Miriam Baier aus Müllheim
Fernlehrgang: Kompaktkurs Kreatives Schreiben
Fernlehrgang: Kompaktkurs Kreatives Schreiben
In Passagiere der Nacht schenkt die Autorin ihrer Hauptfigur eine besondere Fähigkeit. Silas, Taxifahrer in Berlin, kann sich besser die Stimmen als die Gesichter seiner Passagiere merken und kategorisiert die Stimmlagen mit passenden Pflanzen: Vom Sopran, der zum blühenden Kopf von Schnittlauch wird, bis hin zu seinem Stammkunden Herr Wellinger, der als Bariton zum biegsamen und kraftvollen Bambus einsteigt. Doch in dieser Nacht stimmt etwas nicht – es klingt, als hätte Herr Wellinger vergessen, den Worten Leben einzuhauchen. Silas ist beunruhigt und befürchtet ein Verbrechen.
Miriam Baier zeigt, wie einzigartig der Klang einer menschlichen Stimme ist – etwas, worüber man sich selbst im Alltag üblicherweise kaum Gedanken macht. Die außergewöhnliche Gabe des Taxifahrers wird zum Segen für seinen Passagier. Trotz Künstlicher Intelligenz, die – fast perfekt – Menschen imitieren kann. Miriam Baier ist mit dieser originellen Idee eine spannende Kurzgeschichte gelungen.
Der Wind schob mit seiner nächsten Kundin eine Parfumwolke in sein Taxi. Silas hustete, als sie seine Atemwege verklebten und öffnete das Seitenfenster.
„Zum Alexanderplatz.“ Der Sopran erinnerte ihn an den blühenden Kopf von Schnittlauch. Würzig und... Kurzgeschichte lesen
Der Wind schob mit seiner nächsten Kundin eine Parfumwolke in sein Taxi. Silas hustete, als sie seine Atemwege verklebten und öffnete das Seitenfenster.
„Zum Alexanderplatz.“ Der Sopran erinnerte ihn an den blühenden Kopf von Schnittlauch. Würzig und kraftvoll. Kaum wegzudenken in den Vorgärten dieser Großstadt.
Ein Blick in den Rückspiegel verriet ihm, dass die Frauennase im Smartphone versunken war.
Auch gut.
Geschickt fädelte er sich in den Verkehr ein.
„No offense, Leute. Berlin kann manchmal sooo stressig sein. Baustellen, U-Bahn-Chaos! Toxic Vibes.“ Sie sprach so schnell, als würde sie dafür bezahlt, so viele Wörter wie möglich pro Sekunde auszuspucken. Der Rückspiegel verriet ihm, dass ihr Smartphone an der Decke wackelte.
„Aber ich schwör: Seit ich täglich mein Daily Detox Water trinke, fühle ich mich so geerdet. Stay hydrated, stay grounded!“
Silas Kehle entrang ein Stöhnen. Schnittlauch wäre ihm lieber gewesen. Stattdessen hatte er sich eine Dahlie ins Taxi geladen - die Diebin der Aufmerksamkeit.
Seine Finger strichen über den Notfallknopf für den stillen Alarm, knapp unter dem Lenkrad.
Reiß dich zusammen! Von der Taxi-Zentrale gibt es klare Anweisungen für Notfälle.
Ein halbes Dutzend Monologe später, kündigte ein zufriedenes Seufzen auf der Rückbank das Ende der Folter an. Die Dahlie drückte ihm ein paar Geldscheine in die Hand, bevor der Wind sie aus seinem Taxi zog.
Silas atmete auf. In solchen Momenten sehnte er sich nach seinem Lieblingskunden. Wie jeden Donnerstag. Donnerstag bedeutete Konfuzius. Und Konfuzius bedeutete Herr Wellinger. Eine Spree-Fahrt der philosophischen Art. Kurzum: Er war bereit, für eine weitere Begegnung mit dem Bambus. Eine Stimme so kraftvoll und biegsam und mit jener stillen Geduld, die nur denen zu eigen war, die wirklich zuhören konnten. Die Vorfreude krabbelte wie kleine Marienkäfer über Silas Haut.
Eine stocksteife Zypresse und ein betagtes Stiefmütterchen später parkte er das Taxi vor dem Eingang eines Bürogebäudes, das sich zwischen die Wolken drängte, und dessen Drehtür mehrere Anzugträger ausspuckte.
„Guten Abend.“ Glatt wie Metallkugeln rutschten die Worte nach vorne und rissen Silas aus seinen Gedanken. Der Bariton klang vertraut, aber irgendetwas fehlte. Als hätte sein Stammkunde vergessen, den Worten Leben einzuhauchen.
