Imke Stock aus Schleswig-Holstein
Fernlehrgang: Schreibwerkstatt pur
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3. Platz im Genre-Wettbewerb 2026 - Unvergessen
Unvergessen von Imke Stock erzählt von einer Ermittlerin in Ausbildung. Es ist ihr erster Tag in der Pathologie, ein Obdachloser wird obduziert, und sie darf sich ihr Unwohlsein nicht anmerken lassen, wenn sie ernst genommen werden will. Die Ausbilder unterhalten sich übers Mittagessen, während ein Mensch ausgenommen wird, der nur mit Nummern und Abkürzungen bezeichnet wird. Man legt den Fall schnell zu den Akten, geht zum nächsten weiter. Man nimmt es sich nicht zu Herzen. Man achtet darauf, nachts gut zu schlafen. Selbst als die Anwärterin eine Hinterbliebene aufspürt, um ihr mitzuteilen, dass der Mann tot ist, reagiert diese eher nüchtern. Sein unvermeidliches Ende als Obdachloser hatte sie längst vorausgesehen.
Die Anwärterin hingegen kann nicht anders, als einen Menschen mit einem Namen und einer Geschichte zu sehen, und es macht ihr etwas aus, dass er stundenlang tot auf dem Bahnhof gelegen hat und nie-mand sich um ihn geschert hat.
Imke Stock macht mit Unvergessen deutlich, dass der Verlust von Mitgefühl in unserer Welt praktisch unvermeidlich ist. Die Abstumpfung ist bereits fest in ihre Systeme eingebaut, und sie wird schnell zum Selbstschutz. Am Ende ist aus der Anwärterin eine Ermittlerin geworden, die routiniert nach der nächsten Akte greift. Die größte Stärke des Textes ist, dass man sich selbst darin erkennen kann. Man gewöhnt sich an alles.
Der Raum war kälter, als sie erwartet hatte.
Nicht die angenehme Kühle eines offenen Fensters, sondern eine, die sich unter die Kleidung schob. Sie hatte noch einen Pullover angezogen, aber der half nicht, sie bekam trotzdem eine Gänsehaut.
Sie zwang... Kurzgeschichte lesen
Der Raum war kälter, als sie erwartet hatte.
Nicht die angenehme Kühle eines offenen Fensters, sondern eine, die sich unter die Kleidung schob. Sie hatte noch einen Pullover angezogen, aber der half nicht, sie bekam trotzdem eine Gänsehaut.
Sie zwang sich, nicht stehen zu bleiben. Das gehörte dazu, sie musste näher ran.
Ein Schritt, noch einer, besser nicht tief einatmen. Ihre Finger zitterten leicht, als sie endlich neben dem Tisch stand. Sie verschränkte die Arme vor der Brust, bloß nicht auffallen.
„Erste Obduktion?“, fragte jemand hinter ihr.
Sie nickte, ohne sich umzudrehen.
Der Mann auf dem glänzenden Metalltisch war nicht mehr als eine graue Hülle, entkleidet von allem, was ihn einmal zu jemandem gemacht hatte.
Und genau das war das Problem.
"Vorgangsnummer?", fragte der Obduzent. Sein Assistent schlug die Akte auf und las eine Nummer vor. Im Laufe des Vormittags wurde die Hülle auf dem Tisch immer leerer. Der Obduzent untersuchte die entnommenen Organe.
„Lassen Sie sich von dem Geruch nicht irritieren, da gewöhnt man sich dran, die Leber hier müssen Sie sich einmal genauer anschauen. Treten Sie ruhig näher, sonst sehen sie ja gar nichts." Dann erklärte er ihr den körperlichen Verfall bei chronischen Alkoholikern.
Sie nickte im Angesicht des gezeigten Organs, was sollte sie auch anderes machen, es roch säuerlich und sie musste an sich halten, um nicht wieder weiter vom Tisch abzurücken.
Wenig später glaubte sie sich verhört zu haben, in ihren Ohren rauschte es leicht. Der Obduzent sprach plötzlich über die anstehende Mittagspause und dozierte über die Vor- und Nachteile der Restaurants in Reichweite des pathologischen Instituts. Auf der Dienststelle hatte man sie vorher schon vor dem speziellen Humor gewarnt und zugleich betont, wer als Kriminalkommissaranwärterin keine Leichen sehen kann, ist bei der Polizei falsch. Am liebsten hätte sie nicht nur die Augen an diesem Tag geschlossen gehabt.
