Damaris Moreau aus Feldkirch
Fernlehrgang: Romanwerkstatt für Science-Fiction und Fantasy
Fernlehrgang: Romanwerkstatt für Science-Fiction und Fantasy
Die Geschichte beginnt klassisch: Jemand ist nachts allein unterwegs, spürt Gefahr, und als Lesende sind wir es gewohnt, erst einmal an eine Frau zu denken. Doch Damaris Moreau dreht die Sache um. In Der Wolfsritter nehmen wir die Perspektive eines Mannes ein, der von sich glaubt, ein edler Ritter zu sein und mit der Jagd auf Hexen Gutes zu tun. Und jetzt… hat er eine Hexe erwischt. Aber der Verdacht, dass er falsch liegt, ist längst da, und wir identifizieren uns nicht gern mit dem Bösen. So entsteht Spannung hier vor allem aus dem Wunsch, nicht erleben zu müssen, wie ein fehlgeleiteter Ritter eine rothaarige Frau umbringt.
Zum Glück weiß die Hexe sich zu wehren, und sie erteilt dem Ritter eine Lehre, die ihn für immer verändern wird.
Indem Damaris Moreau die Ich-Perspektive des Ritters wählt, zeigt sie uns, wie viel einfacher es ist, dem Pfad von Hass und Gewalt zu folgen, als sich für das Gute einzusetzen. Sie bietet uns Stoff zum Denken.
Kalter Regen prasselt hart auf mich nieder und durchdringt den Stoff meines Mantels. An den Schultern spüre ich die Nässe. Ich halte das nutzlose Kleidungsstück vor meiner Brust zusammen und eile so schnell ich kann durch die leere Gasse. Im Zunfthaus... Kurzgeschichte lesen
Kalter Regen prasselt hart auf mich nieder und durchdringt den Stoff meines Mantels. An den Schultern spüre ich die Nässe. Ich halte das nutzlose Kleidungsstück vor meiner Brust zusammen und eile so schnell ich kann durch die leere Gasse. Im Zunfthaus wird es warm sein. Ich lege noch einen Zahn zu. Wenn ich Glück habe, hat jemand den Ofen in meiner Kammer eingeheizt. Da vorne ist schon die Kreuzung.
Schritte nähern sich von der Querstraße aus! Wer außer mir ist um diese nachtschlafende Zeit und bei diesem Wetter unterwegs? Ich halte am Ende der Straße an und blinzle unter der tiefgezogenen Kapuze über die Kreuzung. Ein Schauder, noch kälter als der Regen, läuft über meine Haut. Ich schiebe die Kapuze in den Nacken und taste mit der Rechten nach meinem Schwert.
“Du da!“, rufe ich. Die Gestalt, die in diesem Moment aus der Seitengasse kommt, hebt den Kopf, bleibt stehen und reißt die Augen auf. Sie steht nahe an der gegenüberliegenden Häuserreihe. Im fahlen Licht einer Straßenlaterne sehe ich deutlich die roten Strähnen, die unter ihrer Haube hervorlugen. Und die rostroten Flecken auf den Ärmeln ihrer weißen Hexenrobe!
Die Frau rafft ihre Robe, macht kehrt und beginnt zu rennen. Augenblicklich schlägt mir das Herz bis zum Hals, ich rase hinterher und ziehe im Lauf mein Schwert. Das ist meine Chance! Eine Hexe auf frischer Tat ertappt!
Ich hole sie ein, packe ihre Schulter und dränge sie an die Mauer. „Du bist festgenommen im Namen des Ritterordens der Gerechten!“, bringe ich die Worte außer Atem hervor. Grüne Augen starren mich voller Furcht an. Sie weiß, dass ich ihr überlegen bin.
“Ich habe kein Unrecht begangen!“, presst sie flüsternd hervor.
„Du bist überführt, Hexe!“ Ich fasse nach ihrem Arm und ziehe ihn hoch, sodass die Blutflecken zu sehen sind.
„Ihr überheblichen Ritter wisst nichts von Gerechtigkeit!“, zischt sie mich an, windet sich aus meinem Griff und versucht zu fliehen. Blitzschnell bin ich ihr auf den Fersen und ergreife sie ein zweites Mal. Mit einem Arm drücke ich sie gegen die Hausmauer, mit dem anderen erhebe ich das Schwert. „Du begleitest mich. Morgen wartet der Prozess auf dich!“
Sie keucht auf. Panik in reinster Form ist auf ihre Züge gemalt. In die Hände des Ritterordens zu fallen, bedeutet für eine Hexe den Tod, und das zu Recht. Wer weiß, wie viele Menschenleben der Gilde ihren grausigen Riten zum Opfer gefallen sind? Sie töten Alte und Kranke, wenn sie wehrlos sind, und verwenden deren Blut für ihre düsteren Zauber. Dabei gehen sie geschickt vor, sodass es selten einen Beweis für ihre Taten gibt. Sie mit dem Blut eines Gestorbenen auf der Kleidung zu erwischen, reicht für ein Urteil allerdings aus.
