastikkasten hunderte Meter über dem sicheren Tod, einem knallroten dazu, wie eine reife Frucht… da war sie wieder, die kleine Lücke in seinem seelischen Abwehrschild, und schon tropfte die Säure der Panik in sein Herz und begann zu ätzen…
Emergenz! Er klebte seinen Lieblingsbegriff auf die undichte Stelle seiner gedanklichen Schutzfolie – die Gefahr war vorerst gebannt. Das Gemurmel verebbte, Gregors Konzentration kehrte zurück. Er entspannte die Ringmuskeln der Augen noch ein kleines bisschen mehr, die dunklen Cluster wuchsen weiter, doch nun schwächer als beim letzten Mal. Das sieht jetzt eher nach einer logarithmischen Funktion aus, dachte Gregor, und der Satz von Gauß zur Abschätzung der Primzahldichte schoss ihm durch den Kopf: π(x) ≈ x/log(x). Seit dem Studium hatte er nicht mehr daran gedacht, er musste sich unbedingt einmal mit den aktuellen Entwicklungen der Primzahltheorie beschäftigen, vielleicht gab es ja einen plausiblen Zusammenhang?
Verschwommene Erinnerungen an eine Vorlesung zur Physik der Kognition, die er vor Urzeiten einmal besuchte hatte, begannen zu rumoren… aber natürlich, das Weber-Fechner-Gesetz! Die subjektiv empfundene Stärke eines Sinneseindrucks entspricht dem Logarithmus des Zuwachses der physikalischen Intensität des Reizes! Doch ließ sich Erleben überhaupt messen? Welche Kenngröße wäre im Fall des geclusterten Bodenmusters geeignet? Bei akustischer Wahrnehmung ging das, weil Menschen alle über baugleiche Hörorgane verfügten; individuelle Wahrnehmungsschwankungen lassen sich herausmitteln.
Aber wie war das mit der Interpretation des eigenen Gesichtsfeldes, von Qualia oder eigenen Gefühlen überhaupt? Zum Beispiel die für Rosi? Nach allem, was er wusste, hatte er zwar Grund zur Annahme, dass er sie liebte. Aber wenn sie in Kürze oben am Gipfel standen, würde ihm das gar nichts nützen. Er würde sich fragen, warum er sie am Sonntag ausgerechnet auf einen Berggipfel zwang, der ihm schon seit Kindheitstagen verhasst war, dann schlechte Laune bekommen und schließlich den ganzen Ausflug doch noch ruinieren. Und am schlimmsten: Er würde sie enttäuschen, sie traurig, vielleicht sogar wütend machen.
Wieder ein Ruckeln - der Riss in seinem Bewusstsein begann sich wieder zu spreizen - dann noch ein Rattern. Die Gondel stand!
Aus, vorbei! Ein Motorschaden, wir baumeln hilflos über dem klaffenden Nichts, eine kurze Gnadenfrist noch, ein paar Sekunden freier Fall und dann…
Doch bevor die Angst sein Herz fluten konnte, drang das vertraute Quietschen der sich öffnenden Tür an sein Ohr, fröhliches Gemurmel hob an, Füße setzten sich in Bewegung, Rucksäcke wurden auf Schultern gewuchtet.
Gregor hob ungläubig den Kopf. Bergstation.
Wenige Minuten später stand er in der Nähe des Gipfels und wunderte sich, wie sie es hierher geschafft hatten. Eine kühle Brise durchfuhr sein Haar, als er Rosi beobachtete, wie sie die Aussicht genoss. Zu ihren Füßen schlummerte der tiefblaue Wolfgangsee, im Süden thronte das weiße Gletscherplateau des Dachsteinmassivs unter dem mit einzelnen Schäfchenwolken gesprenkelten Azurhimmel, und weiter links lugten die schwarzgrünen Zacken der Osterhorngruppe hervor. Begeistert von diesem Panorama jauchzte Rosi auf und tief sog sie die nach frischem Heu duftende Bergluft ein.
