Eveline Liedtke aus Mössingen
Fernlehrgang: Romanwerkstatt für Science-Fiction und Fantasy
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Fernlehrgang: Romanwerkstatt für Science-Fiction und Fantasy
1. Platz im Genre-Wettbewerb 2024 - Unvermeidlich
In Eveline Liedtkes Unvermeidlich entsteht der ‚Wilde Westen‘ ganz beiläufig vor dem inneren Auge. Wir erleben nicht durch ausufernde Landschaftsmalerei, sondern im Zuge der Handlung die Prärie, über die der Sherriff geritten kommt, die Cowboystiefel, an denen Streichhölzer entzündet werden, Whisky in Blechtassen, gebackene Bohnen, und eine Hauptfigur – Susan – die aus einem Bordell entkommen ist und sich mit Bill, einem Gangster, eingelassen hat.
Das reichhaltige Szenario ist aus Susans Perspektive jedoch vor allem blutig. Die Wolken haben blutige Bäuche, Blut ist wie ein Kissen, auf dem ein Toter liegt. Es spritzt in posttraumatischen Flashbacks aus der Kehle eines ermordeten Jungen und zeigt sich als braune Flecken auf Stiefeln und Säcken voll Geld.
Für Bill, den Leithund der kleinen Bankräuberbande, ist das Töten ‚unvermeidlich‘. Susan erkennt jedoch seine Lust daran. Um weiteres Blutvergießen zu vermeiden, opfert sie sich selbst. Sie verrät und erschießt Bill, wissend, dass sie dafür an den Galgen kommt. Auch das ist für sie ‚unvermeidlich‘. Eveline Liedtke erzählt visuell, spannend und emotional dicht. Der Twist gegen Ende fügt dem Titel Unvermeidlich noch einmal neue Bedeutung hinzu.
Das Töten hatte ihm Freude bereitet. Sie hatte es ihm angesehen – dieser erwartungsvolle Ausdruck auf seinem Gesicht, kurz bevor er dem Jungen die Kehle durchgeschnitten hatte.
„Wieso hast du das getan?“ Die Worte schlüpften über Susans Lippen, ohne... Kurzgeschichte lesen
Das Töten hatte ihm Freude bereitet. Sie hatte es ihm angesehen – dieser erwartungsvolle Ausdruck auf seinem Gesicht, kurz bevor er dem Jungen die Kehle durchgeschnitten hatte.
„Wieso hast du das getan?“ Die Worte schlüpften über Susans Lippen, ohne dass sie wusste, warum. Seine Antwort kannte sie längst.
„Es war unvermeidlich“, sagte Bill, wie so oft in den letzten Tagen, wenn das Schweigen der Anderen zu laut geworden war. Mit dem Kochlöffel kratzte er die letzten Bohnen vom Boden der Bratpfanne und schlang sie herunter.
Susan ließ ihren Blick über sein Gesicht wandern. Es war derselbe Mann: Die Narbe zwischen seinen Bartstoppeln war ihr ebenso vertraut wie die Nase, die aussah, als wäre sie mehrmals gebrochen worden. Und doch zog sie bei seinem Anblick nun unwillkürlich die Schultern an. Als müsste sie an einem Hund vorbei, der stets friedlich gewesen war, aber einmal unvermittelt zugebissen hatte.
Sie sah zu Boden, doch die Anspannung in ihren Muskeln blieb, wurde sogar noch stärker, als ihre Stiefel in ihr Sichtfeld gerieten. Hastig floh ihr Blick von den rotbraunen Flecken auf dem Leder, irrte über die schmutzigen Fenster, die Satteltaschen an der Wand, die zerwühlte Wolldecke auf dem Bett und blieb schließlich auf Pat und Clay liegen. Sie schliefen unter ihren Mänteln auf dem Boden, die Hüte tief ins Gesicht gezogen.
Sie waren nicht wie er. Susan hatte das Grauen auf ihren Mienen gesehen, als das Leben aus der Kehle des Jungen geflossen war.
… dieser Gesichtsausdruck …
Sie waren Schafe, die folgten, sobald Bill die Zähne bleckte.
Plötzlich bemerkte Susan, dass die Säcke mit den erbeuteten Geldscheinen, die ihnen als Kopfkissen dienten, dieselben rotbraunen Flecken aufwiesen wie ihre Stiefel. Ein flaues Gefühl machte sich in ihren Eingeweiden breit, als hätte sie einen kräftigen Schluck Branntwein auf leeren Magen genommen.
