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5. Platz:

Bianca Herzberg

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Neuseeland, lass mich heim

Genre-Wettbewerb 2020 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Eine weitere Geschichte um Corona, eine, die Hoffnung macht und zeigen will, dass Menschen auch zu spontaner Großzügigkeit in der Lage sind: Die Ich-Erzählerin sitzt bei Ausbruch der Corona-Krise auf dem Flughafen in Auckland, Neuseeland, fest, viele Flüge sind gestrichen. Die Erzählerin möchte nur zurück nach Deutschland, nach Hause, dorthin, wo jeder sich hin verkriechen möchte, wenn es schwierig wird.
„Heim“, schreibt Bianca Herzberg und drückt damit alles aus, was in dem Wort „heim“ oder „zu Hause“ so steckt. Alle, Passagiere und Flughafenpersonal sind gestresst und am Ende ihrer Kraft. Die Eltern in Deutschland begreifen die Schwere der Lage nicht, die Flughafenmitarbeiter sind nicht besonders hilfsbereit, das Geld ist alle. Da, ganz unerwartet, helfen völlig Fremde der Figur, ohne persönlichen Grund, ohne Sicherheiten, einfach aus Mitgefühl. Ein Hoffnungsschimmer und wohl ein tiefer Wunsch der Autorin: Mit Solidarität und Mitgefühl können wir es schaffen.


Neuseeland, lass mich heim

Neuseeland, Auckland, Flughafen, 20.13 Uhr Ortszeit, 21.03.2020.

Gutes kommt zu mir! Gutes kommt zu mir. Obwohl Australien keinen Transit mehr erlaubt, kommt Gutes zu mir. Ich blicke auf die zwei knittrigen Flugtickets in meiner Hand. Ein Flug geht am 26.3. über Melbourne und Dubai nach Frankfurt, der zweite über die gleiche Route am 30. Ich seufze und mache einen Schritt nach vorne in der Schlange. Ich komme dem Mann vor mir mit gebeugten Schultern und Gesichtsmaske zu nahe. Schnell einen Schritt zurück. Langsam bewegt sich die Schlange am Schalter von Air New Zealand weiter. Vor Anspannung und Erschöpfung verzerrte Gesichter blicken mir hinter Gesichtsmasken entgegen. Über die Anzeigetafeln der ausgehenden Flüge flimmern die bunten Logos der Fluggesellschaften. Ein Wort dominiert: Cancelled.

Vor mir wird der Mann mit den hängenden Schultern am Schalter abgewiesen und trottet davon. Ich bin dran. Eine mürrische Frau mit strengem Dutt und bunter Uniform blickt mir entgegen.

„Hello Madame.“

„Hello.“

„Ich möchte meinen Flug umbuchen. Momentan besitze ich zwei Tickets von Aukland aus nach Deutschland, beide Flüge sind von der Fluggesellschaft Etihad. Der erste Flug geht am 26. März über Australien, was nicht möglich sein wird, da Australien keinen Transit mehr nach dem 24. März erlaubt. Der erste Abschnitt nach Australien wird von Air New Zealand übernommen, weshalb ich Sie frage, ob der Flug auf ein Datum vor den 24. umgebucht werden kann.“

Sie blickte mich an und hob ihre rechte Augenbraue. „Das hier ist der Schalter von Air New Zealand und nicht Etihad. Deshalb können wir auch keinen Flug umbuchen. Next please!“ Mein Magen rutscht mir in die Knie. Sie nimmt die Backpacker-Mädels hinter mir ins Visier.

„Okay… Besteht die Möglichkeit, den Flug woanders umzubuchen?“

„Flight Centre“ Sie zeigt in die Richtung eines Geschäfts mit roten Türen, die tatsächlich offen sind. In weißen Blockbuchstaben steht Flight Centre über dem Eingang. „Next please.“

„Thank you.“ Ich zerre meinen Koffer hinter mir her und stelle mich in die nächste Schlange. Die Träger meines Rucksacks schneiden in meine Schultern ein. Piloten mit strahlend weißen Zähnen lachen mich von Plakaten an. Zielorte und deren Flugpreise werden über einen Bildschirm angezeigt. Abstand haltend arbeite ich mich durch die Schlange. Die Klimaanlage sirrt.

