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3. Platz:

Melanie Günther

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Joachim

Genre-Wettbewerb-Wettbewerb 2019 Runde 2

Das Urteil der Jury:

Joachim leidet unter Wahnvorstellungen, ausgelöst durch einen schrecklichen Unfall in seiner Kindheit. Er kauert auf der Straße, zwischen Autos, Balkone recken sich ihm entgegen, stürzen ein und Beton fällt auf ihn ... Jeden Tag erlebt er dieses Entsetzen und diese Panik aufs Neue.

Melanie Günthers Hauptfigur Joachim kämpft gegen seine Wahnvorstellungen an. Er stellt sich Ihnen, doch noch schafft er es nicht, alleine aus diesen rauszukommen. Aber es gibt erste Anzeichen für Hoffnung. Die Autorin schafft es, die Bilder in Joachims Kopf sehr realistisch zu zeigen. Und seinen tiefen Wunsch nach Normalität. Ein spannender und bewegender Text, der den Leser nachdenklich zurück lässt.


Joachim

Dicke, graue Wolken hingen über der Stadt. Joachim saß auf dem Bordstein, die Hände um die Beine geschlungen und am ganzen Körper zitternd. Er trug eine verwaschene blaugraue Jeans und einen quietschgrünen Hoodie. Die Füße in den Sneakern standen auf dem Kopfsteinpflaster. Er saß zwischen zwei Autos und hoffte, die Panik würde sich aus seinem Herzen verziehen. Stattdessen bäumte sie sich auf, wurde stärker, und Bilder gesellten sich zu ihr. Sie schwirrten ihm im Kopf herum. Schweißperlen tropften von Joachims Stirn.
«Verschwindet!», schrie er sie an.
Doch trotzig ließen sie die Realität mit seinen Träumen verschwimmen. Ein Mann, der auf dem Fußgängerweg flanierte, rümpfte die Nase.
«Wieder so ein Verrückter auf offener Straße. Wann steckt die endlich jemand in die Klapse?», zeterte er.
Joachim hörte den Mann und hörte ihn nicht. Die Balkone reckten und streckten sich nach ihm. Mit ihren Geländern winkten sie ihm spitzbübisch zu. Als sich einer von ihnen von der Wand löste, breitete sich Entsetzen in seinem Herzen aus. Die Halterung brach aus der Fassade und der Beton glitt schabend an der Mauer hinab. Er barste mit einem dumpfen Geräusch in zahlreiche Brocken.
Joachim öffnete den Mund zu einem stummen Schrei. Die Bilder rasten und überschlugen sich noch stets vor seinem inneren Auge.

Der Morgen war strahlend hell, als sein Vater vor ihm am Geländer des Balkons lehnte. Er trug einen Strohhut, ein locker fallendes Hemd und eine löcherige Jeans. «Komm her zu mir, mein Junge», sagte er lächelnd. Der fünfjährige Joachim trat einen Schritt auf seinen Papa zu. Im nächsten Moment löste sich die morsche Halterung des Geländers und das Lächeln verschwand aus dem Gesicht seines Vaters. Als das Metall hinter ihm nachgab, stürzte er in die Tiefe. Der kleine Jochi sah seinem Papa und dem Geländer stumm nach. Fiebrig suchte das Kinderhirn das Geschehen zu begreifen. Dann wand sich ein Schrei aus seiner Kehle.