Die Hexe wehrt sich nicht mehr. Stattdessen murmelt sie vor sich hin. Worte, die ich nie zuvor gehört habe. Da beißt grelles Licht in meine Augen und mit einem Schlag weicht jegliche Kraft aus meinen Gliedern. Das Schwert entgleitet mir, ich falle, ringe nach Luft, alles dreht sich. Ich würge. Etwas Kaltes, Hartes ist unter meinen Händen. Der Boden.
In schwächer werdenden Wellen verzieht sich der Schwindel und mein Augenlicht kehrt zurück. Ich bin auf allen Vieren. Vor mir sehe ich die weiße Robe der Hexe. Ich hebe den Kopf, aber ich muss ihn weit in den Nacken legen, um bis zu ihrem Gesicht aufzuschauen. Regen fließt über ihre Wangen.
“Es tut mir leid“, flüstert sie. „Du ließest mir keine andere Wahl. Ich werde dir zeigen, wen ihr Ritter wirklich jagt.“
Mein Herz rast so schnell, dass es weh tut. Meine Beine zittern. Unter mir sehe ich graue Pfoten. Ich schaue über meine Schulter. Meine Kleidung ist fort. Stattdessen ist da ein Rücken voll grauem Fell, der in einem behaarten Schwanz endet. Sie hat mich in einen Wolf verwandelt!
In meiner Brust ist es eiskalt, ich bin wie erstarrt. Die Welt um mich herum schrumpft zu einer Blase der Furcht zusammen.
“Komm mit.“
Es ist ein Befehl. Keine Bitte. Ich will nicht folgen. Aber ich muss. Da ist eine Bereitschaft, alles zu tun, was sie verlangt. Wie ein Ziehen, fast einem Schmerz gleich. Dieser ekelhafte Wolfskörper gehört mir nicht.
An die folgenden Stunden erinnere ich mich nicht. Die Nacht, der Tag, alles liegt im Dunkel. Jetzt ist wieder Abend und ich finde mich gehorsam einer Frau in weißer Robe hinterhertrottend. Rotes Haar lockt sich über ihre Schultern.
Die Gegend kommt mir vertraut vor. Wir gehen zu einem Haus, und nach einem kurzen Klopfen öffnet die Hexe die Tür. Drinnen ist es düster und eine Geruchswolke aus Blut, Schweiß, Moder und Exkrementen schlägt mir entgegen. Unwillkürlich weiche ich zurück.
„Theobald!“, dröhnt ihre strenge Stimme an mein Ohr. Woher weiß sie, wie ich heiße? Nachdem ich nur misstönendes Hecheln, Jaulen und Bellen zustande bringe, habe ich beschlossen, zu schweigen.
Innerlich mich sträubend folge ich brav und betrete den stinkenden Raum.
Da liegt ein alter Mann in einem Bett. Er stemmt sich auf und lächelt. „Grethe. Dass du mich noch einmal besuchst …“, krächzt er mit rauer Stimme.
Sein Blick fällt auf mich, seine Mundwinkel zucken, aber er sagt nichts. Ich kann ihn nur anstarren. Diesen alten Mann. Sein Haar ist weiß wie Schnee. Das linke Ohr fehlt. Um den Hals trägt er eine Kette mit einem bronzenen Herz. Ich weiß, dass er krank ist. Sterbenskrank. Ich weiß auch, dass diese Krankheit ansteckend ist. Warum geht Grethe so nahe an ihn heran? Hat sie keine Angst?
Heilige Gerechtigkeit! Sie wird ihn umbringen und sein Blut für furchtbare Hexenrituale verwenden!
Ich will sie aufhalten, da ruckt ihr Kopf in meine Richtung. Sie weist meinen Körper mit einem Blick in seine Schranken. Nein! Ich will das nicht! Ich will nicht zuschauen.
Aber ich kann mich nicht rühren und sie wendet sich von mir ab, um sich in der kleinen Küche zu schaffen zu machen. Grethe kocht Tee, setzt sich an den Bettrand und gibt dem Mann zu trinken. Ich bleibe an Ort und Stelle und weiß nicht, was ich tun soll.