Das ältere Ehepaar, dem Akzent nach zu urteilen aus England, steht mit langer Miene vom Stuhl auf und macht den Weg für mich frei. Ich setze mich auf den Stuhl und erzähle erneut von meiner Misere. Die Mitarbeiterin im roten T-Shirt und mit Augenringen so dunkel wie Kaffeesatz hört mir zu. Sie legt den Zeigefinger an die Lippen.

„Okay, schauen wir, wie wir Sie zurückbringen. Wo müssen sie hin?“

„To Germany, Frankfurt. Aber irgendwo in Deutschland ist super,“ Ich zögere kurz. „oder auch Europa.“

Ihre Finger huschen über die Tastatur. „Okay, schauen wir, was sich finden lässt. Es gibt einen Flug nach –“

„Suchen Sie gerade nach einem neuen Flug für mich? Einen, den ich komplett bezahlen muss?“

Sie wirft mir einen irritierten Blick hinter dem Bildschirm zu. „Yeah.“

Ich atme aus. „Das kann ich mir nicht leisten. Da ich bereits den zweiten Flug für den 26. März gekauft habe, habe ich noch circa 300 Euro auf meiner Kreditkarte übrig.“ Sie streckt ihren Arm aus und berührt mich fast an der Schulter, zieht ihn dann allerdings zurück.

„Okay. Ihre beste Chance ist es, den bestehenden Flug umzubuchen und nach vorne zu schieben. Good luck, sweetheart.“

„Thank you.“ Ich lächle sie starr an. Panik steigt in mir hoch und drückt mir die Kehle zu.

Ich nehme meinen Koffer, meinen Rucksack und meine Laptoptasche und setze mich auf Bänke neben dem Reisebüro. Sie sind bereits bevölkert von Backpackern sowie Familien. Ein kleines Mädchen schläft ein paar Sitze von mir entfernt und ein junges Paar betüddelt ihr schreiendes Baby.

21.34 Uhr, Ortszeit. Bei einer Zeitverschiebung von zwölf Stunden sollten meine Eltern wach sein. Ich rufe sie über Whatsapp an. Bitte, geht dran! Warten. Tuten.

„Hallo Sophie.“

„Hallo Mama. Gott sei Dank nimmst du ab!“

„Wie geht es dir, mein Schatz? Wo bist du gerade?“

„Ich bin in Auckland am Flughafen. Mama, du und Papa müsst unbedingt zum Flughafen fahren, zum Schalter von Etihad gehen und dort meinen Flug umbuchen. Es ist super wichtig, dass ich vor dem 24. März über Australien fliege. Am 24. März, Ortszeit in Australien, wird kein Transit über Australien mehr zugelassen. Momentan geht mein frühester Flug am 26. über Australien-.“

„Beruhige dich, der Papa hat bereits recherchiert und eine Telefonnummer für die Hotline von Etihad gefunden. Ruf da doch erstmal an und versuch, deinen Flug zu verschieben, bevor wir zum Flughafen fahren.“

Geduld. Geduld. „Mama, die Hotline ist total überlastet, das wird nicht funktionieren.“

„Versuch es doch erst einmal,“ nuschelt sie ins Telefon. „Wir…wir haben Angst, uns in der S-Bahn auf dem Weg zum Flughafen mit Corona anzustecken.“

Ich schreie ins Telefon. „Mama, das ist meine letzte Chance, um hier wegzukommen. Ich habe kein Geld, um vor Ort einen neuen Flug zu kaufen. Bitte geht zum Flughafen. Ich möchte diese letzte Chance nicht ungenutzt lassen. Bitte versucht es. Das ist alles, was ich mir wünsche.“ Die Leute drehen sich zu mir um, das Baby beginnt zu weinen. Mist!

„Okay, wir machen es. Wir wollen dich zurückhaben.“

„Danke, danke.“ Ich sacke auf meinem Sitz zusammen. Ein Mann mit braunen Haaren und ersten Falten im Gesicht kommt auf mich zu. Es ist der junge Vater des Babys. Ist er sauer, weil ich sein Kind aufgeweckt habe?

