Kristina Sambs aus Mintraching
Fernlehrgang: Schreibwerkstatt pur
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2. Platz im Genre-Wettbewerb 2024 - Kein Friede mit dir
In Kein Friede mit dir begleiten wir Kommissar Winterfeld bei einem Termin in der Villa einer reichen Familie. Der Herr des Hauses ist tot, und es steht der Verdacht im Raum, dass eines seiner Kinder – in den Worten des Vaters ein antriebsloser Trottel, ein untalentierter Träumer und ein versoffenes Flittchen – diesen Tod verursacht haben könnte.
Kristina Sambs lässt uns gleich spüren, dies ist eine kaputte Familie voll Bitterkeit und Hass. Die Beschreibung der Geschwister ist dabei amüsant und treffend. Ein Bruder wirkt besonders dumm, der zweite überdreht, und die Schwester, intelligent, lauert in krokodilhafter Ruhe, bevor sie zuschnappt. Skrupellos sind sie ohne Zweifel alle.
Der Kommissar rollt den Fall auf, indem er beobachtet und den klassischen Krimi-Fragen folgt: Whydunnit? Geld! Der Vater hatte eine Menge zu vererben. Whodunnit? Alle drei Geschwister hatten Gelegenheit und Motiv.
Im entscheidenden Twist kommt Kristina Sambs dann aber zu einem anderen Schluss. Winterfeld löst den Fall, die Geschwister bekommen ihren Pflichtteil. Insofern alles gut. Wenn man davon absieht, dass diese Familie zwar finanziell reich, jedoch emotional furchtbar verarmt ist. Der Titel Kein Friede mit dir erfasst im Grunde das Verhältnis aller Figuren zueinander.
Kommissar Winterfeld hasst große Auftritte. Wenn wie jetzt alle Augen auf ihn gerichtet sind, werden seine Handflächen feucht und gern würde er auf dem Absatz kehrt machen.
„Herr Kommissar, machen Sie es nicht so spannend, wir hängen an Ihren Lippen.“... Kurzgeschichte lesen
Kommissar Winterfeld hasst große Auftritte. Wenn wie jetzt alle Augen auf ihn gerichtet sind, werden seine Handflächen feucht und gern würde er auf dem Absatz kehrt machen.
„Herr Kommissar, machen Sie es nicht so spannend, wir hängen an Ihren Lippen.“ Charlotte Dornbergs Worte triefen vor Sarkasmus. Betont lässig lümmelt sie in dem schicken Sessel, ein Glas Cognac in der Hand, ihrem leichten Nuscheln nach nicht das erste heute.
Die beiden Beamten in Uniform haben sich breitbeinig an der Tür des Wohnzimmers aufgestellt. Das Licht des späten Nachmittags fällt durch die großen Fenster, die den Blick auf den Park freigeben. Die Villa am Stadtrand ist elegant, modern und wohl unbezahlbar. Die Möbel Designerstücke, die Kunst an den Wänden ausgewählt. Theodor Dornberg wusste, wie man gut lebt. Zumindest, bis er sich an seinem 70. Geburtstag bei dem Sturz vom Dach sämtliche Knochen gebrochen hat. Winterfeld muss daran denken, wie verdreht er auf den Granitstufen zum Garten gelegen hat, den starren Blick in die Wolken gerichtet, das Blut um seinen Kopf wie ein roter Heiligenschein. Die Kollegen von der Spurensicherung in den weißen Anzügen wie Aliens vor den leuchtenden Farben der Blumenbeete.
Mit einem Ruck wird sich der Kommissar wieder der misstrauischen Blicke der versammelten Hinterbliebenen bewusst.
Alexander Dornberg, der älteste Sohn, sitzt zusammengesunken auf dem Sofa. Äußerlich eine jüngere Version seines Vaters, doch es fehlen ihm die Intelligenz und der Elan, mit denen der sein Vermögen verdient hat. Er scheint sogar zu träge, um aufrecht zu sitzen.
Sein Bruder David dagegen vibriert geradezu vor Unruhe. Er steht hinter dem Sofa und hält die Lehne umklammert, als müsse er sich festhalten, um nicht davonzulaufen. Sein Haar fällt ihm wellig auf die Schultern und er zupft unablässig an dem albernen Schal, den er sich um den Hals geschlungen hat.
