Lea Agonafer aus Markgröningen
Fernlehrgang: Große Romanwerkstatt
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Fernlehrgang: Große Romanwerkstatt
4. Platz im Schreibdebüt-Wettbewerb 2026 - Der Name
In der Geschichte um Julia geht es gleich zu Beginn mysteriös zu, denn Julia heißt eigentlich anders. Als ihr dann das Nachbarsmädchen einen Kuchen bringt, den jemand für sie gebacken hat, wird es noch rätselhafter. Sowohl die Dose als auch der Kuchen triggern in Julia böse Erinnerungen, die sie zunehmend verunsichern. Alles scheint auf diese ominöse neue Nachbarin zu deuten, von der sie nur den Namen kennt. Und auch in diesem Namen ist eine Botschaft enthalten, die, als Julia sie entschlüsselt, das blanke Entsetzen in ihr auslöst. Lea Agonafer ist eine spannende Kurzgeschichte gelungen, die gekonnt mit Thriller-Elementen arbeitet und ein überraschendes Ende bietet.
Sie nahm den Sack Erde und brachte ihn zur Ecke, wo sie die Töpfe versammelt hatte. Als sie sich runter beugte, streifte ihr Blick das Nebengrundstück. Seit sie hier wohnte, stand das Haus leer und nun würde morgen eine Frau einziehen. Alles, was sie... Kurzgeschichte lesen
Sie nahm den Sack Erde und brachte ihn zur Ecke, wo sie die Töpfe versammelt hatte. Als sie sich runter beugte, streifte ihr Blick das Nebengrundstück. Seit sie hier wohnte, stand das Haus leer und nun würde morgen eine Frau einziehen. Alles, was sie über sie wusste, war der Name. Emmeline Bunhom. Kein gewöhnlicher Name, aber das war ihrer auch nicht. Zumindest ihr echter Name nicht.
Im Garten ihrer Nachbarin entdeckte sie Tulpen. Ausgerechnet in seiner Lieblingsfarbe. Rot. Noch immer konnte sie rote Blumen und Kleidung nicht schön finden. Vor allem ersteres weckte in ihr oft noch unangenehme Erinnerungen. Wenigstens sah sie weit und breit keinen Klatschmohn. Diesen Anblick könnte sie wirklich nicht ertragen.
Ein Rufen lenkte ihre Aufmerksamkeit zu ihrem eigenen Haus.
„Juliaa? Bist du dahaa?“
Ihren Namen, wenn auch nicht den echten, aus dem Mund der kleinen Kiki (eigentlich Katharina) zu hören, zauberte ein Lächeln in ihr Gesicht. Sie war die Tochter ihrer Nachbarin, die auf der gegenüberliegenden Seite wohnte.
„Ich bin im Garten“, rief sie zurück. „Auf der Terrasse.“
Wenige Sekunden später tauchte das kleine Mädchen auf und kam auf sie zu, eine Stofftasche in der Hand.
„Hallo Kiki, wie schön, dass du mich besuchen kommst.“
„Hallo Julia, ich soll dir das bringen.“
Sie nahm die Schlaufen der Tasche in beide Hände und beugte ihren Kopf darüber. „So? Was ist es denn?“
Der Kopf des Mädchens hob sich, und es lächelte. „Das ist Mondkuchen.“ Es holte eine (ausgerechnet rote) Brotdose hervor und reichte sie ihr.
Katharinas Mutter backte viel, allerdings nie so Exotisches wie Mondkuchen. Sie nahm die Dose entgegen und wollte gerade fragen, ob ihre Mutter den Kuchen gebacken hat, da atmete Kiki laut ein. „Guck Mal! Ein Marienkäfer!“
Julia legte die Dose auf den Tisch, folgte Kikis ausgestrecktem Finger, der auf ein Blatt ihrer weißen Hortensie gerichtet war. Ihr Blick blieb nur kurz auf dem Käfer, lieber sah sie Katharinas Gesicht an.