Abrupt stand sie auf. Das schabende Geräusch, mit dem die Stuhlbeine über den Holzboden kratzten, ließ Pat im Schlaf zusammenzucken. Er murmelte etwas Unverständliches und rollte sich auf die Seite.
Mit klopfendem Herzen ging sie in der Hütte auf und ab.
… er war noch so jung gewesen. Auf der schreckensbleichen Haut waren die Pickel deutlich hervorgetreten und über der zitternden Oberlippe hatte sich nur ein Bartflaum abgezeichnet.
… dieser Gesichtsausdruck …
Sie zog das Schultertuch enger um sich.
„Ich hätte niemals zugestimmt, den Lockvogel zu spielen, wenn ich gewusst hätte, dass du …, dass du …“ Susan biss sich auf die Innenseite ihrer Wangen. Als sie ihre Stimme wieder im Griff hatte, sprach sie weiter: „Du hast gesagt, niemand kommt zu Schaden.“
„Es war nicht unsere Schuld, Susie.“ Bill sprach wieder mit diesem Tonfall, der sie glauben ließ, alles werde gut. Wie damals, als er ihr versprach, sie müsse sich nicht länger in der Roten Laterne verdingen.
Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück, legte die Füße auf den Tisch und zog aus der Brusttasche seines Hemds einen Tabakbeutel. „Er hätte uns das Geld einfach überlassen können, aber er wollte den Helden spielen.“
Susan schnaubte. Der Junge hatte um sein Leben gefleht. Und dann… sie schluckte … waren seine Worte jäh verstummt.
… dieser Gesichtsausdruck …
Mit aufeinandergepressten Lippen trat sie ans Fenster und blickte hinaus. Die aufgehende Sonne malte den Wolken über der Prärie rote Bäuche. Der Anblick löste Übelkeit bei ihr aus.
Ein leises Kratzen war zu hören, als Bill ein Streichholz an seinem Stiefel entzündete. Kurz darauf füllte der Geruch von verbranntem Tabak die Hütte.
Es war nun hell genug, um nach den Männern Ausschau zu halten. Still lag das Land unter dem Himmel, der sie mit seiner Farbenpracht anzuklagen schien. Büschel von trockenem Gras wogten im Wind. Hier und da durchbrachen Kakteen und niedrige Sträucher das endlose Braun. Dann entdeckte Susan sie endlich: Im Schatten einiger Felsen näherte sich ihre Sühne in Form von zwei Dutzend Reitern.
Sie nahm einen tiefen Atemzug und spürte, wie sich die Spannung in ihren Schultern löste.
„Es ist so weit“, sagte sie kaum hörbar.
Aber Bill schien es nicht entgangen zu sein. Als sie zurück zum Tisch ging und sich auf den Stuhl sinken ließ, fixierte er sie. Das helle Grau seiner Augen wirkte im Dämmerlicht, das von draußen hereinfiel, beinahe farblos.
Er spuckte auf den Boden. „Hast du etwas gesehen?“
Es war zu spät, um es jetzt noch abzustreiten. Sie nickte. „Gerechtigkeit.“
Bill runzelte die Stirn und knurrte etwas, das wie „durchgeknallte Dirne“ klang. Dann erhob er sich, stapfte zum Fenster und spähte ebenfalls hinaus. Im nächsten Moment fuhr er zusammen. „Verdammte Scheiße! Wie haben die uns gefunden?“
Zum ersten Mal hörte Susan ein Zittern in seiner Stimme, aber im nächsten Moment war es verschwunden.
„Beine in die Hand, ihr Faulpelze!“, bellte er. „Da wartet Ärger auf uns!“
Blinzelnd fuhr Pat hoch, Clay schob seinen Hut zurück und murmelte mit zusammengekniffenen Augen: „Was’n los?“
„Aufstehen, verdammt!“ Bill schnippte die Zigarette in eine Ecke und griff nach seinem Gewehr, das an einem Haken an der Wand hing.