„Würden Sie uns jetzt vielleicht sagen, warum Sie hier sind?“, entfährt es ihm. Als wolle er das Klischee des Künstlers noch unterstreichen, hat David Farbreste an den Händen. Wenn Winterfeld sich nicht täuscht, hängt im ganzen Haus kein einziges seiner Bilder.
Sein Blick fällt wieder auf Charlotte, jüngste Tochter und Enfant terrible der Familie. Sie wirft den Blick ungerührt zurück. Zumindest eine scheint die Kühnheit des Vaters geerbt zu haben.
Winterfeld holt tief Luft. „Es hat sich inzwischen bestätigt, dass der Sturz Ihres Vaters kein Unfall war. Sein Tod war minutiös geplant.“
Dem Kommissar entgeht keiner der argwöhnischen Blicke unter den drei Geschwistern und auch keine der kleinen nervösen Gesten.
„Was mich zu der Frage bringt, wer Interesse an seinem Tod hatte und wer die Gelegenheit, ihn zu verursachen.“
Das erste Verhör der Geschwister am Tatabend war aufschlussreich gewesen. Alle drei waren nach der Feier noch geblieben, als die restlichen Gäste sich verabschiedet hatten. Nachdem ihr Vater mit einem Glas Rotwein auf die Dachterrasse verschwunden war, hatte sich jeder in ein anderes Zimmer zurückgezogen. Besonders interessant war aber, dass jeder davon berichtete, der Vater hätte an diesem Abend mit den anderen beiden gestritten. Heftig und lautstark gestritten.
„Es besteht kein Zweifel, dass jeder von Ihnen von diesem Tod profitiert, und zwar nicht unerheblich“, fährt Winterfeld fort und hebt die Hand, um den aufkeimenden Protest gleich abzuwehren.
Dann beschreibt er mit der gleichen Hand einen großen Bogen. „Die Villa, die Bilder und Autos, die Aktienfonds Ihres Vaters und nicht zuletzt sein Unternehmen, das ergibt ein Erbe in Millionenhöhe. Da sind andere schon für weniger vom Dach gestoßen worden. Und wenn man Ihre finanzielle Lage bedenkt, …“
„Ich darf doch bitten!“ David Dornberg fasst sich mit dramatischer Geste an den Hals.
„Dann wollen wir doch mit Ihnen beginnen.“ Winterfeld wendet sich ihm zu. „Sie haben in den letzten Monaten kein einziges Bild verkauft. Und Ihr Vater hat die Miete für die Galerie bezahlt.“
David schnappt empört nach Luft und zeigt auf seine Schwester. „Wenn eine auf Papas Geld angewiesen war, dann ja wohl Charly! Die hat nie etwas anderes gemacht als Party und Instagram!“
„Wie kannst du es wagen, du Ratte!“, zischt Charlotte und knallt ihr Glas auf den Tisch.
Aber es ist Alexander Dornberg, den der Kommissar als nächstes ansieht. „Wenigstens hat nur einer von Ihnen Geld mit Aktienanlagen in den Sand gesetzt. Viel Geld.“
Die Blicke von Charlotte und David schnellen zu Alexander, der resigniert die Augen schließt. „Du?? Wieviel Geld hast du verzockt?“, keift Charlotte und springt aus ihrem Sessel auf.
Bevor die Geschwister sich an die Gurgel gehen, lässt Winterfeld die Bombe platzen: „Das wären alles wunderbare Tat-Motive, hätte Ihr Vater nicht in der Woche vor seinem Tod sein Testament geändert.“
In der plötzlichen Stille blickt er in drei ehrlich überraschte Gesichter. David Dornberg sieht aus, als würde er in Ohnmacht fallen. Charlotte sinkt zurück auf ihren Sessel, Alexander greift nach ihrem Glas und kippt sich den Rest ihres Cognacs in den Hals.
„Mehr als den Pflichtteil werden Sie nicht erhalten. Wobei sich davon auch gut leben lässt. Aber eben nicht ganz so gut wie erwartet.“
Natürlich ist es Charlotte, die sich als Erste fängt. „Aber das zeigt doch nur, dass es keiner von uns war…“
„Nein, denn niemand von Ihnen wusste von der Änderung. Trotzdem hat mich das Timing Ihres Vaters stutzig gemacht. Wussten Sie, dass er außerdem die Daueraufträge auf Ihre Konten gekündigt hat?“
David wird noch blasser, Alexander schüttelt benommen den Kopf.
