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1. Platz:

Ilse Winkler

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Klau, schau, wem ...

Genre-Wettbewerb-Wettbewerb 2019 Runde 2

Das Urteil der Jury:

Ein gewiefter Dieb beobachtet in einem Supermarkt eine junge Frau mit Kind, die völlig offensichtlich Lebensmittel in ihrer viel zu großen Jacke und im Rucksack ihres Kindes versteckt. Die junge Frau hat die Detektivin nicht entdeckt, die sich an ihre Fersen geheftet hat. Sie wird auffliegen, wird Schwierigkeiten bekommen, das sieht der Dieb voraus. Er beobachtet die Szene und hat letzten Endes Mitleid mit der jungen Frau. Mit geübter „Fingerfertigkeit“ rettet er sie vor der Detektivin und erspart ihr viel Ärger.

Ein professioneller Dieb hat Mitleid mit einer unerfahrenen jungen Diebin, die er im Supermarkt beim Stehlen beobachtet. Ilse Winkler beschreibt die Szene sehr einfühlsam und in einer knappen und präzisen Sprache. Der Leser ist direkt dabei, erahnt, was der Dieb voraussieht, was unweigerlich geschehen wird. Fragt sich, ob und wie er wohl helfen kann und freut sich über das finale „Happy End“. Eine von der ersten bis zur letzten Zeile gelungene Geschichte.


Klau, schau, wem ...

Die junge Frau fällt ihm sofort auf.

Dilettanten und Anfänger erkennt er auf den ersten Blick. Wer hüllt sich denn an einem heißen Sommertag in einen dicken Parka mit großen Jackentaschen? Das etwa dreijährige Mädchen, das sie auf den Kindersitz des Einkaufswagens setzt, trägt einen kleinen Rucksack auf dem Rücken.

Immer wieder blickt sie zur Decke hoch, wohl, um der Reichweite der Überwachungskameras zu entkommen.

Ein relativ sinnloses Unternehmen, wie er weiß. Die neuen Kameras sind derart flächendeckend im Einsatz, dass selbst einem professionellen Dieb wie ihm das Klauen schwerfällt.
Er ändert seine Strategien fast täglich. Mal benutzt er Taschen mit doppelten Böden, mal füllt er billige Verpackungen mit teurem Inhalt. Seine Jackentaschen und ein falsches Gipsbein, das er manchmal trägt, sind innen mit Alufolie präpariert, um das Alarmsystem auszutricksen. Der Stock, auf den er sich meistens stützt, ist hohl und bereit, kleine Beutestücke aufzunehmen.
Am meisten jedoch kann er sich auf seine flinken Finger verlassen. Er beherrscht viele trickreiche Ablenkungsmanöver, um fremde Mantel- und Hosentaschen in aller Ruhe nach Wertsachen abzutasten und diese in Sekundenschnelle an sich zu bringen.

Heute hat er längere Zeit an der Kasse warten müssen, bis eine Kundin mit vollem Einkaufswagen ihren Kassenbon nach dem Bezahlen liegen gelassen hat.
Nun sucht er nach den eingetippten Posten die Waren ein zweites Mal aus und verstaut sie in seiner Tasche. Später würde er zur Tarnung noch ein oder zwei neue Teile aufs Laufband legen, die er vorher „vergessen hätte“. Für die gestohlenen Waren würde er den alten Kassenbon vorlegen. Ein Trick, der sehr gut funktioniert.

Seit Jahren „kauft“ er seine Lebensmittel in diesem Supermarkt. Er kennt die Kassiererinnen, er plaudert oft mit dem Mann hinter der Fleischtheke und beobachtet den häufigen Wechsel der Hausdetektive.
Heute dreht eine alte Bekannte ihre Runden. Als Hausfrau mit Brille und Einkaufskorb am Arm getarnt, hat sie bereits ihre Witterung in Richtung der jungen Frau aufgenommen.
Diese beugt sich gerade nach unten, scheinbar, um ihre Schuhe neu zu binden. Aus dem Augenwinkel beobachtet er, wie sie aus dem untersten Regal zwei Zeitschriften und ein kleines Bilderbuch in ihrer Jackentasche verschwinden lässt.

Er folgt ihr zur Lebensmittelabteilung und sieht zu, wie mehrere Packungen Käse und Wurst in ihre Jacke wandern.
Sie beugt sich über ihr Kind, als ob sie es umarmen will und lässt dabei ein Töpfchen Marmelade, Butter und eine Packung Kaffee in den Kinderrucksack gleiten.
Eine Packung Milch und ein billiges Brot landen „offiziell“ im Wagen.

Vorsichtig schaut sie sich um, aber außer einem älteren Herrn mit Stock und einer harmlos aussehenden Frau mit Hut und Brille bemerkt sie niemanden in ihrer Nähe.

Mutiger geworden greift sie jetzt nach verpacktem Lachs, getrocknetem italienischen Schinken und einem Päckchen Oliven. Langsam beginnen sich die Taschen ihres Parkas zu füllen.
In der Obstabteilung legt sie ein paar Äpfel und Trauben in den Einkaufswagen und schält dem kleinen Mädchen eine Banane.

