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2. Platz:

Susanne Friedrich

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Der entschwundene Vater

Schreibdebüt-Wettbewerb 2021 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Vom Tod des Vaters und von der damit verbundenen Erinnerung an eine Zeit, die von Gleichgültigkeit und Lieblosigkeit geprägt ist, handelt Susanne Friedrichs Kurzgeschichte.
Heike steht am Grab ihres Vaters und in ihrem Kopf erwachen die Erinnerungen. Sie durchlebt noch einmal Szenen ihres Lebens, die unmittelbar mit dem Vater und mit Gefühlen von Einsamkeit und Schmerz verbunden sind. Während der Vater von jeher der Meinung war, dass er sich der Tochter gegenüber „immer moralisch, emotional und materiell einwandfrei“ verhalten habe, muss sich Heike am Ende in hohem Bogen in sein Grab erbrechen, um von den negativen Gefühlen, die er in ihr zurück gelassen hat, endlich frei zu werden.
Die gelungene szenische Erzählweise der Autorin und die Cuts, die sie hinter die Erinnerungen, die wie ein Film im Inneren der Protagonistin ablaufen, setzt, passen 1:1 zum Inhalt.


Der entschwundene Vater

Hinter sich hört Heike flüsternde, dann lauter werdende Stimmen der anderen Beerdigungsteilnehmerinnen: „Jahrelang keinen Kontakt und nun nicht Abschied nehmen können.“ „Hallo, wir wollen auch.“ „Wer ist die Frau am Grab?“ Sie fühlt sich tief belastet, so als wolle etwas aus ihr heraus brechen, das nicht heraus kann.
Die Stimmen dringen nicht mehr zu ihr vor, werden leiser, Heike hört nur noch ein an- und abschwellendes Rauschen im Hintergrund, als hätte sich ein alter Filmprojektor in Gang gesetzt. In ihrem Kopf beginnt ein Film zu laufen. Erst nur einzelne, verwackelte Bilder, so wie früher bei den Super-8-Filmen. Dann werden die verwackelten schwarz-weiß-Aufnahmen schärfer und es entstehen farbige Bilder.
Es riecht nicht mehr nach frischer Erde und kalter Luft, es riecht nach Staub, der sich über viele Jahre auf Büchern ablegt und erst verschwindet, wenn für einen Umzug ein Regal ausgeräumt wird. Heike sieht Umzugskartons, ein zusammengestelltes Regal und Koffer aus Stoff, die aus einer großen Berliner Altbauwohnung auf die Ladefläche eines Kastenwagens gestellt werden. Im Eingang der Wohnung steht ein weinendes Mädchen, außer sich vor Trauer und ruft immer wieder: „Matthias! Matthias, du sollst nicht ausziehen, bleib bei mir!“ Doch der Vater geht.
Als nächstes folgen schwarz-weiß Aufnahmen aus einer kleinen, dunklen Zweizimmerwohnung im Erdgeschoß. Das Sonnenlicht schafft es nicht durch die ungeputzten Fenster. In einem schmalen Zimmer steht eine 10-Jährige mit ihrem Vater vor einer dreigeteilten Matratze auf dem Fußboden und das Mädchen fragt: „Hier soll ich schlafen?“ Der Vater zuckt nur mit den Schultern, schweigt und verlässt den Raum. Das Mädchen sinkt auf die Matratze und weint.

Cut.

Die Bilder werden etwas schärfer, zeigen den Vater mit einer neuen Liebe, einer Frau, die der Mutter des Mädchens sehr ähnelt. Das Mädchen lacht und nimmt die Hand der neuen Freundin des Vaters.

Cut.

Man sieht das Mädchen am Nachmittag allein in der großen Altbauwohnung, Selbstgespräche führend. Das Mädchen allein in einem großen Kaufhaus, unentschlossen verschiedene Hörspielkassetten in der Hand.

Cut.

Nun eine Szene mit einer Frau, rothaarig in einem grünen Seidenkostüm, der Vater dicht neben ihr. Die Frau sagt etwas, was unverständlich bleibt. Aber der Blick, den die Frau in Richtung des nun pubertierenden Mädchens schickt, ist eindeutig: bleib weg!

Cut.

Wie auf einer Perlenkette aufgereiht, folgen nun Ausschnitte von Familienfesten. Bilder von der Geburt eines Babys. Eine neue Familie ist entstanden. Ein Familienfoto, in der Mitte die frisch gebackenen, nicht mehr ganz jungen Eltern mit einer Zweijährigen, daneben verschiedene Verwandte und ganz am Rand steht eine 17-Jährige, die sehnsuchtsvoll ihren Vater anblickt, der seine zweite Tochter begeistert anlächelt, im anderen Arm seine zweite Frau.

Cut.

Auf den Bildern, die nun folgen sieht man, wie sich der Vater und die mittlerweile erwachsene Tochter anbrüllen. „Ich bin dir völlig egal, bei unseren Treffen ist immer deine Frau dabei, nie hast du Zeit für mich!“ schreit die Tochter. Der Vater brüllt: „Erlaube mal, wie sprichst du denn mit mir? Ich habe mich dir gegenüber immer moralisch, emotional und materiell einwandfrei verhalten.“ Cut. Dann eine Szene, die die Tochter, jetzt selbst Mutter, mit ihren Töchtern in einer sonnendurchfluteten Wohnküche an einem großen Esstisch zeigt. Als die jüngste Tochter fragt: „Mama, ist dein Vater schon gestorben?“, dreht sich die Mutter weg, da ihr die Tränen in die Augen schießen.

Cut.

Die Tochter im Gespräch mit einem Therapeuten, das Gesicht verheult, die Augen verquollen. Die Bilder werden nun wieder undeutlicher, teilweise scheint Flüssigkeit über den Film gelaufen zu sein. Undeutlich ist der Vater am Grab seiner zweiten Frau zu erkennen, nach vorne gebeugt, begleitet von seiner inzwischen 25- jährigen zweiten Tochter.
Dann wieder eine Frau an der Seite des Vaters, der Vater nun mittlerweile im Rollstuhl, aufgedunsen. Das Filmband ist zu Ende, die Spule läuft leer und es ist nur das laute Summen des Projektors zu hören, aus dem sich nun wieder die Stimmen der anderen Gäste schälen: „Unerhört, wie lange dauert das denn nun noch?“
Heike sieht hoch, orientierungslos und verwirrt. Sie riecht wieder feuchte frische Erde. Heikes Magen rebelliert, sie würgt, versucht zu schlucken, kann den Würgereiz nicht unterdrücken. In einem hohen Bogen erbricht sich Heike in das Grab ihres Vaters. Die Lilien, die gerade noch so schön weiß den Sarg schmückten, sind mit einer breiigen, braungelben Flüssigkeit überzogen. Ein säuerlicher Geruch breitet sich aus.
Heike wischt sich den Mund mit einem Papiertaschentuch ab und muss grinsen. Jetzt ist es raus, denkt sie, solange hast du mir im Magen gelegen. Sie wirft den Sand in ihrer Hand neben das Grab und dreht sich um und verlässt die Beerdigung.
Sie fühlt sich leicht, es ist zu Ende. Die Trauer wird bleiben, aber es ist die Trauer um einen Vater, nicht um ihren.

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