Cornelia Frick aus Oberbüren
Fernlehrgang: Kompaktkurs Kreatives Schreiben
Fernlehrgang: Kompaktkurs Kreatives Schreiben
Cornelia Fricks Erzählung Bismillah kreist um einen sorgenvollen Moment mit anfänglicher Ungewissheit. Die Autorin schafft es behutsam, zugleich offensichtlich, ins Setting einzusteigen, um unmittelbar das Gefühlschaos ihrer Hauptfigur zu zeigen. Wir bangen und hoffen, zittern und sacken zusammen mit Bismillah, wie ein Soufflee, das zu früh aus dem Ofen genommen wurde. Der Plot regt an, darüber nachzudenken, wie schnell wir uns in Gedankenspiralen verlieren, und macht Hoffnung, immer auch an ein gutes Ende zu glauben. Vom Gefühl, in einen reißenden Wildbach gefallen zu sein, entführt uns die Autorin mit ihrer ruhigen Erzählstimme in einen Krankenhausflur, der für ihre Protagonistin am Ende eine glückliche Wendung bereithält. Wie eine Blume, die den Weg durch die harte Erde geschafft hat, erzeugt Cornelia Frick mit ihrem Debüt ein professionelles, intuitives Geschichtenerzählen, ohne Klischees und unnötigem Drama.
Hände desinfizieren…
Leerer Kopf und Gliedmaßen so schwer wie Blei. Geistesabwesend betätige ich mit dem rechten Ellbogen die Pumpe, welches das durchsichtige Desinfektionsmittel in meine Hände füllt. „Schön einreiben, wie du es in deiner Ausbildung... Kurzgeschichte lesen
Hände desinfizieren…
Leerer Kopf und Gliedmaßen so schwer wie Blei. Geistesabwesend betätige ich mit dem rechten Ellbogen die Pumpe, welches das durchsichtige Desinfektionsmittel in meine Hände füllt. „Schön einreiben, wie du es in deiner Ausbildung gelernt hast“, meldet sich mein Kopf. Als sei dies von unverzichtbarer Wichtigkeit. Unterdessen schlurfe ich zu einem der weißen Stühle und lasse mich hineinfallen. Meine Umgebung nehme ich nur am Rande wahr. Vor mir hängt eine große Wanduhr. Es scheint, als bleibe der Sekundenzeiger am immer gleichen Ort stehen. Er bewegt sich unendlich zäh und langsam. Am liebsten würde ich aus meinem Hocker hochspringen, die Uhr von der Wand reißen, den Sekundenzeiger zwischen meine Finger krallen und ihn schneller voranschieben. Die Uhr schütteln, anbrüllen und für alles verantwortlich machen, was hier gerade vor sich geht. Stattdessen sinke ich noch tiefer in mich zusammen und kämpfe gegen meine Ungeduld. Ich möchte dich sehen! Möchte mit eigenen Augen sehen, wie es dir geht, wie du die Operation überstanden hast! Die Worte der Ärzte sausen mir durch den Kopf, tanzen vor meinen Augen umher: „Einseitige Lähmung, Sprachverlust, Invalidität…“. Mein Gott, was wird mich erwarten. Ich betäube meine Ungeduld, resigniere total. Alle Energie weicht aus mir. Wie ein Soufflee, das zu früh aus dem Ofen genommen wurde, sacke ich zusammen.
Der gestrige Abschied zieht in Endlosschleife durch meinen Kopf: Unsere Lippen berühren sich zum Kuss. Meine Lippen zittern und pressen sich fester auf deine… ich will nicht, dass du gehst! Ich weiß ja gar nicht, was passiert und wie diese Operation verläuft! Meine Gedanken überschlagen sich, wirbeln in meinem Schädel umher wie ein Herbststurm, welcher wild wütend die Blätter von den Bäumen reißt. Du löst dich von mir, lächelst mir zu. Vor mir stehst du, der Optimismus in Person. Woher nimmst du nur diese Kraft?! Langsam entfernst du dich von mir, mit deinem herzenserwärmenden Lachen. „Wir sehen uns morgen! Bismillah …“
Du hast mir erzählt, dass du, bevor du die Augen schließt und dich das Narkosemittel in einen tiefen Schlaf wiegt, zwei Dinge vor Augen hast: Mailo – unser Hund - und mich. Dann wissest du, dass alles gut gehen wird… Tränen rollen mir das feuchte Gesicht hinunter, meine Hände fangen an zu zittern.
