Tim Dittert aus Herdecke
Fernlehrgang: Kompaktkurs Kreatives Schreiben
Fernlehrgang: Kompaktkurs Kreatives Schreiben
Zwei Eier, eines braun, das andere weiß, finden sich als Leidensgenossen, zerschlagen am Rand der Pfanne wieder. Während die beiden ineinander verschmelzen, lässt uns der Autor Tim Dittert an den Gedanken des braunen Spiegeleis teilhaben. Wenn das Spiegelei eines nicht leiden konnte, dann war es die Gesellschaft von anderen seiner Art – ab hier wollen wir mehr über den Ausgang der Geschichte erfahren.
Die Erzählung thematisiert das anders Aussehen und den gesellschaftlichen Umgang damit. Weil jedes Ei einmalig ist, ist es egal welche Farbe die Schale hat. Es kommt auf die Werte und den Charakter an.
Dass der Autor dabei das Gelbe vom Ei beschreibt, entlastet die Kurzgeschichte auf humorvolle Weise. Gleichzeitig schafft es Tim Dittert, den Blick auf das vermeintlich Perfekte aus einer unerwarteten Perspektive zu erzählen.
„Autsch”, kam es mitfühlend und mit zugekniffenen Augen aus dem Mund des Spiegeleis, als rechts von ihm einen Leidensgenossen dasselbe Schicksal ereilte. Auch seine harte Schale wurde am Rand der Pfanne zerschlagen und das weiche Innere kam zum... Kurzgeschichte lesen
„Autsch”, kam es mitfühlend und mit zugekniffenen Augen aus dem Mund des Spiegeleis, als rechts von ihm einen Leidensgenossen dasselbe Schicksal ereilte. Auch seine harte Schale wurde am Rand der Pfanne zerschlagen und das weiche Innere kam zum Vorschein. Da lagen sie nun, dicht beieinander. Von unten spürte das linke Spiegelei eine Flüssigkeit unter sich, die nach Oliven roch und sich sehr geschmeidig anfühlte. Von oben regnete es kleine weiße Kristalle und schwarzes Pulver. Beides versperrte ihm die klare Sicht auf sein Gegenüber und ließ seinen Blick etwas unscharf werden. Hinzu kam, dass das schwarze Pulver ein leichtes Brennen in seinen Augen verursachte. „Was ein Scheißtag!”, kreiste mehrfach durch den Kopf des Spiegeleis. Denn wenn es eins nicht leiden konnte, dann war es die Gesellschaft von anderen seiner Art. Vor allem die mit weißer Schale. Zu schmerzhaft die Erinnerungen. Zu tief sitzen die verletzenden Worte von früher: „Aus so einem dreckigen Ei mit brauner Schale wird nie etwas werden. Dich wird nie jemand für irgendetwas verwenden wollen!“ Die Risse in seiner Schale waren ebenfalls Erinnerungen an körperliche Übergriffe. Die weißschaligen Eier hielten sich für etwas Besseres.
Als wäre das nicht schon genug, kam das letzte Ei, das es wohl jemals sehen wird, ausgerechnet aus einer weißen Schale. Immerhin hatten beide nun ihre Schale ablegen müssen. Die Chance, Rache zu nehmen! Das linke Spiegelei wird näher heranrücken und dann zuschlagen. Sie würden eins werden. Kein Unterschied wird mehr zu sehen sein. Sein Blick wurde wieder klarer, das Brennen in seinen Augen ließ nach. Bevor es seinen Plan in die Tat umsetzte, schaute es sich sein Gegenüber noch einmal genauer an. Auf der Suche nach einer Stelle, die es am einfachsten angreifen konnte. Oberflächlich betrachtet sahen beide gleich aus. Doch bei genauerem Hinsehen wurde ihm der Unterschied deutlich. Als es sich selbst betrachtete, bemerkte es, dass es keine Gleichmäßigkeit bei ihm gab. Eine Stelle dicker, die andere dünner. Die ansonsten sicher positionierte gelbe Masse war bei ihm überall verteilt. Seine Form erinnerte weniger an einen gleichmäßigen Kreis, sondern eher an den Umriss einer kurvigen Rennstrecke. Von seiner Konsistenz wollte es gar nicht erst reden. Sie war schwabbelig. Im Vergleich dazu sein Nachbar. Eine gleichmäßige, perfekt kreisrunde Form und die nahezu mittig positionierte, fast schon orangefarbene Masse, die aussah wie ein kleiner Berg auf einem glasklaren See. Bereits kurz nach dem Aufprall in der Pfanne bewegte und schwabbelte nichts mehr vor sich hin. „Es musste also stimmen, Eier mit weißer Schale sind die besseren Eier“, fühlte sich das linke Spiegelei in allen Vorurteilen, die ihm begegnet waren, bestätigt. „Hatten die Eier mit weißer Schale also Recht?“ murmelte es nachdenklich vor sich hin.
