Franziska Jahn aus Frankfurt (Oder)
Fernlehrgang: Schreibwerkstatt pur
Fernlehrgang: Schreibwerkstatt pur
Franziska Jahn entführt uns in eine Zeit, in der Schauergeschichten und die Romantik des hungernden Künstlers hoch im Kurs standen. Der Pakt mit dem Teufel, ein bekanntes Motiv dieser Literaturepoche, wird in Ein angemessener Preis auf interessante Art neu interpretiert.
Arthur, einem armen Studenten, der sich ein Zubrot mit Kurzgeschichten verdient, gehen die Ideen aus. In einem Wirtshaus begegnet er einem jungen, charismatischen Mann, der ihm anbietet, er dürfe über ihn schreiben – gegen einen Preis natürlich. Worin dieser besteht, bleibt offen, und man ahnt, dass es wohl um Arthurs Seele gehen wird, wie immer bei solchen Geschäften.
Von diesem Moment an sprudeln bei Arthur die Ideen, doch die Geschichte beginnt, auf unheimliche Weise in seine Realität einzudringen. Die Ironie dabei ist, dass Arthur selbst schuld ist an den Folgen seines Deals. Hätte er eine andere Geschichte geschrieben, wäre auch seine Geschichte anders ausgegangen.
Franziska Jahn schenkt uns nicht nur eine unterhaltsame Variation eines bekannten Motivs, sondern auch einen Kommentar über die Macht der Geschichten, die wir uns selbst erzählen und die dazu tendieren, zu unserer Wirklichkeit zu werden, wenn wir nicht aufpassen.
Arthur schlug das Notizbuch auf. Nicht auf der ersten Seite, sondern in der Mitte, denn der vordere Teil des Buches war bereits dicht mit Sätzen beschrieben. Anfänge für Geschichten sollten sie sein, doch waren Anfänge, die nirgendwo hinführten,... Kurzgeschichte lesen
Arthur schlug das Notizbuch auf. Nicht auf der ersten Seite, sondern in der Mitte, denn der vordere Teil des Buches war bereits dicht mit Sätzen beschrieben. Anfänge für Geschichten sollten sie sein, doch waren Anfänge, die nirgendwo hinführten, überhaupt noch Anfänge oder lediglich eine Ansammlung unzusammenhängender Zeilen?
Es war kurz vor Mitternacht und Arthur saß bei Kerzenschein in dem kleinen Gästezimmer von Frau Weber, welches sie jedes Jahr an einen Studenten vermietete. Es war schlicht eingerichtet, besaß ein schmales Bett, einen Schreibtisch sowie einen winzigen Kleiderschrank. Außerdem zog es zu dieser Jahreszeit durchs Fenster und wurde niemals richtig warm.
Draußen tänzelten weiße Flocken im Mondlicht Richtung Erde. Arthur spürte ein unangenehmes Kratzen im Hals und wurde im nächsten Moment von einem üblen Husten geschüttelt. Sein Brustkorb schmerzte und er rückte ein wenig näher an die kleine Kerze auf seinem Tisch heran, um seine Hände zu wärmen, die von der Kälte schon ganz steif waren.
Heute Nacht würde er eine neue Geschichte schreiben. Er musste. Sonst würde er schon bald ohne Obdach sein und sein Jurastudium abbrechen müssen.
Noch vor wenigen Monaten wäre es für ihn völlig undenkbar gewesen, dass er seinen Lebensunterhalt mit dem Schreiben von kurzen Geschichten bestritt. Er, der nicht einmal am Lesen Freude hatte! Doch hier saß er nun.
Das Studium hatten ihm zunächst seine Eltern finanziert. Sowohl die Unterkunft als auch sämtliche zusätzlichen Ausgaben hatten sie beglichen. Dann jedoch war seine kleine Schwester an Schwindsucht erkrankt und sie benötigten jeden Pfennig für ihre Behandlung im Sanatorium. Arthur hatte fieberhaft nach einer Möglichkeit gesucht, Geld zu verdienen, um sich selbst über Wasser halten zu können, doch er war weder handwerklich begabt noch sonderlich gut im Umgang mit anderen Menschen.
Ein Kommilitone, der selbst schrieb, hatte ihn schließlich auf die Idee gebracht, einen Text zu verfassen und ihn an verschiedene Zeitungen zu schicken. Arthur war überzeugt davon gewesen, dass man sein lächerliches Geschichtchen ablehnen würde, doch ehe er sich versah, hatten verschiedene Zeitungen Interesse an weiteren Arbeiten bekundet, die er gerne lieferte, solange seine Kreativität anhielt.