Er war ohrenbetäubend und fuhr kalt durch seine Glieder. Joachim sprang auf und rannte los. Ein weiterer Balkon löste sich von den Reihenhäusern. Seine Ohren dröhnten. Der Nächste fiel, prallte auf und zerbarst. Dann wackelten die Balkone auf beiden Seiten der Straße. Wie ein Tier in der Falle suchte Joachim panisch nach einem Ausweg. Kopflos stürzte er durch die Straßen. Als er durch die Pfützen lief, sprang das Wasser an seinen Hosenbeinen hinauf. Sein Herz raste und sein Atem war unregelmäßig. Fast fiel er über einen achtlos abgestellten E-Scooter und gewann nur im letzten Moment die Kontrolle über seinen Körper zurück.
Weiterlaufen, befahl er sich selbst. Auf beiden Seiten lösten sich mehr und mehr Balkone von den Häuserwänden.
Die Straße, auf der Joachim lief, kreuzte eine andere. Er rannte geradewegs über das Kopfsteinpflaster. Autos hupten und Balkone krachten um ihn herum. Er stolperte über den Bordstein und fiel auf die nasse Erde der Bepflanzung auf dem Gehweg. Joachim fluchte laut und rappelte sich auf.
Als ein weiterer Balkon haarscharf neben ihm auf dem Boden zersprang, kniff er die Augen fest zusammen und legte seine Hände auf beide Ohren. Er sah sich zerquetscht unter dem kalten Stein. Blut sickerte darunter hervor und nur seine leblose Hand war zu sehen. Er versuchte, die Bilder mit dem Kopf davon zu schütteln, doch er konnte ihnen und den Geräuschen nicht entkommen. Er öffnete die Augen und lief weiter. Ein eisiger Griff hatte sein Herz ergriffen.
Hinter der nächsten Kreuzung erblickte Joachim endlich einen Park.
Ich muss es über die Ampel schaffen, schoss es ihm durch den Kopf.
Das Ampelmännchen leuchtete rot und zahlreiche Fahrzeuge kreuzten die Straße. Einen Moment lang wartete Joachim, doch die Laute und Bilder, die seinen Verstand zersetzten, waren zu verstörend.
Er rannte los. Das Herz schlug ihm bis zum Hals und das Adrenalin pulsierte durch seine Adern. Die Reifen eines Autos quietschten und es schlingerte zur Seite. Aus den Augenwinkeln nahm Joachim mit Entsetzen wahr, dass niemand am Lenkrad saß.
“Scheiße!”, schimpfte er und sprintete die letzten Meter auf die andere Straßenseite.
“Schon wieder so ein Penner,” murmelte eine Frau, die mit ihrem Kinderwagen an der Ampel wartete.
Joachim kümmerte es nicht. Er sprang über den Zaun der Parkanlage, hechtete durch das Gebüsch und erreichte die andere Seite. Mit einem Mal war er umringt von Blumen. Er erblickte Traubenhyazinthen, Milchsterne, Blausterne und Hasenglöckchen. Ihre Kelche waren geöffnet und zwischen ihnen tanzten Schmetterlinge. Aus der Ferne hörte er Vogelzwitschern und Menschen, die durch den Park spazierten. Im Herzen der Blumen stehend, erschien Joachim die dichte Wolkendecke wie frisch geschorene Schafswolle.
Vor einer pastellblau gestrichenen Bank blieb er stehen und plumpste schwer atmend auf ihr nieder. Mit den Händen bedeckte er sein Gesicht und ließ die Ellenbogen auf seinen Oberschenkeln ruhen. Joachim roch die Erde an seinen Fingern und bemerkte die nasskalten Hosenbeine.
Eine Weile saß er bloß auf der Parkbank. Dann schob er eine Hand in die Hosentasche und holte sein Smartphone heraus. Er aktivierte das Display und tippte seine PIN ein. 1978. Er wählte das Telefonzeichen und wartete. Der Freiton läutete ein paar Mal, bevor eine Frauenstimme abnahm.
«Hol mich bitte raus. Ich kann das nicht», sprach Joachim in das Mikrofon.
Er legte auf, steckte das Gerät zurück in die Hosentasche und holte aus der anderen einen Fidget Spinner, den er zwischen seinen Fingern tanzen ließ. Nach einer Weile kamen ein paar Jungen auf ihn zu, die in seiner Stufe sein könnten.
“Sieht gut aus, Alter. Kann ich auch mal?”, fragte der Eine mit zerzaustem braunem Haar und blauen Augen.
«Klar», entgegnete Joachim, stoppte den Spinner und gab ihn dem Braunhaarigen. Als das Fingerspiel langsam in Gang kam, huschte ein Lächeln über sein Gesicht.
«Wo haste das denn gelernt?», fragte der Andere. Seine haselnussbraunen Augen leuchteten.
«In der Schule und vor den Therapien.»
«Biste ein Verrückter?»
«Ne», erwiderte Joachim und zuckte mit den Achseln.
«Krank.»
«Alles klar», entgegnete der Blonde. «Hab noch keinen Kranken so gut mit dem Teil umgehen sehen. Alle Achtung!»
Er grinste und gab nun dem Braunhaarigen den Spinner. In dem Moment erblickte Joachim seine Mutter, die zu der pastellblauen Bank kam. Er sah zu den Jugendlichen, dann zu ihr. Werde ich je so sein wie sie, fragte er sie wortlos.
Sie setzte sich zu ihm auf die Parkbank und nahm seine Hand in ihre. Gemeinsam betrachteten sie den Sonnenuntergang, der den Horizont in ein Farbenmeer tauchte.

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