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2. Platz:

Anna J. Stone

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Die Mauer

Schreibdebüt-Wettbewerb 2018 Runde I

Das Urteil der Jury:

In dieser Geschichte leben die Menschen in einer geschlossenen Welt hinter einer vermeintlich schützenden Mauer. Kinder zu bekommen, ist nur mit Genehmigung möglich. Elise – eine alte Frau und letzte Überlebende aus der Welt jenseits der Mauer – wird vor die Herausforderung gestellt, einem jungen Paar zu helfen, dass illegal ein Kind bekommen hat. Soll sie weiter den Kopf in den Sand stecken und für den Rest ihres Lebens gute Miene zum bösen Spiel machen? Die Handlung endet mit Elises Aufbruch und könnte somit auch der Beginn einer längeren Geschichte sein. Ebenso gut kann es auch an diesem Punkt enden, denn Elises innerer Konflikt ist gelöst: Sie erweist sich als Heldin und wählt den richtigen statt den einfachen Weg. Abgesehen davon, dass das spannend erzählt ist, gelingt es Anna J. Stone, auf engem Raum und ohne Infodumping, eine Welt zu erschaffen. Obwohl man nur wenig von diesseits und jenseits der Mauer erfährt, fühlt diese Welt sich bereits nach drei Seiten wirklich an.


