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2. Platz:

Isabel Wey

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Stell es dir mal vor

Genre-Wettbewerb 2021 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Manche Geschichten sind fast zu hart. Was Isabel Wey hier beschreibt, möchte man sich gar nicht so genau vorstellen. Aber die Autorin zwingt uns, die Augen und die Sinne zu öffnen für ein junges Mädchen, dessen Mutter Alkoholikerin ist. In drastischen Worten beschreibt sie ihr Zuhause, das Elend und den Dreck, der sie jeden Tag erwartet. Und doch – überraschende Wende am Schluss – als ein Krankenwagen die Mutter vielleicht zum letzten Mal abholt, ist sie nicht etwa erleichtert, sondern bangt um diese Frau, die die Rollen so übel vertauscht hat. Es ist eben ihr Zuhause.
Anrührend ohne kitschig zu sein. Die Autorin versteht es, durch klare Beschreibungen und durch den Blick der Figur Gefühle und Bindung entstehen zu lassen.


Stell es dir mal vor

Du hattest einen beschissenen Tag in der Schule und willst eigentlich nur noch deine Ruhe. Du willst dir was zu essen machen und dich in dein Zimmer einschließen. Meist gibt‘s nur Toast mit Schoko. Oder Dosenravioli. Du würdest dir gerne mal was Vernünftiges kochen, aber der Kühlschrank ist leer. Und wie man richtig kocht, hast du nie gelernt. Wer hätte es dir auch beibringen sollen? Deine Mutter? Dein verschwundener Vater? Oder die Oma, die du nie hattest? Nein, du bist allein. Auf dich gestellt. Da musst du mit Dosenravioli zufrieden sein.
Wenn Du nach Hause kommst, riecht es nicht nach einem leckeren Mittagsessen. NIE! Nicht ein einziges Mal. Es riecht nach Alkohol. Nach zu viel Alkohol. Manchmal auch nach Urin. Dann weißt du, dass du irgendwo wieder Pisse aufputzen musst. Du hoffst, dass es nicht wieder auf den Teppichboden gegangen ist. Das versiffte Ding solltest du am besten ganz entsorgen. Denn wie schlecht erzogene Katzen, machen auch besoffene Mütter meistens auf den Teppich.
Wenn Du nach Hause kommst, schlägt dein Herz dir bis an die Augenbrauen. Welche böse Überraschung erwartet dich wohl diesmal? Lebt sie noch? Wie besoffen ist sie wohl? Was hat sie getrunken? Nur Rotwein? Dann wird sie tief und fest schlafen, und du hast deine Ruhe. Dann stellst du ihr ein Glas Wasser hin, weil sie immer so großen Durst hat, wenn sie wieder zu sich kommt. Und gleich daneben einen Eimer, falls sie wieder kotzen muss und es nicht bis ins Bad schafft. Du fühlst ihre Stirn, um sicher zu gehen, dass es ihr gut geht. Dass sie nur besoffen ist. Nicht tot.
Oder Vodka? Wenn sie Vodka getrunken hat, wird dein Nachmittag und auch der Abend, ach die ganze Nacht, zur Geisterbahnfahrt. Wie aus dem Nichts kann er aufspringen - der Zombie auf dem Sofa. Und losbrüllen. Wie eine Verrückte in einer Gummizelle. Wie eine Furie. Laute lange Schreie. Und dann geht es los. Das „Lobeskonzert“. An dich und deine Existenz.
„Wärst du doch nie geboren! Dann wäre er bei mir geblieben!“
„Wärst du doch nie geboren! Dann hätte ich arbeiten können, als er weg war!“
„Wärst du doch nie geboren! Dann hätte ich ein Leben!“
Du bist aber geboren!
Du weißt, dass sie es eigentlich nicht so meint. Wenn sie nüchtern ist, kann sie auch nette Dinge sagen. Aber das passiert nicht oft. Selten. Fast nie.