„Es ist vorbei, Bill“, sagte Susan. „Du kannst nicht mehr ungeschehen machen, was wir getan haben, aber du kannst weiteres Unrecht –“
„Maul halten!“ Bill lud die Waffe und bezog am Fenster Stellung. „Ich entscheide, wann es vorbei ist. Der Spaß geht doch jetzt erst richtig los.“ Ein Lächeln umspielte seine Lippen. “Die Jungs da draußen haben sich ein hübsches Tänzchen verdient.“
Und da war er wieder - dieser erwartungsvolle Gesichtsausdruck …
Die Übelkeit, der es bisher genügt hatte, in ihrem Magen zu wüten, wollte ihre Kehle emporsteigen. Susan ertränkte sie mit einem Schluck Whisky aus Bills Blechtasse .
Sie schloss die Augen und sah es noch immer vor sich: Das Zucken seiner Mundwinkel, die geweiteten Augen. Ein Hund, der tollwütig geworden war …
Mit einem Knall stellte sie die Tasse zurück auf den Tisch und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund.
„Ich habe dem Sheriff eine Nachricht hinterlassen, als wir durch Buffalo Springs g ekommen sind.“ Sie hätte schweigen können, aber zur Sühne gehörte die Beichte.
Es dauerte einen Augenblick, bis Bill die Tragweite dessen begriff, was sie gesagt hatte. Langsam wandte er sich vom Fenster ab.
„Du hast … Schwachsinn! Du kannst nicht mal schreiben …“
Er stieß ein Lachen aus, doch seine Wangen hatten jegliche Farbe verloren.
„Aber ich kann eine Karte mit Geländemerkmalen auf die Rückseite eines Fahndungsplakats zeichnen.“
Seine Miene änderte sich so schnell und drastisch, als wäre man aus einem warmen Zimmer hinaus in einen Schneesturm getreten.
„Du Miststück!“, brüllte er, das Gesicht zur Fratze verzerrt. Spucke flog aus seinem Mund. „Hast du den Verstand verloren?! Die bringen uns an den Galgen!“
„Nur mich“, sagte Susan und zog i hre Waffe zwischen den Falten ihres Kleides hervor. Sie zielte auf Bills Stirn und drückte ab.
Der Schuss hallte wie ein Kanonenschlag durch die Hütte.
Clay und Pat schrien auf, verfolgten Bills Sturz mit blassen Gesichtern und aufgerissenen Augen. Wie Schafe.
„Wieso hast du das getan?“, flüsterte Clay, ohne den Blick von Bill abzuwenden, der nun auf einem roten Kissen lag, das immer größer wurde.
„Der Sheriff und seine Männer haben den Tod nicht verdient.“ Eine Träne rollte über ihre Wange. „So wenig wie der Postkutscher …“
… dieser Gesichtsausdruck …
Der Blick des Jungen war voller Anklage gewesen, als das Leben im Rhythmus seines Herzschlags aus seiner Kehle gespritzt war …
Sie ließ den Revolver sinken, behielt den Finger aber am Abzug, hoffte, die beiden würden sich ergeben. Mit etwas Glück würden sie mit ein paar Jahren Zuchthaus davonkommen.
„Scheiße“, schrie Pat, „du hast ihn einfach hingerichtet!“
Und Clay hauchte: „Du bist genauso durchgeknallt wie er …“
Aber Susan wusste es besser. Sie war nicht wie Bill. Das Töten hatte ihr keine Freude bereitet. Es war unvermeidlich gewesen.
2. Platz im Genre-Wettbewerb 2023 - Sukzession
Martin wandert gern, er liebt die Wildnis und möchte sie auch seinen Kindern nahebringen. Als diese nach einem Ausflug im Auto unaufhörlich streiten, verliert Martin die Nerven. „Jetzt ist Schluss!“, brüllt er, gefolgt von dem herrlich buchstäblichen: Und das war es auch.
Martins Körper überlebt den Unfall, doch seine Persönlichkeit ist wie festgefroren in diesem letzten Moment des Zorns. Er hat sich fortan nicht mehr unter Kontrolle, seine Ehe geht in die Brüche, seine Kinder sind besser dran ohne ihn. Am Ende kehrt Martin zurück in die Wildnis.
Sukzession – das ist die Rückkehr der für einen Standort typischen Organismen, und Martin befindet sich in einem solchen Prozess der Sukzession: So wie Gras rasch einen aufgeschütteten Erdhügel besiedelt, wächst nun Ignoranz auf Martins Sozialverhalten.