Die Mauer

Elise ließ den Vorhang fallen. Der abgegriffene Stoff verbarg den Anblick auf die Fähnchen, die Girlanden, die feiernde Menge, die zur Jahresfeier der Gründung der Stadt die Straßen fluteten. Vor einer Stunde hatte Elise noch eine Rede gehalten. Als Letzte, die das Leben hinter der Mauer kannte, als Letzte, die den Ausbruch miterlebt und überlebt hatte.
Seufzend ließ Elise sich in den speckigen Sessel fallen. Jedes Jahr erzählte sie den Menschen, wie wertvoll das Leben hier war, wie glücklich sie sich schätzen konnten, hinter der Mauer in Sicherheit zu leben. Nur glaubte sie selbst nicht daran.
Jubelrufe und Musik drangen dumpf durch die Fensterscheibe.
Elise griff nach der Whiskyflasche neben ihr auf dem Beistelltisch und goss sich ein Glas ein. Schon lange beinhaltete sie keinen Whisky mehr. Es gab keine Versorgungstouren hinter die Mauer. Der einzige Schnaps, den man in der Stadt bekam, war aus Kartoffeln. Doch man konnte ihn nicht einmal Wodka nennen. Elise schluckte, hustete und verzog den Mund. Die Falten verzogen ihr Gesicht zu einer Grimasse, die dem Geschmack Ehre machte.
Es klingelte.
„Ach, John. Kannst du mich an diesem einen Tag nicht in Ruhe lassen?“
Elise erhob sich und öffnete die Tür.
„Bist du allein?“
„John. Ernsthaft?“
„Du hast Recht. Wenn ich nicht hier bin, wer dann?“
Elise stellte sich in den Türrahmen. „So ist es. Was willst du?“ Sie streckte den Arm, legte die Hand gegen den Rahmen. „Du weißt, meine Tür steht für dich immer offen. Aber du weißt auch, dass ich am Gründungstag meine Ruhe will.“
John warf einen Blick über die Schulter. „Wenn es um mich ginge, wäre ich heute nicht hier.“
Ein weiterer Seufzer drang über Elises Lippen. „Na schön.“, sagte sie, während sie in die Küche ging. „Komm rein!“
„Ich bin nicht –„
„Ich weiß, ich habe sie schon wahrgenommen. Es hilft nicht, wenn du die Leute hinter der Wand versteckst, aber nervöse Blicke hinter dich wirfst.“
Elise setzte einen Teekessel auf den Gasherd. John folgte einer jungen Frau in die Küche.
„Tee?“
Die Frau nickte, den Blick an den Boden gefesselt.
„Setzt euch. Nun setzt euch schon. Warum seid ihr hier?“
„Wir-„
„Nicht du John. Sie!“ Der Teekessel pfiff. „Du kannst dich um den Tee kümmern.“
Die junge Frau hielt sich am Tisch fest, die Knöchel traten weiß hervor. Elise löste ihre Hände sanft, aber bestimmt, von der Tischplatte und hielt sie in ihren.
„Fangen wir von vorne an. Wie heißt du?“
„Annelie.“
„Gut. Annelie. Sieh mich an.“
Zaghaft sah die junge Frau auf. Elise lächelte sanft.
„Warum bist du hier?“
„Ich ... meine Familie ... Wir müssen hinter die Mauer.“ Die Worte drangen nur mühsam über Annelies Lippen.
„Aha.“ Elise sah John finster an.
Er konzentrierte sich auf die dampfenden Becher, die er vor die Frauen stellte. Dabei ignorierte er Elises Blick geschickt.
„Sie kennen sich dort aus. Sie sind die Einzige, die je hinter der Mauer war. Sie –”
Elise unterbrach Annelie mit erhobenem Zeigefinger. „Das ist 50 Jahre her. Ich bin eine alte Frau.“
„Aber ... aber sie sind unsere einzige Hoffnung.“
„Warum wollt ihr aus der Stadt raus? Das ist verrückt.“
Dunkle Pfützen aus Tee füllten die Dellen der alten Tischplatte. Der Becher in Annelies Händen bebte, genau wie ihre Stimme.
„Wenn wir hierbleiben, sind wir schon tot.“
Elise zog die Augenbrauen in die Höhe. „Wieso?“
„Es ... es ist kompliziert. Ich ...“
„Dann fang mit dem wir an. Wer ist wir?“
„Mein Sohn. Ich. Und sein Vater.“
„Sein Vater? Nicht dein Mann? Da haben wir das Problem. Ihr seid nicht verheiratet. Und habt ein Kind. Eines von dem die Stadtväter nichts wissen, richtig? Es ist für verheiratete Paare schwer genug, eine Genehmigung zu bekommen. Aber für euch ... unmöglich.“
Annelie nickte, ohne Elise anzusehen.
„John, kann ich dich einen Moment sprechen?“
Elise zerrte John ein Zimmer weiter.
„Was soll das?“ Ihre Stimme glich einem Zischen.
„Du kannst helfen.“
„Blödsinn. Ich bin 72 Jahre alt und seit einer Ewigkeit hinter der Mauer. Wie soll ich einer Familie helfen, auf der anderen Seite zu überleben?“ Elise schüttelte den Kopf. „Wie kann sie ihren Sohn dort rausbringen wollen?“
John legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Du weißt, was ihnen hier droht. Was hättest du alles für deine Töchter getan? Dafür, dass sie ein gutes Leben, überhaupt ein Leben, eines mit ihrem Vater haben?“
Elise stieß John den Zeigefinger vor die Brust. „Wie kannst du es wagen?“
„Würde ich jemand anderes kennen ...“
„John, du weißt, was das bedeutet?“
„Ja, ich bin mir dessen bewusst.“
„Ich bin zu alt, um dort draußen zu überleben!“
„Das bist du nicht. Und du willst fort von hier, das weiß ich!“
„Es ist zu spät.“
„Ich komme mit!“
Elise lehnte sich gegen die Küchentür. Sie hörte Annelie in der Küche schluchzen.
„Es ist ...“
„Elise. Sie brauchen unsere Hilfe!“
Elise schlug mit der flachen Hand gegen die Tür. Lackspäne fielen zu Boden.
„Also gut. Aber ich weiß nicht, was uns erwartet.“

Vier Tage später stand Elise nach 50 Jahren erneut auf der anderen Seite der Mauer. An ihrer Seite ein junges Liebespaar, ein kleiner Junge - und John.

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