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2. Platz:

Janina Plaumann

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Crash

Schreibdebüt-Wettbewerb 2018 Runde 2

Das Urteil der Jury:

In dieser Geschichte erleben wir ein junges Elternpaar, das an der gemeinsamen Aufgabe beinahe zerbricht. Ihr Kind schläft selten und schreit viel, die Eltern sind erschöpft, gereizt, traurig. Der Versuch, sich bei einer gemeinsamen Radtour ein bisschen Familienleben zurückzuholen, endet beinahe tödlich.

Janina Plaumann nutzt die laute, dicht befahrene Landstraße sowie das zunehmend finstere Wetter als Sinnbild für das Innenleben und die Beziehung ihrer Figuren. Beides wirkt von der ersten Zeile an unheilverkündend, und der aufbrechende Streit erzeugt zusätzlich Spannung. Das Kind im Rücken der Ich-Erzählerin ist als zerbrechliche, wertwolle und zugleich erdrückende Aufgabe ständig präsent.

Als Niko davonfährt und die Erzählerin auf die Fahrbahn vor ein Auto gerät, rechnet man mit dem Schlimmsten. Erst der Beinahe-Unfall bringt die Figuren am Ende wieder zusammen, und man legt den Text mit dem Gefühl aus der Hand: die beiden werden es schaffen. Trotz allem.


Crash

„Heute ist aber nicht früher.“ Niko wandte sich ab und bog auf die Fahrbahn ein.

Ich folgte dicht hinter ihm. Die Stille des Feldwegs wich dem Brausen der Landstraße. Wir radelten hintereinander, hielten uns eng am Straßenrand, während ein Auto nach dem anderen an uns vorbeirauschte. Es war nicht mehr weit bis nach Hause.

Ole schien der Lärm nicht zu stören. Er war in seinem Fahrradsitz zusammengesunken, sein Köpfchen ruhte wackelig an meinem Rücken. Endlich schlief er mal! Die Müdigkeit war seit einem Jahr mein ständiger Begleiter, diese Schwere in meinen Knochen und meinem Kopf, die mittlerweile auch mein Herz erreicht hatte. Ich atmete tief ein und wagte einen neuen Vorstoß.

„Klar, es geht nicht mehr so oft wie früher, aber ab und zu so ein Ausflug wie heute, das würde uns gut tun, glaub mir. Wir unternehmen kaum noch was zusammen.“

Niko trat fester in die Pedale. Ich bemühte mich, bei ihm zu bleiben. Vor uns türmten sich Wolken auf. Der Himmel nahm die schmutzige Farbe des Asphalts an. Die Autos kamen uns jetzt mit eingeschalteten Scheinwerfern entgegen. Ich wandte meine Augen ab und betrachtete Nikos hochgewachsene Gestalt. Das klare Profil mit gerader Nase und kantigem Kinn, alles wie immer. Sein Haar trug er etwas länger. Das stand ihm gut. Ich spürte, wie mein Herz schneller schlug, wie vor fünf Jahren, als wir uns ineinander verliebt hatten. Doch die dunklen Ränder unter seinen Augen waren erst so alt wie Ole.

Nikos Schweigen dehnte sich zwischen uns aus. Die noch kahlen Äste der Bäume stachen in den Himmel, der sich bleiern auf uns herabsenkte.

„Ich bin zu müde für sowas.“

„Ich doch auch! Trotzdem – wir sollten auch mal an uns denken.“

Wie er mich ansah! Wind kam auf, peitschte über die Wiesen und zerrte an meinen Kleidern. Ich klappte den Kragen meiner Jacke hoch und zog den Reißverschluss bis zum Kinn zu.

„Ich bin zu müde, weil alles an mir hängen bleibt.“

Ein Lastwagen donnerte an uns vorbei. Ich krallte mich am Lenker fest.

„Ole weint so viel. Ich kann nicht…“

„Aber ich, ich kann, oder was?! Den ganzen Tag schufte ich in der Firma. Und wenn ich dann endlich zu Hause bin, kann ich erst mal den Staubsauger rausholen oder die Küche aufräumen. Und dann noch dieses Geschrei. Jede Nacht!“

Ole wimmerte leise. Sein Köpfchen rutschte von meinem Rücken. Ich nahm eine Hand vom Lenker, um es zu stützen.

„Ich mache es doch, so gut ich kann.“ Meine Stimme klang fremd in meinen Ohren, viel zu hoch. „Ich hab mir das auch anders vorgestellt.“

Niko schlug mit der Hand auf seinen Lenker. Den Straßenlärm übertönte er jetzt mühelos.

„Du bist den ganzen Tag zu Hause und kriegst nichts auf die Reihe!“

„Ich trage Ole…“

„Und dann willst du was von mir? Ausflüge. Spaß.“ Er spie die Worte aus. Dann raste er vorwärts.

Ich wollte ihn einholen, doch ich musste Oles Köpfchen halten. Der Abstand zwischen uns wurde immer größer. Die Gestalt meines Mannes verschwamm in meinen Tränen. Ich sah ihn nicht mehr, auch die Straße nicht. Meine zitternde Hand konnte den Lenker nicht ruhig halten. Mein Rad begann zu schwanken. Ich war doch auch so müde.

Licht blendete mich, durchdrang den Tränenschleier. Nein, zwei Lichter waren es. Sie kamen direkt auf mich zu. Dann kreischten Bremsen.

Instinktiv zog ich den Kopf zwischen die Schultern, kniff die Augen fest zu. Ich rutschte vom Sattel, bis meine zittrigen Beine Halt fanden. Ole war aufgewacht und schrie. Mechanisch griff ich hinter mich und streichelte sein feines blondes Haar. Wir standen im Scheinwerferlicht. Mitten auf der Straße. Wie war ich hier hingekommen?

Als sich ein Arm um meine Schultern legte, zuckte ich zusammen. Niko griff mit der anderen Hand meinen Lenker und führte uns von der Fahrbahn. Der Autofahrer brauste davon, nicht ohne noch einmal empört zu hupen. Gleich darauf rauschte der Verkehr, als wäre nichts geschehen.

Ich ließ meinen Kopf an Nikos Schulter sinken. Er hatte Ole aus dem Sitz geholt und trug ihn auf dem Arm. Mit dem anderen hielt er mich ganz fest. Sein vertrauter Geruch hüllte mich ein. Langsam beruhigte sich mein Herzschlag. Nikos Mund murmelte Worte in mein Haar.

Als ich endlich aufblickte, sah ich in Oles kleines Gesicht. Ganz ruhig saß er auf Papas Arm und musterte uns beide mit ernsten blauen Augen.

Dann lächelte er.

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