Wann zum Henker kann ich dich endlich sehen?! Und wieso um alles in der Welt bewegt sich der Zeiger der Uhr so unendlich schleppend…?!
Die Tür neben mir öffnet sich erneut. Ein Arzt in einem weißen Kittel bleibt stehen und sieht mich an. „Sie dürfen mit mir mitkommen“. Ferngesteuert erhebe ich mich und setze einen Fuß vor den anderen. Wie ich bis zu deinem Zimmer gekommen bin, weiß ich nicht mehr. Auf einmal stehe ich auf der Intensivstation, umgeben von Monitoren und Vorhängen. Mein Herz jagt mir das Blut durch die Arterien, als wolle es mich wachrütteln! Meine Ohren rauschen. Das monotone Piepen der Monitore lässt mich daran erinnern, wo ich bin. Vorhänge… so viele Vorhänge. Ich fühle mich wie im Irrgarten. Gefangen wie Alice im Kaninchenbau. Mein Kopf dreht sich nach links und mein Herz setzt aus. Ein Mann um die dreißig wird vom Pflegepersonal gefüttert. Er befindet sich in einem Gestell, welches seinen Kopf und den ganzen restlichen Körper stützt. Diverse Schläuche stecken in seiner Haut deren Grauton weit weg von unserer natürlichen Hautfarbe ist. Bist du das?! NEIIIIN!!! Meine Knie geben nach. Mein Herz hämmert so fest in meiner Brust, als wolle es die Rippen sprengen. Hören kann ich unterdessen nichts mehr, das Rauschen ist zu laut geworden. Es fühlt sich an, als sei ich in einen reißenden Wildbach gefallen und zappele vor mich hin, schlage mit meinen Armen, um an der Oberfläche zu bleiben, ringe nach Atem, Tränen bilden sich und überfluten meine Augen.
Just im selben Moment nehme ich eine Bewegung hinter dem Mann wahr. Ein zaghaftes Zeichen: Ein Arm, der sich zum Gruß hebt. Mein tränennasses Gesicht wendet sich DIR zu! Der Mann im Rollstuhl bist nicht du…! Du bist in einem Bett hinter ihm und grinst mich an, ganz vorsichtig, wie eine Blume, die den Weg durch die harte Erde geschafft hat und durch das Sonnenlicht geküsst wird. In deiner rechten Hand hältst du ein Wasserglas. In deiner rechten Hand! Ich kann es kaum fassen: die Lähmung würde deine rechte Seite betreffen. Eintausend Stoßgebete sende ich zum Himmel! Neuen Mutes schreite ich zu dir, setze mich aufs Bett, strahl dich an und bin unglaublich happy, dich so zu sehen. „Hallo“, ertönt es aus deinem Mund. Meine Welt baut sich in Sekundenschnelle wieder zusammen, ich bin glückselig und erfüllt von unendlicher Dankbarkeit. Dies ist das wohl schönste Wort, welches ich je gehört habe.
Eva Sperber aus Ludwigshafen
Sarah Posner aus Göttingen
Fine Joseph aus Hannover
Melanie Treber aus Westendorf
Miriam Baier
4. Platz, Schreibdebüt-Wettbewerb 2025 Runde 2.
Tim Dittert
5. Platz, Schreibdebüt-Wettbewerb 2025 Runde 2.
Renata Zimmermann
4. Platz, Schreibdebüt-Wettbewerb 2025 Runde 1.
Christina Fleischer
5. Platz, Schreibdebüt-Wettbewerb 2025 Runde 1.
Mareike Grytz
5. Platz, Genre-Wettbewerb 2024 Runde 1.
Gaby Rupp
5. Platz, Genre-Wettbewerb 2024 Runde 2.
Sonja Schmitt
1. Platz, Genre-Wettbewerb 2022 Runde 1.