Stilistisch dicht zwischen Literatur und journalistischer Prosa, sowie reich an starken Bildern, erzählt die Autorin von einem Zusammenbruch der Zivilisation. Der dünne Lack über der wilden Kreatürlichkeit des Menschen platzt ab.
Ob Eveline Liedtke in Sukzession von einem Scheitern erzählt oder vielleicht doch von neuer Hoffnung, diese Entscheidung bleibt den Lesenden überlassen.
Martins Kinder stritten auf dem Rücksitz schon wieder über irgendeine Belanglosigkeit. Dabei hatte er gehofft, die Tageswanderung durch den Wasenfurter Nationalpark würde sie müde genug machen, um eine friedliche Heimfahrt zu gewährleisten. Nachdem... Kurzgeschichte lesen
Martins Kinder stritten auf dem Rücksitz schon wieder über irgendeine Belanglosigkeit. Dabei hatte er gehofft, die Tageswanderung durch den Wasenfurter Nationalpark würde sie müde genug machen, um eine friedliche Heimfahrt zu gewährleisten. Nachdem etliche Schlichtungsversuche gescheitert waren (Bitte nicht so laut! Wie wär‘s, wenn ihr euch abwechselt? Wir hören jetzt ein Hörspiel und nachher – hey, solche Wörter will ich nicht hören!), musste Martin einsehen, dass die Ruhe des Waldes mit dem Drehen des Zündschlüssels geendet hatte.
Es gelang ihm, das Gezeter eine Weile auszublenden, indem er sich auf den beindruckenden Baumbestand des Nationalparks konzentrierte, dessen Ausläufer den Straßenrand säumte. Doch seine Selbstbeherrschung wurde von einem Tritt in seine Rückenlehne und dem immer lauter werdenden Heulen seines Jüngsten davongeschwemmt wie Straßenkreide in einem Regenschauer. Er wandte sich zu ihnen um und brüllte über ihr Gezanke hinweg:
„Jetzt ist Schluss!“
Und das war es auch.
Als Martin aufwacht, lebt er nicht mehr. Irgendwo zwischen der Landstraße und der Intensivstation ist er gestorben. Mit jedem Tropfen Blut, der durch zerstörte Blutbahnen in sein Gehirn gesickert war, anstatt zurück zu seinem Herzen zu fließen, war Martin ein klein wenig mehr verschwunden. Als das anschwellende Gehirn sich - weil es als einziges Organ vollständig von Knochen umgeben ist - selbst zerquetscht hat, ist von ihm nicht mehr viel übrig.
Und trotzdem existiert er. Erst in einem Krankenhausbett des Universitätsklinikums Wasenfurt, dann im Patientenzimmer einer neurologischen Rehabilitationsklinik.
Die körperlichen Funktionseinschränkungen sind schnell behoben. Nach drei Wochen kann er wieder ohne Hilfe laufen und wenn die Therapeutin ihm Fotos von Gegenständen zeigt, benennt er sie fast immer richtig. Die Ärzte sagen, er macht gute Fortschritte.
Aber etwas Wesentliches ist falsch: Martin ist nicht mehr Martin.
Er erinnert sich an alle Einzelheiten seines Lebens, ehe er auf die Gegenfahrbahn geraten und in das Auto einer 28-jährigen gerast war: Sandkastenfreundschaften, Schulhofprügeleien, der Duft ihres Haares beim ersten Kuss, Heiraten, Vater werden und auch an die unzähligen Bergmassive, Wüsten, Hochmoore und Wälder, die er im Laufe seines Lebens bereist hat. Doch es fühlt sich so an, als hätte jemand anderes diese Dinge erlebt.
Die Behandlung einer schweren Hirnverletzung gleicht dem Wiederaufbau nach einem verheerenden Erdbeben. Man kann Wege und grobe Strukturen unter den Trümmern freilegen, doch vieles ist unwiederbringlich zerstört. Und aus den Bruchstücken der Vergangenheit sprießen nun Gefühle, die Martin ein ganzes Leben wie Unkraut zu jäten gelernt hatte. Da ist Angst und Trauer, aber vor allem ist da Wut. Er versucht sie zu verstecken, denn wenn er sich zu sehr aufregt, fixieren ihn die Pfleger wieder ans Bett. Aber die Wut wächst so schnell und so zahlreich, dass er es nicht mehr schafft sie auszurupfen, ehe der Joghurtbecher durchs Krankenzimmer fliegt (Wollen die mich verarschen?! Schon wieder Schokoladenpudding?!) oder die Fernbedienung aus der Hand des Zimmernachbarn gerissen wird (Nur Idioten schauen Tatort!).
