Wettbewerbs-Auszeichnungen

3. Platz im Genre-Wettbewerb 2026 - Unvergessen

Urteil der Jury

Unvergessen von Imke Stock erzählt von einer Ermittlerin in Ausbildung. Es ist ihr erster Tag in der Pathologie, ein Obdachloser wird obduziert, und sie darf sich ihr Unwohlsein nicht anmerken lassen, wenn sie ernst genommen werden will. Die Ausbilder unterhalten sich übers Mittagessen, während ein Mensch ausgenommen wird, der nur mit Nummern und Abkürzungen bezeichnet wird. Man legt den Fall schnell zu den Akten, geht zum nächsten weiter. Man nimmt es sich nicht zu Herzen. Man achtet darauf, nachts gut zu schlafen. Selbst als die Anwärterin eine Hinterbliebene aufspürt, um ihr mitzuteilen, dass der Mann tot ist, reagiert diese eher nüchtern. Sein unvermeidliches Ende als Obdachloser hatte sie längst vorausgesehen. 
Die Anwärterin hingegen kann nicht anders, als einen Menschen mit einem Namen und einer Geschichte zu sehen, und es macht ihr etwas aus, dass er stundenlang tot auf dem Bahnhof gelegen hat und nie-mand sich um ihn geschert hat.
Imke Stock macht mit Unvergessen deutlich, dass der Verlust von Mitgefühl in unserer Welt praktisch unvermeidlich ist. Die Abstumpfung ist bereits fest in ihre Systeme eingebaut, und sie wird schnell zum Selbstschutz. Am Ende ist aus der Anwärterin eine Ermittlerin geworden, die routiniert nach der nächsten Akte greift. Die größte Stärke des Textes ist, dass man sich selbst darin erkennen kann. Man gewöhnt sich an alles.
 

Unvergessen:

Der Raum war kälter, als sie erwartet hatte.  
Nicht die angenehme Kühle eines offenen Fensters, sondern eine, die sich unter die Kleidung schob. Sie hatte noch einen Pullover angezogen, aber der half nicht, sie bekam trotzdem eine Gänsehaut.
Sie zwang... Kurzgeschichte lesen

Foto Imke Stock

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