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3. Platz:

Kristina Holler

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Blau und Rot

Genre-Wettbewerb 2020 Runde 2

Das Urteil der Jury:

Luisa, 13 Jahre alt, badet im See. Sie versucht, die roten Erinnerungen wegzubaden. Das Blut ihrer Mutter, die sich die Pulsadern aufgeschnitten hat. Das Blut des Vaters, den Luisa getötet hat.
Kristina Hollers Text ist in zwei Teile geteilt. Der erste spielt mit bildhaften Szenen, die die Leser nicht mehr loslassen. Ein Mädchen, das versucht, sich im See reinzuwaschen. Im zweiten Teil nimmt die Hauptfigur Kontakt mit einer Frau auf, die ihr am Ende helfen wird. Hier sind es die Dialoge, die bestechen. Am Ende der Geschichte bleibt Trost. Trost, dass das Leben des jungen Mädchens irgendwann wieder lebenswert sein wird. Ein eindringlicher Text!


Blau und Rot

Sie trug ein Kleid aus blassblauem Leinen, das zu groß für sie wirkte. Der Stoff kratzte auf ihrer Haut, doch das störte sie nicht. Die Sonne färbte gerade den Horizont orange und rot und obwohl es noch so früh am Morgen war, fror sie nicht. Die Nacht hatte es kaum geschafft, die Hitze des Tages zu vertreiben. Als sie auf die Veranda trat, quietschte die Tür der kleinen Blockhütte. Das Geräusch wirkte seltsam deplatziert und tat in den Ohren weh. Auf der letzten Stufe der kleinen Treppe verharrte sie einen Moment regungslos und lauschte. Außer dem Zwitschern der Vögel, einem fernen Rascheln im Unterholz und ihrem Atem konnte sie nichts hören. Wohin sollte sie gehen? Letztendlich gab es ohnehin nur einen Weg für sie. Der Boden fühlte sich angenehm kühl an unter ihren bloßen Füßen. Sie atmete tief den lebendigen Duft des Waldes ein. Das morgendliche Konzert der Vögel hatte währenddessen seinen Höhepunkt erreicht und ihre dunklen Gedanken schwebten mit den Tönen gen Himmel und davon. Immer tiefer drang sie in den Wald vor und mit jedem Schritt fühlte sie sich leichter. Ihre Lunge füllte sich gierig mit Luft, so als hätte sie das Atmen neu entdeckt. Sie spürte, wie ihr Körper kribbelte, berauscht vom frischen Sauerstoff und der Bewegung.

