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3. Platz:

Astrid Deschler

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Die erste Liebe

Schreibdebüt-Wettbewerb 2020 Runde 2

Das Urteil der Jury:

Die Ich-Erzählerin in Die erste Liebe ist an einem Punkt im Leben angekommen, da man mit einer gewissen Wehmut der Anfänge gedenkt, der Energie und Begeisterung, die man früher für das Leben hatte, bevor alles zu grauem Alltag wurde. Die Erinnerung an die erste Jugendliebe führt der Ich-Erzählerin den Kontrast zwischen damals und heute vor Augen. Man lebt seit Jahrzehnten als „glückliche Familie“ – aber ist überhaupt noch etwas übrig von dem, was man „Glück“ nennt? Die Antwort ist nicht der Anstoß, aus dem jetzigen Leben auszubrechen und erneut die Intensität der Jugend zu suchen; es geht nicht um einen „zweiten Frühling“. Die Ich-Erzählerin erkennt, dass sie nie wieder jung sein wird. Das ist ein wenig ernüchternd. Aber sie hat etwas anderes, das der überbordenden Intensität der Jugend fehlt: einen reichen Erinnerungsschatz, Gelassenheit und die stillere, tiefere Freude, die man erst in späteren Lebensjahren erfährt. Die Ich-Erzählerin in Astrid Deschlers Geschichte wirkt in diesem Sinne sehr authentisch und überzeugend.


Die erste Liebe

Meine nackten Füße kleben an der Leiter. Schwerfällig lege ich die Kiste mit meinen Kunstutensilien auf dem staubigen Dachboden ab. Seltsam, dass ich mich einmal für Kalligraphie und Aquarellmalerei begeistern konnte. Ich blicke auf meine faltigen Hände, die sich ihrer früheren Fähigkeiten nicht mehr erinnern können. Die Jahrzehnte haben sich unbemerkt von mir abgespult, während ich automatisiert durch die Aufgaben der Tage und Monate schritt in zunehmendem Grau. Irgendwann muss sich die Leine zu meinen Erinnerungen und Wünschen aufgelöst haben. Einen Riss habe ich nie gespürt.

Erschöpft lasse ich mich nieder. Unter der Dachschräge ruhen Kinderkleidung und Spielsachen, daneben der Kaufladen unserer Tochter. Wie viele bunte Papierschächtelchen hatten wir in ihrem Kaufladen eingekauft, bis er einem Schreibtisch weichen musste? Mein Blick fällt auf zerdrückte Fliesenkartons aus der Zeit des Hausbaus. Zwanzig Jahre wohnen wir nun in diesem Haus. Als wir es bauten, lag eine unendliche Zukunft vor uns. Staunend beobachteten wir, wie ein gemeinsames Heim sich auf einem Feld materialisierte.

Hinter einem Stützpfeiler entdecke ich meinen alten Aktenkoffer, auf den ich mir in der Schule etwas eingebildet hatte. Ich weiß, was er verbirgt. Meine Briefe, die ich als Antwort auf viele meiner geschriebenen Briefe bekommen habe, sauber zusammengebunden mit farbigen Schleifen, geordnet nach Freunden. Trotzdem überkommt mich ein merkwürdiges Gefühl der Zeitlosigkeit, als ich die Schlösser aufschnappen lasse und mir der Kunstledergeruch in die Nase steigt.

Darin liegen Briefe und bunte Postkarten, die man sich in meiner Jugendzeit aus dem Urlaub schickte, eine Zeit ohne Handys. Ein kleiner Stapel mit einem gelben, gewebten Band lässt meine Hand stocken. Sie beginnt leicht zu zittern. Diese Briefe waren alles für mich gewesen, tief ersehnt und lange erwartet. Mein Herz klopft stolpernd in die Stille hinein. Ich lausche. Es ist niemand zuhause. Ich habe Zeit.

Mit jeder Zeile der ungelenken Schrift formen sich vergangene Bilder in meinem Kopf. Wir hatten uns im Urlaub kennengelernt mit 16, beide auf dem Sprung ins Erwachsenwerden, den Kopf voller Träume um die Liebe, die wir nur aus Filmen kannten. Eine Woche hatten wir zusammen, bevor er nach Hause musste, das über 500 km von meinem Heimatort entfernt lag.

Die Sonne schien hinunter auf den Campingplatz. Auf dem Weg zum Eisverkäufer berührte er versehentlich meinen Arm, was mir blitzartig einen Schauer über den Körper schickte. Zurück hielten wir uns behutsam an den schwitzenden Händen. In meiner Erinnerung waren wir nie getrennt in diesen 7 Tagen. Mein erster Kuss an einem kleinen Kiesstrand. Das Meer schwappte sacht um unsere Füße. Wir berührten die Finger des anderen unentwegt, um uns nicht zu verlieren. Damals schien alles möglich. Die Zukunft offen für jeden Traum, wenn wir zusammen an ihn glaubten. Ich winkte ihm nach, als er im Campingbus mit seiner Familie in der Ferne verschwand.

Die ersten Briefe waren voller Sehnsucht. Meine Augen halten sich an den Worten fest. Mein Atem drängt sich ins Bewusstsein. Mein Körper vibriert leise. Erstaunt beobachte ich mein altes Ich, das ergriffen ist von längst vergangenen Tagen. Ich falte den Brief zusammen und stecke ihn zurück zu den anderen. Zweimal hatten wir uns besucht. Tage, die wir mit dem Wunsch ausfüllten, den anderen am eigenen Leben teilhaben zu lassen. Ein Kennenlernen im Hochdruckverfahren. Tage voller Illusion, die sich erst später als solche offenbarten. Die letzten Briefe legten offen, dass wir es nicht schaffen würden. Enttäuschung, Vorwürfe und dann das Aus.

Ich komme mir lächerlich vor, wie ich aufgeregt wie ein Teenager auf dem Dachboden unseres Hauses sitze und mich an jemanden erinnere, den es so gar nicht mehr gibt. Auch er ist wie ich um Jahrzehnte gealtert, hat wahrscheinlich geheiratet und lebt eingespannt im alltäglichen Ringen um Familie und Job. Und trotzdem haben diese gemeinsamen Tage überlebt in meinem Kopf. Gemeinsame Erinnerungen. Der Dachboden wird ein neuer Ort. Ich fühle mich jung, lebendig und schön. Wie aufgewacht aus der Routine des Lebens frage ich mich: Bin ich glücklich? Habe ich mir das Leben so vorgestellt?

Die Haustür fällt ins Schloss. Mein Mann ist nach Hause gekommen. Der Briefstapel fällt in den Koffer, den ich abrupt schließe. Ich stehe schon auf der Leiter, als meine Augen noch einmal den Koffer streifen. Die ersten intensiven Gefühle seit Jahren liegen im Staub des Dachbodens. Wackelt jetzt mein Leben? Schritte betreten den Gang. „Maus! Bist du da?“

Ich schließe die Augen. Auf einmal bin ich dankbar dafür. Dankbar, dass ich eine Jugendliebe hatte und Gefühle erleben durfte, wie sie einen nur in der Jugend treffen. Meine Erinnerungen füllen mich aus, zeigen mir mein gelebtes Leben. Da ist sie wieder, die Leine und mit ihr die bunten Bilder, die aus dem Grau treten. Unten an der Leiter erwartet mich derselbe Fußboden wie vor ein paar Stunden. Trotzdem werde ich verändert auf ihm gehen.

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