Die medizinische Rehabilitation versucht, dem Wildwuchs Herr zu werden. Ein Sammelsurium an Heilmethoden soll wiederherstellen, was eine Sekunde Unaufmerksamkeit ihm geraubt hat: 9 Uhr Psychotherapie, 10 Uhr Physiotherapie, 11 Uhr Ergotherapie, nach dem Mittagessen Gruppenspaziergang und Logopädie, 16 Uhr Besuchszeit.
Die Frau, die er geheiratet hat, sitzt da, ein verkrampftes Lächeln auf den Lippen, die Hände knetend. Sie fühlt es auch: Etwas stimmt nicht. Aber sie hofft darauf, dass die Ärzte Martin zurückbringen - also den Echten.
Sein Neurologe rät ihm zu Entspannungsübungen oder einem Hobby, das ihm hilft, negative Emotionen abzubauen: „Ihre Frau meinte, dass Sie vor Ihrem Unfall gerne Wandern waren. Bewegung ist ein gutes Ventil für Stress. Sie könnten diesen Zeitvertreib wieder aufnehmen“, schlägt er vor.
Martin schnaubt. Der Begriff ‚Wandern‘ ist zu trivial für diese Leidenschaft. Der alte Martin - den er zu imitieren versucht - hatte Trekkingtouren in die abgelegensten Regionen der Erde unternommen. Ob inmitten eines Schneesturms an den Hängen der Annapurna oder im Dschungel Borneos, umgeben von Krokodilen und Kobras: Das Überleben in der Wildnis hatte ihm eine Befriedigung beschert, wie es kaum etwas anderes zu tun vermocht hatte.
„Hinsichtlich der Steigerung Ihrer Impulskontrolle und Frustrationstoleranz halte ich eine ambulante Verhaltenstherapie für sinnvoll“, fährt der Neurologe fort.
Martin erwidert, er solle seine verdammte Fresse halten.
Dann ist er wieder zuhause. Geheilt, aber nicht gesund. „Frontalhirnsyndrom“ steht im Abschlussbericht. Als Martin fragt, was das bedeutet, sagt der Arzt, dass eine Schädigung des vorderen Hirnareals die Persönlichkeitsmerkmale verändern könne.
Martin interessiert aber viel mehr, ob es wieder so werden wird wie früher.
„Wahrscheinlich nicht“, lautet die Antwort. Das kostet ihn seinen Job. Frühberentet mit 45.
Und die Frau, die vor Glück geweint hatte, als er aus dem Koma erwacht war, sagt, er sei nicht mehr der Mann, den sie geheiratet habe. Die Kinder hätten Angst vor ihm. Dabei gibt es auch Tage, an denen er sie nicht anbrüllt.
Sie hilft ihm bei der Wohnungssuche und allen dazugehörigen Formalitäten, als sei sie seine Mutter und nicht die Frau, mit der er achtzehn Jahre ein Bett geteilt hat. ‚In guten wie in schlechten Zeiten‘ hatte die Hure versprochen.
Bevor sie geht, übergibt sie ihm die nüchterne Bezifferung eines zerstörten Lebens: Eine Akte voller Schriftstücke, die er zwar kognitiv versteht, mit denen er aber doch nichts anzufangen weiß.
Zwischen den Arztberichten, den Anträgen auf Zahlung von Krankengeld, dem Schriftverkehr zur Unfallrente und zur Anerkennung einer Berufsunfähigkeit ist auch noch das Schreiben der Staatsanwaltschaft, die Anklage wegen fahrlässiger Tötung erheben will. Die Tornadowarnung nach dem Erdbeben der Stärke 9.
Ganz unten im Ordner findet er den Zeitungsartikel. Sein Blick gleitet über die Schlagzeile: Eine Tote und ein Schwerverletzter bei Unfall im Wasenfurter Wald.
Martin lacht, nur kurz, aber er lacht. Amüsiert sich über die schlampige Recherchearbeit, wo doch von zwei Toten die Rede hätte sein müssen. Der Martin, der er einmal war, ist an diesem Tag ebenfalls verunglückt.
