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1. Platz:

Nadin Steiner

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Damals

Schreibdebüt-Wettbewerb 2020 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Von der Macht der Worte, mit deren Hilfe es gelingt, einen Anfang zu bilden, der die Ich-Erzählerin vom Ende wegholt, handelt die, in literarisch ausgereiftem Stil und differenzierter Sprache geschriebene Kurzgeschichte „Damals“ der Autorin Nadin Steiner.
Aus unmittelbarer Erzählperspektive wird der Selbstfindungsprozesses der Ich-Erzählerin, der es am Ende gelingt, ihrem Leben mithilfe von Worten eine neue Richtung zu geben und „sich selbst eine Hand zu reichen“ eindringlich beschrieben. „Denn du kannst dir nicht unbegrenzt Schaden zufügen und hoffen, unbeschadet davon zu kommen.“
Die authentische, lebendige Sprache des Kindes wird vom Leben, von den Menschen, der Familie, der Schule und von vorgeschriebenen Verhaltensweisen erdrückt und zum Schweigen gebracht. Doch verliert die Hauptfigur ihr Ziel, zurück zu kehren in die Zeit, in der sie ein Kind war und das Leben geliebt hat, von Anfang bis Ende nicht aus den Augen und findet schließlich einen neuen Weg.
Die Erkenntnis, dass Menschen, die in ihrem Leben eine Zeit, in der es Freude und Hoffnung gab, erlebt haben, niemals aufhören werden, um ein erfülltes Leben zu kämpfen, und sich dieser Kampf lohnt, lässt die Leser am Ende mit einem optimistischen Gefühl zurück.


Damals

Es gab bestimmt eine Zeit, in der ich das Leben geliebt habe.

Damals als Kind. Als meine Welt noch nicht so groß war und ich zu klein, um zu verstehen, dass das Leben aus mehr bestand, als das, was ich bereits kennengelernt hatte. Rückblickend war es nicht perfekt. Vielleicht schon damals ziemlich kaputt. Mich treffen Erinnerungen, von denen ich nicht weiß, wie real sie sind. Ob sie echt sind. Oder ein Hirngespinst. Bei einigen kann ich es besser einordnen als bei anderen. Bei den anderen wünschte ich mir, sie würden sich in Luft auflösen und verschwinden. Es sind keine schönen Erinnerungen. Und es gibt nichts, was ich davon lernen könnte. Nichts, was ich anders hätte machen können oder hätte tun sollen oder in Zukunft anwenden sollte.
Die Erinnerungen sind da. Genauso wie ich. Ob mir das gefällt oder nicht.
In meiner kleinen Welt war alles ok. Ich habe mir meine Realität erschaffen und meine eigene Wahrheit. Und wenn mich eine andere Wahrheit getroffen hat, dann habe ich geschaut, dass sie mich nicht berührt. Zumindest nicht genug, um nachhaltig Schaden anrichten zu können. Ich habe sie aufgenommen und in meinem Gehirn versteckt und darauf gehofft, dass sie mich nicht wiederfinden würde. Aber irgendwann wachen wir alle etwas auf. Und irgendwann habe ich beschlossen, meine Augen nicht mehr zu verschließen und wach zu bleiben. Ich habe mit dem Verstecken aufgehört und angefangen, anzunehmen und Anpassungen vorzunehmen. Und wieder mit dem Verstecken angefangen. Aber diesmal waren es meine Gedanken und meine Gefühle, die ich in Sicherheit gebracht habe. Es war meine Wahrheit, die ich gebildet hatte und die keinen Anklang fand. Das Ganze ging so weit, dass mir nichts übrigblieb, als mich als Ganzes zu verstecken. Da es aber immer jemanden gab, der von mir erwartete da zu sein, erschuf ich etwas, um die Hülle, die geblieben war, zu füllen. Ich fing an zu schweigen und zuzuhören, um zu wissen, was andere wollten und erwarteten. Vom Leben. Von den Menschen. Der Familie. Der Schule. Verhaltensweisen. Und von mir.
Ich sprach, wenn ich mir sicher war. Wenn ich sicher war. Dass es das war, was gehört werden wollte und gehört werden konnte, ohne Schaden anzurichten. Ich imitierte das Verhalten anderer und entwickelte Überlebensstrategien, um den Druck abbauen zu können, ohne innerlich zu platzen. Dafür musste meine Hülle herhalten. Später noch mehr als am Anfang. Ich hatte mich so gut versteckt, dass ich mich selbst nicht mehr finden konnte und musste die Leere noch mehr füllen. Nicht nur mit einer angeblichen Anwesenheit meinerseits, sondern auch mit einem Gefühl. Einem Gefühl für mich. Um zu merken, dass ich da war. Ich fraß alles in mich rein. Meine Gefühle. Meine Sorgen. Meine Ängste. Alle Wörter, die zu riskant waren, um laut ausgesprochen zu werden.
Ich fraß.
Das Leben.
In mich rein.
Es hatte die Form von Essen und schmeckte köstlich. Zumindest meistens. Irgendwann schmeckte ich nicht mehr. Es schmeckte mir einfach nicht mehr. Das Leben meine ich. Ich versuchte nur mich mit Leben und Energie zu füllen, um weitermachen zu können.
Aber das Leben kotzte mich an, also kotzte ich es wieder aus. Ich versuchte es los zu werden. Ich wollte verschwinden und mich auflösen. Ich wollte tragbar sein und keine Angriffsfläche mehr bieten.
Ich habe versucht, keine Spuren zu hinterlassen. Weder im Leben noch bei irgendwelchen Menschen. Und fing an, Spuren auf mir zu hinterlassen, in der Hoffnung, dass man sie genauso wenig sehen würde, wie man mich sehen konnte.
Ich fühlte mich gelähmt und erschlagen von diesem Leben und es gab unzählige Nächte, in denen ich mich geschlagen geben wollte und bereit war zu gehen.
Und dann fing ich an zu schreiben. Und die Worte halfen mir zu überleben. Und dennoch waren es am Ende nicht meine Worte, die mich retteten. Aber es waren meine Entscheidungen und mein Verhalten, was mich gerettet hat. Es war meine Gnade mir selbst gegenüber. Mein Entgegenkommen. Auf diesem unendlich scheinenden Weg, den ich zurückgelegt hatte. Ein Weg, den ich hinter mir versucht hatte zu zerstören, weil es doch kein Zurück geben sollte. Ich brachte es fertig mir gegenüber Verständnis zu zeigen und mir eine Hand zu reichen.
Es war ein Anfang, mich vom Ende weg zu holen. Es war ein Anfang, mich irgendwie mitzuteilen, ohne einen Schaden an mir anzurichten. Denn du kannst dir nicht unbegrenzt Schaden zufügen und hoffen unbeschadet davonzukommen.
Nach dem Schreiben folgten Gespräche. Und wieder waren es die Worte. Die mich retteten.
Es war ein Anfang.

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