Nach einer Weile erreichte sie einen kleinen See. Nein, nicht irgendeinen See – IHREN See! Wie oft war sie hier in glücklichen Tagen mit ihrer Mutter gewesen. Die aufgehende Sonne tauchte den Wald in goldenes Licht. Sie setzte sich an ihren vertrauten Platz am Ufer, den schweren Rucksack stellte sie neben sich ins Gras.
Sie schloss die Augen und ließ die Sonne goldene Sterne auf das Innere ihrer Augenlider zaubern. Wenn sie in sich hinein lauschte, konnte sie das Lachen ihrer Mutter hören. Eine einzelne Träne lief ihre Wange hinunter und hinterließ eine helle Spur, bevor sie ins Gras tropfte.
Nach einer Weile erhob sie sich und ging langsam die wenigen Schritte bis zum See. Ein Entenpärchen brachte sich empört schnatternd in Sicherheit. Das Wasser umspielte ihre Knöchel und streichelte ihre Seele. Von der Wasseroberfläche blickte ihr ein fremdes Gesicht entgegen. Tiefe Schatten unter den Augen zeugten vom Schlafmangel der letzten Tage. Wie Sommersprossen leuchteten die kleinen roten Sprenkel in ihrem Gesicht und bildeten einen Kontrast zu der blassen Haut. Die blonden Haare waren stellenweise verfilzt, die Lippen aufgeplatzt und die Flecken am Hals sahen beinahe schwarz aus.
Vorsichtig zog sie das Kleid aus und ließ sich ins Wasser gleiten. Die Kühle tat ihrem geschundenen Körper gut. Sie tauchte unter und genoss das Kribbeln, das sich schnell in allen Gliedern ausbreitete. Mit ein paar kräftigen Schwimmzügen schwamm sie in die Mitte des Sees. Dort drehte sie sich auf den Rücken und ließ sich treiben. Eine große Libelle sirrte über sie hinweg, leuchtend blau und schwerelos. Sie gab alles Gewicht an das Wasser ab, das sie ohne Widerstand trug. Dabei konnte sie förmlich spüren, wie das Wasser ihren Körper und ihre Seele reinigte. Die Bilder der letzten Stunden zogen durch sie hindurch und schwammen davon. Sie ließ es einfach geschehen.
Als Gänsehaut ihren ganzen Körper bedeckte, ließ sie sich vom Wasser ans Ufer treiben. Ihre nassen Haare klebten an ihrem Körper so wie kurz darauf das blaue Kleid an ihrer noch feuchten Haut.
Sie öffnete den Rucksack und zog ein Bündel Kleidung und ein Stück Seife heraus. Sorgsam verschloss sie den Rucksack wieder. Er enthielt alles, was sie noch hatte. Vorsichtig nahm sie das Bündel und wickelte das große Messer aus. Es glänzte in der Sonne und war zentnerschwer, so dass sie es auf das Gras legen musste, unfähig, es weiter in der Hand zu halten. Trotzdem würde sie es behalten. Vielleicht könnte es noch einmal nützlich sein. Sie atmete tief durch und nahm ihre ganze Kraft zusammen. Trotzdem zitterten ihre Hände, als sie das Messer hoch hob und die Klinge in den See tauchte. Das noch feuchte Blut löste sich sofort und bildete rosafarbene Schlieren. Andere Bilder tauchten vor ihrem inneren Auge auf.
Blut, das in ein Waschbecken tropfte und langsam eine rote Spur zeichnete, bis es im Abfluss verschwamm.
Blut auf weißen Laken, wenn ihr Vater nachts in ihr Bett kam.
Blut, das aus ihrer Mutter floss, nachdem sich diese ihre Pulsadern aufgeschnitten hatte, weil sie es nicht mehr ertragen konnte, damals, als sie noch in der Stadt lebten.
Der Geschmack von Blut in ihrem Mund.
Das Rauschen des Bluts in ihren Ohren, als er versuchte, sie zu erwürgen, weil sie weglaufen wollte.
Blut, das aus dem Hals ihres Vaters pulsierte, nachdem sie ihm das Messer dort hinein gerammt hatte.
Eine ganze Welt aus Blut.

Es dauerte eine Weile, bis der See das Blut soweit verdünnt hatte, dass es nicht mehr sichtbar war und noch länger, bis die roten Erinnerungen sie wieder freigaben. Sie trocknete das Messer an ihrem Kleid. Dann setzte sie sich auf einen Felsen und schrubbte ihre Kleidung mit Seife und einem Stein und danach noch einmal sich selbst bis ihre Haut genauso rot leuchtete wie das Blut, das sie abzuwaschen versuchte.

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als sie den See endlich hinter sich ließ.