Und trotzdem ist da Leben in ihm. Ein Herz, das schlägt und ein Hirn, das unter seinem neuen Dach aus Titan seine Arbeit tut. Ein neues Leben. Ein anderes Leben.
Martin steht in Ruinen einer untergangenen Kultur. Verfallene Bauten lassen noch die imposanten Gedankengebäude von früher erahnen, doch werden sie von impulsiven Handlungen überwuchert. Emotionen, die längst gezähmt waren, galoppieren ungestüm durch seinen Kopf. Die wilde Natur seines Selbst hat sich die in frühester Kindheit kultivierten Felder zurückerobert, auf denen in ordentlichen Reihen Anpassung an die gesellschaftlichen Konventionen und gute Manieren angebaut wurden. Und wo seine Mutter früher die Beete der Höflichkeit gegossen hat, fallen ihre Tränen nun auf verbuschtes Land, weil er geäußert hat, sich lieber nackt in einen Ameisenhaufen zu setzen, als zu ihrer Geburtstagsfeier zu kommen.
Sukzession nennt man diesen Vorgang in der Biologie: Die Rückkehr der standorttypischen Pflanzen und Tiere, nachdem sie zeitweise verdrängt wurden. So wie Gras rasch einen aufgeschütteten Erdhügel besiedelt, wächst nun Ignoranz auf Martins Sozialverhalten
Er klappt den Ordner zu und schmeißt ihn in den Müll. Stattdessen öffnet er seinen Laptop. Ein Flug ist schnell gebucht. Was kümmert ihn, dass er laut Strafverfolgungsbehörde das Land nicht verlassen darf? Was kümmern ihn die Menschen, die er zurücklässt? Nur seine Kinder bedeuten ihm etwas. Schließlich ist es ein Urinstinkt, sich um das Wohlergehen seiner Nachkommen zu sorgen und sie sind besser dran ohne einen Vater, dessen Stimmung so unberechenbar ist, wie die eines wilden Tieres.
Etwas ist geblieben vom Martin, dessen grobe Züge er trägt: Die Sehnsucht nach der Einsamkeit einer ursprünglichen Natur. Nein, sie hat sich sogar potenziert. Dem alten Martin genügte es, der Zivilisation ein- oder zweimal im Jahr zu entfliehen. Doch das reicht nicht mehr. Die sibirische Taiga wartet auf ihn. Mit ihren endlosen Nadelwäldern, den kurzen, mückenreichen Sommern und den stillen, schneereichen Wintern. Eine Landschaft so rau, wie er selbst.
Wiedergeboren dank der modernen Medizin. Manchmal fragt er sich, ob die unausgesprochene Alternative nicht besser gewesen wäre. Er hat nicht um dieses zweite Leben gebeten, aber eigentlich tut das niemand. Werdende Mütter und Väter machen sich auch keine Gedanken darüber, ob ihr Kind überhaupt geboren werden will. Alles, was einem bleibt, ist, seinen Platz in der Welt zu finden. Und Martin spürt, dass er in die Wildnis gehört. Denn sie ist nicht nur da draußen, sondern auch in seinem Kopf.
Alexander Kail aus Erlangen
Die Romanwerkstatt hat die Grundlage für meinen Roman gelegt
Lars Grünau
Die dunkle Gefährtin
3. Platz, Schreibdebüt-Wettbewerb 2026 Runde 1.
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5. Platz, Genre-Wettbewerb 2025 Runde 2.
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3. Platz, Genre-Wettbewerb 2025 Runde 1.
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2. Platz, Schreibdebüt-Wettbewerb 2025 Runde 1.
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4. Platz, Schreibdebüt-Wettbewerb 2024 Runde 1.
Erich Marel
Der Toaster
1. Platz, Schreibdebüt-Wettbewerb 2024 Runde 1.
Vanessa K. Minden
Mein Herz
3. Platz, Genre-Wettbewerb 2024 Runde 1.
Bettina Guggenberger
Das Gartenidyll
4. Platz, Schreibdebüt-Wettbewerb 2023 Runde 1.
Anna-Christin Ramspoth
Das Echo der Freiheit
4. Platz, Schreibdebüt-Wettbewerb 2021 Runde 2.