Elisa Ri aus Ossingen
Fernlehrgang: Biografisches Schreiben
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Fernlehrgang: Biografisches Schreiben
4. Platz im Genre-Wettbewerb 2026 - Ein Mantel gegen die Bise
In Ein Mantel gegen die Bise führt Elisa Ri uns, ausgehend von der Gegenwart, in Schlaglichtern rückwärts durch das gesamte Leben von Fanny, 66 Jahre alt, und schließt am Ende den Kreis wieder zurück in die Gegenwart. Der Text ist eher Protokoll als szenisch erzählende Prosa, dabei aber bildstark und sprachlich dicht, während er von der Rente bis zur Wiege von einem eigentlich recht normalen, unspektakulären Frauenleben erzählt.
Die amerikanische Schreiblehrerein Brenda Ueland, die in den 1930er Jahren angefangen hat zu unterrichten, ist berühmt dafür, dass sie jedes Leben für erzählenswert hielt und jeden Menschen für originell. Sie hat vor allem Frauen dazu ermutigt, ihre Gedanken und ihr individuelles Welterleben ernster zu nehmen und darüber zu schreiben. Wenn man das Unspektakuläre, Normale und Alltägliche genau und aufrichtig beobachtet und es wahrhaftig schildert, wird es nicht nur zum Besonderen. Oft wird es so überhaupt erst sichtbar und erfahrbar. Genau das gelingt Elisa Ri mit Ein Mantel gegen die Bise. Trotz der Kürze des Textes und der vielen Jahre, die er überspannt, kommt man Fannys Haltung gegenüber dem Leben sehr nahe. Man weiß, sie hat einiges durchgestanden. Sie ist nicht als strahlende Heldin daraus hervorgegangen. Aber dafür mit einer in sich ruhenden Lebensfreude und gut gewappnet für das Kommende.
2026 Lebenslust. Vorfrühling. Fanny steht neben ihrer Mutter. „Zieh dir einen Mantel über, Kind, es ist kalt hier draußen.“
Seit sechsundsechzig Jahren steht Fanny draußen im Leben. Zuerst in Mänteln, die andere für sie ausgesucht haben, später in... Kurzgeschichte lesen
2026 Lebenslust. Vorfrühling. Fanny steht neben ihrer Mutter. „Zieh dir einen Mantel über, Kind, es ist kalt hier draußen.“
Seit sechsundsechzig Jahren steht Fanny draußen im Leben. Zuerst in Mänteln, die andere für sie ausgesucht haben, später in selbst gestrickten, schließlich in wetterfesten. Im Gepäck: Erfahrungen, Anstand, reduzierte Risiken und eine Viergenerationen-Familie. Sie lebt gesund, wach, eigenständig – meist heiter, manchmal nachdenklich.
Neugierig war sie immer. Auf das Leben, auf die Menschen und auf fast alles, was es sonst noch gibt. Neu sind die halben Töne, die gemischten Farben, ehrliche Auseinandersetzungen. Und Reisekataloge. Auf jeder Doppelseite: Strahlende Paare. Gesunder Teint. Hochgesteckte Sonnenbrille, ein Blick ohne Sorgen. Bei so viel Glück blättert Fanny manchmal eine Spur zu schnell weiter. Später steht sie entspannt an der Kasse mit Tomaten und Couscous für den Single-Haushalt, freut sich auf den ungestörten Schreibfluss in der Nacht bei Vintage-Musik und plant einen Konzertbesuch mit ihrer Nachbarin. Alltagsfreude, wohl dosiert –genug, um das Wochenende leuchten zu lassen.
Was sich heute wie ein umschmeichelndes Seidentuch anfühlt, wurde über Jahre gewoben:
2024 Abschiedsweg. Vieles ist abgeschlossen: die intensive Familienzeit, das zu groß gewordene Haus, sogar der Einbruch – bei dem ausgerechnet der silberne Fingerring mit dem Jadestein wieder eine Bedeutung bekam. Ein neues Zuhause. Und der Abschied vom Beruf. Eine Berufung, die sie nah an menschliche Abgründe führte.
Von einem Tag auf den anderen: Kein Wecker, keine Termine, lesen, bis das Buch fertig ist.
Hatte Fanny sich das so vorgestellt, als sie damals als Sekretärin loslegte? „Fräulein Wismer zum Steno-Diktat“, befahl Fräulein Dr. Fürsprech Hannah Pflüger in lupenreinem Stadtberner Dialekt durchs schwarze Bakelit-Telefon auf dem Tisch. Heute würde Hannahs rechte Hand das Protokoll von einer KI schreiben lassen und ihren Kaffee selbst dem Vollautomaten entnehmen. Den kleinen grauen Umschlag mit dem Zahltag würde nicht mehr Herr Arthur Weder persönlich in seinem Büro, auf dem immer frisch gebohnerten historischen Eichenboden stehend, übergeben, mit festem Händedruck ohne Dank, dafür mit einem durchdringenden, Dankbarkeit erwartenden Blick. Heute drückt Arthurs Assistentin im Pay-roll-tool enter, das Geld kommt geräuschlos und blickfrei.