Winterfeld zieht einen Zettel aus seiner Tasche. „Wo habe ich es? Ah, hier. Außerdem veranlasste er verschiedene Spenden. Die größte an die deutsche Krebshilfe.“
Die drei blicken ihn weiter ratlos an, noch ahnt keiner, worauf er hinaus will mit seiner kleinen Ansprache.
„Sie alle standen Ihrem Vater nicht besonders nahe, nicht wahr? Allem Anschein nach war er, sagen wir mal, von der alten Schule?“
„Er war ein geiziger Tyrann!“, platzt es aus David heraus, und gleich darauf schlägt er erschrocken die Hand vor den Mund.
Winterfeld nickt bestätigend. „Wie es aussieht, dachte er auch nicht viel besser von Ihnen. Ich zitiere hier nur die Aussage des Notars, bei dem er das Testament ändern ließ: ein antriebsloser Trottel, ein untalentierter Träumer und ein versoffenes Flittchen. Das waren die Worte Ihres Vaters. Charmant.“
Die drei Geschwister blicken sich an. Keiner scheint überrascht. Das hören sie nicht zum ersten Mal.
„Aber wenn Sie Ihrem Vater nahegestanden hätten, hätten Sie vielleicht gewusst, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb. Die Spende hat mich auf die Spur gebracht, ich war bei seinem Arzt. Darmkrebs. Metastasen in der Lunge. Es war eine Frage von Monaten.“
Jetzt schnappt auch Charlotte nach Luft. Alexander sieht ihn entsetzt an. „Jemand hat meinen Vater vom Dach gestoßen, obwohl er schwer krank war?“
Winterfeld schüttelt vielsagend den Kopf.
Wieder hat es Charlotte als Erste begriffen. „Nein, du Trottel. Niemand hat ihn gestoßen. Er ist gesprungen. Während nur wir im Haus waren. Nachdem er sich lautstark mit uns allen gestritten hat.“
Sie sieht zu David hinüber und ihre Stimme zittert vor Zorn. „Er ist gesprungen und wollte uns mitreißen. Wenigstens einen von uns. Wahrscheinlich war es ihm sogar egal, wer dafür in den Knast geht.“
Ein lautes Klirren, Alexander hat das Cognac-Glas gegen die Wand geworfen. Die braune Flüssigkeit tropft von der cremeweißen Wand.
Kommissar Winterfeld nickt und legt behutsam eine Kopie des Testaments auf den Tisch. Er wird heute niemanden verhaften. Er gibt den Kollegen ein Zeichen und gemeinsam verlassen sie die Villa, die drei Geschwister und die Scherben einer Familie.
2. Platz im Genre-Wettbewerb 2024 - Das Flori-Kommando
Wir beginnen mit einem absurd-amüsanten Szenario: Italiens Küste, ein ‚geliehenes‘ Motorrad mit Batman als Fahrer und einem kugelbäuchigen Superman als Beifahrer, einem verkümmerten Hummer namens Heinrich in einer Plastikbox, und das alles zu AC/DCs „Highway to hell“.
Wie kommt es zu dieser Situation, wer sind diese Figuren? Kristina Sambs erzeugt mit ihrer sehr sinnlichen Beschreibung eine Grundspannung, sodass wir mehr wissen wollen.
Die Geschichte, die zu diesem Moment auf dem Motorrad führt, entpuppt sich dann als emotional und anrührend. Das Flori-Kommando erzählt von der Wiederannäherung zweiter Brüder – einer mit und einer ohne Down-Syndrom. Der gemeinsame Urlaub beginnt mit Stress und Konflikten, weil Flori nicht ‚normal‘ ist und für den Ich-Erzähler unangenehme Aufmerksamkeit auf sich zieht. Das ändert sich erst nach einem Streit, als der Ich-Erzähler sich darauf einlässt, Flori das volle Kommando über den Rest des Urlaubs zu geben und alles mitzumachen, was Flori einfallen mag, egal wie schräg es ist. Am Ende steht die Erkenntnis, dass Flori eine Sache deutlich besser kann als der Ich-Erzähler: Spaß haben.
Mit Das Flori-Kommando gelingt es Kristina Sambs, uns zu zeigen, dass das Normale nicht immer das Erstrebenswerte ist und dass es uns manchmal auch komplett egal sein darf, was Andere von uns denken.
