Ruth Hörter aus Berlin
Fernlehrgang: Schreibwerkstatt mit Schwerpunkt Kinder- und Jugendbuch
Fernlehrgang: Schreibwerkstatt mit Schwerpunkt Kinder- und Jugendbuch
Ruth Hörters Blind ist eine Ermittlerkrimi-Geschichte – und wartete am Ende mit einem Twist auf, der so schmerzhaft wie unerwartet ist. Die Ermittlung als solche ist von Anfang an spannend: Ari, ein sechzehnjähriger Junge aus Syrien, ist tot. Seine Lebensfreude wird gezeigt, deren Verlöschen, und die Verzweiflung seiner Eltern. Ermittlerin Martina geht das nahe, denn sie hat selbst einen Sohn in dem Alter, Anton. Beiläufig fragt sie ihn, ob er das Opfer gekannt habe. Er verneint, doch seine Reaktion ist nicht ganz stimmig. Lügt er etwa?
An dieser Stelle kommt zusätzliche Spannung auf der Beziehungsebene ins Spiel, und mit einem Mal brauchen wir die Ermittlung nicht mehr nur, um den Fall zu lösen, sondern auch, um zu begreifen, was mit Anton los ist. Handlungsebene und emotionale Ebene werden also an derselben Frage aufgehängt: Was ist geschehen? Wenn wir am Ende die Auflösung erhalten, wird klar, dass Martina hätte ahnen müssen. Ruth Hörter macht deutlich, dass wir oft nicht sehen können, was uns nahe ist, weil wir Angst haben, uns der Wahrheit zu stellen. Blind zeigt uns diesen blinden Fleck auf schmerzhafte, wirkungsvolle Weise.
Milchig trübe, weit aufgerissene Augen starrten sie reglos an. Ein paar Stunden länger, und sie wären schwarz gewesen. Der Körper aufgedunsen und blass. Martina zog sich fröstelnd den Mantel enger. Der laut prasselnde Regen übertönte zwar ihre... Kurzgeschichte lesen
Milchig trübe, weit aufgerissene Augen starrten sie reglos an. Ein paar Stunden länger, und sie wären schwarz gewesen. Der Körper aufgedunsen und blass. Martina zog sich fröstelnd den Mantel enger. Der laut prasselnde Regen übertönte zwar ihre Gedanken, das Bild des Jungen jedoch hatte sich unlöslich auf ihrer Netzhaut eingebrannt.
Ari. 16 Jahre. Gestorben vermutlich durch Ertrinken. Weitere Untersuchungen würden auf dem Tisch der Gerichtsmedizin folgen.
Ari war in Antons Alter. Gewesen. Viel zu jung für so etwas.
Erschöpft ging Martina die Treppen zu ihrer Wohnung hoch. Aris Anblick flackerte immer wieder vor ihren Augen auf. Sie krallte sich an den Pizzakartons in ihrer Hand fest.
„Na endlich, da bist du ja. Musstest du ausgerechnet heute jemanden sterben lassen?“ Erik stand im Flur, nahm ihr die Pizzakartons aus der Hand. „Und dann auch noch kalt.“ Die Verachtung stand ihm ins Gesicht geschrieben.
Zitternd zog Martina den Mantel aus.
Das Gespräch mit Aris Eltern hallte in ihr nach.
Zwei freundliche Menschen aus Syrien, hergekommen für die bessere Zukunft ihres Sohnes, der nun leblos auf einem kalten Obduktionstisch lag.
Die Mutter hatte geschrien. Der Vater gewimmert.
„Er war so klug“, hatte er gesagt. „Hat immer gelacht.“
„In letzter Zeit auch? Hat er auch in den letzten Wochen immer nur gelacht?“
Kurzes Zögern. Nachdenken.
„Nein. In letzter Zeit war er… müde.“
Jetzt saß sie am Tisch. Anton und Erik kauten schweigend. Augen auf den Handys. Sie biss in die Pizza, der Käse schmeckte nach Pappe, die Tomatensoße war zu scharf. Resigniert legte sie das Stück vor sich ab.
„Anton, kennst du einen Ari?“, fragte sie beiläufig.
Anton schien kurz zusammenzuzucken. Oder hatte sie sich das eingebildet? Woher sollte er ihn kennen? Sie waren nicht auf der gleichen Schule gewesen.
„Nö, wieso?“ Blick wieder starr auf das Handy gerichtet.
„Ach, nur so. Er war in deinem Alter, hätte ja sein können.“
Keine Reaktion von Anton. Oder war da ein Zucken? Sie blickte ihren Sohn an, hatte er die Vergangenheitsform nicht bemerkt?
In Aris Schule waren heute alle auf die Geschichte angesprungen, Schüler und Lehrer gierig nach Details. Laufende Ermittlungen. Keine offizielle Todesursache. Aber wie war Ari? Wer war Ari?
Nett war er. Hatte mal eine Freundin. Sarah. Aber die ist weg. Auf einer anderen Schule, in einer anderen Stadt.
Seitdem war er oft in sich versunken. Sein Blick immer halb auf das Handy gerichtet. Versuchte wohl, der Realität zu entfliehen. Wurde immer unscheinbarer. Unsichtbar.
Letzte Woche gab es einen Zwischenfall. Streit mit dem Sportlehrer. Ari hatte sich geweigert, am Schwimmunterricht teilzunehmen – er konnte nicht schwimmen. War zwar auf einem winzigen Schlauchboot über ein ganzes Meer in die bessere Zukunft getrieben, konnte sich aber keinen Meter selbst über Wasser halten.
Hatte der Sportlehrer was mit Aris Tod zu tun?
