Wettbewerbs-Auszeichnungen

4. Platz im Genre-Wettbewerb 2025 - Blind
Urteil der Jury

Ruth Hörters Blind ist eine Ermittlerkrimi-Geschichte – und wartete am Ende mit einem Twist auf, der so schmerzhaft wie unerwartet ist. Die Ermittlung als solche ist von Anfang an spannend: Ari, ein sechzehnjähriger Junge aus Syrien, ist tot. Seine Lebensfreude wird gezeigt, deren Verlöschen, und die Verzweiflung seiner Eltern. Ermittlerin Martina geht das nahe, denn sie hat selbst einen Sohn in dem Alter, Anton. Beiläufig fragt sie ihn, ob er das Opfer gekannt habe. Er verneint, doch seine Reaktion ist nicht ganz stimmig. Lügt er etwa?
An dieser Stelle kommt zusätzliche Spannung auf der Beziehungsebene ins Spiel, und mit einem Mal brauchen wir die Ermittlung nicht mehr nur, um den Fall zu lösen, sondern auch, um zu begreifen, was mit Anton los ist. Handlungsebene und emotionale Ebene werden also an derselben Frage aufgehängt: Was ist geschehen? Wenn wir am Ende die Auflösung erhalten, wird klar, dass Martina hätte ahnen müssen. Ruth Hörter macht deutlich, dass wir oft nicht sehen können, was uns nahe ist, weil wir Angst haben, uns der Wahrheit zu stellen. Blind zeigt uns diesen blinden Fleck auf schmerzhafte, wirkungsvolle Weise.

 

Blind:

Milchig trübe, weit aufgerissene Augen starrten sie reglos an. Ein paar Stunden länger, und sie wären schwarz gewesen. Der Körper aufgedunsen und blass. Martina zog sich fröstelnd den Mantel enger. Der laut prasselnde Regen übertönte zwar ihre... Kurzgeschichte lesen

Foto Ruth Hörter

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