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5. Platz:

Kristina Holler

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Der Stalker

Schreibdebüt-Wettbewerb 2019 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Es gelingt der Autorin ausgezeichnet, vom Grauen im scheinbar normalen Alltag einer jungen Frau zu erzählen, deren Ex-Freund zum Stalker geworden ist.

Julia steht zwischen Jonas und Alex, der sie nicht loslassen kann. Die Unmöglichkeit, sich gegen die grenzverletzenden Übergriffe des Stalkers zu wehren, wird durch das offene Ende deutlich, das die Leser an die typischen Spannungselemente in Schauer- und Horrorgeschichten erinnert. „Jonas legte beruhigend seinen Arm um Julia und während er sie fast liebevoll ins Wohnzimmer führte, sprudelte die ganze Geschichte aus ihr heraus.“ Doch während Jonas und Julia versuchen, ihren Weg zu finden, ist der Stalker schon wieder erschreckend nahe.

Anstelle einer neuen Sicht, die es in Anbetracht des starken Konfliktes nicht geben kann, setzt die Autorin geschickt einen Schockeffekt ans Ende. Der Leser wird mit der zutreffenden Erkenntnis, dass manche Probleme sich nun einmal nicht auf einfachem Wege lösen lassen, aus der Geschichte entlassen.


Der Stalker

Es dämmerte bereits, als Julia die ramponierte schmutzgraue Tür zu dem Mehrparteienhaus öffnete, in dem sie seit drei Monaten wohnte.

Vor ihrem Briefkasten im Foyer zögerte sie kurz. Unschlüssig starrte sie auf den kleinen silbernen Schlüssel in ihrer Hand.

Los jetzt, stell dich nicht so an!

Seit mehr als zwei Wochen war kein Drohbrief mehr gekommen. Julia hielt die Luft an, während sie den Schlüssel in das Schloss steckte und die Klappe langsam öffnete. Zu ihrer Erleichterung war der Briefkasten auch heute leer. Trotzdem wollte das mulmige Gefühl nicht völlig verschwinden.

Hast du endlich kapiert, dass ich nicht mehr zu dir zurückkomme, Alex?

„Hi Julia, wie geht’s?“

Julia zuckte zusammen, aber es war nicht ihr Ex-Freund Alex, wie sie kurz befürchtet hatte.

„Alles okay?“ fragte ihr Nachbar Jonas mit hochgezogener Augenbraue. „Du bist ja ganz blass, hast du ein Gespenst gesehen?“

„Hi Jonas, nein, alles okay, ich war nur gerade in Gedanken.“ Ein Lächeln huschte über Julias Gesicht.

„Ich wollte gerade etwas zu Essen vom Thai holen, soll ich dir was mitbringen?“

„Das wäre echt lieb von dir. Wir können ja dann noch ein Weinchen zusammen trinken?“ Julia spürte, wie sich ihre verkrampften Schultern allmählich wieder lockerten. Mit Jonas fühlte sie sich fast wie früher, bevor Alex und seine krankhafte Eifersucht ihr jede Luft zum Atmen genommen hatten.

Noch in Gedanken schloss Julia die Tür zu ihrer Wohnung im dritten Stock auf, trat ein und warf ihre Tasche und ihren Mantel auf einen Stuhl neben der Tür, der ihr als Garderobenersatz diente.

Als sie sich umdrehte, blieb sie wie angewurzelt stehen. Etwas war anders als heute morgen. Sie konnte es nicht genau beziffern, aber es war, als hätte sich die Energie ihrer Wohnung verändert. In der Luft lag eine Spannung, die Julia beinahe körperlich zu spüren meinte und die ihr eine Gänsehaut am ganzen Körper bescherte.

Schnell schlug sie auf den Lichtschalter und das warme Licht vertrieb die Schatten, die die Dämmerung an ihre Wände geworfen hatte. Das beklemmende Gefühl blieb allerdings. Stand die Vase dort heute Morgen nicht noch ein Stück weiter rechts? Julia lugte um die Ecke in ihre Küche und als sie dort nichts Verdächtiges erblickte, schlich sie auf Zehenspitzen weiter zum Badezimmer. Dabei griff sie im Flur nach dem Besen, der ihr ein wenig Sicherheit gab. War der Duschvorhang heute Morgen auch schon zugezogen gewesen?

Ihr Herz schlug bis zum Hals. Mit dem Besenstiel stieß sie entschlossen gegen den mit Sonnenblumen verzierten Vorhang und war erleichtert, als sie nur Luft traf.

Sie atmete tief durch und ging, schon ein wenig beruhigter, weiter in ihr Wohnzimmer. Auf den ersten Blick schien alles wie immer zu sein. Als Julia sich jedoch zu ihrem Esstisch umdrehte, konnte sie einen Schrei nicht unterdrücken. Dort lag ein großer weißer Zettel, der heute Morgen definitiv nicht dort gewesen war. Widerwillig näherte sie sich dem Tisch, bis sie die mittlerweile vertrauten, aus einer Zeitung ausgeschnittenen Buchstaben erkennen konnte.

DU GEHÖRST MIR!

Ihre Knie wurden weich. Jemand war in ihrer Wohnung gewesen. Oder war er noch hier?

Langsam drehte sich Julia wieder um, ihr Herz schlug bis zum Hals und sie hörte das Blut in ihren Ohren rauschen. War hinter dem Sofa genug Platz, dass sich dort jemand verstecken konnte? Und hatte sich da nicht gerade etwas bewegt? Julia fröstelte.

Ich muss hier raus!

In diesem Moment klopfte es an ihre Tür. Julia zuckte zusammen und dachte, ihr Herz würde stehen bleiben.

Alex!

Was sollte sie jetzt tun? Leise schlich sie in die Küche und holte eine große Pfanne aus dem Schrank.

Na warte, dir zeig ichs! Diesmal bist du zu weit gegangen!

Wochenlang war Alex immer wieder vor ihrem Büro aufgetaucht und hatte sie mit Nachrichten bombardiert, bis sie sogar ihre Handynummer gewechselt hatte. Dazu noch diese Briefe und jetzt das!

Mit zittrigen Knien stellte sie sich hinter die Tür und wartete darauf, dass Alex sich erneut Zutritt zu ihrer Wohnung verschaffen würde. Diesmal würde er sein blaues Wunder erleben und dann würde endlich Schluss mit dem Psychoterror sein. Entschlossen packte sie den Griff der Pfanne fester.

„Julia? Ich habe das Essen vom Thai geholt, bist du da?“

Jonas!

Schnell legte Julia die Bratpfanne auf ihrer Kommode ab und öffnete Jonas die Tür, nicht ohne sich vorher durch den Spion zu vergewissern, dass er es wirklich war. Er hatte eine Plastiktüte in der Hand, die er mit einem Augenzwinkern hoch hielt.

Julia versuchte, die Tränen wegzublinzeln, die ihr vor Erleichterung in die Augen schossen.

„Gut dass du da bist, Jonas! Alex war in meiner Wohnung, als ich nicht da war!“

Jonas legte beruhigend seinen Arm um Julia und während er sie fast liebevoll ins Wohnzimmer führte, sprudelte die ganze Geschichte aus ihr heraus.

Sie waren so ineinander vertieft, dass keiner von beiden bemerkte, dass sich die Schlafzimmertür ganz langsam einen kleinen Spalt öffnete.

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