Claudia Esser aus Duisburg
Fernlehrgang: Schreibwerkstatt pur
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Fernlehrgang: Schreibwerkstatt pur
5. Platz im Schreibdebüt-Wettbewerb 2026 - Casablanca
Wie fühlt es sich an, wenn man beschließt, kein Auto mehr zu fahren? Obwohl man es bräuchte, eigentlich ein Leben lang gebraucht hat? Claudia Esser schildert in ihrer Kurzgeschichte diesen Moment im Leben des alten Jacob, der seinen alten Benz räumt, weil er ihn verkaufen will. Mit viel Feingefühl und eleganter Erzählweise lässt die Autorin uns an Erinnerungsblitzen Jacobs teilhaben, die sich mit dem Hier und Jetzt verweben und ihn auf die Fahrt nach Casablanca mitnehmen. Der Enge des Cockpits weichen lange Serpentinen. Vor seinen Augen erscheinen Ausblicke im Sonnenlicht. Er riecht Zimt und Kardamom. Er durchlebt noch einmal die nie angetretene Reise, die nie geliebte Liebe, bevor er die endgültig letzte Reise antritt.
Jacob stöhnt. Schweißperlen ziehen langsam über seine Stirn und seinen kräftigen Nacken. Ein Tropfen löst sich, rinnt seitlich die Stirn herab und verliert sich im linken Augenwinkel.
„Verdammter Mist“, flucht er und versucht, eine Hand frei zu... Kurzgeschichte lesen
Jacob stöhnt. Schweißperlen ziehen langsam über seine Stirn und seinen kräftigen Nacken. Ein Tropfen löst sich, rinnt seitlich die Stirn herab und verliert sich im linken Augenwinkel.
„Verdammter Mist“, flucht er und versucht, eine Hand frei zu bekommen, um sein brennendes Auge zu reiben.
Sein Körper steckt zwischen Handschuhfach und Beifahrersitz fest.
Mit Mühe wuchtet er sich aus der Enge, kniet in der offenen Autotür und ringt nach Luft.
In zwei Stunden kommen die ersten Kaufinteressenten. Er will seinen Benz 240 D verkaufen – seinen Stolz, seine Erinnerung.
Mit seinem achtzigsten Geburtstag hat er beschlossen, nicht mehr zu fahren.
Vor langer Zeit hat er diese Entscheidung getroffen – und nun klammert sich der Zweifel an ihn wie ein Kind an eine vertraute Hand.
Wie soll er ohne Auto seine Einkäufe erledigen? Seine Arztbesuche? Die kleinen Fahrten ins Grüne, seine Fluchten aus dem Alltag?
Auch im Handschuhfach herrscht Ordnung. Jede Woche ausgewischt, Unnützes entfernt. Und doch liegt sie noch da: die alte Brille, zwischen Autoatlas und Bedienungsanleitung.
Jacob richtet sich auf. Doch halbstehend zwischen Autotür und Sitz kann er das Handschuhfach nicht ausräumen. Schmerz und Schwäche zwingen ihn zurück auf den Beifahrersitz.
Seit zweiundvierzig Jahren fährt er diesen Benz, hat nie aufgehört diese kantige Limousine zu lieben. Jeden Samstag hat er ihn gepflegt, innen gereinigt, außen poliert und in der Garage vor jedem Wetter geschützt.
Er beugt sich nach vorn, spürt wieder diese Brustenge und greift nach den tropfenförmigen Gläsern mit den breiten Kunststoffrändern.
Vergangene Bilder erwachen. Flimmernd und unscharf wie die Bilder seines Lieblingsfilms Casablanca.
Mit ihrer Stimme kehrt alles zurück.
Das Rascheln ihres weißen Kittels. Der Duft nach Lavendel und Rosen.
„Schau mir in die Augen, Kleiner.“
So hatte seine Augenärztin jede Untersuchung begonnen. Jacob hatte es geliebt, Kinn und Stirn in die Stütze zu legen, während Frau Doktor Gießen mit dem Lichtmikroskop in seine Augen schaute. Nie war er ihr näher gewesen.
Jacob hatte sich gewünscht, mit ihr im Kino zu sitzen, ihre Hand zu halten und Casablanca zu sehen. Doch er hatte sich nie getraut, sie zu fragen.
Ein tiefer Seufzer lässt ihren Namen frei. „Angelika!“ flüstert er.
Unerwartet wird sein Atmen schwer. Jacob ringt um seine Lebenskraft, bis klei-ne Atemzüge zurückkehren.
Zitternd setzt er die alte Brille auf und erstarrt.
Hastig nimmt er sie ab, setzt seine aktuelle Brille auf, dann wieder die alte.
Absetzen. Aufsetzen. Absetzen.
„Meine Sehkraft hat sich über Jahrzehnte nicht verändert“, sagt er leise.
Ist das möglich?
Und dann ist sie wieder da.
„Angelika! Schau mir in die Augen, Kleines! Wir fahren nach Casablanca, und dort schwöre ich dir meine ewige Liebe.“
Lebendigkeit durchströmt seinen alten Körper. Für einen Moment ist er wieder dreißig Jahre alt. Vergessen sind die Demütigungen des Alters. Ein innerer Jubel erfüllt ihn.
Jacob beugt sich zum Fahrersitz, als wolle er sofort losfahren. Doch das Cockpit verweigert seinem massigen Körper jeglichen Spielraum und sein alter Körper steckt fest.
In diesem Moment erinnert er sich an seinen damals noch nagelneuen Benz. Und plötzlich kennt er die Route, als hätte er sie soeben geplant:
Düsseldorf – Aachen – Luxemburg – Bordeaux – Madrid – Almería – über das Mittelmeer nach Tanger. Casablanca.
Der Enge des Cockpits weichen lange Serpentinen. Vor seinen Augen erscheinen Ausblicke im Sonnenlicht. Er riecht Zimt und Kardamom.
Dann zerreißt ein Schmerz den glücklichen Traum.
Hinter seinem Brustbein brennt es. Der Schmerz fährt in seinen Rücken, zwischen die Schulterblätter und bis in die Arme. Mit voller Wucht wird sein Körper gegen die Armaturen gedrückt.
Er hört das Geschrei der Basarhändler, vermischt mit den besorgten Rufen der Nachbarn.
Der Klang einer Mizmar verschmilzt mit dem Martinshorn des Rettungswagens.
Jacob wartet nicht mehr auf den Morgen. Er greift nach dem Glück des Augenblicks.
Sein Kopf sinkt zur Seite, schwer und endgültig.
Aus seinem linken Augenwinkel löst sich eine Träne, rinnt über seine fahlgraue Wange. Eine einzelne Bartstoppel fängt sie auf – und lässt sie zerplatzen.
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