Irgendwann versiegte allerdings auch der sprudelndste Brunnen, und so kam es, dass Arthur um seine Existenz bangte. Keine Geschichten bedeuteten kein Geld und kein Geld bedeutete, dass er das Zimmer nicht länger bezahlen konnte. Frau Weber hatte ihm einen Aufschub gewährt, aber die Zeit war beinahe um und er hatte noch immer nichts geschrieben.
Darum war er am frühen Abend in das Wirtshaus am Ende der Straße aufgebrochen. Er besuchte die Gaststätte oft, denn sie war ein ausgezeichneter Ort, um Menschen zu beobachten und Inspiration zu sammeln. Leider stellte sich zu seiner großen Frustration kein Geistesblitz ein. Die Leute um ihn her erschienen ihm plump und langweilig. Jeder war mit sich selbst beschäftigt, kaum jemand sprach miteinander.
Arthur nippte an einem Glas Wein, das er sich definitiv nicht hätte leisten dürfen, und genoss die Wärme, die sich in ihm ausbreitete. Zumindest dafür hatte es sich gelohnt, zu kommen.
„Darf ich mich setzen?“
Arthur schaute auf. Vor ihm stand ein ausgesprochen gutaussehender junger Mann. Seine Haare waren blond gelockt, und durch das Licht der Petroleumlampe in seinem Rücken funkelten ihre Spitzen wie ein Heiligenschein. Er hätte wie ein Engel aussehen können, wären da nicht seine stechenden grünen Augen gewesen, die direkt in Arthurs Seele zu blicken schienen.
Arthur deutete auf den Platz neben sich. „Nur zu. Du scheinst mir die interessanteste Person im Raum zu sein.“
„Du suchst interessante Personen?“, fragte der Fremde, als er dem Angebot nachkam und sich zu ihm setzte.
Nur wenige Minuten später hatte ihm Arthur, der beim Genuss von Alkohol immer zu plaudern begann, sein Herz ausgeschüttet.
„Ich verstehe.“ Der Mann legte den Kopf schräg. „Du brauchst eine gute Idee oder du kannst die Miete nicht zahlen?“
Arthur nickte. „Ich brauche das Geld, sonst muss ich mein Studium abbrechen.“
„Aber wäre es nicht besser, das Geld an deine Familie zu schicken, damit man deiner Schwester helfen kann?“
Arthur stellte sein Weinglas mit so viel Wucht ab, dass es unheilvoll klirrte.
„Ich liebe sie, aber hier geht es um mein Leben.“
Der Fremde schwieg eine Weile und Arthur dachte schon, er hätte ihn mit seinem Egoismus vergrault, da sagte er:
„Dann schreib über mich.“
„Ich weiß nichts über dich“, antwortete Arthur. Normalerweise belauschte er die Menschen um sich herum eine Weile und hoffte, aus den Gesprächsfetzen den Aufhänger einer Geschichte zu gewinnen.
„Deswegen ja.“ Der Fremde zeigte seine blitzenden Zähne. „Ich bin so unbeschrieben wie deine Seiten. Denk dir etwas aus. Wer bin ich?“
Ein Dämon, dachte Arthur und wusste selbst nicht, warum. Vielleicht, weil der Mann eine gewisse Aura ausstrahlte, die ihm durch Mark und Bein ging. Der Fremde lächelte, als ob er den Gedanken gehört hätte.
„Ich erwarte natürlich eine Gegenleistung.“
Arthur zögerte. „Eine Gegenleistung für was?“
„Dafür, dass du über mich schreiben darfst. Das erlaube ich nicht jedem.“
Mit diesen Worten stand er auf, zahlte für Arthurs Getränk und verließ das Wirtshaus, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Mit den Gedanken zurück in der Gegenwart tauchte Arthur seine Schreibfeder in das Tintenfass und begann zu schreiben. Seine Feder kratzte mit einer Zielsicherheit über das Papier, die er lange schon nicht mehr verspürt hatte. Er schrieb von einer jungen Frau, die Schriftstellerin werden wollte, doch deren Traum in weite Ferne gerückt zu sein schien, bis sie einem mysteriösen Unbekannten begegnete: dem Dämon.
Die Mischung aus engelsgleichem Antlitz und stechendem Blick zog sie sofort in ihren Bann und sie fragte ihn, ob sie über ihn schreiben dürfe.