Zeit für eine Jause, dachte Gregor und suchte nach einer Sitzgelegenheit. Unwillkürlich griff er dabei in die Jackentasche, um sich eine Stärkung herauszuholen, so wie er es als Kind immer getan hatte, um nach der Gondelfahrt seine Nerven zu beruhigen – und um vor seinen Eltern zu verbergen, welches Martyrium er in der vergangenen Viertelstunde über sich ergehen lassen musste.
Doch statt eines eingewickelten Marmeladenbrotes zog er ein kleines dunkelblaues Kästchen hervor…
Wo kam das her? Nachdenklich wog es Gregor in seiner Hand.
Noch bevor er damit beginnen konnte, seine Erinnerung systematisch nach einer Antwort abzusuchen, war Rosi schon herumgefahren und entriss ihm die Schachtel mit einer Präzision, die ihn erstaunte.
„Oh! Wirklich für mich?“ Obwohl sie ihre Erregung kaum verbergen konnte, öffnete Rosi die kleine Schachtel sehr behutsam. Zum Vorschein kam ein silberner Ring, auf dem ein kleiner Diamant in der strahlenden Mittagssonne blitzte.
„Geh, ist der schön!“ Rosi ließ den Diamanten in der Sonne funkeln. Dann fiel sie Gregor um den Hals und küsste ihn innig auf die rechte Wange und dann noch einmal lange auf den Mund.
„Mei, ich sag’s ja immer, du bist im Herzen halt doch ein Romantiker… obwohl, ich hab schon gedacht, du würdest nie fragen!“
Gregor erstarrte. Ein Instinkt sagte ihm, dass er jetzt ganz vorsichtig sein musste, wenn er nicht dauerhaft etwas vermasseln wollte.
Patrick Kühnel hat eine geheimnisvolle Erinnerung in Worte gefasst, auch hier wieder in der klassischen Art der amerikanischen Kurzgeschichte: Die äußeren Ereignisse lassen tiefere Vorgänge ahnen, ohne sie zu interpretieren und damit dem Leser das Ergebnis vorverdaut mitzuliefern. Der Erzähler erinnert sich an seinen Vater, der einen guten Job mit Geld und Ansehen aufgab, um als Nachtportier ein unauffälliges Dasein zu führen. Eines nachts weckt er seinen kleinen Sohn, um ihn mitzunehmen zu einem Abenteuer der Nacht. Und er zeigt seinem Sohn seine „Nachtseite“, die Seite seines Wesens, dir ihn dazu trieb, sich der umtriebigen Karrierewelt zu entziehen.
Die Geschichte ist so ruhig und klar erzählt, wie ein Nachthimmel voller Sterne. Und die Pointe lässt den Leser mit einer Frage zurück, über die er lange nachdenken wird.
Ich habe meinen Vater als einen klugen und sehr nachdenklichen Mann in Erinnerung. Es hieß, vor meiner Geburt habe er einmal an der Universität gearbeitet und war als Forscher in seinem Fach sogar recht bekannt gewesen. Dann kündigte er von einem Tag... Kurzgeschichte lesen
Ich habe meinen Vater als einen klugen und sehr nachdenklichen Mann in Erinnerung. Es hieß, vor meiner Geburt habe er einmal an der Universität gearbeitet und war als Forscher in seinem Fach sogar recht bekannt gewesen. Dann kündigte er von einem Tag auf den anderen und nahm eine Stelle als Nachtportier in einer kleinen Pension an. Über seine Beweggründe sprach er mit niemandem, wer ihn danach fragte, erntete meist unwilliges Schweigen, manchmal auch knappe Antworten, die jedoch genauso unwirsch wie rätselhaft waren: „Wie kann ich das wissen?“, oder: „Fragen Sie mich was Einfacheres!“ So abgespeist zu werden, irritierte viele und so hörten seine Freunde bald zu fragen auf und vermieden schließlich ganz, mit ihm über private Dinge zu sprechen. Unmerklich entfernte er sich so von seinem Bekanntenkreis: in kaum wahrnehmbarer Langsamkeit, als triebe er allein aufs Meer hinaus, auf einer Eisscholle, die sich sachte vom Schelf gelöst hatte.