Das Knattern der kleinen Zündapp fräst eine Schneise durch die norditalienische Idylle, als wir einer Zypressenallee entlang der Adria entgegenbrettern. Die Sonne hat sich längst in mein Gesicht gebrannt und mein Rücken erinnert sich an jede einzelne... Kurzgeschichte lesen
Das Knattern der kleinen Zündapp fräst eine Schneise durch die norditalienische Idylle, als wir einer Zypressenallee entlang der Adria entgegenbrettern. Die Sonne hat sich längst in mein Gesicht gebrannt und mein Rücken erinnert sich an jede einzelne Unebenheit der zurückgelegten Landstraße.
Hinter mir sitzt Heinrich, in einer mit Wasser gefüllten Box mit Deckel fest auf den Sitz geschnallt. Heinrich ist ein zu klein geratener Hummer, dem eine halbe Schere fehlt. Mein Batman-Kostüm mit den Muskeln aus Schaumstoff bietet nicht viel Schutz gegen den Fahrtwind, aber die Luft ist warm und mein Umhang flattert fröhlich hinter uns her. Unser Anblick würde uns sicher ein oder zwei Fragen der Carabinieri einbringen, daher ist es gut, dass es nicht mehr weit ist zum Meer und die Straße abgelegen. Ich wäre im Moment auch gar nicht in der Stimmung zu erklären, warum das klapprige Motorrad mehr oder weniger nur ausgeliehen ist und warum ich gerade gar keinen Führerschein habe.
All diese Widrigkeiten sind mir egal, denn wenn ich meinen Kopf nach rechts drehe, sitzt da mein Bruder Flori im Beiwagen. Die vorbeirauschende Landschaft reißt sein Lachen mit sich, trägt es nach oben in den strahlend blauen Sommerhimmel und lässt es als Gluckern, Kichern und Kieksen auf die Wiesen und Felder regnen. Flori hat seine schmalen Augen fest zusammengedrückt, sodass es aussieht, als würden seine Augenbrauen die runden Wangen küssen. Er reißt die kurzen Arme nach oben, das Superman-Kostüm spannt sich fest um seinen Kugelbauch und er grölt den Refrain von „Highway to Hell“ ins venezianische Idyll, denn er liebt AC/DC fast so sehr wie mich. Am liebsten würde ich auch die Arme in den Himmel strecken und freihändig fahren.
Dabei war unser Urlaub anfangs eine ziemliche Katastrophe.
Dass wir zusammen in Italien gelandet sind, haben wir nur der Tatsache zu verdanken, dass mein Vater vergessen hatte, die Backofentür zu schließen. Woraufhin meine Mutter nachts auf dem Weg zum Kühlschrank darüber gefallen ist und sich die Schulter gebrochen hat. Das passierte nur drei Wochen vor ihrem geplanten Urlaub an der Adria. Nun war aber die Ferienwohnung bereits bezahlt und Flori konnte schlecht alleine in Urlaub fahren. Zwar ist mein Bruder Florian bereits 18 Jahre alt, aber er hat ein Chromosom zu viel. Das macht ihn auf keinen Fall zu einem schlechteren Bruder, verkompliziert die Dinge aber doch enorm.
Ich beschloss, anstelle meiner Eltern mit meinem Bruder in den Süden zu fahren. Die Gelegenheit schien günstig, die Semesterferien gähnten vor mir und meine Freundin Johanna musste den Sommer über viel arbeiten. Ich hoffte ein wenig, dass dieser gemeinsame Urlaub den Riss kitten könnte, den mein Umzug in eine andere Stadt vor drei Jahren in die Beziehung zu meinem kleinen Bruder gerissen hatte. Als Kinder waren wir grundverschieden, aber unzertrennlich gewesen.