Wenn du Glück hast, bleibt es bei dem Gebrüll. Das kannst du verkraften. Hörst einfach nicht hin. Es sind nur Worte, die dich treffen. Das klappt mit ihrer Hand leider nicht. Wenn die dich trifft, das brennt. Aber nur, wenn sie flach ist. Wenn die Hand eine Faust ist, ist das ein anderer Schmerz. Dumpf, tief und lang. Viel länger als das Brennen.
Wenn du ganz viel Pech hast, fliegen Gläser. Oder Flaschen. Leere Flaschen. Halbvolle Flaschen. Aber die sind seltener. Die braucht sie ja noch. Wenn Sachen fliegen, wird’s gefährlich. Wenn die dich treffen, landest du im Krankenhaus, nicht deine Mutter. Dabei hätte sie es eher nötig. Vielleicht solltest du dich mal treffen lassen. Vielleicht würde sich dann was ändern? Vielleicht trifft sie dich aber an einer schlechten Stelle, und dein Leben ist vorbei. Dann gibt’s dich nicht mehr.
Nach einem Scheißtag in der Schule kommst du also in dein Scheiß-Zuhause. Du schließt auf. Und lauschst. Kein Schreien. Das ist gut. Du steckst den Kopf durch den Türschlitz und riechst. Du tippst auf Rotwein und traust dich hinein. Langsam gehst du den Flur entlang. Bloß kein Geräusch machen. Erstmal die Lage checken. Du schielst in die Küche. Leer. Auf dem Tisch steht noch der Kaffee vom Morgen. Gleich daneben der überquellende Aschenbecher.
Als nächstes kommt das Wohnzimmer. Du drückst die Tür leicht an. Du hörst nichts. Kein Schnarchen, kein Fernseher. Nichts. Du wirfst einen Blick in den Raum. Auf dem Couchtisch stehen zwei Flaschen. Eine Rotweinflasche und eine Vodkaflasche. Was `ne ekelhafte Mischung! Was daraus wohl wird? Der Vodka macht sie zur Furie. Der Rotwein macht, dass sie schläft. Vielleicht gleicht das eine das andere aus?
Vielleicht schläft sie in ihrem Bett. Du schleichst weiter. Willst nur kurz ins Bad und dann in dein Zimmer. Warum kannst du hier nicht allein wohnen? Dann könntest du ein echtes Zuhause daraus machen. Eine saubere Küche. Ein gemütliches Wohnzimmer. Ein hygienisches Badezimmer. JA! Alleine wäre es sicher besser. Vielleicht sollte sie lieber ganz gehen. Sowie dein Vater. Vielleicht wäre es besser, sie würde einmal einen Schluck zu viel nehmen. Dann wäre das alles hier vorbei. Dann hättest du deine Ruhe. Deinen Frieden.
Nur kurz ins Bad. Dann ab in dein Zimmer.
Warum geht die Tür nicht auf? Hat sie sich im Bad eingeschlossen? Du hast doch alle Schlüssel der Wohnung verschwinden lassen, nachdem sie sich das letzte Mal eingeschlossen hatte und auf dem Klo eingepennt war. Du wolltest nicht beim Nachbarn klingen. Das war dir zu peinlich. Hast in der Küche ins Spülbecken pissen müssen. Das war das Ekelhafteste und Entwürdigendste, das du bisher machen musstest.
Die Tür geht nur einen kleinen Spalt weit auf. Du kannst nix sehen. Du steckst die Hand durch. Was hat sie gegen die Tür gelegt? Was kann so schwer sein?
Du ertastest etwas Kaltes. Etwas Kaltes … etwas Behaartes. Ihr Bein! Sie liegt auf dem Fußboden im Bad. Du stemmst dich mit all deiner Kraft gegen die Tür und schiebst deine am Boden liegende Mutter beiseite.
Lebt sie noch? Hast du sie mit deinem Wunsch nach Frieden umgebracht?
Sie stinkt. Alles stinkt. Zielsicher war sie noch nie. Der Boden, die Wanne – alles voll gekotzt.
Du legst vorsichtig zwei Finger an ihren Hals. Ihr Puls ist schwach. Sie atmet kaum. DAS wird sie nicht ausschlafen können. Du musst was tun. Ein Handy hast du nicht. Dafür gibt’s kein Geld. Aber sie hat eins.