Wenn ich als Kind zu Hause seine Nähe suchte, so fand ich ihn oft allein an seinem Schreibtisch oder im Garten sitzen, wo er traurig und versonnen in unbestimmte Ferne sah. Früher stellte ich mir so den Blick des lieben Gottes vor, wenn er dem Treiben seiner unvernünftigen Geschöpfe in mitfühlender Erwartung ihres unvermeidlichen Schicksals zusah.
In den Nächten, in denen mein Vater keinen Dienst hatte, geschah jedoch etwas Geheimnisvolles, auf das ich mir lange keinen Reim machen konnte. Wenn ich in meinem Zimmer im ersten Stock spätabends im Bett lag und die Augen schon kurz vorm Zufallen waren, wurde ich oft durch das gedämpfte Klirren seines Schlüsselbundes in seiner Lodenjacke noch einmal aufgeschreckt. Dann hörte ich, wie er seinen Janker vom Haken nahm und kurz darauf klapperte es leise in der Eingangsdiele, wenn er sich die Schuhe anzog. Dann wurde es einen Augenblick still und kurz darauf fiel die Haustür ins Schloss. Auch meine Mutter war um diese Zeit schon zu Bett gegangen und mein Vater vermutete wohl, dass ich genauso wie sie schon eingeschlafen sei. Tatsächlich jedoch nahm ich mir an manchem solcher Abende vor, solange wachzubleiben, bis er zurückkommen würde. Letztlich siegte jedoch immer die Müdigkeit. So vergingen Jahre und meine Neugier über seine späten Ausflüge wuchs zwar mit dem Alter, nachzufragen traute ich mich jedoch nie, wohl aus Scheu davor, an einem Tabu zu rühren. Auch mit meiner Mutter mochte ich nicht darüber sprechen, irgendein Instinkt sagte mir, dass es sich dabei um eine Erwachsenenangelegenheit handelte, die mich nichts anging.
Eines Abends jedoch sollte sich das Rätsel lösen, ohne dass ich meine Neugier offen hätte kundtun müssen.
Ich war wohl elf oder zwölf Jahre alt, als es eines späten Herbstabends an meiner Zimmertür klopfte. Es bin mir sicher, dass es ein Freitag war, denn ich fühlte mich – wie oft an Freitagen – vom Schulsport und dem Fußballtraining am Nachmittag so erschöpft, dass ich mit schweren Gliedern ins Bett gesunken war und keinerlei Lust verspürte, mich vor dem nächsten Vormittag noch einmal zu rühren. Als dann kurz darauf die Tür sich öffnete und mein Vater behutsam ins Zimmer schlich, um flüsternd zu fragen, ob ich schon schlafe, brachte ich daher zunächst nichts mehr hervor als ein unwillig geröcheltes „Ja“, mit dem ich den Wunsch signalisieren wollte, ins Reich der Träume entlassen zu werden. Doch er überhörte meine Müdigkeit und trat näher ans Kopfende meines Bettes. Schließlich sagte er, immer noch flüsternd, aber mit einem ernsthaften Unterton: „Zieh dich an, ich möchte dir etwas zeigen.“ Siedend heiß fielen mir die rätselhaften nächtlichen Ausflüge ein, schlagartig war ich wach. „Was denn?“ fragte ich, während ich mich mühsam aus dem Bett aufrichtete.
„Nur mit der Ruhe. Ich warte unten auf dich.“ Er wandte sich um und verließ das Zimmer.
Eilig schälte ich mich aus der Decke, klaubte die Kleidung vom Boden, zog sie rasch über und lief eilig, aber behutsam, um Mama nicht zu wecken, hinunter ins Erdgeschoss, wo mein Vater schon in seiner Joppe auf mich wartete. Auch ich nahm meinen Anorak vom Kleiderständer und wortlos verließen wir das Haus.
