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3. Platz:

Peter Kensok

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Das Hüpfloch

Schreibdebüt-Wettbewerb 2021 Runde 1

Das Urteil der Jury:

In unterhaltsamen Dialogstil erzählt Peter Kensok vom Alltag einer Familie in der Coronakrise.
Die Mutter befindet sich im „Corona Home Office online“, der Vater räumt inzwischen die Küche auf und die sechsjährige Lele entdeckt in den Socken ihres Opas ein Loch, das den Vater schlagartig ernst werden lässt. Sollte der Opa etwa seit Tagen dieselben Socken tragen?
Doch der Opa weiß sich zu verteidigen und beginnt mit Lele einen ebenso heiteren wie fantasievollen Dialog um die Frage, was wohl das Loch in seinem Strumpf macht.
Es gelingt dem Autor ausgezeichnet, dem Leser zu vermitteln, dass man dem Alltag in der Corona-Krise mit Heiterkeit und Fantasie für einen kurzen Moment entfliehen kann. Während sich der Vater darüber entsetzt, dass der Opa seit vier Tagen die gleichen Socken trägt, lässt Peter Kensok in der überschäumenden kindlichen Fantasie von Lele das Hüpfloch lebendig werden.


Das Hüpfloch

Die Mutter huscht über den Flur an der Küche vorbei. Kopfhörer auf. Sie stoppt kurz, richtet die Schuhe des Opas im Flur auf, schaut vorwurfsvoll in die Küche, huscht weiter.
Mutter: Die Kamera ist noch aus ... Ja, natürlich, ich ... bin ... bereits ... am Schreibtisch. Die Leitung ist gerade ... Moment ... Jetzt!
Wenige Sekunden später klappert nebenan die Tastatur. Corona Home-Office online.
Der Vater räumt inzwischen die Küche auf. Am Tisch buttert der Opa Brezeln. Aktuelle Lockdown-Regel: Haushalt plus eins! An diesem Morgen darf er zu Besuch kommen. Unter dem Tisch spielt Lele, sechs Jahre alt.
Lele: Opa, aus deinem Strumpf guckt Haut raus! Iiiih, mit Haare!
Vater schaut den Opa genervt an und flüstert: Habe ich dir nicht gesagt, du sollst auf deine Strümpfe achten?
Der Opa schaut entschuldigend zurück und buttert gelassen weiter: Aus welchem Strumpf?
Lele: Dem rechten.
Opa: Rechts von mir oder rechts von dir?
Lele: Von da, von wo ich gucke. In dem Strumpf da.
Opa: Uiiiih. Nicht kitzeln! Das ist ein besonderes Loch.
Lele: Was ist ein besonderes Loch?
Opa: Es ist ein … Es ist ein Hüpfloch! Denn vorgestern, also Samstag, war das Loch im linken Strumpf. Also von da, von wo du guckst.
Vater schaut den Opa noch vorwurfsvoller an. Schüttelt den Kopf. Hüpfloch …
Opa: Ein Hüpfloch ist eben ein Loch, das hüpft. Mal ist es in dem einen Strumpf, mal in dem anderen Strumpf. Und manchmal versteckt es sich sogar.
Lele: Das geht doch gar nicht.
Opa: Das geht aber wohl! Als wir Freitag, also vor Samstag, mit deinen Eltern spazieren waren, hatte ich genau diese Socken auch an …
Vater schaut entsetzt: Vier Tage die gleichen Socken!
Opa: … und da war da sogar … gar kein Loch. Beide Strümpfe hatten kein Loch. Genau! – Dachte ich jedenfalls.
Lele: Aber Opa!
Opa: Später habt ihr gefragt, ob ich noch Kaffee und Kuchen mag. Und beim Schuhe ausziehen im Flur habe ich gemerkt, dass das Hüpfloch doch da war, aber da, wo eben keiner guckt.