Du suchst. In der Küche. Im Wohnzimmer. Im Schlafzimmer. Wo ist das Scheißteil? Im Bad? War ja klar. In der Wanne. In der Kotze. Mit zwei Fingern fischst du es raus, wischst es mit dem Handtuch ab und wählst den Notruf.
„Nora Hansen hier. Ich brauche einen Krankenwagen in die Reifburgerstraße 17 – Wohnung 45. Meine Mutter liegt bewusstlos auf dem Boden.“
„Ok. Nora. Wir schicken gleich jemanden los. Wie alt bist du Nora?“
Was interessiert die dein Alter? Will die dich adoptieren, oder was?
„15.“
„Weißt du was deiner Mutter fehlt, Nora?“
„Na, gesoffen hat sie. Wie immer. Nur diesmal halt was zu viel. Oder die falsche Mischung. Was weiß ich. Sie hat gekotzt und atmet nur noch leicht und ihr Puls ist schwach.“
„Die Sanitäter sind unterwegs. Bist du alleine oder ist jemand bei dir?“
„Wir sind allein – meine Mutter und ich.“ Wie immer.
Wenig später hörst du schon die Sirenen. Wie ferngesteuert öffnest du die Wohnungstür und lässt die Sanitäter rein. Sie legen deine Mutter auf die Trage und versorgen sie. Dabei flüstern sie. Wollen sie nicht, dass du hörst, wie schlecht sie mieft? Das weißt du doch selbst. Oder dass du hörst, wie schlecht es um sie steht? Wird sie etwa …
Angst steigt in dir hoch. Panik. Sie ist und bleibt deine Mutter. Deine Mama. Alles, was du hast. Was machen die mit Kids in deinem Alter, die niemanden mehr haben? Kommen die noch ins Waisenheim? Oder in so eine beschissene Pflegefamilie, in der beim Essen gebetet und über Gefühle geredet wird?
Am besten, du packst deinen Kram und machst dich vom Acker. Bevor die auf blöde Ideen kommen. Wie eine Wahnsinnige stopfst du Klamotten und Toast in deinen Rucksack und schnappst dir die Jacke.
Die Sanitäter rollen deine Mutter zur Wohnungstür.
„In welches Krankenhaus wird sie gebracht?“, fragst du vorsichtig nach.
„Das werden sie dir alles in Ruhe erklären. Es wird gleich jemand für dich da sein“, antwortet dir der Sanitäter mit ruhiger Stimme.
„Was soll das heißen? Für mich kommt jemand?“
„Bist du Nora?“ Du drehst dich um und vor dir steht eine junge Frau in Jeans und grünem Pulli. Gefolgt von zwei Bullen. Sie sieht dich mit einem mitleidigen Blick an. „Ich bin Frau Robert vom Jugendamt. Tut mir sehr leid, was mit deiner Mutter passiert ist. Ich kümmere mich jetzt um dich. Du wirst vorübergehend in einer Wohngruppe untergebracht, in der auch andere Jugendliche in deinem Alter leben. Dort wirst du bleiben, bis deine Mutter wieder gesund ist.“
„Wohngruppe? Ich komm allein klar.“
„Nora, du darfst nicht alleine bleiben. Du bist noch minderjährig. Du musst mit mir kommen oder bei Verwandten unterkommen. Hast du jemanden?“ Verwandte! Du könntest dir doch einfach Verwandte ausdenken. Aber da wird sie dich dann wohl auch noch höchstpersönlich hinbringen wollen. Und das wahrscheinlich im Streifenwagen. Scheiße! Du sitzt in der Falle.
Du hast keine Lust mehr. Keine Lust auf Dosenravioli und Kotze. Keine Lust auf Schreie und fliegende Gläser. Du weißt nicht, was jetzt kommt. Du weißt nicht, wohin es geht. Du weißt nicht, mit wem du es zu tun kriegst. Du weißt nur eins. Alles kann eigentlich nur besser sein als das, was du bisher kennst.
Stell dir das mal vor, Mama. Stell es dir einfach mal vor.
Das ist mein Leben.

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