„Darf ich ihn auf die Hand nehmen?“
„Klar, aber sei vorsichtig. Am besten du hebst deine Hand ans Blatt, dann kann er einfach rüber laufen.“
Das Mädchen folgte Julias Anweisung und der Käfer krabbelte auf ihren Handrücken.
„Und? Wie viele Punkte siehst du?“
„Einen Punkt hier und einen Punkt hier, da hat er noch einen und ... oh schau mal, er fliegt weg!“
Beide reckten die Köpfe in die Luft und verfolgten ihn mit Blicken, bis er weg war.
„Willst du mal sehen, wie ich fliege?“
Julia lächelte und nickte. Das Mädchen kicherte erfreut, bevor es mit ausgebreiteten Armen um den Gartentisch rannte.
Als sie Kiki so zusah, kam der Wunsch, selber ein Kind zu haben, wieder auf. Fast hätte sie eins mit ihm gehabt, doch er hatte alles zerstört.
So schön es war, das Mädchen bei sich zu haben, so wehmütig fühlte sie sich nun. Bevor dieses Gefühl sie komplett einnehmen konnte, schickte sie Katharina nach Hause. Die Kleine machte eine letzte Runde um den Tisch, anschließend steuerte sie den Heimweg an.
Sie nahm die Dose mit ins Haus und öffnete sie auf dem Küchentresen. Für einen Mondkuchen, war er ziemlich dunkel. Das bittere Leben braucht Süßes, dachte sie und nahm einen Bissen. Von wegen Mondkuchen. Das hier war MOHNkuchen. Schnell eilte sie zur Spüle und spuckte den Bissen aus. Mit viel Wasser spülte sie den Geschmack ab, doch schon wurde sie von Erinnerungen überschwemmt.
Wie er sie „Meine Mohnblume“ nannte, einen Strauß roten Klatschmohn in der Hand haltend. Das rote Kleid, dass er ihr schenkte. Am besten konnte er rotsehen. Vor allem das eine mal, als sie statt seines roten Kleides, ein weißes angezogen hatte. Nachdem er mit ihr fertig war, war auch das schließlich rot.
Die Arme um ihren Körper geschlungen, kauerte sie auf dem Küchenboden. Sie zwang sich, ruhig zu atmen, wie ihre Therapeutin es ihr beigebracht hatte. Es dauerte, bis sie aufhörte zu zittern und ihre steifen Glieder sich entspannten.
Sie hasste es, dass ein so kleines Stück Mohnkuchen sie so triggerte und überlegte. Nur weil Kiki ihn ihr gebracht hatte, hieß das nicht, dass er von ihrer Mutter kam. Schließlich wusste diese von ihrer Abneigung gegenüber Mohn. Doch wenn er nicht von ihr war, hieße das er sei von ... nein, das konnte nicht sein! Er wusste nicht, wo sie war. Sie war ihm entkommen und führte ein Leben frei von ihm.
Wieder bei Kräften stand sie auf, nahm den Kuchen und die Dose, lief nach draußen zu den Tonnen, wo sie beides in den Müll pfefferte.
Den Rest Gartenarbeit erledigend, verirrten ihre Gedanken sich immer wieder in die Vergangenheit. Erst als sie den Schlauch nahm und ihn ausrollte, schweiften diese nochmal zur neuen Nachbarin. Emmeline Bunhom. Sie konnte sich nicht über die Aussprache klar werden. Auf Deutsch klang er komisch, auf Englisch auch nicht richtig. Vielleicht war es ein französischer Name, überlegte sie und plötzlich machten ihre Synapsen die Verknüpfung. Emmeline Bunhom ... Meine Mohnblume ...
Der Schlauch glitt ihr aus der Hand. Wasser spritzte auf ihre Beine, wie die Erkenntnis ihren Verstand.
Er hatte sie gefunden.
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