Der ältere Herr beobachtet alles mit einem amüsierten Schmunzeln. Glaubt sie wirklich, dass sie unbehelligt die Kasse passieren könne?
Die Hausdetektivin hat am Ende des Ganges Aufstellung genommen und beginnt, sich in Richtung der Verdächtigen anzupirschen.
Er weiß dass die Schnüffler im Normalfall nicht direkt beim Diebstahl eingreifen, sondern dem Dieb noch eine letzte Chance geben, diesen rückgängig zu machen. Sei es, dass die Ware zurückgestellt oder an der Kasse bezahlt wird.

Die junge Frau ist sich der Gefahr in ihrem Rücken nicht bewusst, als sie mit dem Einkaufswagen auf ihn zukommt. Das Kind lächelt ihn an und winkt ihm mit der Banane zu. Er winkt zurück und denkt gleichzeitig an die Szene, die in ein paar Minuten unweigerlich folgen wird.
Die Detektivin wird die junge Mutter auffordern, ihre Manteltaschen zu öffnen und diese untersuchen zu lassen. Dem Kind wird sein Rucksack abgenommen und beide werden bis zum Eintreffen der Polizei im Büro des Geschäftsführers festgehalten werden.
Einige Tage später wird eine polizeiliche Vorladung kommen und im schlimmsten Fall die Frau gerichtlich verurteilt werden.
Er denkt an die sinnlosen Erklärungen und die Tränen. Er sieht bereits die neugierigen Gesichter der Gaffer und hört im Geist ihr Getuschel. Er mustert die abgetragene Kleidung von Mutter und Kind und spürt plötzlich etwas wie Mitgefühl.

Für lange Überlegungen bleibt keine Zeit. Wenn er helfen will, muss es schnell geschehen, denn die Diebin ist bereits auf dem Weg zur Kasse. Er greift sich eine Literpackung Milch aus dem Regal und reiht sich in der Schlange direkt hinter dem Einkaufswagen mit dem kleinen Mädchen ein. Die Tasche mit seinen „Einkäufen“ stellt er auf den Boden, er wird sie später holen.
Bedauernd blickt er an seinem nagelneuen Trenchcoat hinunter, den er erst letzte Woche in einem teuren Bekleidungsgeschäft „erstanden“ hat. Zwei gleiche Mäntel in unterschiedlichen Größen mit in die Kabine genommen, mit einer kleinen Schere den Alarmchip rausgetrennt und ein, auf das entstandene Loch passende Stück Stoff aus dem zweiten Mantel geschnitten, es ist ja so einfach.
Er seufzt, hoffentlich werden die Flecken aus dem Mantel wieder rausgehen. Dann holt er tief Luft und öffnet den Schraubverschluss des Milchkartons.

Zwanzig Minuten später steht die junge Frau auf der Straße Sie versucht, das soeben Erlebte zu begreifen und wie ein Film spult das Geschehen der letzten Viertelstunde vor ihrem inneren Auge ab.
Sie sieht den alten Mann stolpern, im Fallen klammert er sich an sie und reißt sie mit zu Boden. Der Inhalt der Milchtüte, die er in der Hand hält, ergießt sich über seinen Mantel und ihre Jacke. Leute schimpfen, versuchen zu helfen, das Kind schreit und der Alte liegt so unglücklich über ihrem Körper, dass es ihr nicht möglich ist, aufzustehen. Endlich gelingt es ihr, auf die Beine zu kommen. In dem allgemeinen Chaos wittert sie ihre Chance und legt Brot, Milch und das Obst auf das Laufband. Der Mann, nun ebenfalls wieder auf den Beinen, entschuldigt sich immer wieder und versucht nun vergeblich, mit einem Zipfel seines Mantels ihre Jacke zu reinigen Er greift nach einem Schokoriegel an der Kasse, reicht ihn dem Kind und streichelt ihm über Kopf und Rücken.

Als sie ihren Einkauf bezahlt hat und gerade den Laden verlassen will, hält die Frau mit Brille und Hut aus der Lebensmittelabteilung ihr plötzlich einen Ausweis mit Foto vors Gesicht. Sie weiß, dass sie verloren hat und leistet keinen Widerstand, als sie aufgefordert wird, ihre Manteltaschen selbst zu leeren oder mitzukommen. Sie greift in ihre Jacke – nichts. Beide Taschen sind leer. Nun nimmt sich die Detektivin den Rucksack des Kindes vor. Vergeblich, denn auch dieser hängt leer am Rücken der Kleinen.
Die gemurmelte Entschuldigung nimmt die junge Frau kaum noch wahr, sie packt das Mädchen an der Hand und verlässt fast fluchtartig den Laden.

„Entschuldigen Sie, Sie haben etwas vergessen“, der ältere Herr mit Stock steht plötzlich vor ihr und reicht ihr eine Plastiktüte. Sie öffnet sie und erkennt mit einem Blick, dass es sich um ihre gestohlenen Waren handelt. Obenauf liegt der Kassenbon.
Sie blickt hoch und sieht den Alten gerade noch mit raschen Schritten um die Ecke biegen. Er trägt eine volle Einkaufstasche und hat den Stock lässig unter den Arm geklemmt.

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