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5. Platz:

Susanne Dubslaff

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Am Abgrund

Genre-Wettbewerb 2021 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Was wir uns antun, nur weil wir nicht vertrauen, so könnte man diese Kurzgeschichte von Susanne Dubslaff auch überschreiben. Ein junger Mann sitzt mit seiner Freundin in der Gondel einer Seilbahn. Den Verlobungsring hat er in der Tasche, oben wird er sie fragen. Eine romantische Situation? Weit gefehlt, denn er hat Höhenangst. Wie in Echtzeit erleben wir seine Panik, die sich steigert mit jedem Pfosten, den die Kabine schaukelnd passiert. Auch hier wird auf dramatische Überzeichnung und eine Anhäufung von bedrohlichen Adjektiven verzichtet. Das hat diese Geschichte gar nicht nötig. In Erinnerungsfetzen kommt schließlich das Kindererlebnis hoch, das der Auslöser war, und die Einsicht, dass man jemandem, mit dem man sein Leben verbringen will, vertrauen muss. Männer…!


Am Abgrund

Mit einem leichten Ruck setzte sich die Gondel in Bewegung.
Sein Herz schlug schneller.
Langsam verließ die kleine Kabine die Talstation. Sie hatten Glück gehabt, er und Jessika mussten die Gondel nicht mit anderen Wanderern teilen. Sebastian schaute sich unbehaglich um. Sehr stabil schien ihm dieser Kasten nicht zu sein. Nur Plexiglas und ein wenig Metall trennten ihn vom Sturz in die Tiefe.
So kurz hinter der Talstation befanden sie sich zwar erst wenige Meter über dem Boden, doch Sebastian reichte das bereits. Sein Magen zog sich zusammen. Verbissen starrte er in Fahrtrichtung nach oben. Vor ihm zogen die anderen Kabinen in gleichmäßigen Abständen, aufgereiht wie Lampions an einer Schnur, den Berg hinauf.
Sebastian schluckte. Bloß nicht nach unten sehen. Nervös strich er sich durch das dunkle Haar. Ihm gegenüber blickte Jessika interessiert auf die immer weiter unter ihnen zurückbleibende Stadt.

Die kleine Gondel passierte den ersten Pfosten und schaukelte einmal kräftig hin und her. Jessika jauchzte auf. Sebastians Magen hob sich. Mit feuchten Händen klammerte er sich am Sitz fest. Vielleicht hätte er Jessika doch erzählen sollen, dass er unter Höhenangst litt. Diese Seilbahnfahrt auf 2000 m Höhe war die reinste Schnapsidee. Aber er hatte Jessika nicht enttäuschen wollen und geschwiegen, wie schon so oft. Sie wollte doch so gern diese Höhenwanderung machen.
Jetzt war es zu spät. Nicht mehr lange und er würde auch die Erinnerungen nicht mehr zurückhalten können.

Lautlos schwebte die Gondel mit ihren beiden Insassen immer höher.
Jessika blickte ihn strahlend an. Ihre Wangen waren vor Freude gerötet.
"Ist das nicht wunderschön? Je höher wir kommen, desto faszinierender wird alles. Schau nur, wie winzig die Häuser jetzt aussehen."
Unwillkürlich folgte sein Blick ihrem ausgestreckten Arm. Die Tiefe tat sich gähnend vor ihm auf. Schwindel erfasste ihn. Er kniff die Augen zusammen. Ein Bild blitzte auf.

Das Dach des Hochhauses.

Aus der Ferne hörte er Jessikas Stimme. Mit aller ihm verbleibenden Willenskraft öffnete er die Augen und versuchte sich auf Jessika zu konzentrieren. Das blonde Haar hatte sie zu einem Zopf zusammengebunden. Ihre langen Beine steckten in kakifarbenen Wandershorts und dazu passend trug sie ein rot kariertes Hemd. Ihr Anblick half ihm, sich ein wenig zu fassen. Warum hatte er es ihr nie erzählt? Er liebte sie. Aber es machte ihm Angst.
"Und wir zwei allein in dieser kleinen Gondel, ist das nicht herrlich romantisch?" Seine Freundin strahlte vor Glück.
Sebastian brachte nur ein unartikuliertes Grunzen als Antwort heraus. Jessika schaute ihn leicht verwirrt an, seufzte und blickte wieder aus dem Fenster. Nach Romantik stand ihm gerade wirklich nicht der Kopf, doch natürlich wusste er, worauf Jessika bereits ihren ganzen Urlaub über wartete.

Inzwischen mussten sie etwa den halben Weg zurückgelegt haben. Er schwitzte. Die kleine Kabine engte ihn mehr und mehr ein, nahm ihm die Luft zum Atmen.
Seit damals erdrückte ihn die Schuld.
Ein weiterer Seilbahnpfosten. Es schaukelte und schwankte. In Sebastians Kopf begannen sich die Bilder zu drehen.

