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1. Platz:

Miriam Hillen

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Im Hochbeet

Genre-Wettbewerb 2020 Runde 2

Das Urteil der Jury:

Ralf baut ein Hochbeet, die Nachbarin Frau Pöppelmann wird neugierig. Vor allem, weil Ralf wieder Freiwild ist, denn seine Therese ist mit dem Tanzlehrer abgehauen. Behauptet Ralf.

Ralf entledigt sich seiner untreuen Frau, gleichzeitig sitzt ihm Frau Pöppelmann auf der Pelle. Die Autorin schafft es gekonnt, ihre Leser mit Ralf mitfiebern zu lassen. Wird Frau Pöppelmann ihn entlarven? Nein, die Dame kann Ralfs Charme nicht widerstehen. Miriam Hillens Kurzgeschichte ist böse, genau beobachtet und schrecklich realistisch. Ein Text mit einem wunderbaren Ende, das die Leser dazu auffordert, die Geschichte weiterzuspinnen. Eine raffinierte Handlung, die überzeugt!


Im Hochbeet

Die voll beladene Schubkarre holperte über den Weg aus Betonplatten bis zu einer großen Plastikplane. Ralf hatte sie neben dem neuen Hochbeet auf dem Rasen ausgebreitet, um dort den groben Kompost mit dem Pferdemist zu vermischen. Beides hatte er vorhin mit dem Hänger abgeholt. Ralf lud den Kompost auf der Plane ab, schob die leere Schubkarre beiseite und setzte sich auf einen der Gartenstühle. Eine kurze Pause konnte er sich gönnen. Nicht mehr lange, und er hätte alles abgeladen.
Therese hatte ihm seit Jahren schon in den Ohren gelegen, wie hübsch sich ein Hochbeet in ihrem kleinen Garten machen würde. Nicht, dass Therese sich gerne die Arbeit gemacht hätte, ein Beet zu pflegen. Ihr gefiel es besser, die zwei Quadratmeter in Szene zu setzen, um ein wenig die Gärtnerin zu spielen und ein paar bewundernde Kommentare dafür zu erhaschen. Jetzt würde sie ihr Hochbeet bekommen.
Ralf stand auf, ging zum Hochbeet und stützte sich auf der breiten Holzleiste ab, die die Umrandung abschloss. Den Bausatz hatte er im Internet bestellt, mit Expressversand. Wie versprochen wurde er gestern geliefert. Ralf hatte alles innerhalb von drei Stunden aufgebaut und mit Noppenfolie ausgekleidet. Das war ein Kinderspiel gewesen, im Gegensatz zu dem Loch, das er vorher ausgehoben hatte. Zwar musste er nur knapp 170 Zentimeter lang und 60 Zentimeter breit, aber dafür 70 Zentimeter tief graben. Normalerweise hätten ein paar Zentimeter ausgereicht, nicht jedoch für sein Hochbeet. Er baute es anschließend symmetrisch um das Loch herum auf. So war das Loch verdeckt. Das war wichtig wegen Frau Pöppelmann. Ralfs alleinstehende Nachbarin zeigte sich seit letzter Woche äußerst hilfsbereit. Nachdem ihr zu Ohren gekommen war, dass Therese ihn für ihren mexikanischen Tanzlehrer verlassen hatte, bot sie Hilfe an, wo sie nur konnte. Sie hatte ihm Auflauf gebracht, Kuchen gebacken – und sogar angeboten, ihm bei der Wäsche zu helfen.

Frau Pöppelmann fand jeden Tag einen neuen Vorwand, um vorbeizukommen. Man musste ständig damit rechnen, dass sie plötzlich klingelte oder wie ein Geist am Gartentörchen erschien. So auch gestern. Eine Quiche war ihre Eintrittskarte gewesen. Die kurze Unterhaltung mit ihr, während Ralf die köstliche Quiche verschlungen hatte, hatte sich gelohnt. Er hatte erfahren, dass Frau Pöppelmann heute Abend von 18-19 Uhr zum Pilates-Kurs gehen würde. „Von nichts kommt nichts!“, hatte sie erklärt und kaum merklich ihre linke Hüfte in seine Richtung gedreht. Somit hatte er ein Zeitfenster.
Als er seine Arbeit beendet hatte, ging er ins Haus und wusch seine Hände im Badezimmer. Von dem kleinen Fenster aus konnte er ihren roten Mini Cooper am Straßenrand stehen sehen. Er musste nicht lange warten, bis sie auftauchte. Im hautengen Sportdress ging sie zum Kofferraum des Wagens und legte eine Sporttasche hinein. Dann stieg sie ein und fuhr los.
Die Zeit lief.
Ralf stieg die Stufen zum Keller hinab. Es roch etwas modrig. Er schloss die schwere Tür auf und betrat den kleinen Kellerraum. Hier standen ein alter Glastisch und ein wackeliges Bücherregal, das oben im Wohnzimmer durch ein schickeres Modell ersetzt worden war. Und die große Kühltruhe. Ihr lautes Surren ließ erahnen, dass sie harte Arbeit leisten musste, um ihren Dienst zu tun. Ralf trat näher und öffnete den Klappdeckel der Truhe. Eine Welle kalter Luft schlug ihm entgegen, als er auf das schwarze Bündel blickte. Auf den Zentimeter genau hatte es hineingepasst. In Gedanken hatte er dem Vorbesitzer des Hauses, einem alten Jäger, gedankt, der ihnen dieses Monster überlassen hatte. Jahrelang hatte der Stromfresser ungenutzt herum gestanden, und Therese wollte ihn schon lange auf den Sperrmüll werfen. Er hatte immer wieder geantwortet, dass man sie vielleicht irgendwann einmal brauchen werde. Und er hatte Recht behalten. Ralf betrachtete die dicke, schwarze Folie, die mit einer zarten Eisschicht überzogen war.