Womit ich nicht gerechnet habe, war, wie sehr ich mich in den drei Jahren verändert hatte. Ich war jetzt der Erwachsene, war verantwortlich und wollte alles richtig ma-chen. Aber wohin mein Bruder auch reist, er hat das Chaos im Koffer und den Trubel im Rucksack dabei. Ich kam ins Schwitzen, als er im Zug lauthals zur Musik in seinen Kopfhörern mitsang und dabei an die Scheibe trommelte. Es war mir peinlich, als er dem Vermieter unserer Ferienwohnung sagte, die Zimmer riechen wie Tante Gerda unterm Arm. Als er unsere übrigen Wurstbrote an die herrenlosen Katzen der Nachbarschaft verfütterte und ich mitten in der Nacht hochschrak, weil drei kleine Flotaxis durch die offene Tür bis in mein Bett geschlichen waren, schimpfte und fluchte ich laut. Als Flori mitsamt seinen Kleidern in den Brunnen am Stadtplatz sprang, um Münzen zu angeln, schimpfte ich noch mehr. Ich war mir aller Augen bewusst, die das Anderssein meines Bruders bemerkten. Ich hörte das Tuscheln und sah die hochgezogenen Augenbrauen, viele mitleidige Blicke. Was mir früher egal war, legte sich jetzt wie ein enges Korsett um meine Brust, bis es im nächsten Streit aus mir herausbrach: „Kannst du nicht einmal normal sein?!“
Wie eine Pistolenkugel abgeschossen, unmöglich aufzuhalten, traf der Satz meinen Bruder vor die Brust. Aber alles, was Flori erwiderte war: „Ich bin der normalste Mongo der Welt.“ Er stürmte davon und ließ mich beschämt zurück.
Der restliche Nachmittag war still, die Worte geschluckt von unserem Streit, kein Lächeln traute sich auf unsere Gesichter. Abends fand ich Flori auf dem Bürgersteig vor unserem Appartement sitzen, eine kleine Katze auf dem Schoß. Ich setzte mich neben ihn und streichelte das magere Tier. „Es tut mir leid, Flori.“
„Ich hab gedacht, wir hätten mehr Spaß, dass du mehr Spaß mit mir hast. Du lachst fast nie“, seufzte mein Bruder und lehnte seinen Kopf an meine Schulter. „Du bist wie ein langweiliger Erwachsener, du Erbsenkopf.“
„Ich weiß“, flüsterte ich und kitzelte ihn am Arm. „Und selber Erbsenkopf.“
Eine Weile waren wir still, nur das Schnurren des Kätzchens legte sich um unsere Schultern wie ein warmer Schal.
„Anton?“
„Hm?“
„Warum musst du eigentlich bestimmen, was wir im Urlaub machen?“ Floris Augen blickten groß und rund.
„Weil ich der Ältere von uns beiden bin. Und ein bisschen mehr kann als du.“
„Und wenn ich mal das Kommando habe? Hast du dann mehr Zeit fürs Lachen?“
Und so haben wir es beschlossen, an diesem Abend auf dem Bürgersteig in Riva. Dass die restliche Woche über mein Bruder das Kommando haben würde. Dass ich nicht nein sagen würde, welche Pläne er auch ausheckte und wohin es uns auch führte. Dass wir Dinge tun würden, die wir vorher noch nie getan hatten. Zum Beispiel eine Stange Geld ausgeben, um den Straßenkatzen ein Festmahl in 100 Dosen zu bereiten. Einen Eisbecher mit 20 Kugeln bestellen. Die Musik laut aufdrehen und auf unserer Terrasse tanzen. Auf dem Markt den kleinsten Hummer retten, um ihm im Meer die Freiheit zu schenken. Einen Tag lang Superheld spielen, ohne Pause. Einmal fliegen, und sei es nur auf einem geborgten Motorrad auf einer Landstraße in Venetien. Fünf verrückte Tage, in denen sich das Lachen in mir eingenistet hat wie ein Vogel im Nest. In denen das Glück mir fest im Bauch sitzt und keinen Platz machen will für Sorgen und Zweifel und Pläne, die nicht klappen. In denen die Blicke der anderen an mir abperlen oder ich sie zurückwerfe und mein Lächeln verschenke, bis sie es haben wollen. Wie ich es von meinem Bruder gelernt habe.
Und als wir durch die Landschaft knattern, an Pinienwäldern und Olivenbäumen vor-beifliegen, mit einem Hummer im Gepäck, flatternden Polyesterumhängen und AC/DC auf den Lippen, grölt mein kleiner Bruder aus vollem Hals: „Livin’ easy, lovin’ free, season ticket on a one way ride“.
Und ich muss laut lachen, denn ich weiß jetzt, dass ich nicht alles besser kann als er. Spaß haben ist eindeutig seine große Stärke.
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