Martinas Handy vibrierte. Ihre Kollegin. Schnell stand sie vom Tisch auf. Weder Erik noch Anton bemerkten es.
Aris Handy war aus dem Wasser geborgen worden. Stark beschädigt, aber einige Daten rekonstruierbar.
Belanglose Chats mit den Eltern und Verwandten aus Syrien.
Ein Chat mit Sarah. Sie hatte wirklich Schluss gemacht. War es vielleicht Selbstmord und Sarah der Grund?
Erik und Anton schliefen noch, als Martina sich am nächsten Morgen in aller Frühe aus dem Haus schlich. Sie wollte sich in Ruhe die Chatverläufe vornehmen. Auch Sarah ausfindig machen.
Das Handy lag in einem Spurensicherungsbeutel auf ihrem Tisch im Büro, daneben ein Zettel.
Gelöschte Chatgruppe „MM“ rekonstruiert
Mehrere Seiten Ausdruck des Chatverlaufes lagen neben dem Zettel.
MM? Martina konnte sich nichts darunter vorstellen. Neben dem MM zwei Icons. Eine Welle und ein Mülleimer.
Sie blätterte durch die gedruckten Seiten.
Schwimm doch wieder zurück.
Warum bist du nicht einfach im Meer versunken, da gehörst du doch hin.
Du bist wie der Müll im Meer. Einmal drin, machst du alle anderen Lebewesen krank.
MM, Welle und Mülleimer = Meeres-Müll? Er war in ihren Augen nicht nur kein Teil dieser Gesellschaft, sondern wurde mit dem Namen auch noch komplett entmenschlicht. Ein Kloß schnürte Martina den Hals zu.
Mitglieder der Gruppe: KL, MP, AT, KF, AR.
Die Nachrichten von AT waren am schlimmsten.
„Wisst ihr schon, von wem die Nummern aus dem Chat sind, was bedeuten die Buchstaben?“ Sie hatte einen Kollegen aus der IT-Abteilung an der Leitung.
„Nein, noch nicht, wir arbeiten daran. Schicken dir gleich einen Zwischenstand.“
Zwei Nummern aus dem Norden der Stadt, eine Nummer aus einem Vorort und eine Nummer aus ihrem Wohngebiet. Martina hielt kurz inne beim Lesen, die Nummer kam ihr bekannt vor.
„Hoffentlich kein Nachbarskind, das ich kenne.“
Ein paar Stunden später rief der Kollege aus der IT-Abteilung wieder an.
„Die Nummern stammen von ehemaligen Mitgliedern eines Fußballvereines.“
„Schick mir bitte die Teilnehmerliste. Und den Vereinsnamen.“
Stille am anderen Ende der Leitung. Kurzes Räuspern.
„Ja?“ Martina wurde ungeduldig.
„Du hast doch einen Sohn? Anton, oder?“
Martina erstarrte. Der Hörer rutschte ihr fast aus der plötzlich schwitzig kalten Hand. Die Nummer aus ihrem Wohngebiet. Antons Zucken gestern. Ihr Hals schnürte sich zu, sie brachte kein Wort heraus.
„Martina?“
„…“
„Hör mal, Martina, ich schick dir jetzt die Liste. Vielleicht ist es ja ganz unbedeutend, vielleicht war Anton nicht direkt beteiligt.“
AT, der schlimmste von allen.
AT = Anton Thiel
Ihr blieb die Luft weg. Das konnte nicht sein. Nicht ihr Anton. Es musste ein anderer AT sein. Ihr Anton war doch eben noch in der KiTa gewesen. Hatte sich bei Schmerzen fest an sie gekuschelt und von ihr schaukeln lassen. Sie hatte immer seinen süßlichen Kinderduft eingeatmet. Ihr kleiner Anton. Ihr Anton, der seit einigen Monaten eine Glatze trug. Immer schweigend, den Blick stets aufs Handy gerichtet. Nur am Lachen, wenn sein Vater sich mit hohlen Worten über „die Ausländer“ aufregte. Der Anton? Der Anton! Wann war er nur so geworden?
Martinas Handy klingelte wieder. Die Gerichtsmedizin. Keine Anzeichen auf Fremdverschulden.
Martina starrte auf den Chatausdruck.
Vielleicht keine körperlichen Anzeichen.
AR: Hört auf! Ich kann nicht mehr.
AT: Na dann werd doch Futter für die Fische.
Martina hörte ihren Herzschlag. Er wurde lauter. Und schwerer. Zog sie nach unten. Bis sie versinken würde im dickflüssigen Nichts.
Wie lange schon hörte sie weg, wenn Erik und Anton mal wieder über „die“ lachten?
Wie lange schon schob sie alles auf die Pubertät?
Wie lange schon schaute sie ihren Sohn täglich an, ohne ihn wirklich zu sehen?
Sonja Rauche aus Frankfurt
Christina H.W. aus Bayern
Aurelia Skall aus Österreich
Dorothea Barbosa Sicard aus Hausen im Wiesental
Martina Adler aus Düsseldorf
J.T. Winterbach
2. Platz, Genre-Wettbewerb 2025 Runde 1.
Lisa Wenzel
1. Platz, Genre-Wettbewerb 2025 Runde 1.
Claudia Sebastian
3. Platz, Schreibdebüt-Wettbewerb 2025 Runde 1.
Susan Matthes
4. Platz, Schreibdebüt-Wettbewerb 2024 Runde 2.
Bettina Wernicke
2. Platz, Schreibdebüt-Wettbewerb 2024 Runde 1.
Anna-Maria Friedrich
1. Platz, Genre-Wettbewerb 2023 Runde 2.
Mareike Bürger
5. Platz, Schreibdebüt-Wettbewerb 2023 Runde 2.