Das Dach des Hochhauses.
Sie waren sechzehn gewesen und die Welt stand ihnen offen.
Er und sein bester Kumpel Malte waren an diesem Tag über die schmale Treppe bis auf das Flachdach gestiegen. Es war seine Idee gewesen, dort hochzuklettern und Malte hatte begeistert zugestimmt. Nie zuvor hatte er so einen beeindruckenden Ausblick über ihre Stadt gehabt. Es war grandios dort oben, einfach fantastisch. Sie waren frei, standen über allen Dingen.
Unbesiegbar.

"Geht es dir nicht gut?" Jessikas Stimme holte ihn zurück ins Hier und Jetzt und in die immer höher steigende Gondel.
"Alles gut", antwortete Sebastian, "ist nur ziemlich heiß hier drin, findest du nicht?"
"Eigentlich nicht."
Wieder so ein merkwürdiger Blick. Hoffentlich fand sie ihn nicht allzu seltsam, sonst käme er in Erklärungsnot.
Schweiß tropfte von seiner Stirn. Mit zittriger Hand suchte er nach einem Taschentuch. Da berührten seine Finger etwas Hartes.
Die Schachtel mit dem Ring. Seit Tagen wartete er auf eine gute Gelegenheit, um Jessika einen Antrag zu machen. Zweifelsohne wäre so ein Heiratsantrag in der Gondel einer Seilbahn genau die Romantik, die Jessika sich wünschen würde.
Jetzt wurde ihm einiges klar. Deshalb diese Blicke. Jessika glaubte genau das und schob wahrscheinlich sein komisches Verhalten auf seine Nervosität vor dem großen Augenblick. Auch das noch.
Er hatte keine Angst vor dem Antrag. Für ihn war Jessika die Frau seines Lebens und er wusste, dass es für sie genauso war.
Sebastian konnte sie bereits beide zusammen in ihrem kleinen Häuschen sehen. In seiner Fantasie spielte er mit seinem Sohn im Garten Fußball, während Jessika ihnen mit ihrer kleinen Tochter im Arm von der Terrasse aus zu sah.
Aber wog seine Schuld nicht zu schwer? Hatte er überhaupt das Recht, von einer sonnigen Zukunft zu träumen?

Auf einmal ruckte die Gondel hart und blieb stehen.

Sebastians Herz stolperte. Panisch schaute er sich um. Ihre Gondel hing hoch über dem Abgrund. Bedrohlich stiegen schroffe Felswände zu beiden Seiten empor. Sie erdrückten ihn. Verzweifelt klammerte sich Sebastian an seinen Sitz. Ein röchelnder Laut drang aus seinem Mund.
Keine Luft. Er bekam keine Luft mehr.

Und dann fiel er.

Immer tiefer und tiefer.

Malte lachte ihn an. Die Arme wie zum Abflug ausgebreitet, balancierte er ausgelassen singend auf dem erhöhten Rand des Flachdaches. Sebastian lachte auch. Er ging auf Malte zu. Der Wind pustete ihm die Haare ins Gesicht.
Maltes grüne Turnschuhe tänzelten leichtfüßig über den Sims. Immer einen Fuß vor den anderen. Gerade dachte Sebastian, dass er auch gern solche coolen Schuhe haben würde, da trat ein grüner Turnschuh ins Leere.
Nur ein paar verdammte Zentimeter, war Maltes Fuß daneben getreten.
Er selbst stand keine zwei Meter von seinem Kumpel entfernt.
Für den Bruchteil einer Sekunde stand alles still. Malte sah Sebastian ungläubig, fast überrascht an. Dann kippte sein Körper ins Leere.

Er schrie.

"Sebastian, um Gotteswillen, Sebastian! Was ist los? Komm zu dir. Hör auf zu schreien. Es ist alles gut."
Sebastian blinzelte. Die Schreie halten in seinen Ohren. Waren es seine eigenen oder Maltes?
"Ganz ruhig Liebling. Alles ist gut. Schau, die Seilbahn fährt schon wieder. Wir haben doch nur ein paar Sekunden gehalten. Es ist nichts passiert." Sie strich ihm zärtlich über das schweißfeuchte Haar.
"Du hättest mir sagen sollen, dass du Panik in der Seilbahn bekommst. Ist es die Enge oder die Höhe?"
Sebastian konnte nicht antworten. Jessikas Worte erreichten ihn nur halb, doch langsam merkte er, wie er sich entspannte. Ihre Stimme beruhigte ihn.

Die Gondel ruckelte wieder. Sie waren in der Bergstation angekommen. Mit wackligen Beinen betrat er wieder festen Boden. Jessika warf ihm von der Seite besorgte Blicke zu. Sebastian blieb stumm. Langsam gingen sie aus der Station ins Freie.
Er wusste jetzt, dass er sein Geheimnis nicht länger vor Jessika verbergen durfte. Er wollte eine gemeinsame Zukunft ohne die Schatten der Vergangenheit.
Etwas abseits sah er eine Bank stehen. Er nahm Jessikas Hand.
"Komm Schatz, wir setzen uns kurz auf diese Bank. Bevor ich dir eine sehr wichtige Frage stelle, muss ich dir von meinem besten Freund Malte erzählen."

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