Nicht weit entfernt stieß sie auf die Landstraße. Kurz darauf hielt ein Auto an.
Die Fensterscheibe glitt nach unten. Eine Frau mit kurzen dunklen Haaren musterte sie. Die Augen hinter ihrer auffällig roten Brille weiteten sich und auf ihrer Stirn bildeten sich Falten.
„Was ist denn mit dir passiert?“ fragte sie.
„Ich bin vom Fahrrad gefallen.“
Die Frau im Auto zog die Augenbrauen hoch, sagte aber nichts.
„Können Sie mich mit in die Stadt nehmen?“ Ihre Hände krallten sich in die Schlaufen des Rucksacks.
Die Frau musterte sie erneut eindringlich. Dann jedoch glätteten sich ihre Gesichtszüge und sie nickte.
„Steig ein.“
„Vielen Dank!“ Das Leder des Beifahrersitzes knarzte, als sie einstieg.
Die Frau am Steuer warf ihr einen seltsamen Blick zu, während sie einen Gang einlegte und losfuhr. Der Motor schnurrte leise wie eine Katze.
Nach einer Weile fragte die Frau: „Wie heißt du?“
„Luisa.“
„Wie alt bist du denn, Luisa?“
„Dreizehn.“ Wieder dieser Blick.
„Warst du schwimmen in dem See? Deine Haare sind ja noch nass.“
„Ja“, Luisa bemühte sich zu lächeln, „ich war nach meinem Sturz voller Erde.“
Die Frau schwieg.
„Ist wirklich sehr nett, dass Sie mich mitnehmen.“
Schweigen breitete sich im Auto aus und Luisa spürte erst jetzt, wie müde sie war. Sie ließ sich tiefer in den Sitz sinken. Ihre Augenlider wurden immer schwerer.
Kurz bevor Luisa einschlief, sagte die Frau am Steuer: „Muss ja wirklich wertvoll sein dein Rucksack, so wie du ihn umklammerst.“
Plötzlich war Luisa wieder hellwach. Was war das für ein Unterton in der Stimme der Frau? War es ein Fehler gewesen in das Auto zu steigen?
„Nur ein paar Erinnerungsstücke an meine Mutter.“ Und leiser fügte sie hinzu: „Das ist alles, was ich noch von ihr habe.“
„Wo ist deine Mutter?“
„Sie ist tot.“
Das tut mir leid.“ Die Frau klang ehrlich mitfühlend. „Und was ist mit deinem Vater?“
„Der auch.“ Es lag mehr Schärfe in ihrer Stimme, als sie beabsichtigte.
„Wo wohnst du denn dann?“
Die Richtung des Gesprächs gefiel Luisa nicht. Ihre Hand tastete nach dem Messer in ihrem Rucksack. Gut, dass sie es behalten hatte.
„Lassen Sie mich aussteigen. Sofort!“ Ihre Stimme zitterte.
Die Frau musterte sie erneut, machte aber keine Anstalten langsamer zu fahren.
Stattdessen fragte sie: „Was ist wirklich passiert? Ich kenne kein Fahrrad, dass bei einem Sturz Würgemale am Hals hinterlässt.“
„Aber... Woher wissen Sie...?“ stotterte Luisa.
„Ich bin Anwältin und habe schon unzählige Frauen und Kinder mit diesen Verletzungen gesehen.“ Luisa sah die Frau mit großen Augen an. „Was auch immer passiert ist, ich kann dir helfen. Wenn du mich lässt.“
Die Frau hatte das Auto nun doch angehalten. Mit laufendem Motor standen sie am Straßenrand. Sie konnte fliehen, einfach nur die Autotür aufreißen und im Wald verschwinden. Was aber, wenn die Frau die Wahrheit sagte. Der innere Kampf kostete mehr Kraft, als Luisa aufbringen konnte. Ihr Körper gehorchte ihr nicht mehr. Es war genug, ihre Energie war aufgebraucht. Sie sah der Frau in die Augen und entdeckte dort nichts als Sorge und Mitgefühl. Und dann spürte sie, wie mit einem mal die Anspannung von ihr abfiel. Es war, als würde ein Damm brechen. Das Schluchzen kam tief aus ihrem Inneren. Tränen tropften auf das Kleid aus blassblauem Leinen, das einst ihrer Mutter gehört hatte. Sie spürte die Hand der Frau auf ihrer Schulter. Was auch immer kommen würde, es konnte nur besser werden.

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