Lele untersucht weiter das Loch in Opas Strumpf: Neeeiiiin ... Wenn du ein Loch nicht sehen kannst, dann ist es doch kein Loch. Ein Loch ist immer da, wo nichts ist. Ein Loch ist … nur mit Rand.
Opa: Nicht die Haare ziehen, Lele, das kitzelt! – Hüpflöcher sind anders. Mein Hüpfloch war da! Und ich konnte ich es trotzdem nicht sehen.
Der Vater schaut den Opa fragend an.
Opa: Das Hüpfloch hat sich unter (!) meinem Fuß versteckt.
Lele: Aber Opa …
Opa schlägt mit gespieltem Entsetzen die Hände zusammen: Ja, und stell' dir vor, ich habe den ganzen Tag auf dem Hüpfloch gestanden!
Lele (atmet erschrocken ein): Aber ...
Opa: Aber ... Ich hätte in das Hüpfloch hineinfallen können! Genau! Denn ich habe ja den ganzen Tag um das Hüpfloch herum gestanden, mit dem Rest von dem einen Fuß und dem Strumpf drumherum. Das hätte böse enden können!
Lele: Da hast du aber Glück gehabt. Es scheint ein gutes Hüpfloch zu sein.
Opa: Das stimmt bestimmt.
Vater schüttelt den Kopf.
Opa lächelt ihn siegessicher an.
Lele: Hüpft ein Hüpfloch immer?
Opa: Ja, meistens jeden Tag. Und wenn gerade nicht »meistens« ist – dann versteckt es sich.
Vater macht die Geste von Kopf ab: Schachmatt! Jetzt hast du verloren …
Opa (schaut entschieden zurück): Ja, jeden Tag woanders hin! Also vor drei Wochen, als ich die Wäsche aufhängen wollte, da war das Hüpfloch in der Waschmaschine.
Vater schaut entsetzt. Drei Wochen!
Opa nickt, macht eine Geste von »Na, und?«: Es ist eben mein Hüpfloch. Und mein Hüpfloch kann hinhüpfen, wann immer und wo immer es hinhüpfen will. Schließlich ist es ein sauberes Hüpfloch ... mit noch ganz viel Strumpf drumherum!
Lele (noch immer von unter dem Tisch): Opa, ich habe aufgepasst. Und du schummelst! Gestern war Sonntag, weil – wegen Kinderkirche in Mamas Computer. Und da war das Hüpfloch auch links. So wie den Tag davor.
Opa: Echt jetzt? Von da wo du guckst?
Lele: Auch liiiiiii ... iiiinks!
Opa: Hm. Warte mal. Gestern war Kinderkirche … Dann war gestern ja Sonntag. Stimmt! Sonntags hüpfen Hüpflöcher nicht. Sonntags haben Hüpflöcher hüpffrei.
Lele krabbelt unter dem Tisch hervor und klettert dem Opa auf den Schoß. Sie schnappt sich das abgebrochene Ärmchen einer der gebutterten Brezeln. Beißt ab, steckt dem Opa den Rest des Brezelärmchens in den Mund.
Lele: Opa, weißt du ...?
Vater unterbricht das Geschirrwaschen und schaut neugierig.
Opa: Ja, Lele?
Lele: Ich glaube, du musst lernen, deine Strümpfe richtig anzuziehen. Und ich weiß noch was: Dein Strumpf ist ganz einfach kaputt! Und wenn der Strumpfladen ganz bald wieder aufhat, kaufen Papa und Mama dir einen neuen.
Opa lacht: Wenn zwei genau so teuer sind wie einer, nehme ich am besten gleich sogar zwei. Einen Strumpf für rechts ...
Lele: ... und einen Strumpf für links! Damit …
Opa: Damit …?
Lele: Damit, wenn ein neues Hüpfloch kommt und wieder hüpft, das neue Hüpfloch sich nicht verhüpft!
Opa: Genau!
Lele drückt den Opa. Opa, Vater und Lele lachen. Die Tastatur nebenan klappert weiter; die Mutter ist weiter im Corona Home-Office online.

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