Das rechte Spiegelei sah, wie verletzt das Linke war und fragte nach: „Was ist los mit dir? Du siehst so traurig aus.“ „Lass mich in Ruhe!“, antwortete das linke Spiegelei trotzig. „Ihr habt mich mein ganzes Leben schikaniert. Mich nie in Ruhe gelassen. Wir gehören alle zu derselben Art, verhalten uns aber nicht so! Wir sind alles Eier. Doch trotzdem so unterschiedlich. Ich hasse euch!“. Mitfühlend schaute das rechte Spiegelei rüber. „Das verstehe ich! Ich war früher leider genauso wie die anderen mit weißer Schale. Ich habe Eiern, die anders aussahen, viel Schaden zugefügt. Bis ich in den Karton kam. Ich war das einzige Ei mit weißer Schale, inmitten von Eiern mit brauner Schale! Kannst du dir das vorstellen? Und weiß du was passiert ist? Ich wurde herzlich aufgenommen. Keine Vorurteile! Wir wurden eine Familie. Dadurch ist mir eins bewusst geworden: Es ist egal, welche Farbe die Schale hat. Es kommt drauf an, was sich in ihr befindet. Auf die Werte und den Charakter. Also das, was man nicht sieht. Und das ist bei jedem Ei einmalig.”
Tränen kullerten auf das Eiweiß des linken Spiegeleis. Diese Worte hatten es berührt. Das erste Mal in seinem Leben hatte es das Gefühl, nicht ausgeschlossen zu werden. Es wünschte sich, dass dieser Moment niemals endet. Doch dann ging alles ganz schnell. Ein kurzes, aber lautes Piepen machte sich in seinen Ohren breit. Auf den ohrenbetäubenden Schmerz folgte eine wohlige Wärme von unten, die in wenigen Sekunden zu einer unerträglichen Hitze wurde. Die Flüssigkeit, die nach Oliven roch, wurde zu einer gefährlich spritzenden Masse. Beide Spiegeleier schauten sich ängstlich an. Ihr transparentes Eiweiß wurde schneeweiß, die Konsistenz härter. Ehe sie sich sammeln konnten, wurde ein platter, schwarzer Gegenstand unter das rechte Spiegelei geschoben, der es in die Höhe transportierte. Das linke Spiegelei sah die Verbrennungen an seiner Unterseite. Noch bevor die Distanz zwischen den beiden immer größer wurde, hörte es das Spiegelei von oben sagen: „Und vergiss eins nicht - du bist perfekt so wie du bist. Und du warst es auch schon immer!” Dann verschwand es in unerreichbare Höhen.
Eva Sperber aus Ludwigshafen
Sarah Posner aus Göttingen
Fine Joseph aus Hannover
Melanie Treber aus Westendorf
Cornelia Frick
1. Platz, Schreibdebüt-Wettbewerb 2025 Runde 2.
Miriam Baier
4. Platz, Schreibdebüt-Wettbewerb 2025 Runde 2.
Renata Zimmermann
4. Platz, Schreibdebüt-Wettbewerb 2025 Runde 1.
Christina Fleischer
5. Platz, Schreibdebüt-Wettbewerb 2025 Runde 1.
Mareike Grytz
5. Platz, Genre-Wettbewerb 2024 Runde 1.
Gaby Rupp
5. Platz, Genre-Wettbewerb 2024 Runde 2.
Sonja Schmitt
1. Platz, Genre-Wettbewerb 2022 Runde 1.