Es war so leicht gewesen. Jeden Abend trank Therese eine halbe Flasche Rotwein. Jeden Sonntagabend genoss sie ihn in einem heißen Schaumbad. Vielleicht träumte sie dort immer von ihrem nächsten Treffen mit dem Tanzlehrer. Ralf hatte die beiden zusammen gesehen. Seine Vermutung, dass Therese nicht nur ihre Leidenschaft für Salsa entdeckt hatte, sondern auch für Alejandro, hatte sich bestätigt. Mit einigen Schlaftabletten in der Flasche hatte Therese ihr letztes Schaumbad an diesem Abend in völliger Entspannung genossen.
Ralf zog seine Fleecejacke an und streifte die ledernen Arbeitshandschuhe über. Er beugte sich über den Rand der Truhe und griff mit beiden Armen um das Bündel. Es war eiskalt und steinhart. Schnell schlang er die Arme etwas fester herum, wie bei einer engen Umarmung. Die Stunden im Fitnessstudio zahlten sich jetzt aus, denn das Bündel war gnadenlos schwer und unhandlich. Vorsichtig stieg er die fünf Stufen in den Garten hinauf und kam schnaufend am Hochbeet an. Gerade als Ralf den kalten Ballast ins Loch gleiten ließ, rief Frau Pöppelmann vom Gartentor: „Hallo, Herr Mayer! Darf ich kurz stören?“
Ihm blieb fast das Herz stehen. „Frau Pöppelmann, gerade ist es sehr ungünstig, ich möchte heute noch fertig werden mit dem neuen Hochbeet“, antwortete er ruhig, während sein Puls hämmerte. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und ging höflich zum Gartentor. Sie sollte bloß nicht in den Garten kommen.
„Genau deswegen bin ich ja hier!“, gab sie aufgeregt zurück. „Haben sie an den Wühlmausschutz gedacht? Wenn sie den vergessen, dann wird es nichts mit der reichen Ernte!“
Sie hatte sich anscheinend auch informiert. „Natürlich habe ich einen Schutz vor Wühlmäusen, Frau Pöppelmann. Um mir das zu sagen, haben sie ihren Kurs verpasst?“, fragte Ralf verwundert.
„Nein, nein. Die Kursleiterin ist krank, und der Kurs wurde eben erst abgesagt. Im Auto ist mir dann eingefallen, dass ich sie die ganze Zeit schon wegen des Wühlmausgitters fragen wollte.“ Sie lächelte ihn an.
Ralf entspannte sich etwas. „Das ist sehr freundlich, vielen Dank! Ich muss dann auch weitermachen“, sagte er im Gehen und winkte kurz zum Abschied. Gut, gleich würde er sie los sein.
„Was haben sie denn da eben ins Hochbeet gelegt?“ Die Frage traf ihn wie ein Schlag in die Magengrube.
„Äste, große Äste für die Drainageschicht“, antwortete er schnell.
Frau Pöppelmann reckte den Hals. „Es sah für mich aus wie etwas in einer Folie!“
„Ja, genau. Die Äste lagerten in einer Folie, so sind sie trocken geblieben.“
Sie lachte auf. „Gut, ich dachte schon, sie hätten dort vielleicht eine Leiche vergaben!“
Ralf stimmte schnell in ihr Lachen ein. „Sie schauen zu viele Krimis, meine Liebe!“ Er lachte immer noch, vielleicht etwas zu laut.
„Da haben Sie Recht. Im Krimi wäre es die Leiche Ihrer Frau, die nämlich gar nicht in Mexiko wäre, sondern im Hochbeet läge!“, sie flüsterte jetzt verschwörerisch, „und die neugierige Nachbarin würde sie erwischen!“
„Dann würde ich wohl schnell ein zweites Hochbeet aufstellen!“ Ralf sah sie herausfordernd an.
„Die Nachbarin würde wohl besser vergessen, was sie gesehen hat, und den Mann auf ein Glas Wein nach getaner Arbeit einladen.“ Sie zwinkerte ihm zu.
„Ich denke, er würde die Einladung annehmen, bis später dann!“ Ralf hob zum Abschied die Hand, die mittlerweile im Handschuh schwitze. Er schichtete die Äste und Zweige auf das Bündel, danach Häckselgut und Laub. Darüber gab er das Kompostgemisch und frische Erde.
Es war erledigt.
Morgen würde er säen.
Radieschen, die mochte Therese nicht. Sie musste sie dann von unten ansehen.

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