Draußen zieht die Nacht herauf. Schließlich lasse ich mich nieder, obwohl es mir davor graut, mich auf diesen widerlichen Wolfshintern zu setzen. Wann geschieht endlich das Unausweichliche? Wenn es so weit ist, werde ich die Augen schließen. Ich will diesen Mann nicht sterben sehen!
Sie wäscht ihn, dann macht sie ihm zu essen und liest ihm aus einem Buch vor. Ich spüre seinen Blick ständig auf mir, aber ich vermeide es, ihm in die Augen zu schauen. Ich warte. Wo ist das Blut, wo sind Sicheln und Messer, die Zauberworte und dunklen Riten? Da ist nur eine junge Frau, die sich um einen kranken Mann kümmert. Um einen, der sich nicht mehr um sich selbst kümmern kann. Den seine eigene Familie im Stich lässt. Einen, der zum Sterben allein gelassen wurde.
Plötzlich schaut Grethe wieder zu mir und winkt. Diesmal ist es eine Einladung. Die Ketten, die mich ihrem Willen unterwerfen, fallen ab, der Wolfskörper regt sich nicht. Was jetzt? Darf ich weglaufen? Aber was dann? Ich brauche Grethe, denn sie muss mich zurückverwandeln! Soll ich an der Tür warten?
Ich schaue zu dem alten Mann. Das schneeweiße Haar umrahmt sein Gesicht. Etwas Warmes macht sich in mir breit. Diffuse Erinnerungen an meine Kindheit drängen unvermittelt in mein Bewusstsein. Langsam setze ich mich in Bewegung, gehe zu ihm, und lege den Kopf auf die Bettkante. Seine Hand berührt meine Ohren, streichelt meinen Hals. Ich spüre eine lange vergessene Vertrautheit. Und tief verborgene Liebe.
„Dich zu sehen, ist das schönste Abschiedsgeschenk von dieser Welt“, wispert er. Ich schließe die Augen und ein neuer Geruch erreicht meine empfindsame Nase.
“Es ist Zeit zu gehen“, unterbricht Grethe den Moment. Was fällt ihr ein? Ich habe mich gerade überwunden, und nun soll ich fort? Furcht vor dem Zwang ihres Willens überkommt mich und ich springe mit den Vorderpfoten auf das Bett. Ein wolfsartiges Heulen entringt meiner Kehle.
„Theobald. Es ist spät.“
Als Antwort lege ich meinen Kopf auf den Bauch des Mannes, der mich liebevoll mit seiner klapprigen Hand streichelt. Dann zieht er seine Kette mit dem kleinen Bronzeherz über den Kopf und legt sie mir an.
Kurze Zeit später stirbt der alte Mann. Grethe bringt mich nach Hause.
Bei Sonnenaufgang wache ich verwirrt in meinem Bett auf. Aus der Ferne ertönt das Läuten von Glocken. Ich habe meinen Männerkörper zurück, aber die Erleichterung überkommt mich nicht in der erwarteten Intensität.
Meine Hand wandert an meinen Hals. Da ist die Kette. Das Bronzeherz. Ein Kloß bildet sich in meinem Hals. Es war kein Traum.
Ich schlage die Decke zurück und stehe auf. Grethe! Die Frau, die ich beinahe getötet hätte, hat mir ihre Welt gezeigt. Und meine auf den Kopf gestellt. Ich sehe mein Schwert über dem Bettpfosten hängen und tiefes Bedauern steigt in mir hoch.
Barfuß gehe ich zu meiner Kommode und durchsuche die unterste Schublade. Dort finde ich es: ein altes Bild von einem blassen Jungen im Arm eines Mannes mit schneeweißem Haar, einem fehlenden linken Ohr und einem bronzenen Herz um den Hals. Ich muss Grethe finden und ihr dafür danken, dass mein Großvater nicht allein sterben musste.
Kathrin Engeroff
3. Platz, Genre-Wettbewerb 2025 Runde 1.
Carolin Ostermann
2. Platz, Schreibdebüt-Wettbewerb 2025 Runde 1.
Christian Krumme
4. Platz, Schreibdebüt-Wettbewerb 2024 Runde 1.
Erich Marel
1. Platz, Schreibdebüt-Wettbewerb 2024 Runde 1.
Vanessa K. Minden
3. Platz, Genre-Wettbewerb 2024 Runde 1.
Eveline Liedtke
1. Platz, Genre-Wettbewerb 2024 Runde 2.
Bettina Guggenberger
4. Platz, Schreibdebüt-Wettbewerb 2023 Runde 1.
Anna-Christin Ramspoth
4. Platz, Schreibdebüt-Wettbewerb 2021 Runde 2.