Der Abschiedsweg war steinig – immerhin mit ein paar Blumen am Wegrand, bei genauerem Hinschauen. Und manchmal, unter den Kumuluswolken, fühlt es sich tatsächlich nach Seidentuch an.
Was Fanny bis 2024 loslassen konnte, hatte 2015 noch die Wucht, sie aus der Bahn zu werfen.
2015 Leidensweg. Die letzte große Liebe – zumindest die letzte, die es hätte werden sollen – endet. Nun, eigentlich nicht die Liebe, aber die Beziehung. Fanny wird verlassen. Es ist nicht so, dass sie nur mit dieser mehrjährigen Partnerbeziehung lebte, aber es war anders. Nun wird sie verlassen, erstmals. Fanny wird verlassen! Es tut höllisch weh. Und das ist gut so. Viel zu lange macht sich die Enge in ihrem Körper breit. Morgen, an denen sie kaum die Beine über die Bettkante hieven mag. Dann meldet sie sich zurück, unerwartet, an einem tieftraurigen herbstlichen Samstagnachmittag: die Neugier. Sie öffnet ein Fenster, lässt Fanny zaghaft einatmen und einen Fuß vor den anderen setzen – noch ohne Plan. Nicht schnell, aber entschlossen. Wie schon damals, als sie ihre Energie und Ersparnisse bündelte für ein Weitergehen. Die Entschlossenheit, die sie jetzt rettet, ist älter.
2006 Kraftakt. Studium und Kinder gleichzeitig. Ein Seiltanz, der 1985 keiner gewesen wäre. Fanny ließ sich aufhalten: von kurzlebigen Zulassungsbedingungen, Fristen, einem wohlmeinenden Chef, einem Mann mit Silberring mit Jadestein – und von sich selbst.
Erst 2002 springt sie kopfüber ins kalte Wasser. Mitten in der Pubertät ihrer Kinder schwimmt sie los. Kinder? Sie sind demnächst keine Kinder mehr. Eigenständig, mit Vorstellungen vom Leben im Kopf und dem Drang nach Leben im Herzen, gehen sie früh ihre eigenen Wege. An den Kreuzungen zuweilen verunsichert, das Gelände rutschig, orientieren sie sich neu, mit ihrem inneren Kompass, aufgeschürftem Knie und neuem Leuchten in den Augen.
Fannys Vision vom Kopfsprung formte sich in Zwischenjahren der Verlässlichkeit und des funktionierenden Lebens, das schon nicht mehr jenes war, von dem sie einst geträumt hatte.
1991 Schaffenskraft. Die Kleinfamilie ist traditionell organisiert, zwei Jobs – also ein richtiger und ein Kleinstpensum - befriedigen ausreichend, Freundschaften stabilisieren, der Wunsch nach Eigenheim ist erfüllt. Alles da. Und doch wird die Luft dünn in dieser lauwarmen Gemütlichkeit. War’s das nun? Fannys Neugier siegt über die Existenzangst, auch über die Wärme, die eine intakte Familie ihren Kindern geben kann. Sie zieht die Reißleine. Nicht leichtfertig. Aber konsequent.
Dabei hatte es gut angefangen, damals, zwei Jahre nachdem sie das übervolle Nest der Herkunftsfamilie verlassen hatte. Sie war voller Zuversicht für nicht endendes Herzklopfen in der Partnerschaft, und sie hatte früh gehört, dass man mit selbst erarbeitetem Willen Sternschnuppen einfangen kann.
1977 Willenskraft. Fanny ist mit der ihr größtmöglichen Stacheligkeit auf dem Weg des geringeren Widerstands durch die Schulzeit gekommen. Kaufmännische Ausbildung statt Gymnasium. Vernünftig, überschaubar.
Das Nest wird zu eng. Fanny will Stadtluft inhalieren, sich von Straßenmusik einlullen lassen, Yogastunden besuchen. Sie will den Liebesbrief in einem Briefkasten um die Ecke und nicht eine halbe Stunde Fußweg entfernt der Post anvertrauen. Fanny möchte Sternschnuppen einfangen.
Sie geht. Ein erster bewusster Schritt weg von den Erwartungen. Der bisherige Weg des geringeren Widerstands hatte einen Ursprung.