Mild duftende Abendluft empfing uns, das welkende Laub der Nussbäume im Vorgarten raschelte leise im Wind und der Nachthimmel stand klar und mondlos über unserer friedlich schlafenden Vorstadtsiedlung. Mein Vater wies auf den vor der Tür geparkten Wagen und bedeutete mir wortlos einzusteigen. Auch im Wagen sprach er kein einziges Wort, nur leise Klaviermusik untermalte unsere nächtliche Fahrt. Obwohl mir unzählige Fragen durch den Kopf gingen, wagte ich nicht, das Schweigen zu brechen, denn ich fürchtete, den Zauber dieser gemeinsamen Stunde zu zerstören. Nach einer Dreiviertelstunde Fahrt in Richtung Berge bog der Wagen in einem Seitental auf einen abgelegenen Feldweg ein und rumpelte noch einige Minuten auf einen Waldrand zu, bevor mein Vater auskuppelte, den Wagen ausrollen ließ, die Scheinwerfer löschte und schließlich den Motor abstellte. Einige Sekunden verharrten wir schweigend in vollkommener Dunkelheit. Dann hörte ich, wie mein Vater sacht die Tür öffnete und den Wagen verließ. Ich tat es ihm gleich und die Einstiegsbeleuchtung erlosch. Absolute Finsternis umfing uns und ich hatte Mühe, mich zu orientieren. Am Wagen tastete ich mich entlang in Richtung des leisen Atemgeräusches meines Vaters. Als ich ihn erreicht hatte, griff er meinen Arm, hob ihn nach oben und flüsterte: „Schau.“
Auf dem tiefschwarzen Firmament funkelten Abertausende winzige Lichter wie Diamantsplitter auf einem schwarzen Samtkissen. Ein Schauer lief mir über den Rücken, mit offenem Mund ließ ich meinen Blick über das unendlich scheinende Sternenmeer schweifen, minutenlang war ich gelähmt vor stummer Ehrfurcht.
Schließlich lenkte mein Vater erneut meine Hand und deute auf eine Gruppe von Sternen, die direkt über der bewaldeten Bergkuppe vor uns aufragte. „Das ist das Sternbild Perseus“, flüsterte er und hielt kurz inne, während er die Umrisse mit meiner Hand nachzeichnete. „Der hellste Stern – der da oben“, er dirigierte meine Hand noch ein Stück weiter hinauf, „der heißt Mirfak. Über fünfhundert Lichtjahre von uns entfernt.“
Ich schwieg und versuchte mir vorzustellen, wie weit das wohl sein mochte … zwar kannte ich den Begriff „Lichtjahr“, mir diese Entfernung bildhaft auszumalen, das lag jedoch jenseits meiner Fähigkeiten, wie sehr ich meine Gedanken auch anstrengte. Plötzlich wehte mich eine Ahnung an wie aus einem Abgrund meiner kindlichen Vorstellungswelt: Was war erst mit all den anderen Sternen, die vielleicht noch viel weiter entfernt lagen - hunderte, tausende, millionen Male weiter entfernt? Mir schwindelte.
„Hm…“ begann mein Vater, als hätte er meine Gedanken erraten, „Ein furchtbares Gefühl, nicht wahr? “ Noch bevor mir klar wurde, dass er damit genau meinen Gefühlszustand in Worte gefasst hatte, setzte er leise hinzu: „Damit zu leben, das bringen nur wenige fertig.“
In diesem Moment glühten zwei Sternschuppen kurz hintereinander über unseren Köpfen auf, zogen eine flüchtige Bahn und versanken hinter dem schweigenden Schwarz des Bergwaldes.
Reto Burn aus Olten
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Kira Stern aus Karlsruhe
Petra P. Hasler aus Übelbach
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3. Platz, Genre-Wettbewerb 2025 Runde 2.
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Damaris Leska-Zapf
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5. Platz, Schreibdebüt-Wettbewerb 2024 Runde 1.