„Ist ihnen nicht gut?", fragte der Assistent. Sie schluckte das bittere Gefühl in ihrem Mund herunter. "Sie sehen ganz blass aus. Warum gehen Sie nicht in den Aufenthaltsraum und setzen sich erst mal hin? Wir machen später weiter."
Später saß die Anwärterin allein an dem ihr zugewiesenen Praktikantenplatz in der Dienststelle und blätterte durch die Akte.
Der Obduktionsbericht lag obenauf.
Männlich. Alkoholisiert. Genickbruch.
Auf dem Schreibtisch lag auch die Asservatentüte mit den Habseligkeiten, die bei der Leiche gefunden worden waren. Ein abgegriffenes Portemonnaie und dessen Inhalt: etwas Münzgeld, ein Ausweis, eine Bahnfahrkarte und ein geknicktes Foto.
Ihr Blick blieb an dem Gesicht auf dem Foto hängen, das ihr durch das durchsichtige Plastik der Tüte entgegenblickte.
Sie zog das Foto vorsichtig aus dem Beutel. Die Farben waren verblasst, die Ränder ausgefranst.
Die Frau auf dem Foto lachte in die Kamera.
Wind bewegte ihre dunklen Haare. Im Hintergrund warmes Sommerlicht und ein Strand.
Ein Knick lief mitten durch das Gesicht der Frau, doch jemand hatte es später sorgfältig in Plastik eingeschweißt.
Sie schluckte, als sie sich an die Obduktion erinnerte.
An das kalte Neonlicht, vor dem nichts verborgen blieb.
Nicht die Narben an seinen Armen.
Nicht der Schmutz unter seinen Fingernägeln.
Nichts an dem Foto passte zu dem Mann auf dem Tisch.
Sie rief noch einmal die Videoaufnahmen vom Tatort am Computer auf.
„Bist du fertig?“
Sie zuckte zusammen. Der Ausbilder stand in der Tür.
„Die Akte muss raus. Staatsanwaltschaft wartet schon.“
Sie nickte pflichtschuldig.
„Der Fall ist durch“, sagte er. „Mehr kriegen wir da nicht mehr raus.“ Er deutete auf den Stapel neuer Vorgänge auf seinem Schreibtisch. „Und die nächsten warten schon.“
Sie schwieg, ihr Blick fiel auf das Foto, das sie neben die Asservatentüte auf den Schreibtisch gelegt hatte. Der Ausbilder blickte sie an und seufzte. Dann ging er zur Asservatentüte, griff zielgerichtet nach dem Ausweis und las den Namen vor.
„Schau ihn dir an, wir kennen ihn. Er war ein BTMK, hat also Drogen genommen und ist als Gelegenheitsdieb aufgefallen. Seit Jahren OFW.“
„OFW?“
„Ohne festen Wohnsitz. An die Abkürzungen gewöhnst du dich noch.“
Sie sah wieder auf die Akte.
BTMK.
OFW.
Drei Buchstaben hier, vier dort.
Eine Einordnung ins System.
„Wichtig ist, dass man abends beruhigt schlafen gehen kann", sagte der Ausbilder. „Im Prinzip ist es ganz einfach: Wir stellen fest, ob ein natürlicher oder nicht natürlicher Tod vorliegt. Wenn es Hinweise auf eine nicht-natürliche Todesursache gibt, gehen wir dem nach. Niemand sonst war auf der Treppe, als es passiert ist, das zeigen die Kameras des Bahnhofs. Der Mann war betrunken und ist gestürzt, Pech gehabt, aber keine Hinweise auf Fremdverschulden." Er zuckte mit den Schultern. „Ein Glück, dass er seinen Ausweis dabei hatte, sonst hätten wir mehr Aufwand damit gehabt, einen unbekannten Toten zu identifizieren.“
Sie schluckte.
Die Videoaufnahmen zeigten den Mann vom Obduktionstisch am Fuß der Treppe. Den Mann vom Ausweis. Tobias. Erst eine Stunde. Dann zwei. Dann drei. Sie hatte vor- und zurückgespult. Aber es änderte nichts.
Menschen gingen an ihm vorbei. Manche warfen ihm einen kurzen Blick zu. Andere nicht einmal das.
Niemand blieb stehen.
Niemand rief die Polizei.
„Nimm es dir nicht so zu Herzen.“
Sie hob den Kopf. Der Ausbilder warf den Ausweis zurück in die Tüte.