1961 Sinnschaffen. Fanny wächst mit Eltern auf, für die Gutes tun Pflicht ist und Muße auf den Sonntag warten muss. Mit fünf Jahren hat sie drei jüngere Geschwister und einen großen Tummelplatz auf dem Areal eines Schulinternats. Eltern von gegen fünfzig männlichen Gymnasiasten vertrauen ihren schwer zu bändigenden Nachwuchs Fannys Eltern an. Die Begleitung der eigenen Töchter und Söhne läuft nebenher, sie sind einbezogen in den elterlichen Alltag.
Sonntagabends werden besagte Jungs nach dem Wochenende wieder angeliefert, das findet Fanny immer außerordentlich spannend. Keiner schert sich darum, dass sie draußen auf dem Platz stehend am Rockzipfel von Mutter alle elterlichen Sorgen mitanhört, während die Jungs schon mal auf ihre Zimmer laufen. Sie essen den Kühlschrank leer, hören die falsche Musik und diese zu laut, befolgen die Anweisungen der (meist) Väter nicht, interessieren sich nicht für Kultur, informieren nicht über den schulischen Fortschritt und schon gar nicht den Misserfolg. Und manche, das sagen die Mütter jeweils noch etwas leiser, kiffen – darunter kann Fanny sich nichts vorstellen. Diese Jugendlichen sind ignorant gegenüber allem, was im Elternhaus erwartet wird, so die Berichterstattung an ihre Mutter. Wo ist Vater?
Fanny stellt beim Skifahren vor dem großen Haus ihren Bruder wieder auf die Beine, zum wiederholten Mal. Sie schweigt, wenn Vater geschäftlich telefoniert nach den Mittagsnachrichten am Radio, knabbert auf dem langen Heimweg das frische duftende Brot nicht an, das sie nach der Schule kaufen muss. Sie rückt zur Seite, wenn es eng wird, und legt irgendwo tief innen einen kleinen Vorrat an Trotz an.
Seit dem Kindergarten ist Nina Fannys beste geheime Freundin. Die offizielle beste gefällt den Eltern besser; sie ist intelligent und die Mädchen werkeln mit viel Fantasie. Den Kontakt mit Nina will man ihr nicht verbieten – das widerspricht den neuzeitlichen Erziehungsgrundsätzen – aber die Vorbehalte sind deutlich unausgesprochen. Schon früh lackierte Fingernägel. Bikini statt Badeanzug. Fanny ist fasziniert. Vierzig Jahre später zieht ausgerechnet die Mutter anerkennend die Augenbrauen hoch, wenn Ninas Name fällt.
Bevor Fanny lernte, sich zurückzunehmen, war sie zuerst einmal von Herzen willkommen.
1959 Urkraft. Ein Wunschkind, stolz begrüßt von den jungen Eltern am Nationalfeiertag, in der Sommerhitze, im Zeichen der Löwin. Doch bald machen ihr kampfbereite Widder und ein Steinbock die Jagdgründe strittig. Die Löwin zieht sich zunehmend zurück, beobachtet, sammelt Kräfte, ehe sie sich bewegt. Vielleicht hat sie das nie ganz verlernt.
2026 Lebensfreude. Fanny hat ihre Steppen durchstreift, Hügel erklommen, manche Gipfel umgangen, hier und dort kleine Edelsteine aufgelesen.
Fanny nimmt ihr Buch über Soziologie aus dem Gestell, bläst den Staub weg und findet die Stelle: „Sense of one’s place“ – den eigenen Platz kennen. Fanny ist dort angekommen, wo sie immer schon war. Kein spektakuläres Leben, aber:
Wenn der Biswind wieder schneidend kalt um die Ecken des Lebens schlägt, legt sich Fanny einen Mantel um.
Prof. Dr. Elvira Jankowski aus Bochum
Traut euch, habt Mut für eure Geschichte! Erfolg braucht Mut!
Itai Böing aus Berlin
Mein erstes richtiges Buch!
Sonja Jahn aus Wandlitz
Mein zweites Buch ist im Selbstverlag erschienen
Christina Schöpe aus Berlin
Es war Zeit, meine Geschichte zu erzählen!
Fatime Páll aus Köln
Mein erstes Kinderbuch ist erschienen!
Sandra Wagner aus Seßlach
Während des Studiengangs schrieb ich an meinem Herzensprojekt
Andreas Egner aus Ottobrunn
Manchmal wird aus einer opulenten Biografie eben ein spannendes Kinderbuch…
Irmgard Rosina Bauer aus München
Ich möchte nicht mehr ohne Schreiben leben!
Stefanie Kirschbaum aus Neuss
Mein viertes Kinderbuch ist kürzlich im Selbstverlag erschienen
Vera B.
Charly und der Riese
4. Platz, Schreibdebüt-Wettbewerb 2023 Runde 2.
Daniela Gäbel
Septemberblüten
2. Platz, Schreibdebüt-Wettbewerb 2021 Runde 2.