„Hallo,“ er lächelt mich freundlich an. „falls es dir hilft, du kannst noch bis zum 24. über Australien fliegen.“

„Hallo. Vielen Dank!“ Ich lächele ihn ehrlich an. „Leider hilft mir das nichts, mein Flug geht am 26. über Australien.“

Die Mutter schaltet sich ein, sie wiegt ihr Baby im Tragegurt vor ihrem Oberkörper. „Oh… Unser Flug wäre auch nicht gegangen. Wir haben aber einen über Australien und Bangkok gefunden. Er geht morgen früh um sechs Uhr.“ Mit großen blauen Augen schaut mich das Baby an. „Ich bin übrigens Marie und das ist Paul.“ Sie reckt ihr Kinn in Richtung des Mannes.

„Entschuldigt bitte, dass ich so laut war. Ich wollte euer Baby nicht aufwecken.“ Sie schütteln den Kopf.

„Die Kleine schläft ohnehin nicht ein. Ich kann verstehen, dass man in einer derartigen Situation emotional wird.“

„Dankeschön. Ich versuche jetzt, die Hotline von Etihad zu erreichen und meinen Flug nach vorne zu schieben. Meine Eltern sind auf dem Weg zum Flughafen und versuchen das Gleiche. Oder meinen Flug zu stornieren und einen neuen zu buchen.“

„Wir wünschen dir viel Glück.“

„Dankeschön.“

Sie gehen zurück zu ihren Bänken, die markiert sind von Bergen an Gepäck. Ich google die Nummer der Hotline auf meinem Handy und wähle. Mit dem Handy in der Hand marschiere ich auf und ab, wie ein Tiger im Käfig, an imaginären Stangen entlang. Eine elektronische Stimme lotst mich in die Warteschleife. Zwanzig Minuten später beendete ich den Anruf, immer noch in der Warteschlange hängend. Kurz darauf vibriert mein Handy erneut in meiner Hosentasche. Mit steifen Fingern ziehe ich es aus meiner Jeans, mein Herz wummert.

„Hallo Mama, wie sieht es aus? Konntet ihr den Flug umbuchen?“

„Nein. Schau -“

„Habt ihr die Flüge storniert und einen neuen für mich gekauft?“

„Nein.“

„Was habt ihr denn gemacht?“ Meine Stimme hört sich an wie das Fiepen einer Maus, die in eine Falle geraten ist.

„Wir konnten nichts machen. Der Flughafen ist zu. Die Schalter sind nicht mehr besetzt und das Reisebüro war auch verrammelt.“

„Oh Gott. Das heißt, dass ich hier festsitze. Ich weiß, ihr habt das getan, was in eurer Macht stand.“ Ich beende das Telefonat. Stumpf packe ich meine Sachen zusammen und gehe langsam auf das Pärchen zu. Paul hebt den Schnuller vom Boden auf, während Marie das Baby wiegt.

„Und, wie sieht es aus?“

„Meine Eltern waren erfolglos. Der Flughafen hat zu. Die Schalter der Fluggesellschaften sind nicht mehr besetzt, wodurch meine Eltern meinen Flug nicht umbuchen konnten oder mir einen neuen kaufen konnten.“

„Und jetzt?“

„Ich werde nochmal ins Flight Centre gehen und schauen, ob es noch Flüge nach Europa gibt. Allerdings habe ich nicht genügend Geld, um einen neuen zu kaufen. Das war´s. Ich werde hier festsitzen.“

Marie und Paul werfen sich einen tiefen Blick zu. „Wenn es am Geld liegt, dann legen wir ihr das Geld vor, oder?“ Paul nickt, während mich seine Frau anstrahlt. Tränen steigen mir in die Augen. „Danke.“

Neuseeland, Auckland, Flughafen, 23.33 Uhr Ortszeit, 21.03.2020. Meine müden Beine tragen mich wieder zum Ende der Schlange vor dem Flight Centre. Diesmal steht Marie neben mir.

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