„Pack die Asservate zusammen, der Fall ist abgeschlossen. Manchen Leuten kann man nicht mehr helfen“, sagte er im Weggehen. „Es sah so aus, als ob da einer seinen Rausch am Ende der Treppe ausschläft. Passiert jeden Tag irgendwo. Keiner ruft deswegen gleich die Polizei.“
Sie sah wieder auf den Bildschirm. Tobias lag völlig reglos am Boden. Und trotzdem war niemand gekommen. Sie gab sich einen Ruck, nahm das Foto und warf es in die Tüte. Es fiel mit dem Gesicht nach unten. Sie erstarrte. Auf der Rückseite stand etwas. Sie zog das Foto erneut hervor und schaltete die Lampe ein. Mit Mühe entzifferte sie die verblasste Handschrift: „Tina".
Sie klickte das Video mit Tobias auf dem Computer weg und recherchierte. Sie las alte Einsatzberichte. Tobias tauchte immer wieder auf. Betrunken im Stadtpark. Unter Drogeneinfluss in einer Fast-Food-Filiale. Schlafend auf einer Parkbank.
Immer dann, wenn er störte, hatte jemand die Polizei gerufen.
Am Ende der Treppe hatte niemand angerufen.
Es war schon weit nach Feierabend und die Dienststelle fast menschenleer, doch das Gesicht auf dem Foto ließ ihr einfach keine Ruhe.
Er hatte ein Leben mit einer Tina gehabt, aber das System zeigte nur das, was die Behörden für wichtig erachteten. Sie griff zu ihrem Handy und loggte sich in Facebook ein. Eine Stunde später starrte sie auf ein Profil aus der Freundes-Galerie von Tobias. Das war sie! Die Frau von dem Foto.
Einen Tag später stand die Anwärterin vor einem Mehrfamilienhaus und blickte auf den Namen neben dem Klingelknopf.
Was sollte sie der Frau erzählen?
Die Pressemeldung bestand aus wenigen nüchternen Zeilen. Ein Mann war am Bahnhof gestorben. Keine Hinweise auf Fremdverschulden.
Aber Tobias war nicht in wenigen Zeilen gestorben.
Sollte sie von der Treppe erzählen?
Von den Stunden, die er dort gelegen hatte?
Von den Menschen, die an ihm vorbeigegangen waren?
Ihr Finger verharrte über dem Klingelknopf.
Dann drückte sie doch.
Während sie wartete, spürte sie ihr Herz bis in den Hals schlagen, dann ertönte der Summer. Mit leichtem Druck stieß sie die Tür des Mehrfamilienhauses auf. Oben im Dachgeschoss klappte eine Tür. Sie warf einen Blick nach oben und ging dann langsam die Treppenstufen hinauf, den Griff fest am Geländer.
Christina blickte starr an ihr vorbei.
Sekunden vergingen.
Sie rührte sich nicht.
Die Anwärterin spürte, wie sich die Stille zwischen ihnen ausdehnte.
Zum ersten Mal hatte sie eine Todesnachricht überbracht, aber nun wusste sie nicht mehr, was sie in dem Moment überhaupt noch weiter sagen sollte.
Dann ging ein kaum sichtbarer Ruck durch Christina.
Langsam hob sie den Blick und sah die Anwärterin direkt an.
„Hat er es also geschafft.“
Christina nickte einmal, als hätte sie eine Rechnung bestätigt, die längst bezahlt war.
„Ich habe vor Jahren aufgehört, auf ihn zu warten."
Dann schloss sie abrupt die Tür.
Es knallte so laut im Treppenhaus, dass die Anwärterin zusammenzuckte. Ein Moment verging, dann öffnete sie die rechte Hand, die sie vor Schreck zur Faust geballt hatte. Das eingeschweißte Foto der Frau hatte nun einen weiteren Knick bekommen. Die Anwärterin starrte auf das Gesicht. Zeit verging. Es war nicht mehr so, wie damals.
Die erste Leiche vergisst man nie, hatten die Kollegen gesagt.
Tobias war nun ein Fall für das Archiv.
Im Büro legte sie das Foto zurück in die Asservatentüte und verschloss sie.
Sie wandte sich der nächsten Akte auf ihrem Schreibtisch zu.
Krankenhaus. Todesermittlung nach einer Operation.
Ihr Blick blieb einen Moment auf dem Namen am Deckblatt hängen. Dann begann die Ermittlerin zu lesen.
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