„Guten Abend, Herr Wellinger.“ Silas Mundwinkel schoben sich nach oben, als wollten sie dem Wolkenkratzer nacheifern, nur um mit dem nächsten Satz eine Etage tiefer zu sacken.
„Zur Stralauer Allee, bitte.“
Seltsam. Wo blieb der Konfuzius-Auftakt? Selbst an dem Tag, als Herr Wellinger mit fiebriger Heiserkeit eingestiegen war, hatte er ihr gemeinsames Ritual nicht vergessen. War das eine Probe? Silas straffte die Schultern. Herausforderung angenommen.
„Wer fragt, ist ein Narr für eine Minute, wer nicht fragt, ist ein Narr sein Leben lang“, zitierte Silas den chinesischen Philosophen und hielt den Atem an.
„Können Sie bitte losfahren? Ich habe noch einen geschäftlichen Termin.“ Die gleichgültige Autorität überrollte Silas ohne Vorwarnung.
„Ähm … entschuldigen Sie.“ Die Worte kämpften sich aus seiner Kehle.
Silas setzte den Blinker und wie auf Autopilot verschmolz sein Gefährt mit der zähen Verkehrsmasse des Feierabends. Nachdem sie den Potsdamer Platz hinter sich gelassen hatten, nahm Silas einen weiteren Anlauf: „Ich habe lange über das Wort nachgedacht, das Sie mir letzte Woche gegeben haben.“ Sein Kunde musste sich doch erinnern. „Mutig ist nicht derjenige, der keine Angst hat, sondern jener, der sich ihr entgegenstellt.“
„Und Leichtsinn verlässt sich auf das Glück. Bitte richten Sie die Konzentration wieder auf die Straße.“
Silas blinzelte. „Natürlich.“ Noch nie hatte Herr Wellinger ihn so zurechtgewiesen. Mit dem Tonfall eines Schwarzdorns, um dessen Spitzen der eisige Wind pfiff.
Schmerzlich schnitt der Gurt in seine Schulter, als das Taxi mit einem Ruck vor der roten Ampel zum Stehen kam.
Was, wenn?
Nein, das ist doch absurd.
Silas schüttelte den Kopf, um den Verdacht zurück in die Dunkelheit zu drücken. Doch das Gefühl bohrte sich wie ein Dorn hinein und unnachgiebig sickerte das Gift in seine Gedanken.
Er schielte in den Rückspiegel. Schwach erhellte das Display des Smartphones die Kinnpartie des Mannes bis zur Nasenwurzel. Gesichter zogen wie Wolken an ihm vorbei, aber er bekam sie einfach nicht zu fassen. Silas fluchte innerlich. Lediglich an den Klang der Stimmen konnte er sich erinnern. Daran erkannte er reiselustige Sonnenblumen und geschwätzigen Klatschmohn. Am liebsten versank er jedoch in den Klängen von Bambus.
Die er heute nur allzu sehr vermisste. Als wäre die Resonanz, die jede menschliche Stimme so einzigartig machte, in einer Glaskugel gefangen. Irgendwie künstlich, nicht ...
Echt?
Es gab nur eine Möglichkeit, das herauszufinden. Silas setzte den Blinker, drückte sein Fahrzeug auf die Abbiegespur und verließ damit die übliche Route. Allmählich entfernte sich die Spree, auf deren Oberfläche die Stadt tanzte.
Sein Herz hämmerte gegen die Rippen, als wollte es fliehen. Doch von der Rückbank schlug ihm nur Schweigen entgegen. Risse zogen sich in seine Brust, und Gewissheit quoll daraus hervor.
Das war nicht Wellingers Stimme.
Silas´ Hand schoss zur Konsole. Fieberhaft tasteten seine Finger nach dem Knopf.
Hoffentlich war es nicht zu spät.
Eva Sperber aus Ludwigshafen
Sarah Posner aus Göttingen
Fine Joseph aus Hannover
Melanie Treber aus Westendorf
Cornelia Frick
1. Platz, Schreibdebüt-Wettbewerb 2025 Runde 2.
Tim Dittert
5. Platz, Schreibdebüt-Wettbewerb 2025 Runde 2.
Renata Zimmermann
4. Platz, Schreibdebüt-Wettbewerb 2025 Runde 1.
Christina Fleischer
5. Platz, Schreibdebüt-Wettbewerb 2025 Runde 1.
Mareike Grytz
5. Platz, Genre-Wettbewerb 2024 Runde 1.
Gaby Rupp
5. Platz, Genre-Wettbewerb 2024 Runde 2.
Sonja Schmitt
1. Platz, Genre-Wettbewerb 2022 Runde 1.