„Ich erwarte eine Gegenleistung.“
„Verdammt“, entfuhr es Arthur erschrocken. Er war so heftig zusammengezuckt, dass ein großer Tintenklecks auf sein Blatt getropft war. Genau auf den Satz, den er soeben so überdeutlich gehört hatte, als wäre er neben seinem Ohr gesprochen worden.
Ein Schauer huschte über Arthurs Rücken. Er schaute sich in seinem Zimmer um. Er war allein. Nur aus dem Raum nebenan erklang das laute Schnarchen von Frau Weber.
Ein erneuter Hustenreiz ließ ihn erbeben. Das Taschentuch, das er sich schnell vor den Mund hielt, war blutverschmiert, als er es beiseite nahm. Das war neu und es sollte ihn beunruhigen, aber sorgen konnte er sich später immer noch. Zuerst musste er schreiben.
Auch das Mädchen in seiner Geschichte sah sich verwirrt um, als ihr die Worte des Dämons erneut in den Sinn kamen. Ihr kleines Zimmerchen lag jedoch ganz ruhig da. Sie war allein. Bis sie es nicht mehr war. Gerade hatte sie die Feder wieder angesetzt, da hörte sie ein leises Kichern.
Arthur spürte einen Lufthauch, der ihn im Nacken kitzelte. Sein Herz geriet ins Stolpern. War er so müde, dass seine Sinne ihm einen Streich spielten? Wurde er verrückt? Wurde sie verrückt?
„Wirst du?“, fragte eine Stimme, die nicht seine eigene war, genau zu dem Zeitpunkt, als der Dämon die Worte auch an das Mädchen richtete. Arthur sprang von seinem Stuhl auf. Vor seinen Augen begann es zu flimmern, doch er griff trotzdem nach der Feder und schrieb im Stehen weiter. Er würde doch keine Angst vor seiner eigenen Fantasie haben.
Er schrieb von einem kribbelnden Gefühl, das sich vom Hinterkopf des Mädchens über seinen ganzen Körper ausbreitete. So lange, bis Arthur es in den Fingerspitzen spüren und er sich selbst nicht mehr rühren konnte. Er wollte um Hilfe rufen, doch kein Laut kam über seine Lippen.
„Du hättest mir ein Getränk ausgeben können.“
Der Dämon saß mit überschlagenen Beinen auf seinem Bett und betrachtete ihn amüsiert. „Du hättest mir anbieten können, einen meiner Aufsätze zu schreiben. Denkst du nicht, dass ich wie ein Student aussehe?“
Er stand auf und trat an ihn heran. Arthur war noch immer gelähmt und schaute angsterfüllt in das hübsche Gesicht. Sein Atem ging schnell und unregelmäßig.
„Ich hätte alles und jeder sein können, aber du hast mich zu einem Dämon gemacht. Also ist auch der Preis dem angemessen.“
Mit langen, feingliedrigen Fingern tippte er gegen Arthurs Tintenglas und stieß es um. Die Geschichte des Mädchens, das dem Dämon begegnete, wurde von einem Meer aus tiefdunklem Blau verschluckt. Die Spritzer roten Blutes, die Arthurs Hustenanfall auf dem Papier hinterlassen hatte, waren am nächsten Morgen zu braunen Flecken getrocknet.
Auf dem Schreibtisch jedoch fand man mehrere fertiggestellte Manuskripte, deren Anfänge man auf den ersten Seiten seines Notizbuchs fand. Es waren einfache, gute Geschichten, die viele Leser begeisterten und Arthurs Familie halfen, sämtliche Kosten zu begleichen, die anfielen. Sowohl die Behandlungskosten seiner Schwester als auch seine Beerdigung.
Reto Burn aus Olten
Felix Terborg aus Kaufungen
Kira Stern aus Karlsruhe
Petra P. Hasler aus Übelbach
Hedy Mae aus Bayern
Eva Brand
1. Platz, Genre-Wettbewerb 2025 Runde 2.
Helene Spaeth
5. Platz, Genre-Wettbewerb 2025 Runde 1.
Marina Schober
5. Platz, Schreibdebüt-Wettbewerb 2024 Runde 2.
Andreas Chariskos
1. Platz, Schreibdebüt-Wettbewerb 2024 Runde 2.
Damaris Leska-Zapf
3. Platz, Genre-Wettbewerb 2024 Runde 2.
Antje Walpert
5. Platz, Schreibdebüt-Wettbewerb 2024 Runde 1.
Kristina Sambs
2. Platz, Genre-Wettbewerb 2024 Runde 2.